G. F. Unger Sonder-Edition 131 (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5953-4 (ISBN)
Sally Mallone läuft dem ewig betrunkenen Vater davon, aber sie kommt vom Regen in die Traufe. Im Hotel einer miesen kleinen Stadt macht sie die Drecksarbeit, und die Männer halten sie für Freiwild. Doch dann begegnet sie Ty Whitehead, dem Spieler. Sie wird seine Gefährtin, er kauft ihr Schmuck und Kleider und trägt sie auf Händen. Sally ist glücklich. Sie hofft, dass Ty bald genug Geld gewonnen hat, um ihr ein Heim zu schaffen - eine kleine Ranch in den Hügeln. Versprochen hat er es ihr. Zuversichtlich blickt sie in die Zukunft. Woher soll ein blutjunges Ding wie Sally Mallone auch wissen, dass auf das Wort eines Spielers kein Verlass ist?
Einer der Gäste kam in sein Zimmer, als sie dort das Bett machte. Und sie hatte keine Chance. So geschah es also, und als es vorbei war, da begriff sie, dass sie ihren Job verlieren würde, wenn sie jetzt Theater machte oder gar zum Marshal lief.
Denn der Mann war hier im Land ein angesehener Bursche.
Und sie war nur eine Streunerin, die von irgendwoher gekommen war.
Nein es hatte keinen Sinn, Lärm zu machen. Der Mann würde behaupten, sie hätte sich ihm angeboten.
So war das gewesen vor etwa zwei Wochen.
Sie ist noch keine achtzehn Jahre alt.
Dennoch weiß sie eines: Sie muss weg von hier. Denn wenn sie bleibt, wird ihr das alles in dieser miesen Stadt und in diesem schäbigen Hotel immer wieder passieren.
Da könnte sie ebenso gut gleich eines der Mädchen in Molly Dunns Etablissement werden.
All dies ist ihr wieder bewusst, als sie jenem Mann den Frühstückskaffee bringt. Er ist ein hellblonder und blauäugiger Bursche in einem eleganten Reiseanzug. Sein gefaltetes Hemd ist blütenweiß. Und er hat geschmeidige Hände. Am linken Kleinfinger trägt er einen funkelnden Brillantring.
Als er sie ansieht, lächelt sie.
Sie bemerkt das Staunen in seinen Augen. Wahrscheinlich hat er sie vorher gar nicht so richtig angesehen. Sie ist ja auch sehr ärmlich gekleidet, eben wie ein Siedlermädchen, das die meiste Zeit des Jahres barfuß gehen muss.
Ihr Lächeln hat ihre Schönheit erkennen lassen. Und weil er ein Mann ist, der sich auf schöne Mädchen versteht, stellt er sie sich mit gewaschenen Haaren und reizvoller Kleidung vor, vielleicht auch duftend nach einem Parfüm oder Blumenseife.
O ja, er ist ein Mann, der einen ungeschliffenen Edelstein auch im Dreck erkennen kann.
Und er ist ein höflicher Mann, keiner von diesen groben, primitiven Burschen.
Denn er sagt, wobei er ihr Lächeln erwidert: »Danke, Miss. Oh, ich weiß leider nicht Ihren Namen. Aber ich denke, es wird ein hübscher Name sein, ein Name, der Ihnen angemessen ist.«
»Sally«, hört sie sich leise erwidern. »Ich heiße Sally.«
»O ja«, sagt er und lächelt, »das ist ein hübscher, lustig klingender Name, ein Name wie ein melodisches Lachen. Es tut mir leid, dass ich jetzt gleich mit der Postkutsche weiter muss. Denn ich glaube, es hätte uns beiden Spaß gemacht, wenn wir uns näher und besser kennengelernt hätten.«
Sie nickt, leckt sich über die wundervoll geschwungenen Lippen und muss dann etwas würgend schlucken.
Sie möchte zu ihm sagen: »Bitte nehmen Sie mich mit. Ich muss hier fort. Aber ich habe kein Reisegeld. Denn ich bekomme erst in zwei Wochen meinen Lohn, und das werden auch nur fünf Dollar sein. Bitte nehmen Sie mich mit.«
Ja, das möchte sie sagen. Und sie möchte sogar noch hinzufügen: »Ich will dafür bezahlen, weil ich weiß, dass es auf dieser Erde unter uns Menschen nichts umsonst gibt und man alles irgendwie bezahlen muss.«
Aber sie kommt nicht dazu.
Denn von draußen tönt durch die offene Tür eine harte Stimme in den Speiseraum des Hotels: »Hoy, Whitehead! Komm heraus, Whitehead! Hier sind die Hackets! Komm durch die Vordertür! Hinten warten vier von unseren Reitern auf dich. Komm also, damit wir dich nach Three Forks zurückbringen, wo du nach Recht und Gesetz gehenkt werden wirst. Komm raus, Whitehead!«
Das Lächeln des Mannes verschwindet.
Er blickt auf die offene Tür. Dann sieht er zu Sally empor, die immer noch an seinem Tisch und neben dem Stuhl verharrt.
»Whitehead, das ist mein Name, Sally«, sagte er. »Würden Sie mir einen Gefallen tun?«
»Jeden«, erwidert sie impulsiv. »Fast jeden«, verbessert sie sich dann.
Nun lächelt er wieder, aber sie erkennt – und spürt es auch –, dass sein Lächeln jetzt anders ist. Es ist ein scharfes, blinkendes Lächeln, mehr ein Zähnezeigen.
»Dann treten Sie vor die Tür auf den Gehsteig und sagen Sie den Hackets, dass ich kommen würde, sobald ich das Frühstück beendet hätte. Und dabei merken Sie sich genau die Position der Hackets. Ich will wissen, wo sie stehen. Es müssten drei sein. Wollen Sie das für mich tun, Sally?«
Sie sieht ihn einige Atemzüge lang an.
»Warum will man Sie in Three Forks hängen, Whitehead?« Sie fragte es ernst.
Er lächelte nun wieder anders, nämlich verständnisvoll und nachsichtig.
»Die Frage kann ich verstehen«, murmelte er. »Ich bin ein Spieler, Sally, ein berufsmäßiger Spieler, ein Bursche von der Sorte, die man auch Kartenhaie nennt. Ich habe in Three Forks mit einem Hacket Karten gespielt. Er verlor in einer langen Nacht den Erlös für eine kleine Rinderherde an mich, die er an den Indianeragenten verkauft hatte. Als er pleite war, beschuldigte er mich des Falschspiels und zog seinen Colt. Wenn ich nicht schneller gewesen wäre als er, würde er mich getötet haben. Nun sind sein Vater und seine Brüder hier. In Three Forks hätte ich keine Chance.«
Als er den letzten Satz spricht, erinnert sie sich daran, dass auch sie hier in dieser miesen Stadt keine Chance gehabt hätte, würde sie vor zwei Wochen zum Marshal gegangen sein, um den Mann anzuzeigen, der ihr gegen ihren Willen die Unschuld raubte.
Sie ist plötzlich ganz und gar auf Whiteheads Seite.
Und so nickt sie. »Ich mache das«, sagt sie leise und geht zur Tür. Langsam tritt sie hinaus auf den Plankengehsteig in die Morgensonne.
Und da sieht sie die drei Hackets.
Sofort wird sie wieder an ihren Vater und ihre Brüder erinnert. Denn auch diese sahen stets so wild und verwegen aus, so rücksichtslos und unduldsam.
Ja, diese Sorte kennt sie.
»He, Süße«, sagt einer der Hackets, »sitzt er da drinnen? Hat er es gehört?«
»Er hat mich rausgeschickt«, erwidert sie, »um Ihnen zu sagen, dass er nach dem Frühstück kommen wird. Sie möchten sich ein wenig gedulden. Es dauert nicht mehr lange, dann steht er Ihnen zur Verfügung.«
Sally bemüht sich, klar und präzise zu sprechen, so wie sie es als Kind von ihrer Mutter lernte, die einst Lehrerin war, bevor sie die Dummheit beging, Jim Mallone in die Hügel zu folgen und dort in einer Hütte zu leben und jedes Jahr ein Kind zu gebären. Sie bemühte sich, wie eine Lady zu reden, nicht wie ein Siedler- oder Farmermädchen.
Sie wartet auch gar nicht auf eine Erwiderung der Hackets, sondern kehrt in den Speiseraum des Hotels zurück, dessen Eingang sich etwa zehn Schritte neben dem Hoteleingang befindet, sodass man das Restaurant auch als Passant betreten kann, ohne Hotelgast zu sein.
Whitehead sitzt noch am Tisch und genießt die frischen Bisquits.
»Nun, Sally?« Er fragt es kauend.
Sie tritt wieder zu ihm. Dann sagt sie: »Der Alte steht genau vor dem Eingang mitten auf der Fahrbahn. Die beiden anderen stehen rechts und links auf dem Plankengehsteig. Sie haben Revolver und Schrotflinten. Ein Stück weiter links – fast schon dort, wo sich der Store befindet – sind sieben Sattelpferde angebunden.«
»Gut«, nicht Whitehead. »Wollen Sie mir noch einen Gefallen tun, Sally?«
Sie sieht auf ihn nieder.
»Ich will, Whitehead«, erwiderte sie.
»Mein Vorname ist Tyrel«, lächelte er. »Meine Freunde nennen mich einfach nur Ty. Und wir sind jetzt gute Freunde, Sally.«
»All right, Ty«, erwidert sie. Es ist ein etwas spröder Klang in ihrer Stimme.
Denn sie denkt dabei: Was nützt mir seine Freundschaft, wenn sie ihn mitnehmen nach Three Forks – oder wenn er gleich mit ihnen kämpft und von ihnen getötet wird? Oh, was nützt mir da noch seine Freundschaft?
Er leert die Kaffeetasse.
Dann deutet er zum Durchgang, der hinüber in die Hotelhalle führt, von der man auf den Gehsteig treten kann wie hier aus dem Speiseraum auch.
»Dort in der Halle steht eine große Tonvase«, spricht er. »Sally, du könntest sie durch die offene Tür auf den Plankengehsteig werfen, sodass sie zerbricht. Das könnte mir helfen.«
Sie schluckt etwas mühsam und nickt dann.
»Wann?« So fragt sie schlicht.
»Sobald ich angefangen habe, mit den Hackets Worte zu wechseln. Möglichst früh also, kaum dass wenige Worte geredet wurden. Und du sollst das Ding nur herauswerfen, nicht selbst herauskommen, verstehst du?«
»Genau«, sagt sie und betrachtet ihn fest.
»Dann geh, Sally«, murmelt er. Jetzt lächelt er nicht mehr. Sein Gesicht ist ganz ausdruckslos. Es ist das Pokergesicht eines Spielers. Nur in seinen Augen erkennt sie das Funkeln eines Wolfs. Ja, sie sah schon einmal in die Augen eines in die Enge getriebenen Wolfs.
Daran erinnert sie sich jetzt. Und sie weiß, dass er kämpfen wird wie ein in die Enge getriebener Wolf.
Sie wendet sich wortlos ab und geht hinüber.
Der Hotelbesitzer – das weiß sie sicher – liegt mit seiner fetten Frau noch im Bett. Denn sie waren bis nach Mitternacht auf. Sie wird bei Ty Whitehead noch für das Frühstück einen halben Dollar kassieren müssen. Das Zimmer hat er gestern schon bezahlt. Das ist in diesem Hotel so üblich.
Sie ist also allein in der kleinen Vorhalle, verharrt auf dem abgenutzten, schon durchlöcherten Teppich.
Nach zwei Atemzügen nimmt sie die große Tonvase auf. Aber dann stellt sie diese wieder hin und entscheidet sich für die beiden Messingspucknäpfe. Sie ist der Meinung, dass diese Messingdinger sehr viel mehr scheppern und Krach machen als die Tonvase. Die Hackets werden einen Sekundenbruchteil abgelenkt sein.
Indes sie die Spucknäpfe...
| Erscheint lt. Verlag | 20.2.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | G. F. Unger Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Bestseller • Cassidy • Cora • Country • Cowboy • Deutsch • Die Abenteurer • eBook • eBooks • Erwachsene • Exklusiv • für • g f barner • G. F. Barner • G. F. Unger • Groschenheft • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Indianer • Jugend • Karl May • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • Lassiter • Männer • Mira • Pulp • Pulp Ficition • Reihe • Ringo • Romanheft • Roman-Heft • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Western • Western-roman • Westernromane • Wilder Westen • Wyatt Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-5953-X / 373255953X |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5953-4 / 9783732559534 |
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