Jeder stirbt für sich allein (eBook)
752 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-317-8 (ISBN)
Hans Fallada (21. Juli 1893-5. Februar 1947), eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, war ein deutscher Schriftsteller. Sein nüchterner, objektiver Stil, in dem er seine fiktionalen Berichte über meist scheiternde Gestalten verfasste, macht ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der 'Neuen Sachlichkeit'.
Hans Fallada (21. Juli 1893–5. Februar 1947), eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, war ein deutscher Schriftsteller. Sein nüchterner, objektiver Stil, in dem er seine fiktionalen Berichte über meist scheiternde Gestalten verfasste, macht ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der "Neuen Sachlichkeit".
Vorwort des Verfassers
ERSTER TEIL – Die Quangels
1. Die Post bringt eine schlimme Nachricht
2. Was Baldur Persicke zu sagen hatte
3. Ein Mann namens Barkhausen
4. Trudel Baumann verrät ein Geheimnis
5. Enno Kluges Heimkehr
6. Otto Quangel gibt sein Amt auf
7. Nächtlicher Einbruch
8. Kleine Überraschungen
9. Nachtgespräch bei Quangels
10. Was am Mittwochmorgen geschah
11. Es ist immer noch Mittwoch
12. Enno und Emil nach dem Schock
13. Siegestanz im Elysium
14. Sonnabend: Unruhe bei Quangels
15. Enno Kluge arbeitet wieder
16. Das Ende der Frau Rosenthal
17. Auch Anna Quangel macht sich frei
18. Die erste Karte wird geschrieben
19. Die erste Karte wird abgelegt
ZWEITER TEIL – Die Gestapo
20. Der Weg der Karten
21. Ein halbes Jahr danach: Quangels
22. Ein halbes Jahr danach: Kommissar Escherich
23. Ein halbes Jahr danach: Enno Kluge
24. Das Verhör
25. Kommissar Escherich bearbeitet die Sache Klabautermann
26. Frau Hete beschließt
27. Angst und Furcht
28. Emil Barkhausen macht sich nützlich
29. Hübsche kleine Erpressung
30. Ennos Austreibung
31. Emil Barkhausen und sein Sohn Kuno-Dieter
32. Besuch bei Fräulein Anna Schönlein
33. Escherich und Kluge gehen spazieren
DRITTER TEIL – Das Spiel steht gegen die Quangels
34. Trudel Hergesell
35. Karl Hergesell und Grigoleit
36. Die erste Warnung
37. Der Sturz des Kommissars Escherich
38. Die zweite Warnung
39. Die dritte Warnung
40. Der Herr Kriminalrat Zott
41. Otto Quangel wird unsicher
42. Der alte Parteigenosse Persicke
43. Barkhausen zum dritten Mal geprellt
44. Zwischenspiel: Ein Idyll auf dem Lande
45. Kriminalrat Zott gestürzt
46. Kommissar Escherich wieder frei
47. Der verhängnisvolle Montag
48. Montag, der Tag des Kommissars Escherich
49. Die Verhaftung Anna Quangels
50. Das Gespräch mit Otto Quangel
51. Kommissar Escherich
VIERTER TEIL – Das Ende
52. Anna Quangel im Verhör
53. Die betrübten Hergesells
54. Otto Quangels schwerste Last
55. Anna Quangel und Trudel Hergesell
56. Baldur Persicke macht Besuch
57. Otto Quangels anderer Zellengefährte
58. Das Leben in der Zelle
59. Der gute Pastor
60. Trudel Hergesell, geborene Baumann
61. Die Hauptverhandlung: Ein Wiedersehen
62. Die Hauptverhandlung: Präsident Feisler
63. Die Hauptverhandlung: Ankläger Pinscher
64. Die Hauptverhandlung: Der Zeuge Ulrich Heffke
65. Die Hauptverhandlung: Die Verteidiger
66. Die Hauptverhandlung: Das Urteil
67. Das Totenhaus
68. Die Gnadengesuche
69. Anna Quangels schwerster Entschluss
70. Es ist so weit, Quangel
71. Der letzte Weg
72. Anna Quangels Wiedersehen
73. Der Junge
1. Die Post bringt eine schlimme Nachricht
Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch. Sie ist nicht etwa deshalb so langsam, weil sie ihr Bestellgang so sehr ermüdet hat, sondern weil einer jener Briefe in ihrer Tasche steckt, die abzugeben sie hasst, und jetzt gleich, zwei Treppen höher, muss sie ihn bei Quangels abgeben. Die Frau lauert sicher schon auf sie, seit über zwei Wochen schon lauert sie der Bestellerin auf, ob denn kein Feldpostbrief für sie dabei sei.
Ehe die Briefträgerin Kluge den Feldpostbrief in Schreibmaschinenschrift abgibt, hat sie noch den Persickes in der Etage den »Völkischen Beobachter«1 auszuhändigen. Persicke ist Amtswalter oder Politischer Leiter oder sonst was in der Partei – obwohl Eva Kluge, seit sie bei der Post arbeitet, auch Parteimitglied ist, bringt sie alle diese Ämter doch immer durcheinander. Jedenfalls muss man bei Persickes »Heil Hitler« grüßen und sich gut vorsehen mit dem, was man sagt. Das muss man freilich eigentlich überall, selten mal ein Mensch, dem Eva Kluge sagen kann, was sie wirklich denkt. Sie ist gar nicht politisch interessiert, sie ist einfach eine Frau, und als Frau findet sie, dass man Kinder nicht darum in die Welt gesetzt hat, dass sie totgeschossen werden. Auch ein Haushalt ohne Mann ist nichts wert, vorläufig hat sie gar nichts mehr, weder die beiden Jungen noch den Mann noch den Haushalt. Stattdessen hat sie den Mund zu halten, sehr vorsichtig zu sein und ekelhafte Feldpostbriefe auszutragen, die nicht mit der Hand, sondern mit der Maschine geschrieben sind und als Absender den Regimentsadjutanten nennen.
Sie klingelt bei Persickes, sagt »Heil Hitler!« und gibt dem alten Saufkopp seinen »Völkischen«. Er hat auf dem Rockaufschlag schon das Partei- und das Hoheitsabzeichen sitzen – sie vergisst ewig, ihr Parteiabzeichen anzustecken – und fragt: »Wat jibt’s denn Neuet?«
Sie antworte vorsichtig: »Ich weiß doch nicht. Ich glaube, Frankreich hat kapituliert.« Und sie setzt rasch die Frage hinzu: »Ob bei den Quangels wohl einer zu Hause ist?«
Persicke achtet gar nicht auf ihre Frage. Er reißt die Zeitung auseinander. »Da steht’s ja: Frankreich kapituliert. Mensch, Frollein, und det saren Se eenem so, als ob Se Schrippen vakoofen! Det müssen Se zackig herausbringen! Det müssen Se jedem saren, bei dem Se kommen, det überzeugt noch die letzten Meckerköppe! Der zweite Blitzkrieg, hätten wa ooch geschafft, und nu ab Trumeau nach England! In ’nem Vierteljahr sind die Tommys erledigt, und denn sollste ma sehen, wie unser Führer uns leben lässt! Denn können die anderen bluten, und wir sind die Herren der Welt! Komm rin, Mächen, trink ’nen Schnaps mit! Amalie, Erna, August, Adolf, Baldur – alle ran! Heute wird blaugemacht, heut wird keene Arbeet anjefasst! Heute begießen wir uns mal die Neese, heute hat Frankreich kapituliert, und heut Nachmittag gehen wa valleicht bei de olle Jüdsche in de vierte Etage, und det Aas muss uns Kaffee und Kuchen jeben! Ick sare euch, die Olle muss jetzt, wo Frankreich ooch am Boden liegt, jetzt kenne ick keen Abarmen mehr! Jetzt sind wa die Herren der Welt, und alle müssen kuschen vor uns!«
Während Herr Persicke, von seiner Familie umstanden, sich in immer aufgeregteren Ausführungen ergeht und die ersten Schnäpse schon hinter die Binde zu gießen beginnt, ist die Briefträgerin längst in die Etage darüber hinaufgestiegen und hat bei den Quangels geklingelt. Sie hält den Brief schon in der Hand, ist bereit, sofort weiterzulaufen. Aber sie hat Glück; nicht die Frau, die meist ein paar freundliche Worte mit ihr wechselt, sondern der Mann mit dem scharfen, vogelähnlichen Gesicht, dem dünnlippigen Mund und den kalten Augen öffnet ihr. Er nimmt wortlos den Brief aus ihrer Hand und zieht ihr die Tür vor der Nase zu, als sei sie eine Diebin, vor der man sich vorzusehen hat.
Aber Eva Kluge zuckt zu so was nur die Achseln und geht wieder die Treppen hinunter. Manche Menschen sind eben so; solange sie die Post in der Jablonskistraße austrägt, hat dieser Mann noch nie ein einziges Wort zu ihr gesagt, nicht einmal »Heil Hitler« oder »Guten Tag«, trotzdem auch er, wie sie weiß, einen Posten in der Arbeitsfront2 hat. Nun, lass ihn, sie kann ihn nicht ändern, hat sie doch nicht einmal den eigenen Mann ändern können, der mit Kneipensitzen und mit Rennwetten sein Geld vertut und der zu Haus nur dann auftaucht, wenn er ganz abgebrannt ist.
Bei den Persickes haben sie in ihrer Aufregung die Flurtür offengelassen, aus der Wohnung klingt Gläsergeklirr und das Lärmen der Siegesfeier. Die Briefträgerin zieht die Flurtür sachte ins Schloss und steigt weiter hinab. Dabei denkt sie, dass dies eigentlich eine gute Nachricht ist, denn durch diesen raschen Sieg über Frankreich wird der Friede näher gerückt. Dann kommen die beiden Jungen zurück, und sie kann ihnen wieder ein Heim schaffen.
Bei diesen Hoffnungen stört sie aber das ungemütliche Gefühl, dass dann solche Leute wie die Persickes ganz obenauf sein werden. Solche zu Herren haben und immer den Mund halten müssen und nie sagen dürfen, wie einem ums Herz ist, das scheint ihr auch nicht das Richtige.
Flüchtig denkt sie auch an den Mann mit dem kalten Geiergesicht, dem sie eben den Feldpostbrief ausgehändigt hat und der dann wohl auch einen höheren Posten in der Partei bekommen wird, und sie denkt an die alte Jüdin Rosenthal, oben im vierten Stock, der die Gestapo vor zwei Wochen den Mann weggeholt hat. Die kann einem leidtun, die Frau. Rosenthals haben früher ein Wäschegeschäft an der Prenzlauer Allee gehabt. Das ist dann arisiert worden, und nun haben sie den Mann weggeholt, der nicht weit von siebzig ab sein kann. Was Böses getan haben die beiden alten Leute sicher nie jemandem, aber immer angeschrieben, auch für die Eva Kluge, wenn mal kein Geld für Kinderwäsche da war, und schlechter oder teurer als in anderen Geschäften war die Ware bei Rosenthals auch nicht. Nein, es will nicht in den Kopf von Frau Eva Kluge, dass so ein Mann wie der Rosenthal schlechter sein soll als die Persickes, bloß weil er ein Jude ist. Und nun sitzt die alte Frau da oben in der Wohnung mutterseelenallein und traut sich nicht mehr auf die Straße. Erst wenn es dunkel geworden ist, macht sie mit dem Judenstern ihre Einkäufe, wahrscheinlich hungert sie. Nein, denkt Eva Kluge, und wenn wir zehnmal über Frankreich gesiegt haben, gerecht geht es nicht bei uns zu …
Damit ist sie in das nächste Haus gekommen und setzt dort ihren Bestellgang fort.
Der Werkmeister Otto Quangel ist unterdes mit dem Feldpostbrief in die Stube gekommen und hat ihn auf die Nähmaschine gelegt. »Da!«, sagt er nur. Er lässt ihr stets das Vorrecht, diese Briefe zu öffnen, weiß er doch, wie sehr sie an ihrem einzigen Sohne Otto hängt. Nun steht er ihr gegenüber; er hat die dünne Unterlippe zwischen die...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Hans Fallada bei Null Papier | Hans Fallada bei Null Papier |
| Verlagsort | Neuss |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | Alkohol • Alkoholismus • Armut • Berlin • Berlinerisch • Drittes Reich • Hyperinflation • Inflation • Knast • Weimarer Republik |
| ISBN-10 | 3-96281-317-9 / 3962813179 |
| ISBN-13 | 978-3-96281-317-8 / 9783962813178 |
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