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Das Sinngedicht (eBook)

eBook Download: EPUB
2025 | 3., Überarbeitete Fassung
408 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-263-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Sinngedicht - Gottfried Keller
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Neue Deutsche Rechtschreibung Gottfried Keller (19.07.1819-15.07.1890) war ein Schweizer Dichter und Staatsbeamter. Man kann ohne Zweifel sagen, dass Gottfried Keller der wichtigste Autor der Schweiz im 19. Jahrhundert war. Wegen eines Dummejungenstreiches von einer höheren Schulbindung oder gar einem Studium ausgeschlossen, fand der Halbwaise über den Umweg der Lehre zum Landschaftsmaler doch noch zur Literatur. Er hinterlässt ein großes Werk an Gedichten, Dramen, Novellen und Romanen. Null Papier Verlag

Gottfried Keller (19.07.1819-15.07.1890) war ein Schweizer Dichter und Staatsbeamter. Man kann ohne Zweifel sagen, dass Gottfried Keller der wichtigste Autor der Schweiz im 19. Jahrhundert war. Wegen eines Dummejungenstreiches von einer höheren Schulbindung oder gar einem Studium ausgeschlossen, fand der Halbwaise über den Umweg der Lehre zum Landschaftsmaler doch noch zur Literatur. Er hinterlässt ein großes Werk an Gedichten, Dramen, Novellen und Romanen.

Gottfried Keller (19.07.1819–15.07.1890) war ein Schweizer Dichter und Staatsbeamter. Man kann ohne Zweifel sagen, dass Gottfried Keller der wichtigste Autor der Schweiz im 19. Jahrhundert war. Wegen eines Dummejungenstreiches von einer höheren Schulbindung oder gar einem Studium ausgeschlossen, fand der Halbwaise über den Umweg der Lehre zum Landschaftsmaler doch noch zur Literatur. Er hinterlässt ein großes Werk an Gedichten, Dramen, Novellen und Romanen.

Erstes Kapitel – Ein Naturforscher entdeckt ein Verfahren und reitet über Land, dasselbe zu prüfen
Zweites Kapitel – Worin es zur einen Hälfte gelingt
Drittes Kapitel – Worin es zur anderen Hälfte gelingt
Viertes Kapitel – Worin ein Rückschritt vermieden wird
Fünftes Kapitel – Herr Reinhart beginnt die Tragweite seiner Unternehmung zu ahnen
Sechstes Kapitel – Worin eine Frage gestellt wird
Siebentes Kapitel – Von einer törichten Jungfrau
Achtes Kapitel – Regine
Neuntes Kapitel – Die arme Baronin
Zehntes Kapitel – Die Geisterseher
Elftes Kapitel – Don Correa
Zwölftes Kapitel – Die Berlocken
Dreizehntes Kapitel – In welchem das Sinngedicht sich bewährt

Erstes Kapitel – Ein Naturforscher entdeckt ein Verfahren und reitet über Land, dasselbe zu prüfen


Vor etwa fünf­und­zwan­zig Jah­ren, als die Na­tur­wis­sen­schaf­ten eben wie­der auf ei­nem höchs­ten Gip­fel stan­den, ob­gleich das Ge­setz der na­tür­li­chen Zucht­wahl noch nicht be­kannt war, öff­ne­te Herr Rein­hart ei­nes Ta­ges sei­ne Fens­ter­lä­den und ließ den Mor­genglanz, der hin­ter den Ber­gen her­vor­kam, in sein Ar­beits­ge­mach, und mit dem Früh­golde weh­te eine fri­sche Som­mer­mor­gen­luft da­her und be­weg­te kräf­tig die schwe­ren Vor­hän­ge und die schat­ti­gen Haa­re des Man­nes.

Der jun­ge Ta­ges­schein er­leuch­te­te die Stu­dier­stu­be eine Dok­tor Faus­tus, aber durch­aus ins Mo­der­ne, Be­que­me und Zier­li­che über­setzt. Statt der ma­le­ri­schen Esse, der un­ge­heu­er­li­chen Kol­ben und Kes­sel gab es da nur fei­ne Spi­ri­tus­lam­pen und leich­te Glas­röh­ren, Por­zel­lan­scha­len und Fläsch­chen mit ge­schlif­fe­nem Ver­schlus­se, an­ge­füllt mit Tro­cke­nem und Flüs­si­gem al­ler Art, mit Säu­ren, Sal­zen und Kris­tal­len. Die Ti­sche wa­ren be­deckt mit geo­gno­s­ti­schen Kar­ten, Mi­ne­ra­li­en und höl­zer­nen Feld­spat­mo­del­len; Schich­ten ge­lehr­ter Jahr­bü­cher in al­len Spra­chen be­las­te­ten Stüh­le und Di­wans, und auf den Spie­gel­tisch­chen glänz­ten phy­si­ka­li­sche In­stru­men­te in blan­kem Mes­sing. Kein aus­ge­stopf­tes Mon­strum hing an räu­che­ri­gem Ge­wöl­be, son­dern be­schei­den hock­te ein le­ben­di­ger Frosch in ei­nem Gla­se und harr­te sei­nes Stünd­leins, und selbst das üb­li­che Men­schen­ge­rip­pe in der dunklen Ecke fehl­te, wo­ge­gen eine Rei­he von Men­schen- und Tier­schä­deln so weiß und ap­pe­tit­lich aus­sah, dass sie eher den Nipp­sa­chen ei­nes Stut­zers gli­chen als dem un­heim­li­chen Ho­kus­po­kus ei­nes al­ten La­bo­ran­ten. Statt be­staub­ter Her­ba­ri­en sah man ei­ni­ge fei­ne Bo­gen mit Zeich­nun­gen von Pflan­zen­ge­we­ben, statt schweins­le­der­ner Fo­li­an­ten eng­li­sche Pracht­wer­ke in ge­pres­ster Lein­wand.

Wo man ein Buch oder Heft auf­schlug, er­blick­te man nur den la­tei­ni­schen Ge­lehr­ten­druck, Zah­len­säu­len und Lo­ga­rith­men. Kein ein­zi­ges Buch han­del­te von mensch­li­chen oder mo­ra­li­schen Din­gen, oder, wie man vor hun­dert Jah­ren ge­sagt ha­ben wür­de, von Sa­chen des Her­zens und des schö­nen Ge­schmackes.

So woll­te also Rein­hart sich wie­der an eine stil­le, sub­ti­le Ar­beit be­ge­ben, die er schon seit Wo­chen be­trieb. In der Mit­te des Zim­mers stand ein sinn­rei­cher Ap­pa­rat, all­wo ein Son­nen­strahl ein­ge­fan­gen und durch einen Kris­tall­kör­per ge­lei­tet wur­de, um sein Ver­hal­ten in dem­sel­ben zu zei­gen und wo­mög­lich das in­ners­te Ge­heim­nis sol­cher durch­sich­ti­gen Bau­wer­ke zu be­leuch­ten. Schon vie­le Tage stand Rein­hart vor der Ma­schi­ne, guck­te durch eine Röh­re, den Re­chen­stift in der Hand, und schrieb Zah­len auf Zah­len.

Als die Son­ne ei­ni­ge Span­nen hoch ge­stie­gen, ver­schloss er wie­der die Fens­ter vor der schö­nen Welt mit al­lem, was drau­ßen leb­te und web­te, und ließ nur einen ein­zi­gen Licht­strahl in den ver­dun­kel­ten Raum, durch ein klei­nes Löch­lein, das er in den La­den ge­bohrt hat­te. Als die­ser Strahl sorg­fäl­tig auf die Tor­tur ge­spannt war, woll­te Rein­hart un­ge­säumt sein Ta­ge­werk be­gin­nen, nahm Pa­pier und Blei­stift zur Hand und guck­te hin­ein, um da fort­zu­fah­ren, wo er ges­tern ste­hen­ge­blie­ben.

Da fühl­te er einen lei­se ste­chen­den Schmerz im Auge; er rieb es mit der Fin­ger­spit­ze und schau­te mit dem an­de­ren durch das Rohr, und auch die­ses schmerz­te; denn er hat­te all­be­reits an­ge­fan­gen, durch das an­hal­ten­de Trei­ben sich die Au­gen zu ver­der­ben, na­ment­lich aber durch den un­auf­hör­li­chen Wech­sel zwi­schen dem er­leuch­te­ten Kris­tall und der Dun­kel­heit, wenn er in die­ser sei­ne Zah­len schrieb.

Das merk­te er jetzt und fuhr be­denk­lich zu­rück; wenn die Au­gen krank wur­den, so war es aus mit al­len sinn­li­chen For­schun­gen, und Rein­hart sah sich dann auf be­schau­li­ches Nach­den­ken über das zu­rück­ge­führt, was er bis­lang ge­se­hen. Er setz­te sich be­trof­fen in einen wei­chen Lehn­stuhl, und da es nun gar so dun­kel, still und ein­sam war, be­schli­chen ihn selt­sa­me Ge­dan­ken.

Nach­dem er in mun­te­rer Be­we­gung den größ­ten Teil sei­ner Ju­gend zu­ge­bracht und da­bei mit Auf­merk­sam­keit un­ter den Men­schen ge­nug ge­se­hen hat­te, um von der Ge­setz­mä­ßig­keit und dem Zu­sam­men­hange der mo­ra­li­schen Welt über­zeugt zu wer­den, und wie über­all nicht ein Wort fällt, wel­ches nicht Ur­sa­che und Wir­kung zu­gleich wäre, wenn auch so ge­ring wie das Säu­seln des Gras­halms auf ei­ner Wie­se, war die Er­kun­dung des Stoff­li­chen und Sinn­li­chen ihm sein all und ei­nes ge­wor­den.

Nun hat­te er seit Jah­ren das Men­schen­le­ben fast ver­ges­sen und dass er einst auch ge­lacht und ge­zürnt, tö­richt und klug, froh und trau­rig ge­we­sen. Jetzt lach­te er nur, wenn un­ter sei­nen che­mi­schen Stof­fen al­ler­lei Ko­mö­di­en und un­er­war­te­te Ent­wick­lun­gen spiel­ten; jetzt wur­de er nur ver­drieß­lich, wenn er einen Rech­nungs­feh­ler mach­te, falsch be­ob­ach­te­te oder ein Glas zer­brach; jetzt fühl­te er sich nur klug und froh, wenn er bei sei­ner Ar­beit das große Schau­spiel mit­ge­noss, wel­ches den un­end­li­chen Reich­tum der Er­schei­nun­gen un­auf­halt­sam auf eine ein­fachs­te Ein­heit zu­rück­zu­füh­ren scheint, wo es heißt, im An­fang war die Kraft, oder so was.

Die mo­ra­li­schen Din­ge, pfleg­te er zu sa­gen, flat­tern oh­ne­hin ge­gen­wär­tig wie ein ent­färb­ter und her­un­ter­ge­kom­me­ner Schmet­ter­ling in der Luft; aber der Fa­den, an dem sie flat­tern, ist gut an­ge­bun­den, und sie wer­den uns nicht ent­wi­schen, wenn sie auch im­mer­fort die größ­te Lust be­zei­gen, sich un­sicht­bar zu ma­chen.

Jetzt aber war es ihm, wie ge­sagt, un­be­hag­lich zu­mut ge­wor­den; in der Be­sorg­nis um sei­ne Au­gen stell­te er sich alle die gu­ten Din­ge vor, wel­che man mit­tels der­sel­ben se­hen kön­ne, und un­ver­merkt misch­te sich dar­un­ter die mensch­li­che Ge­stalt, und zwar nicht in ih­ren zer­leg­ten Be­stand­tei­len, son­dern als Gan­zes, wie sie schön und lieb­lich an­zu­se­hen ist und wohl­lau­ten­de Wor­te hö­ren lässt. Es war ihm, als ob er so­gleich vie­le gute Wor­te hö­ren und dar­auf ant­wor­ten möch­te, und es ge­lüs­te­te ihn plötz­lich, auf das durch­sich­ti­ge Meer des Le­bens hin­aus­zu­fah­ren, das Schiff­lein im rei­zen­den Ver­su­che der Frei­heit da- oder dort­hin zu steu­ern, wo lieb­li­che Din­ge lock­ten. Aber es fiel ihm nicht der ge­rings­te An­halt, nicht das kleins­te Ver­hält­nis ein zur Übung mensch­li­cher Sit­te; er hat­te sich ver­ein­samt und fest­ge­rannt, es blieb still und dun­kel um ihn her, es ward ihm schwül und un­leid­lich, und er sprang auf und warf die Fens­ter­lä­den wie­der weit...

Erscheint lt. Verlag 1.7.2025
Reihe/Serie Klassiker bei Null Papier
Klassiker bei Null Papier
Verlagsort Neuss
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Schlagworte Freischärler • Kanton • Lyrik • Malerei • Schweiz • Stadtschreiber • Vormärz • Zürich
ISBN-10 3-96281-263-6 / 3962812636
ISBN-13 978-3-96281-263-8 / 9783962812638
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