Der Friedhofsänger 7: Die Wahrheit (eBook)
200 Seiten
mainebook Verlag
978-3-946413-78-3 (ISBN)
Daniel Stenmans wurde 1979 in Goch (Nordrhein-Westfalen) geboren und wohnt in Kevelaer. Er hat diverse Theaterstücke veröffentlicht (u.a. 'Es muss ja nicht immer Shakespeare sein', 'Haltet den... Hasen', 'Holland in Not') und, gemeinsam mit Michael Hübbeker, die interaktiven Mystery-Hörbücher 'Die Femeiche' und 'Die schwarze Kirche' (Ueberreuter Verlag). 'Der Friedhofsänger' ist seine erste E-Book-Reihe.
Daniel Stenmans wurde 1979 in Goch (Nordrhein-Westfalen) geboren und wohnt in Kevelaer. Er hat diverse Theaterstücke veröffentlicht (u.a. 'Es muss ja nicht immer Shakespeare sein', 'Haltet den… Hasen', 'Holland in Not') und, gemeinsam mit Michael Hübbeker, die interaktiven Mystery-Hörbücher 'Die Femeiche' und 'Die schwarze Kirche' (Ueberreuter Verlag). 'Der Friedhofsänger' ist seine erste E-Book-Reihe.
3
Ich ging zur Beerdigung. Hielt mich aber im Hintergrund. Pastor Reinhardt führte die Trauergemeinde an. Es waren viele. Ich hatte nicht erwartet, so viele Leute anzutreffen. Nicht gesehen zu werden, stellte sich als schwieriger heraus, als ich angenommen hatte. Noch dazu, dass mein Äußeres nicht gerade als unauffällig hätte beschrieben werden können. In meinen Hosen hatte ich Hochwasser, mein Hemd – das einzige, das ich besaß – war speckig und der bodenlange Mantel war zwar schwarz, doch zwei rote Flicken an den Ellenbogen schienen sogar im Dunkeln zu leuchten. Das einzig Vorzeigbare war meine Krawatte, ein hübsches, glänzendes Ding von Seidensticker. Doch die sah keiner, da ich den weiten Mantel um meine knochigen Hüften geschlungen hatte, um so die unangenehm beißende Kälte fernzuhalten.
Der Sarg meiner Mutter wurde neben meinem Vater – Gott hab ihn selig – in die Erde gelassen. Vier Männer standen rechts und links des Grabes und ließen die hölzerne Truhe in gleichmäßigem, gemäßigtem Tempo hinab in die feuchte Dunkelheit. Anschließend sprach Pastor Reinhardt noch ein paar Worte, die ich aber nicht verstand, da ich zu weit vom Grab entfernt stand. Nur die abschließenden „Ruhe in Frieden“ und „Amen“ wehte der hartnäckig kalte Wind zu mir herüber. Es ist viel zu kalt für fast Mai, dachte ich, als ich ein Zucken am Saum meines Mantels spürte.
Ich wandte mich nach rechts, sah aber nichts.
Doch das Zucken hielt an.
Ich neigte den Kopf und blickte in zwei strahlend blaue Augen, die von einem Kranz gebogener Wimpern umrahmt wurden.
„Ich kenne dich“, sagte eine glockenhelle Stimme. Der Mund, der das sagte, lächelte mich an.
„Was…?“ Zu mehr war ich nicht in der Lage. Das kleine blondgelockte Mädchen zu meinen Füßen sagte, dass es mich kannte. Obwohl ich es noch nie zuvor gesehen hatte, wusste ich sofort, wer sie war. Dafür war sie meiner Tina, als sie im selben Alter gewesen war, zu sehr aus dem Gesicht geschnitten.
„Ja… ich kenne dich…“
„Und wer bitte schön bin ich?“
„Ich glaube, du bist mein Opa.“
„Du glaubst…?“
Das Mädchen nickte. „Ich hab dich auf einem Foto gesehen. Im Fotoalbum meiner Uroma. Der Mann neben meiner Oma sieht genauso aus wie du, nur besser.“
„Besser?“ Ich hob die Augenbrauen und verkniff mir ein Grinsen.
„Ja, jünger. Und der Anzug auf dem Foto ist auch schöner.“
„Aha…“
„Warum bist du so dreckig?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Magst du es nicht, sauber zu sein?“
„Doch… eigentlich… schon…“, stotterte ich.
„Und warum bist du es nicht?“
„Nun ich… ich… hatte heute Morgen keine Zeit…“
„Dich zu waschen? Das ist lustig. Das sollte ich mal meiner Mama sagen. Ich bekäme drei Wochen Hausarrest.“
„Du bist Hanna, richtig?“
Die Kleine nickte. „Du kennst mich also auch“, sagte sie und strahlte.
Ich schwieg. Besser nichts sagen, als irgendetwas Dummes, schoss es mir durch den Kopf.
„Warum kommst du mich denn nicht mal besuchen?“ Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wenngleich ich immer noch keine Ahnung hatte, was. „Du bist doch schließlich mein Opa. Stimmt’s?“
„Naja… irgendwie stimmt das schon“, sagte ich. „Aber…“
„Sie ist tot“, unterbrach mich Hanna. Offenbar hatte sie kein Interesse an einer lächerlichen Erklärung. Sie schien clever zu sein. Viel cleverer als ich es von einer Achtjährigen erwartet hätte.
Ich sah sie mit erhobenen Augenbrauen an.
„Uroma ist tot. Ich hab sie eigentlich ganz lieb gehabt. Aber sie war oft grimmig. Sie hat sehr wenig gelacht. Und selbst wenn sie das getan hat, sah sie dabei nicht glücklich aus. Selbst beim Lachen hingen ihre Mundwinkel nach unten. Ungefähr so…“ Hanna imitierte ein Grinsen mit herunterhängenden Mundwinkeln. Ich musste lachen. Hannas Augen leuchteten. Sie zeigte mit dem Finger auf mein Gesicht. „Deine Mundwinkel zeigen nach oben, wenn du lachst. Dann bist du nicht so traurig, stimmt’s?“
„Wohl nicht“, sagte ich.
„Das ist schön.“ Hanna schwieg und blickte hinüber zu der sich langsam auflösenden Trauergemeinde. „Ich wäre ganz schön traurig, wenn ich so allein wäre wie du.“
Das saß. Ihr unbedacht hervorgebrachter Satz traf mich mit einer brutalen Wucht, dass ich schwankte. Ich ächzte.
„Meine Uroma ist doch deine Mama. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn meine auf einmal tot wäre.“
Ich musste schlucken. Tränen traten mir in die Augen, verschleierten meinen Blick auf meine Enkelin.
„Du weinst“, sagte sie. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch nur ein unartikulierter Laut, eine Art Schluchzen, kam hervor. „Das ist schon in Ordnung. Wenn man traurig ist, muss man weinen. Denn sonst lacht man irgendwann mit den Mundwinkeln nach unten.“
Meine Tränen wollten gar nicht aufhören zu fließen. Doch gleichzeitig musste ich lachen. Die grenzenlose Leichtigkeit, mit der dieses Kind die Wahrheit des Lebens bereits erkannt hatte, war so erfrischend, dass ich gar nicht anders konnte, als zu lachen.
Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Augen und schniefte.
„Brauchst du ein Taschentuch?“
„Hast du eins?“
Sie nickte und kramte in der Tasche ihrer dunkelblauen Jeans. Sie hielt mir ein verknittertes Päckchen Papiertaschentücher hin. Ich bediente mich, wandte mich zur Seite und schnäuzte mich.
„Danke“, sagte ich.
„Gerne.“
„Hier bist du!“ Die Stimme zerschnitt den Moment wie eine Schere das Band eines schönen Geschenkes. Die Augen, die mich ansahen, fixierten mich. Eiskalt und abschätzend betrachteten sie mich. Sie gehörten einem Mann, der fast an die zwei Meter groß war. Das musste Steffen sein.
Ich nickte grüßend, konnte aber nichts sagen.
Steffen nickte zurück und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, die Wut auf mich schwinden zu sehen. Immerhin ein Anfang.
„Papa, das ist mein Opa, stimmt’s?“
„Sie sind Werner?“, fragte der Mann.
Ich nickte.
„Dann hast du recht, mein Schatz.“
Ich zeigte hilflos auf die kleine Hanna. „Tut mir leid, es war nicht meine Absicht, dass…“
„Vergessen Sie’s“, sagte der Mann. Er stellte sich aufrecht hin, die kleine Hand seiner Tochter verschwand in seiner riesigen Pranke.
„Ich wollte nur…“
„Ich denke, ich weiß, was Sie wollten. Und das ehrt sie. Aber ich glaube, es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen.“
Ich nickte.
„Aber warum kann Opa nicht mit uns kommen?“
Steffen sah auf seine Tochter hinunter, dann ging er in die Knie und nahm ihre Hände in die seinen. Ich schluckte einen Kloß hinunter. „Das ist keine gute Idee, mein Schatz“, sagte er. „Weißt du, Mama ist ganz traurig, dass Oma tot ist und…“
„Aber Opa ist auch traurig. Dann können wir doch zusammen traurig sein. Ist viel besser, als alleine traurig zu sein. Und…“
„Weißt du, kleine Hanna“, sagte ich und versuchte, meine Stimme fest klingen zu lassen. „Ich finde es sehr nett, dass du auch an mich denkst. Es ist nur so, dass ich lieber alleine traurig wäre. Ich bin so sehr daran gewöhnt, dass ich es anders gar nicht könnte.“
Hanna öffnete ihren Mund, wollte etwas sagen. Doch es kam nichts.
„Danke“, sagte ich.
„Das ist…“, begann sie. „Das ist wirklich traurig.“ Und jetzt war es an ihr, zu weinen.
Steffen nahm seine Tochter auf den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die kleine, gerötete Wange. „Lass gut sein, mein Schatz.“ Wir verabschiedeten uns, wieder mit einem Nicken.
„Auf Wiedersehen“, sagte ich.
Hanna sagte nichts, vergrub ihr Gesicht in die Mulde zwischen Hals und Schulter ihres Papas und weinte, dass ihr kleiner Körper zitterte. Es galt nicht mir. Es war die Summe von allem, was dieser kleinen Seele gerade angetan wurde. Es war auch...
| Erscheint lt. Verlag | 1.2.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Der Friedhofsänger |
| Verlagsort | Frankfurt am Main |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Böse • Dämon • Das Böse • Evil • Horror • Ketchum • Laymon • Mystery • Stephen King • Vampir |
| ISBN-10 | 3-946413-78-1 / 3946413781 |
| ISBN-13 | 978-3-946413-78-3 / 9783946413783 |
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