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Jerry Cotton Sonder-Edition 71 (eBook)

Kennwort Roter Drache

(Autor)

eBook Download: EPUB
2018 | 1. Aufl. 2018
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5841-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Jerry Cotton Sonder-Edition 71 - Jerry Cotton
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Sie legten Brände, zündeten Bomben, warfen Rauschgift auf den Markt und begingen Morde. Ihre Verbrechen schienen sinnlos. Sie waren nur von Hass diktiert - Hass auf Amerika, Hass auf Andersdenkende, Hass auf die Freiheit. Unsere Ermittlungen gegen die Gang liefen unter dem Zeichen, das sie immer am Tatort hinterließen: Kennwort Roter Drache ...

1

Jim Kwang starrte auf die altmodische Pendeluhr, als hypnotisiere sie ihn. Minutenlang stierte er auf das monotone Schwingen des Pendels, auf das langsame Vorwärtskriechen des Minutenzeigers. Er hörte das leise Ticken aus dem Gehäuse, und ihm war, als hacke das Pendel mit jeder Bewegung ein Stück seines Lebens ab.

Seine kleine Kellerwerkstatt war peinlich sauber wie immer. Auf einem Bügel hing die maßgeschneiderte Uniform des Air Force General Walt Cramer, die Jim Kwang gestern Abend fertiggestellt hatte. Auf dem Zuschneidetisch lag Marinetuch für die Uniform von Korvettenkapitän Ralph P. McKenzie. In der Nähmaschine hing die Hose für Colonel Richard Crailing. Und in seinem Büchlein standen die Maße von vier weiteren Offizieren, die ihre Uniformen bei Jim Kwang bestellt hatten, weil er ein hervorragender Uniformschneider und dennoch sehr preiswert war. Über Mangel an Arbeit brauchte er sich wirklich nicht zu beklagen.

Jim Kwang war Chinese, aber sein Vater war schon vor achtzig Jahren in die Vereinigten Staaten eingewandert. Jim Kwang wäre nie auf die Idee gekommen, zu behaupten, dass er Chinese wäre. Er war Amerikaner, das verstand sich von selbst, denn er war hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und lebte hier. Von China wusste er kaum mehr als irgendein anderer Amerikaner.

Als die Pendeluhr anfing, elf Uhr vormittags zu schlagen, sprang Jim Kwang auf. Zwei hochgelegene Fenster ließen den Blick frei auf den verwinkelten Hinterhof. Eines stand offen. Aber auf dem Hof war niemand zu sehen. Dort war Chinatown, das Chinesenviertel von Manhattan, und dort wurde um diese Zeit gearbeitet. Die Leute erlaubten es sich nicht, um elf Uhr vormittags auf den Höfen herumzusitzen wie etwa die Arbeitslosen in Harlem.

Jim Kwang konnte sich augenblicklich nicht auf seine Arbeit konzentrieren. Er ging unruhig in der kleinen Schneiderwerkstatt auf und ab. Vielleicht war dieser Anruf gestern Abend nur ein dummer Scherz gewesen. Vielleicht kamen sie gar nicht. Er blieb stehen, starrte wieder hinauf zur Uhr und wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn.

Da hörte er ein Geräusch in seinem Rücken. Etwas Scharfes, Metallisches.

Er warf sich herum. Nur vier Yards von ihm entfernt ragte die Mündung einer Pistole in das offen stehende Fenster. Jim Kwang öffnete die schmalen Lippen, er wollte etwas rufen, einen Irrtum berichtigen, um sein Leben bitten – aber da knallte es schon. Eine bläuliche Stichflamme schoss aus der schwarzen Mündung, und Jim Kwang wurde zurückgeworfen wie durch die Gewalt unsichtbarer Riesenfäuste. Er schlug hart mit dem Rücken gegen die schwere Nähmaschine. Seine Linke flatterte in einer ziellosen Gebärde des Schmerzes empor. Dann stürzte er schwer nach vorn. Neben seinem Kopf klirrte etwas auf den kahlen Betonboden. Jim Kwang hörte es nicht mehr. Er war tot, um 11:01 Uhr vormittags.

Ein paar Sekunden herrschte Stille in der Werkstatt. Dann flog die Metalltür auf.

Suki Chong blickte aus großen, starren Augen auf den Toten. Sie war achtzehn Jahre alt und von der faszinierenden Schönheit einer Eurasierin. Die fast europäisch geschnittenen Augen verrieten die amerikanische Mutter, während die leicht hervortretenden Wangenknochen auf den mongolisch-chinesischen Vater hindeuteten.

Hinter dem Mädchen wurde Lärm im Treppenhaus laut. Suki Chong schluckte, holte Luft, bekam keinen Ton über die Lippen, räusperte sich und holte erneut Luft.

»Hilfe!«, rief sie. »Hilfe!«

Hinter ihr erschienen zwei stämmige Männer im Türrahmen.

»Oh verdammt«, sagte der eine leise.

Der andere schob sich an dem Mädchen vorbei. Er stemmte die Fäuste in die Hüften und sah sich um. »Die Fenster sind alle geschlossen«, brummte er.

Suki Chong sah auf. Sie blinzelte und runzelte die Stirn, als verstünde sie die Bedeutung seiner Worte nicht. Aber er hatte recht. Die Fenster waren alle geschlossen. Die Klappriegel lagen in den eisernen Krampen der beiden Fensterrahmen.

»Und hier ist niemand rausgekommen«, fuhr der Mann fort. »Sonst hätte ich es sehen müssen.«

Er trug einen sandfarbenen Overall über einem schreiend bunt karierten Baumwollhemd. Älter als vierzig konnte er kaum sein, trotz der vielen Fältchen in seinem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht.

Jetzt wandte er sich ganz dem Mädchen zu, schüttelte den Kopf und fragte leise: »Warum hast du ihn umgebracht, Kleine? Der alte Mann konnte keiner Fliege mehr was tun. Warum hast du ihn umgebracht?«

***

»Lieutenant Easton von der Mordabteilung der City Police hat angerufen«, sagte unser Distriktchef. »In Chinatown ist etwas passiert, von dem er meint, es könne das FBI interessieren. Ich habe die Adresse notiert. Fahrt hin und seht nach, ob es tatsächlich etwas für uns ist.« Mr High schob einen Zettel über seinen Schreibtisch.

Mein Freund und Partner Phil Decker nahm ihn, warf einen kurzen Blick darauf und fragte: »Hat Easton nicht wenigstens angedeutet, worum es geht?«

»Nein. Ich hatte den Eindruck, dass er am Telefon nicht deutlicher zu werden wünschte. Vielleicht waren unbefugte Zuhörer in seiner Nähe.«

Ich stand auf und nickte. »Okay, Chef. Wir fahren nach Chinatown und sehen uns die Geschichte mal an. Sobald wir zurück sind, erhalten Sie unseren Bericht.«

Es war um die Mittagszeit, und wenn bei Easton keine zeitraubende Arbeit für uns anfiel, konnten wir die Gelegenheit nutzen, ein schönes chinesisches Essen zu uns zu nehmen. Als G-man muss man die Feste feiern, wie sie fallen.

Wir verließen das Distriktgebäude durch den Hinterausgang und stiegen im Hof in meinen roten Jaguar. Über New York hing ein seidiger Frühherbsthimmel, kein Wölkchen war zu sehen, und der Temperatur nach hätte es ebenso gut ein schöner Frühlingstag sein können. Nur die ersten gelben Blätter an den Bäumen im Central Park verkündeten, dass der Sommer schon im Ausklingen war.

Chinatown im südlichen Manhattan gehört genauso zu den Touristenattraktionen von New York wie etwa Greenwich Village oder Harlem. Und seit die New York Telephone Company bei irgendeinem chinesischen Neujahrsfest als Gratisgabe alle öffentlichen Telefonzellen in Form kleiner Pagoden bauen ließ, hat dieses Viertel einen Anziehungspunkt mehr.

Mein misshandelter Flitzer musste im Schritttempo hinter einem Rundfahrtbus mit gläsernem Aussichtsdach herkriechen. Durch die geöffneten Seitenfenster hörten wir Satzfetzen in vielen Sprachen.

»Da vorn steht Ed Schulz«, rief Phil und deutete nach links.

Ich entdeckte den hünenhaften Detective Sergeant, Eastons Stellvertreter, im selben Augenblick. Schulz zeigte mit dem Daumen in eine Einfahrt hinein.

»Fahren Sie langsam«, rief er mir durch das offene Fenster zu. »Es geht um achtzehn Ecken.«

Ich bremste und ließ den Riesen der Einfachheit halber vor dem Jaguar hergehen. Vor uns öffnete sich ein Hof- und Hinterhausgewirr, wie es nur Chinatown zu bieten hat. Zunächst einmal klebte an jedem Vorderhaus nach hinten ein Anbau, an dem ein Anbau klebte. Dazwischen gab es Käfige, Holzställe und Verschläge, in denen Ziegen, Hunde, Schlangen, Gänse, Enten, Vögel, Fische gezüchtet wurden, anscheinend Gottes gesamtes Tierreich. Wo noch ein Quadratfuß Platz frei geblieben war, hatte ein freundlich grinsender Chinese eine Miniaturwerkstatt eingerichtet. Elfenbeinschnitzer, Gold-, Silber- und Kupferschmiede, Teppichknüpfer und Brokatsticker, Töpfer und Porzellanmaler waren eifrig dabei, die Souvenirläden mit Nachschub zu versorgen.

Nachdem ich das Lenkrad unzählige Mal nach links und ebenso oft wieder nach rechts gekurbelt hatte, lief mir der Schweiß von der Stirn. Wir stiegen aus und schüttelten Ed Schulz die mächtige Pranke.

»Wie seid ihr bloß mit euren Wagen hier durchgekommen?«, fragte ich bewundernd, als ich die Ansammlung von Fahrzeugen bemerkte, die zu Eastons Mordkommission gehörten.

»Ich werde knieweich, wenn ich nur daran denke, dass wir auch wieder aus diesem Gewirr hinausfahren müssen«, meinte Ed Schulz. Er zeigte auf zwei Kellerfenster in der Front eines schmalen, aber dreistöckigen Hauses. »Da unten ist es. Der Eingang liegt auf der linken Seite.«

An meinem Bein rieb sich schnurrend ein strohgelber Kater. Ich hatte keine Zeit, sein Zärtlichkeitsbedürfnis zufriedenzustellen, aber er folgte mir mit gravitätischer Würde. Eine offen stehende Tür brachte uns in ein enges Treppenhaus. Ausgetretene Stufen führten links empor, rechts dagegen abwärts zum Kellergeschoss. Ed Schulz stapfte vor uns die kurze Treppe hinab und zog die einzige Metalltür auf, die es hier unten gab.

Die herumhängenden Kleidungsstücke verrieten auf den ersten Blick, dass man sich in einer Uniformschneiderei befand. Detective Lieutenant Harry Easton saß auf einem Zuschneidetisch und hatte offenbar nur auf uns gewartet. Neben ihm standen zwei weiße Männer, die bunte Hemden und sandfarbene Overalls trugen. In einer Ecke arbeiteten zwei Kollegen vom Spurensicherungsdienst. Arzt und Fotograf waren nicht mehr zu sehen.

»Tag, Easton«, sagte ich.

Er begrüßte uns mit einem stummen Nicken und zeigte mit dem Kopf zu einer Nähmaschine. Auf dem kahlen Betonfußboden lag ein alter Chinese. Rings um seinen Oberkörper hatte sich eine Blutlache gebildet. In der Herzgegend war eine Einschusswunde zu erkennen. Dicht neben seinem Kopf lag etwas Glänzendes.

Ich ging in die Hocke.

Das glänzende Ding war ein aus Messing gestanzter, mit rotem Lack überzogener Drache. Phil und ich tauschten einen stummen Blick. Das hatte uns gerade noch gefehlt! Vor vier...

Erscheint lt. Verlag 30.1.2018
Reihe/Serie Jerry Cotton Sonder-Edition
Jerry Cotton Sonder-Edition
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 2017 • 2018 • Abenteuer • Al Capone • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Bastei • Bestseller • Cora • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste-fälle • gman • G-Man • Groschenheft • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Horst-Bosetzky • international • Jerry Cotton • Kindle • Klassiker • Krimi • Krimiautoren • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • Mira • nick-carter • Polizeiroman • Pulp • Pulp Ficition • Reihe • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Wegner
ISBN-10 3-7325-5841-X / 373255841X
ISBN-13 978-3-7325-5841-4 / 9783732558414
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