Jerry Cotton Sonder-Edition 69 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5839-1 (ISBN)
Sein Auftrag war klar und brutal: Er hatte einen Mann zu ermorden, den die amerikanische Regierung für unersetzlich hielt. Dieser Mann sollte in einem New Yorker Hotel übernachten. Der Killer kannte das Hotel. Er kannte auch den Namen seines Opfers. Er wusste sogar, dass der Mann eine kleine Tätowierung auf dem linken Unterarm trug. Nur eines wusste er nicht: wie der Mann aussah. Phil und mir erging es genauso, doch wir hatten die Aufgabe, den Killer rechtzeitig zu stoppen ...
1
Es war totenstill. Der lange, breite Korridor lag menschenleer vor uns. Ein Läufer bedeckte den Boden von Wand zu Wand. In regelmäßigen Abständen hingen zweiflammige Wandleuchten und verbreiteten mit den Kristallleuchtern an der Decke ein warmes, taghelles Licht.
Mein Freund Phil Decker sprach leise, aber eindringlich mit dem Etagenkellner. Ich hörte ihre beiden Stimmen wie ein fernes, gerade noch verständliches Flüstern.
»Kein Stubenmädchen? Keine Putzfrau? Kein Page, kein Boy?«
Der Etagenkellner strich sich über das dünne Bärtchen, das auf der Oberlippe saß wie hingemalt. Er war bleich und musste sich sichtlich zusammennehmen.
»Nein, Agent. Vom Personal ist bestimmt niemand mehr im Flur.«
»Gut«, sagte Phil und wandte sich mir zu. »Jetzt ist nur noch die deutsche Sängerin in ihrem Apartment, Jerry. Die in der neuen Met singt. Willst du sie herauslotsen?« Er hatte das Personal auf dem Flur in die tieferen Etagen gescheucht.
Irgendetwas musste ich schließlich auch tun. Also nickte ich und schob den Hut ins Genick.
»Nimm deinen Revolver in die Hand«, sagte ich halblaut. »Wenn er zufällig seine Nase zur Tür herausstreckt, während ich daran vorbeigehe, weiß man nicht, was passieren kann.«
Mein Freund nickte, schob die Hand unters Jackett und zog den Smith & Wesson 38 Special aus dem Schulterholster. Die Augen des Etagenkellners wurden groß. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen und drückte sich ängstlich um die Flurecke.
Ich trat aus der Nische hinaus, wo eine kleine Sitzgruppe stand, und ging den Flur hinunter. Wir waren hier in einem der größten New Yorker Hotels und wollten eine Verhaftung vornehmen. So etwas war uns zur Routine geworden. Nur ging es diesmal um einen Mann, der bereits vier Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Solche Kerle haben manchmal eine Art Instinkt. Sie wittern förmlich, wenn ein Mann von der Polizei ist.
Ich schlich an seiner Tür vorbei. Es war alles still. Von jetzt ab würde ich ihn im Rücken haben, wenn er herauskam. Irgendetwas strich mir kühl über den Rücken. Ich ging vorwärts, aber all meine Sinne sicherten nach hinten. Die Stille wurde zu einer körperlich spürbaren Last. Wie lang, zum Teufel, war dieser verdammte Korridor eigentlich?
Endlich hatte ich mein Ziel erreicht. Ich blieb stehen und sah zurück. An der Ecke zu der Nische wartete Phil mit dem Revolver. Ich hob die Hand und klopfte zweimal.
»Come in«, sagte eine weibliche Stimme.
Ich zog die Tür auf und trat ein.
Ein großer Salon öffnete sich vor mir, luxuriös ausgestattet und mit einem halben Dutzend großer Blumenvasen bestückt. In jeder befanden sich frisch erblühte schwarzrote Rosen.
Die Sängerin saß auf einer üppig gepolsterten Couch, hatte ein Buch von ungewöhnlich großem Format aufgeschlagen auf den Beinen liegen und sah von den Notenzeilen hoch. Sie mochte etwas über dreißig sein, vielleicht an vierzig, aber sie sah auf eine zeitlose Weise apart und damenhaft aus. Ihre Augen waren groß und blau, und eine starke Ausstrahlung ging von ihr aus. Wenn sie so singt, wie sie stumm auf einen wirkt, dachte ich unwillkürlich, dann ist es kein Wunder, dass man sie von Deutschland nach New York an die Met geholt hat.
Ich hob die rechte Hand und tippte mit dem Zeigefinger an die Hutkrempe. »Guten Morgen, Ma’am. Verzeihen Sie die Störung.«
Sie nickte fast unmerklich. In ihren Mundwinkeln deutete sich ein schwaches Lächeln an. Ich begriff, dass sie auf meinen Hut blickte. Jetzt grinste ich.
»Ich bin Agent Cotton vom New Yorker Büro der Bundespolizei«, sagte ich und ließ meine FBI-Marke sehen. »Kriminalbeamte müssen ihren Hut aufbehalten, Ma’am.«
Ihre Augen funkelten belustigt. Ihr Englisch war klar und hatte nur einen leichten Akzent.
»Das ist interessant«, erwiderte sie. »Ich wunderte mich schon im Kino immer darüber. Warum eigentlich?«
»An einem Tatort darf man nichts verändern, auch nicht dadurch, dass man seinen Hut irgendwo hinlegt und ihn womöglich vom Spurensicherungsdienst fotografieren lässt.«
»Aha. Aber ich bin ziemlich sicher, dass ich nichts verbrochen habe.«
»Wir sind nicht Ihretwegen hier, Ma’am. Wir haben in dieser Etage eine Verhaftung vorzunehmen. Um ehrlich zu sein: Es handelt sich um einen vierfachen Raubmörder. Er wohnt zwei Türen weiter. Wir müssen Sie um eine Gefälligkeit ersuchen, Ma’am.«
Einen Augenblick verdaute sie, was ich ihr erzählt hatte. Dann klappte sie das Buch zu und legte es beiseite. Als sie sich erhob, merkte ich erst, dass sie fast zwei Köpfe kleiner war als ich. Trotzdem verlor sie nicht ein Gran ihrer imponierenden Persönlichkeit.
»Bitte«, gab sie zurück. »Ich bin selbstverständlich bereit, den amerikanischen Behörden zu helfen, soweit ich kann.«
»Räumen Sie für ein paar Minuten Ihr Zimmer«, bat ich. »Alle anderen Gäste in diesem Abschnitt des Flurs sind schon weg. Auch das gesamte Personal. Sie brauchen nur den Flur hinunter bis zur Nische zu gehen. Dort warten Kollegen von mir, und Sie sind in Sicherheit. Es wird nicht lange dauern.«
Sie nickte und lief zur Tür. Auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um und schien überrascht, dass ich keine Anstalten machte, ihr zu folgen.
»In mir könnte der Mörder den Polizisten wittern«, erklärte ich ihr. »Es ist sicherer für Sie, wenn Sie allein durch den Flur gehen.«
»Sie denken an alles, nicht wahr?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Wir versuchen es, Ma’am.«
Sie trat hinaus und wollte die Tür hinter sich schließen. Ich gab ihr ein Zeichen, und sie ließ einen winzigen Spalt offen. Mit schön geformten Beinen schritt sie auf hohen Absätzen den Flur hinab, von Kopf bis Fuß eine Lady. Ich sah ihr nach, bis sie die Ecke der Nische erreicht hatte.
Dort ging Phil auf sie zu. Ich musste grinsen, als ich bemerkte, wie er mit dem Zeigefinger an die Krempe seines Huts tippte. Er sprach nur kurz mit ihr, dann geleitete er sie zum nächsten Lift, ließ sie einsteigen und winkte dem Etagenkellner, ebenfalls zu verschwinden. Der Fahrstuhl brachte Gast und Kellner nach unten. Nun waren wir allein in diesem Etagenabschnitt, wir: acht G-men des FBI und der vierfache Raubmörder Anthony Gordon Parker.
Ich trat nun selbst wieder hinaus in den Flur. Von hinten kamen Steve Dillaggio, George Baker, Zeerookah, Dean Collins, Jimmy Stone, Leon Eisner und Phil lautlos auf dem dicken Läufer heran.
Als wir uns trafen, sagte ich leise: »Zeery, du besetzt das Zimmer rechts von ihm. Jimmy, du übernimmst das linke. Schließt euch ein, damit er vom Flur her nicht hineinkann, und dann besetzt die Fenster, damit er nicht draußen auf dem Sims vorbeiklettert.«
Sie nickten. Jimmy Stone ging in das angewiesene Zimmer, grinste uns zu und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Wir hörten das leise Geräusch des Riegels. Zeerookah, ein Agent von echt indianischer Abstammung, der nur diesen einen Namen besitzt, nahm das rechts angrenzende Zimmer. Auch er schloss sich ein, wie ich es ihm geraten hatte. Nun war gewährleistet, dass Parker nicht auf dem Fenstersims entkommen konnte. Eine Feuerleiter führte nicht an seinen Fenstern vorbei, sodass wir nach oben und unten keine Sicherung brauchten.
Ich sah Phil an.
Er straffte sich. »Na, dann wollen wir mal!«
***
Mac Gipson war neunzehn Jahre alt und in Brooklyn groß geworden. In der richtigen Ecke von Brooklyn aufgewachsen: in Spearland. Hier war die Heimat der Mörder-GmbH gewesen, und hier wuchsen die Kinder von Eltern auf, die Marihuana in Blumentöpfen zogen.
Es war halb zehn morgens, als Gibson in der 57th Street ein kleines Lokal betrat. Er sah sich um und entdeckte Stan Mitchinski an einem kleinen Tisch neben der Eingangstür, halb verborgen vom Windfang. Er ging an die Theke, ließ sich ein Käsesandwich und eine Cola geben, bezahlte und nahm alles mit an den Tisch neben der Tür.
»Hallo, Stan«, sagte er. »Wartest du schon lange?«
»Seit Punkt neun, wie abgemacht.«
Stan Mitchinski war ein schlaksiger Junge von achtzehn Jahren. Drei Jahre seines jungen Lebens hatte er bereits in Besserungsheimen zugebracht, aber es war eine Illusion zu glauben, dass damit irgendetwas erreicht worden wäre.
»Also«, sagte Gipson leise. »Heute Nachmittag geht es los.«
Mitchinski hob den Kopf. »Wirklich?«
»Der Boss hat es gesagt.«
»Wurde auch Zeit. Warten macht mich nervös.«
Gipson schielte zu den biertrinkenden Männern an der Theke hinüber. Sie lachten schallend über einen Witz, den der dicke, gemütliche Wirt erzählt hatte. Niemand kümmerte sich um die beiden Jungen.
»Pass auf«, raunte Gipson und faltete ein Blatt Papier auseinander. »Hier ist der Haupteingang. Wir werden uns umziehen müssen, denn in diesen Klamotten kommen wir da niemals rein.«
»Was soll ich anziehen?«, wollte Mitchinski wissen.
»Auf jeden Fall ein weißes Hemd, eine nicht zu grelle Krawatte und einen vernünftigen Anzug. Nimm eine Aktentasche mit. Dann sehen wir wie Geschäftsleute aus, die eine Verabredung haben.«
Mitchinski nickte. »Geht in Ordnung.«
»Hier ist die Halle«, erklärte Gipson leise und deutete auf die Zeichnung. »Da liegt eine Bar, daneben ist ein großer Speiseraum. Hier ist die Anmeldung, dahinter zwei Büros für die Empfangssekretäre. Hier gehen vier Stufen hinauf zu einem Flur. Die erste Tür links führt von der anderen Seite her in die Büros vom Empfang. Die zweite Tür hier – da ist...
| Erscheint lt. Verlag | 30.12.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Al Capone • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Bastei • Bestseller • Cora • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste-fälle • gman • G-Man • Groschenheft • Hamburg • Hamburg-Krimi • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Horst-Bosetzky • international • Jerry Cotton • Kindle • Klassiker • Krimi • Krimiautoren • Krimi-Bestseller • Krimi Bestseller 2017 • Krimi-deutsch • Krimi kindle • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • kriminalroman bestseller 2017 • kriminalroman-deutsch • kriminalroman kindle • krimi neuerscheinungen 2017 • Krimis • krimis&thriller • Krimi-Serie • Krimi-Thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • Mira • Neuerscheinung • Neuerscheinungen • nick-carter • Polizeiroman • Pulp • Pulp Ficition • Reihe • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Wegner • wegners schwerste fälle |
| ISBN-10 | 3-7325-5839-8 / 3732558398 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5839-1 / 9783732558391 |
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