Der Bergdoktor 1904 (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5986-2 (ISBN)
Kündigung! An einem stürmischen Winterabend findet der Bergdoktor das unscheinbare Kuvert auf seinem Schreibtisch. Er reißt es auf und fällt aus allen Wolken. Bärbel, seine Sprechstundenhilfe, will ihn verlassen! Dabei ist sie mit ihrer fröhlichen Art die gute Seele der Praxis. Sie liebt ihre Arbeit, und die Patienten lieben sie.
Doch Bärbel plagen schon seit Wochen Sorgen, für die sie keinen anderen Ausweg mehr sieht. Sie muss ihren geliebten Posten aufgeben. Nicht einmal Dr. Burger kann sie umstimmen ...
Der Winter hatte vor einigen Wochen im Zillertal Einzug gehalten. Seitdem waren die Dörfer und Berge tief verschneit. Während sich in den tiefer gelegenen Dörfern zahlreiche Ski- und Schlittenfahrer auf den Hängen tummelten, ging es in St. Christoph beschaulicher zu. Der kleine Ort lag friedlich eingebettet zwischen sechs hohen Gipfeln und lud zum Verweilen und Atemholen ein.
Am Waldrand stand ein hübsches Alpenhaus, aus dessen Schornstein sich Rauch in den dunkler werdenden Abendhimmel ringelte. Ein kugelrunder Schneemann winkte am Gartenzaun, direkt daneben wartete ein Futterhäuschen voller Körner auf gefiederte Gäste. Ein Meisenknödel baumelte daran.
An der Eingangstür des Anbaus war ein Schild festgemacht: Arztpraxis Dr. Martin Burger stand darauf. Darunter waren die Sprechzeiten notiert.
Für diesen Tag war die Sprechstunde bereits beendet. Dr. Burger war vor einer halben Stunde zu seiner Hausbesuchsrunde aufgebrochen. Seine Sprechstundenhilfe räumte noch auf und machte sauber.
Bärbel Tannauer war die gute Seele der Praxis. Zuverlässig und immer zu einem Lächeln bereit, kümmerte sie sich darum, dass alles wie am Schnürchen lief.
Sie summte fröhlich, während sie die Zeitschriften im Wartezimmer zusammensuchte und ordentlich auf einen Stapel legte. Bärbel hatte bereits gelüftet und die Böden gewischt. Die Räume waren bereit für die Arbeit am nächsten Tag. Nun musste sie nur noch ihren Computer herunterfahren. Fertig!
Als sie gerade ihren Kittel ausziehen wollte, näherten sich leise Schritte. Ein Madel von acht Jahren wirbelte herein und blieb vor dem Empfang stehen.
»Ist mein Papa noch da?« Tessa machte den Hals lang und spähte in das Sprechzimmer. Es war leer. »Och!«
»Tut mir leid. Dein Vater ist schon zu seinen Hausbesuchen gefahren.«
»Ich dachte, ich erwische ihn noch.«
»Kann ich dir vielleicht helfen, Spätzchen?«
Die bekümmerte Miene der Achtjährigen hellte sich auf.
»Hörnchen ist krank. Kannst du es wieder gesund machen, bitte?« Sie reckte Bärbel ein plüschiges weißes Einhorn hin, dessen Horn nur noch an einem Faden hing und traurig nach unten baumelte. »Mami hat keine Zeit, und Zenzi ist net da.«
»Ich verstehe. Wie ist denn das passiert?«
»Bin beim Rennen an der Tür hängen geblieben. Da ist Hörnchens Horn abgerissen. Kannst du ihm helfen?«
»Freilich. Das bekommen wir wieder hin. Hilfst du mir dabei?«
»Oh ja!« Tessa nickte so lebhaft, dass ihre dunklen Zöpfe wippten.
»In Ordnung. Als Erstes legen wir die Ausrüstung für die Operation zurecht.« Bärbel holte das Nähzeug aus ihrer Umhängetasche, nahm weißes Garn, eine Nadel und eine Schere heraus und breitete alles vor sich auf dem Schreibtisch auf. »Du musst Hörnchen gut festhalten, während ich ihn behandle.«
»Ist gut.« Tessa umklammerte ihr Plüschtier.
Bärbel suchte eine leere Spritze heraus und piekte sie in das Fell.
»So, jetzt müssen wir bis zehn zählen, dann ist Hörnchen betäubt und hat keine Schmerzen, wenn ich es operiere.«
Tessa zählte halblaut bis zehn.
Bärbel fädelte den Faden ein, wartete, bis die Achtjährige fertig gezählt hatte, und nähte das Horn sorgsam wieder fest.
»Das war’s«, sagte sie schließlich und schnitt den Faden ab. »Hörnchen war wirklich sehr tapfer.« Sie drückte Tessa zwei Karamellzuckerln in die Hand. »Gut gemacht, Spätzchen.«
»Danke schön!« Tessa presste ihr Plüschtier strahlend an sich.
»Hörnchen muss sich noch etwas ausruhen. Es hat allerhand Aufregungen mitgemacht und sollte sich erholen. Vielleicht kuschelt ihr euch zusammen aufs Sofa und hört euch eine Kassette an.«
»Das machen wir!« Tessa umarmte sie stürmisch und stob davon.
Bärbel blickte ihr lächelnd nach. Dann besann sie sich darauf, dass sie schon seit zehn Minuten mit ihrem Schatz verabredet war. Felix hatte sie zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen. Jetzt aber schnell!
Sie vertauschte ihren weißen Kittel mit einer sportlichen blauen Jacke, stülpte eine Wollmütze über ihre blonden Haare und band sich einen warmen Schal um den Hals. Den hatte ihre Freundin Geli ihr zum Geburtstag gestrickt. Sie liebte ihn sehr.
Ihr Herz klopfte voller Vorfreude, als sie die Praxis abschloss und sich auf den Weg machte. Felix war ihr Traummann – er war lieb und anständig und unbedingt verlässlich. Beide mochten sie Rockmusik, Motorräder und die Berge. Sie gingen oft zusammen wandern oder klettern und genossen jede Minute, die sie in der Natur sein konnten.
Ihr Verlobter lebte mit seinem Vater auf einem Bauernhof, nur wenige Minuten vom Doktorhaus entfernt. Der Schnee knirschte unter Bärbels Stiefeln, als sie die Dorfstraße hinauflief und den Hof ansteuerte – die Hände tief in den Taschen vergraben.
Vor der Kirche kam ihr Germo Niederstetter entgegen. Er trug die Post im Dorf aus und kam ebenso bei schönem Wetter wie bei Sturm und Schneegestöber. An diesem Abend trug er ein Paar Skier über der Schulter und Stöcke in der Hand. Offenbar war er gerade auf dem Weg zum Skihang.
»Grüß dich, Bärbel.« Er winkte ihr freundlich zu. »Endlich Feierabend?«
»Ja, für heute ist es genug. Und bei dir, Germo?«
»Bei mir auch. Ich möchte den freien Abend für ein paar Abfahrten nutzen. Das schöne Winterwetter ist zu verlockend.«
»Das ist wahr. Du hast es gut: So zeitig am Tag schon Feierabend!«
»Dafür muss ich morgens auch um vier Uhr aufstehen.«
»Mei, für mich wär das nix. Für mich grenzt jedes Aufstehen vor sieben Uhr an Körperverletzung.«
Germo lachte, schrak jedoch im nächsten Augenblick sichtlich zusammen, als in der Nähe ein Hund losbellte. Die sprichwörtliche Abneigung zwischen Briefträger und Hund schien auch auf ihn zuzutreffen.
»Alles gut«, begütigte Bärbel. »Das war nur der Hund vom Bürgermeister. Der macht gern mal auf sich aufmerksam, aber du weißt doch, was man sagt: Hunde, die bellen, beißen net.«
»Freilich, aber das Problem mit diesem Sprichwort ist, dass es kaum ein Hund kennt!« Germo lächelte schief und zog eine Tüte mit Leckerlis aus seiner Jackentasche. »Aus diesem Grund hab ich immer die hier dabei.«
»Keine schlechte Vorsichtsmaßnahme. Wurdest du denn bei deiner Arbeit schon einmal gebissen?«
»Und ob, aber bis jetzt bin ich glimpflich davongekommen. Einen meiner Kollegen hat es in den vergangenen zehn Jahren schon vierzehn Mal erwischt.«
»Jesses! Da hält er wohl den Rekord, was?« Bärbel machte große Augen.
»Das könnte man so sagen.« Germo verstaute die Tüte wieder in seiner Tasche. »Ich werd dann mal. Hat mich gefreut, Bärbel. Wir sehen uns morgen, ja?«
»Auf jeden Fall. Viel Spaß auf den Brettln!« Bärbel winkte dem Postboten zu und setzte ihren Weg fort.
Wenig später tauchte der Lesacher-Hof vor ihr auf.
Das Anwesen bestand aus einem rustikalen Bauernhaus, auf dessen Dach sich der Schnee türmte. Rauch ringelte sich aus dem Schornstein in den Abendhimmel. Mehrere Anbauten am Wohnhaus verrieten, dass einige Generationen Umbauten vorgenommen hatten. An das Haus schlossen sich eine Scheune und der Stall an, aus dem das tiefe, dröhnende Muhen der Kühe drang. Ein Traktor stand im Hof.
Bärbel wollte gerade die Haustür ansteuern, als durch das offene Tor der Scheune laute Männerstimmen drangen.
»… sie ist die falsche Frau für dich, Felix. Glaub mir das.«
Bärbel blieb so abrupt stehen, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Die Stimme kannte sie. Sie gehörte ihrem Schwiegervater in spe!
»Die Bärbel ist keine Bäuerin und wird auch niemals eine sein!«, schimpfte er weiter.
Eine sanfte, ruhige Stimme antwortete ihm.
»Ich liebe Bärbel, Vater. Für mich zählt nur, dass sie glücklich ist mit dem, was sie macht. Es ist mir net so wichtig, was sie arbeitet.«
»Das sollte es aber sein! Du musst eine Bäuerin heimführen. Wir brauchen fleißige Hände auf dem Hof. Das weißt du genauso gut wie ich.«
»Wir kommen sehr gut zurecht mit der Arbeitsteilung, die wir jetzt haben.«
»Wir kommen zurecht, weil ich alles gut organisiert habe, aber ich werde net jünger. Was soll aus dem Hof werden, wenn ich mich aufs Altenteil zurückziehe? Du kannst den Betrieb net allein bewirtschaften. Dafür sind mehrere Hände nötig.«
»Dann stellen wir eben noch jemanden ein. Erntehelfer oder einen Knecht. Es gibt immer Leute, die Arbeit suchen.«
»Und wovon willst du die bezahlen? Du weißt selbst, dass die Landwirtschaft nimmer so viel abwirft wir früher. Wir wirtschaften vernünftig, und das ist gut so. Große Sprünge können wir net machen.« Sorgen schwangen in der Stimme des älteren Landwirts mit. Sie waren wohl nicht von der Hand zu weisen, denn Felix erwiderte nichts darauf.
Sein Schweigen dröhnte Bärbel in den Ohren. Bestürzt verschlang sie die Hände ineinander, die plötzlich eiskalt geworden waren. Sie wusste, dass Blasius ihr gegenüber Vorbehalte hatte, aber dass es so schlimm war! So verhasst war sie ihrem zukünftigen Schwiegervater also? Dass er ihrem Verlobten hinter ihrem Rücken zusetzte, sie zu verlassen?! Das war ein Brocken, an dem sie schwer zu schlucken hatte.
Während sie noch mit sich haderte, trat Felix durch das offene Scheunentor. Mit seinen dunklen Haaren und der kräftigen,...
| Erscheint lt. Verlag | 23.1.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Der Bergdoktor |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Alpen • Alpen-Krimi • alpen-roman • Anna Basener • Arzt • Arztroman • Arztromane • Arztserie • Baccara • Bahnhofsroman • Bastei • Berg • Bergdoktor • Berge • Bergpfarrer • Bergroman • Bestseller • Bianca • Cora • Der Bergdoktor • Der Bergpfarrer • Deutsch • Dirndl • Doktor • Dr. • dr daniel • Dr. Daniel • dr laurin • Dr. Laurin • dr norden • Dr. Norden • Dr Stefan Frank • Dr. Stefan Frank • eBook • E-Book • eBooks • Familiensaga • feel good • feelgood • Fortsetzungsroman • Frauenroman • Gefahr • Glück • Groschenheft • Großdruck • große-schrift • hans-ernst • Hedwig Courths-Mahler • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Heimat • Heimatromane • hermann-broch • Hilfe • Historical • Hoffnung • Julia • Kelter • kelter-verlag • Kindle • Klassiker • Klinik • Landarzt • Leidenschaft • Liebe • Liebesromane • Medizin • Mira • Modern • Patient • Pulp • Pulp Ficition • Rettung • Romanheft • Roman-Heft • romantisch • schicksalsromane • Schön • Schwarzwald • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Sonnenwinkel • steingruber • Tiffany • Toni-Hüttenwirt • Verlag • waidacher |
| ISBN-10 | 3-7325-5986-6 / 3732559866 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5986-2 / 9783732559862 |
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