Jerry Cotton 3166 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5915-2 (ISBN)
Aus dem Lake Superior in Michigan wurde eine männliche Leiche geborgen: Cooper Duff, der Sohn eines bekannten Milliardärs und Richters. Die Behörden waren alarmiert, denn der Mord glich dem an einer Prostituierten in Ohio und dem an einem Stricher in Kentucky. Als Phil und ich die Ermittlungen aufnahmen, stießen wir auf die Holy Guardians of the Reborn Virgin, eine zwielichtige Sekte um die charismatische Emely Walsh, die sich für die wiedergeborene Jeanne d'Arc hielt. Nachdem unser Rechtsmediziner Dr. Willson bei einer zweiten Obduktion ein Kreuz entdeckt hatte, das in die Haut zweier Opfer eingebrannt worden war, passierte bereits der nächste Mord ...
»Jonathan Duff«, sagte Mr High. »Haben Sie von dem Mann schon einmal gehört?«
Die Art, wie er den Namen aussprach, ließ erahnen, was er von der dazugehörenden Person hielt. Da der Chef normalerweise mit abfälligen Urteilen sehr zurückhaltend war, musste es einen guten Grund für seine geringe Wertschätzung geben. Und ein ebenfalls gewichtiger Anlass musste es sein, der ihn veranlasste, uns zu dieser späten Stunde in sein Office zu bitten. Es war kurz vor Mitternacht. Dorothy hatte heute lange durchgehalten und Phil und mir schnell zwei Becher mit Kaffee aus dem Automaten abgefüllt, ehe sie den Weg nach Hause angetreten hatte. Ich fragte mich, was wohl ihr Mann davon hielt, dass sie einen Teil ihres Lebens mit Überstunden vergeudete.
Mr High hatte den ganzen Montag auf einem Kongress verbracht, ließ aber keine Spuren von Müdigkeit erkennen. Er war gleich vom Flughafen ins Headquarter gefahren, um hier einige Termine wahrzunehmen. Das Gespräch mit Phil und mir läutete die Schlussrunde ein.
»Nein«, erwiderte ich, »da klingelt nichts bei mir.«
Auch Phil schüttelte den Kopf.
Der Assistant Director lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und faltete die Hände im Schoß. »Als Richter in Louisville hat er wegen seiner permanenten Attacken gegen Abtreibungen und alle möglichen Formen von Unzucht von sich reden gemacht. Zudem ist er ein glühender Verfechter der Verschärfung der Gesetze und tritt vehement dafür ein, Kinder ab zehn Jahren strafrechtlich wie Erwachsene zu behandeln. Wenn es nach ihm ginge, würden bei Gericht keine psychologischen Gutachter mehr auftreten. In seinen Augen gibt es keine strafmildernden Umstände.«
»Richter Gnadenlos«, kommentierte Phil.
»Sie werden lachen, genauso nennt man ihn«, gab Mr High zurück. »Sein Rechtsbegriff scheint aus der Zeit zu stammen, als man Pferdediebe am nächsten Baum aufknüpfte. Das trägt ihm die Sympathien vieler Erzkonservativer im Bible Belt ein. Dummerweise hat sein untadeliger Ruf ein paar Kratzer abbekommen. Einige Prostituierte haben behauptet, dass er sie für ausgefallene Schäferstündchen in Anspruch genommen hat und dabei mit dem Geld geizte. Er bestreitet das natürlich.«
»Ich vermute«, sagte ich, »es kommt noch dicker.«
Mr High nickte. »Allerdings, Jerry. Es gab Gerüchte, wonach sich Duffs Sohn Cooper mit merkwürdigen Leuten herumtrieb. Vorgestern Mittag gegen elf wurde Cooper in einem Wald bei Hancock am Michigansee ermordet aufgefunden. Zu dieser Zeit war er vermutlich bereits vier bis sechs Stunden tot. Die Leiche war nackt und völlig entstellt. Man hatte Cooper regelrecht gesteinigt. Da der Tote in einer Lache getrockneten Blutes lag, scheint klar, dass er auch an dieser Stelle umgebracht wurde.«
Phil pfiff durch die Zähne. »Eine geradezu biblische Todesart.«
»Danach sieht es aus«, bestätigte Mr High. »Als hätte ihn jemand bestrafen wollen. Sein Körper war bedeckt von unzähligen Hämatomen, das Gesicht entstellt. Todesursache war vermutlich eine Schädelbasisfraktur über dem linken Ohr. Seine Kleidung lag gefaltet neben ihm. Inklusive der Brieftasche im Jackett. Jetzt kennen Sie den zweiten Teil der Geschichte.«
»Und der erste?« fragte ich gespannt.
»Vor zwölf Wochen wurde eine Prostituierte in Ohio auf die gleiche Weise getötet. Ebenso wie ein homosexueller Stricher in Kentucky drei Wochen später.«
»Glauben Sie, wir haben es mit einem Serientäter zu tun, der Jagd auf Sünder macht?«, fragte Phil.
»Es ist noch zu früh, das mit Gewissheit zu sagen. Es gibt allerdings einen Umstand, der die Plausibilität dieser Annahme stützt. Bei der ersten Leiche gab es einen Zettel, auf den jemand Allahu akbar! gekritzelt hat. Beim zweiten Opfer mehrere solcher Blätter. Was auf einen muslimischen Hintergrund hindeuten könnte.«
Phil und ich brauchten einen Moment, um das alles zu verdauen.
»Wann haben Sie davon erfahren?«, fragte ich schließlich.
»SAC Rick Webster vom Field Office in Kentucky hat mich heute Morgen informiert. Davor hatte er sich mit den Kollegen in Cleveland und Louisville verständigt. Drei Morde in drei Bundesstaaten innerhalb kurzer Zeit. Es wird höchste Zeit, dass wir uns darum kümmern. Zumal der Fall auch politische Dimensionen hat. Ein fanatischer Muslim als Serienkiller! Das wäre Wasser auf die Mühlen vieler Hardliner, die in jedem Fremden eine Bedrohung für Amerika sehen.« Mr High stand auf. Alles Nötige war gesagt.
Phil und ich erhoben uns ebenfalls. Wir hatten einen neuen Auftrag.
Der Chef streckte sich kurz, als wollte er einen ersten Anflug von Müdigkeit vertreiben. »Sie fliegen bereits morgen ins Houghton County und treffen sich dort mit SAC Webster. Um neun Uhr hält Dorothy alle erforderlichen Unterlagen für Sie bereit.«
Als Phil und ich das Büro verließen, sahen wir, wie sich der Chef wieder setzte und über einen Aktenstapel auf dem Schreibtisch beugte. Sein Arbeitstag war längst nicht beendet.
***
Man konnte nicht behaupten, dass Jonathan Duff ein besonders geduldiger Mann war. Selbst jetzt, wo ihm der Tod seines Sohns aus mancherlei Gründen schwer zu schaffen machte, musste er sich beherrschen. Um der Verführung zu widerstehen, diesem Geschmeiß von sensationsgeilen Reportern die Meinung zu geigen. Verdammt, hatten sie denn vor gar nichts Respekt? Nicht einmal vor einem Richter der Vereinigten Staaten, dessen Ruhm weit über die Grenzen von Kentucky hinausging?
Mitleid verlangte Duff nicht. Dieses Gefühl war ihm selbst fremd. Er hielt es für eine Charakterschwäche, Tränen zu vergießen über das Schicksal anderer. Oder für pure Heuchelei. Jeder war sich selbst der Nächste. Das war sein Credo. Und dann gab es da noch die Gesetze, die verhinderten, dass alle diese Egos übereinander herfielen. Sie mussten streng genug sein, um die zweibeinigen Raubtiere zu bändigen. Und es galt, sie mit aller Härte durchzusetzen. Duff liebte Gesetze.
Allerdings nur, wenn er sie gegen andere geltend machen konnte. Zurzeit jedoch sah es so aus, als wolle man ihn auf die Anklagebank zerren. Wegen einiger hysterischer Weiber, die hinausposaunten, er habe sie um ihren verdienten Liebeslohn betrogen.
Schnaufend wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Der Raum, in dem er den Zeitungsfritzen gegenüberstand, war überhitzt. Irgendein Idiot hatte die Heizung auf tropische Temperaturen hochgedreht. Zwei Frauen und drei Männer starrten Duff erwartungsvoll an. Ein Mann und eine der Frauen standen unmittelbar vor ihm. Sie hielten Mikrofone in der Hand. Die anderen hockten gekrümmt auf ihren Stühlen, bereit, jedes seiner Worte mitzuschreiben. Um ihm hinterher einen Strick daraus zu drehen.
»Wie war noch mal die Frage?« Duff fluchte innerlich. Er war dermaßen erregt, dass er tatsächlich vergessen hatte, worum es gerade ging.
Die Frau mit dem Mikro blies sich eine platinblonde Strähne aus der Stirn und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Entschuldigen Sie, Richter, aber ich dachte, ich hätte mich deutlich ausgedrückt.«
»Vielleicht wären Sie so höflich, es erneut zu probieren, falls das nicht zu viel verlangt ist.«
»Oh, selbstverständlich.« Sie gönnte sich ein kleines mokantes Lächeln. »Ich weiß natürlich, wie furchtbar das alles für Sie sein muss. Trotzdem haben die Menschen das Bedürfnis, zu erfahren, wie es um Sie steht.«
»Was soll das heißen?«, fauchte Duff.
»Wir alle fühlen mit Ihnen, Sir. Der Tod Ihres Sohns ist eine furchtbare Katastrophe. Wir wollen einfach wissen, wie Sie damit fertigwerden.«
»Das geht Sie nichts an!«
»Mit Verlaub«, der Blondschopf erlaubte sich ein winziges Stirnrunzeln, »Sie sind eine Person von öffentlichem Interesse.«
»Was hat das mit meinem Privatleben zu tun?«, fragte der Richter.
»Leider ist es gerade Ihr Privatleben, das den Menschen zu denken gibt.«
Duff unterdrückte den Impuls, der Frau ins Gesicht zu schlagen. Der Mann mit dem Mikro rückte näher an ihn heran. Ein junger, feister Bursche mit dreistem Gesichtsausdruck.
»Reden wir nicht um den Brei herum, Richter«, sagte er. »Erst die Affäre mit den Prostituierten …«
»Eine Erfindung der Medien!«, schnauzte Duff ihn an.
»… und jetzt«, fuhr der Journalist ungerührt fort, »der obskure Tod Ihres Sohns.«
»Sind Sie wahnsinnig!«, brüllte Duff außer sich vor Wut. »Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«
»Nun, es sieht ganz danach aus«, erwiderte der Reporter, »als sei Ihr Sohn Opfer eines Ritualmords geworden.«
Duff schluckte hart. Der Schweiß brach ihm jetzt aus allen Poren. Verdammt! Es war klar, dass sie das vermuten mussten. Aber, wie zum Teufel, kamen sie darauf, ausgerechnet seine Meinung dazu hören zu wollen?
Für Sekunden setzte er sich hilflos den starrenden Blicken seiner Peiniger aus, ehe er sich zu einer Antwort durchrang. »Ihre Spekulationen gehen mich nichts an. Vielleicht interessiert sich ja die Polizei dafür.«
Die Blondine meldete sich zurück. »Das tut sie ganz sicher, Sir.« Sie räusperte sich umständlich. »Die Frage ist nur …«
»Mein Gott, spucken Sie es endlich aus, damit wir diese groteske Veranstaltung beenden können!«
Die Journalistin blickte ihre Kollegen der Reihe nach an, ehe sie sagte: »Wissen Sie, Sir, wir alle hier befürchten, dass Ihr Sohn nicht ganz zufällig zu Tode kam. Dass er sich in den falschen Kreisen bewegte.«
»Das ist eine infame Unterstellung. Und selbst, wenn es so wäre! Es würde nicht...
| Erscheint lt. Verlag | 20.2.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Al Capone • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Bestseller • Cora • Deutsch • eBook • eBooks • Groschenheft • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Jerry Cotton • Kindle • Klassiker • Krimi • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • martin-barkawitz • Mira • Polizeiroman • Pulp • Pulp Ficition • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Soko-Hamburg • spannende Krimis • Spannungsroman • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-5915-7 / 3732559157 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5915-2 / 9783732559152 |
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