Professor Zamorra 1140 (eBook)
64 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-7325-5862-9 (ISBN)
The Big C ist einer der versiertesten Computer-Hacker, die die Welt je gesehen hat. Nicht umsonst hat sich der Orden der Neun Drachen der Künste dieses Mannes versichert! Doch als er eines Tages umgebracht wird, ruft das nicht nur Chin-Li, die ehemalige Profi-Killerin der Neun Drachen auf den Plan ...
Hongkong, New Territories
»Was für eine gottverfluchte Sauerei!«
Angewidert zückte Rupert Jenkins ein Stofftaschentuch aus seinem zerknitterten Sakko und wischte sich über die Stirn. Es war ungewöhnlich heiß für den Januar, wo die Durchschnittstemperaturen in Hongkong in der Regel bei knapp 20 Grad lagen. Doch jetzt näherten sich die Werte fast dem Hochsommer an und kletterten regelmäßig auf über 30 Grad. Die Gluthitze hatte den anonymen Wohnkomplex in den mit billigen Hochhäusern zugekleisterten New Territories in einen Glutofen verwandelt. Eigentlich besaß das mit Computern und elektronischen Ersatzteilen vollgestopfte Apartment im vierten Stock eine leistungsstarke Klimaanlage, nur hatte sie tagelang niemand angestellt. Was vielleicht damit zu tun hatte, dass ihr Besitzer in blutigen Fetzen im ganzen Hauptraum verteilt war.
Die einst karge weiße Wand, die der schnurrbärtige Brite mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu betrachtete, war blutrot getränkt. An vielen Stellen klebten schmutziggraue Gewebereste, bei denen Jenkins davon ausging, dass es sich um Gehirn handelte. Um das, was vom Gehirn des brillantesten Hackers dieses Teils der Welt übrig geblieben war.
Und jetzt bist du nur noch Haggis, dachte Jenkins, der plötzlich an das Lieblingsgericht seiner schottischen Großmutter dachte und ein leichtes Hungergefühl verspürte. Er hatte seit Stunden nichts mehr gegessen.
Der Mord musste sich nach den ersten Erkenntnissen vor gut zwei Tagen zugetragen haben. Und dass es sich um Mord handelte, stand außer Frage. Selbst in der sonderbaren Welt, in der sich Rupert Jenkins seit vielen Jahren bewegte, pflegten Menschen nicht spontan zu explodieren und sich in winzigen Einzelteilen über die ganze Wohnung zu verteilen. Genaueres würden die Forensikexperten der Neun Drachen herausfinden.
Zwei Tage. Das waren zwei Tage, in denen das Blut und Gewebe der brütenden Hitze ausgesetzt waren. Nur den geschlossenen Fenstern war es zu verdanken, dass sich nicht Heerscharen von Fliegen in der Wohnung niedergelassen hatten. Aber der Gestank war umso unerträglicher.
Etwas Gehirnmasse löste sich von der Wand und klatsche Rupert Jenkins vor die teuren, aber schon ziemlich ausgelatschten Schuhe. Der Brite hielt sich das Taschentuch vor den Mund und unterdrückte ein leichtes Würgen.
»Vielleicht sollten Sie draußen warten«, sagte Yen Mei, ein junger Chinese, der selbst mit blauem Overall und Schutzbrille adrett gekleidet aussah. Yen war der wissenschaftliche Leiter des Einsatzkommandos, das den Tatort untersuchte. Er hatte mehrere Jahre als Chefforensiker für die Hong Konk Police Force gearbeitet, bis die Neun Drachen ihn abgeworben hatten. Sein Team, ein halbes Dutzend bestens ausgebildeter Männer und Frauen, hatte sorgfältig alle Spuren gesichert und jeden Zentimeter des Apartments mit allen ekligen Details fotografiert. Jetzt waren sie dabei, die Überreste des toten Hackers in kleine Tüten zu packen, damit sie im Labor weiter untersucht werden konnten.
»Geht schon«, brummte Jenkins in perfektem Kantonesisch. »Hab nur ’ne Weile nichts gegessen. Mein Magen reagiert deshalb etwas empfindlicher.«
Yen Mei sah den groß gewachsenen, immer etwas ungelenk wirkenden Briten skeptisch an, sagte aber nichts.
»Wie lange brauchen Sie hier noch?«
»Eine knappe halbe Stunde«, erwiderte der Forensiker. »Sobald wir fertig sind, übernimmt das Clean-up-Team und wird die Wohnung komplett renovieren. Ab morgen wohnt hier eine vielköpfige Familie. Sollte die Polizei je auf dieses Apartment aufmerksam werden – was äußerst unwahrscheinlich ist – wird sie keine Spuren mehr finden.«
Jenkins nickte zufrieden. Der Mord an dem Mann, der in der asiatischen Hackerwelt unter dem Pseudonym The Big C zur Legende geworden war, war eine interne Angelegenheit der Neun Drachen. Und wer immer dafür verantwortlich war, würde die ganze Wut der Bruderschaft auf sich ziehen. Zwar hatte der Orden, der einst das komplette organisierte Verbrechen der ehemaligen Kronkolonie kontrolliert hatte, seine Geschäfte inzwischen weitgehend legalisiert. Das hieß aber nicht, dass er tatenlos zusah, wenn einer seiner Diener abgeschlachtet wurde.
Rupert Jenkins wirkte nach außen wie ein Trottel. Das war ein Image, das er mit großer Akribie pflegte. Von seiner Umwelt unterschätzt zu werden, war ein Vorteil, den der schlaksige Brite virtuos für sich zu nutzen wusste. Sein Image als leicht debiler Clown hatte er deshalb schon in seiner Zeit als britischer MI6-Agent mit viel Liebe zum Detail gepflegt. Nur wer genau hinsah, erkannte die scharfe Intelligenz, die in den trübe blickenden Augen aufblitzte.
Nichts hätte Rupert Jenkins mehr Erleichterung verschafft als ein tiefer Zug aus einer Zigarette. Doch die Gefahr, dass er Spuren kontaminierte und selbst welche hinterließ, war zu groß. Also klaubte er eine angebrochene Pfefferminzrolle aus der Hosentasche, fummelte ein Lutschbonbon heraus und zerknackte es lautstark zwischen den Zähnen.
Er schluckte die spitzen Reste auf einmal runter, nahm all seinen Mut zusammen und konzentrierte sich auf die härteste Herausforderung des Tages: Er musste mit Chin-Li reden!
Die attraktive Mittdreißigerin mit der knabenhaften Figur und der modischen Kurzhaarfrisur hockte vor den Überresten des völlig verwüsteten Arbeitsplatzes, von dem aus The Bic C jede noch so ausgefuchste Firewall geknackt und die bestgehüteten Geheimnisse seiner Opfer aufgespürt hatte. Die Computer waren in einem ähnlich bedauernswerten Zustand wie ihr Besitzer. Die IT-Spezialisten der Neun Drachen würden alles daransetzen, wenigstens ein paar Daten zu retten. Doch Rupert Jenkins bezweifelte, dass sie viel Erfolg haben würden.
»Was glauben Sie, was hier passiert ist?«
Chin-Li sah nicht auf, sondern konzentrierte sich weiter auf die Überreste eines Motherboards. Seit die Kriegerin vor vielen Jahren als Sicherheitschefin eines Unternehmens in Los Angeles gearbeitet hatte, kannte sie sich mit Computern einigermaßen aus.
»The Big C ist ermordet worden.«
»Was Sie nicht sagen.« Rupert Jenkins blickte sich skeptisch im Raum um. Es gab kein Möbelstück, das nicht mit Blut, zersplitterten Knochen und Geweberesten besudelt war. »Ich hatte auf einen Haushaltsunfall getippt.«
Chin-Li reagierte nicht. Zu reden hielt sie in den meisten Fällen für überflüssig. Jenkins kannte das zur Genüge. Aber diesmal ließ er nicht locker. Die Kriegerin würde zweifellos auf eigene Faust nach den Mördern suchen. Andere Menschen behinderten sie dabei nur. Seine Aufgabe würde es dagegen sein, die Drachen-Ermittler auf konventionelle Weise nach Spuren suchen zu lassen. Und das ging nur, wenn man zumindest einen Anhaltspunkt hatte.
»Haben Sie schon einen Verdacht, wer dahinterstecken könnte? Die Festland-Triaden?«
Schweigen.
»Immerhin war unser junger Hackerfreund nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, in die Datenbanken einiger der übelsten Gangsterorganisationen der Welt einzudringen. War wohl so ’ne Art Extremsport für ihn. Die einen hüpfen mit einem Fallschirm von Wolkenkratzern, die anderen schauen nach, was die Könige der chinesischen Unterwelt in ihren digitalen Tresoren liegen haben. Das geht in beiden Fällen oft nicht gut aus.«
Schweigen.
»Oder sehen Sie das anders, Verehrteste?«
Chin-Li hielt in ihrer Arbeit inne. Ihr Kopf ruckte hoch, und sie fixierte den vor ihr aufragenden Engländer mit einem eisigen Blick, durch den er sich plötzlich ein gutes Stück kleiner fühlte.
»Ich habe den Triaden deutlich gemacht, was passiert, wenn sie es wagen sollten, einem wichtigen Mitarbeiter der Neun Drachen etwas zuleide zu tun. Ich war sehr deutlich.«
»Sicher«, murmelte Jenkins. Er räusperte sich. »Nur, wie soll ich sagen … Sie sind, nun ja … vielleicht nicht mehr ganz so furchteinflößend, seit Sie sich gütigerweise entschlossen haben, Ihre Gegner nicht mehr zu durchsieben, ihnen die Kehle aufzuschlitzen, sie von hohen Gebäuden zu stoßen oder sonst wie zu Tode zu bringen – was ich natürlich sehr begrüße«, fügte er hastig hinzu. »Aber es dürfte sich inzwischen von Peking bis nach Chinatown in New York rumgesprochen haben, dass die Attentäterin der Neun Drachen in den letzten Jahren mit ungewöhnlicher Milde zu Werke gegangen ist. Mit Verlaub, vielleicht finden die Triaden Ihre Drohung deshalb nicht mehr ganz so … eindrücklich wie früher.«
Chin-Li stand auf. Die chinesische Kriegerin trug ihre übliche »Uniform«: schwarze Hose, schwarzes Jackett und weißes Hemd. Sie sah Rupert Jenkins erstaunt an.
»Sie finden mich nicht mehr furchteinflößend?«
»Doch, doch, natürlich.« Unwillkürlich wich Jenkins einen Schritt zurück »Fürchterlich furchteinflößend sogar – und ich sage das mit dem allergrößten Respekt. Aber machen wir uns nichts vor, ich bin auch ein ziemlicher Schisser, oder? Nicht gerade der Stoff, aus dem die Helden sind.«
Chin-Li kam einen Schritt vor. Rupert Jenkins zwang sich, stehen zu bleiben. Der Schweiß lief ihm in Strömen den Nacken hinunter, und das hatte nichts mit der Affenhitze zu tun. Chin-Lis schmaler Körper reichte dem riesigen Briten gerade mal bis zur Brust, doch das änderte an seinem Unwohlsein gar nichts.
»Sie werden mir doch jetzt nicht den Arm brechen oder so?«
Chin-Lis Mundwinkel zuckten. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie etwas zum Wegschreien komisch fand. Nach all den Jahren in Hongkong verzweifelte Rupert...
| Erscheint lt. Verlag | 6.2.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Professor Zamorra |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Anna Basener • Bahnhofsroman • Barry Belmondo • Bastei • Bestseller • Cora • Dämonenjäger • Der Geisterjäger • Deutsch • Die Abenteurer • eBook • eBooks • Extrem • Frauen • Geisterjäger • Groschenheft • grusel-geschichten • Grusel-Roman • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Horror • Horror-Roman • Horror-Thriller • john Sinclair • Julia-meyer • Kindle • Klassiker • Krimi • Kurzgeschichten • Lovecraft • Männer • Mark Hellmann • Mira • Neuerscheinung • Neuerscheinungen • Paranomal • Professor Zamorra • Psycho • Pulp • Pulp Ficition • Romanheft • Roman-Heft • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Slasher • spannend • Splatter • Stephen-King • Terror • Thriller • Tony Ballard • Top • Walking Dead |
| ISBN-10 | 3-7325-5862-2 / 3732558622 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5862-9 / 9783732558629 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich