G. F. Unger Sonder-Edition 127 (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5880-3 (ISBN)
Faye Garradine ist die Queen von Last Chance City. Abend für Abend reißt sie mit ihren schwermütigen Liedern die Besucher der Crystal Hall zu wilden Begeisterungsstürmen hin. Alle halten sie für die begehrenswerteste und glücklichste Frau der Welt. Keiner ihrer zahlreichen Bewunderer ahnt, dass sich Faye Garradine in einer verzweifelten Situation befindet. Denn Leroy Starretter, der Herrscher des Goldlandes, hat sie zu seinem willenlosen Werkzeug gemacht. Und die stolze Frau unterwarf sich ihm bedingungslos, um das Leben des Mannes zu retten, den sie liebt...
Vor einer Weile machten sie drinnen im Spielsaloon der Kabinen-Klasse eine Pause beim Poker. Er stopfte sich all die gewonnenen Chips in die Taschen und ging hinaus, um sich etwas »auszulüften«, Sauerstoff zu bekommen, einen klaren Kopf.
Es sind viele Chips, die er in den Taschen hat – Hundertdollar-Chips.
Eigentlich könnte er jubeln, mehr als zufrieden sein. Aber er macht sich so seine Sorgen, ob sie ihm die gewonnenen Chips hier auf diesem Schiff in Bargeld umwechseln werden. Ja, er macht sich berechtigte Sorgen.
Indes er so an der Reling steht, den Fluss rauschen hört längs der Schiffswand, da treten von zwei Seiten zwei Männer an ihn heran, lehnen sich rechts und links von ihm über die Reling wie er, nehmen mit ihren Oberarmen und Schultern fast Tuchfühlung zu ihm.
Im schwachen Schein der Deckslampen betrachtet er sie.
Oh, ja, er wird sich schnell über ihre Eigenschaft klar. Es sind »Bordpolizisten«, sozusagen die Rauswerfer dieses schwimmenden Saloons.
Einen hält er für einen ehemaligen Preiskämpfer, den anderen für einen Revolvermann. Sie sind ein gewiss gut aufeinander eingespieltes Partnergespann.
Und der Revolvermann, der an seiner linken Seite steht, der Luvseite, sagt mit dem Wind zu ihm: »Wir haben noch nicht herausgefunden, mit welchen Tricks du dein großes Glück machst, Bruder. Dabei kennen unsere Spieler alle Tricks – oder fast alle. So glauben sie. Doch du legst sie alle rein. Wenn du so weitermachst, wirst du noch das ganze Schiff gewinnen – mit allem, was drinnen ist. Ja glaubst du denn, wir von der Belle Mary lassen uns von einem solchen Burschen die Wolle scheren wie ein paar dämliche Hammel? Sag, Bruder, glaubst du das wirklich?«
Johnny Ringloke seufzt.
»Oooooh«, macht er, »ich glaube das natürlich nicht. Und ich kann euch ja auch eigentlich ganz gut verstehen. Aber …«
Er verstummt, denn er wird sich darüber klar, dass jedes Wort, was er nach diesem »Aber« sagen wollte, sinnlos sein würde.
Aber der Bursche an seiner Seite, der mit dem Wind zu ihm spricht, neigt sein Ohr dicht zu ihm.
»Sag es, sag es«, fordert er. »Sprich dich aus. Wir sind immer für ein Gespräch zu haben. Aber was also?«
»Ich habe ganz einfach eine Glücksträhne, wie man sie vielleicht nur einmal an einem bestimmten Tag oder in einer bestimmten Nacht im ganzen Leben hat«, sagt er. »Ich wende keine Tricks an, weil ich weiß, dass ich mit erstklassigen Profis spiele. Gewiss, ich bin kein schlechter Pokerspieler. Ich konnte mich bisher überall so behaupten, dass unter dem Strich immer etwas für mich übrig blieb. Doch solch eine Glücksträhne hatte ich noch nie. Du kannst es mir glauben, Bruder. Gegen mein Glück waren auch die Tricks eurer Spieler machtlos. Ja, wenn es so weitergeht, dann gewinne ich noch das ganze Schiff mit allem, was drauf ist. Und dann gehört auch ihr mir, nicht wahr?«
In seine Stimme kommt zuletzt ein Klang, der seine Worte klar als scherzhaft gemeint erkennen lässt, als Worte, die man nicht ernst nehmen sollte.
Doch der Revolvermann neben ihm schüttelt heftig den Kopf.
»Pass auf«, sagte er, »wir kommen dir entgegen. Du springst einfach über Bord. Dann tun wir so, als hätte es dich nie gegeben. Die Chips in deinen Taschen schenken wir dir – als Andenken sozusagen. Es ist ein nobles Angebot, denn du wirst nur ein wenig nass und bleibst sonst gesund. Und schwimmen wirst du doch wohl können oder?«
»Und wenn nicht?« Johnny Ringloke fragt es mit einem glucksenden Klang in der Kehle, der fast wie ein Lachen klingt.
»Dann wirst du es gewiss lernen im Strom.« Der Revolvermann lacht. »Wenn du die Luft anhältst, schwimmst du wie eine aufgeblasene Schweinsblase, hahaha!«
Johnny Ringloke hat seine Hände auf der Reling liegen, also schon etwa in Magenhöhe. Sein herumgezogener Haken kommt also fast ohne einen Ansatz, und er stößt in den aufgerissenen Mund des Revolvermannes, erstickt dessen Lachen, treibt ihm einige Zähne in die Kehle.
Denn diese Sache hier ist keine Auseinandersetzung zwischen Gentlemen.
Hier geht es um Leben oder Tod.
Johnny Ringloke weiß, dass er über Bord muss. Auf diesem Amüsierschiff kann er sich gewiss keine Minute mehr halten. Die harten Burschen hier nehmen nicht hin, dass ihnen ein hergelaufener Spieler – mag er Kartentricks anwenden oder eine Glücksträhne haben – die Kasse leert.
Er wird also über Bord müssen.
Doch zuerst muss er den Hartgesottenen der Belle Mary klarmachen, dass es nicht so einfach ist, ihm die Haut abzuziehen und ihn über Bord zu werfen.
Er gibt es dem Revolvermann also mit einem einzigen herumgezogenen Haken, hinter dem er bei der Drehung aus der Hüfte alle Kraft und Hebelwirkung setzt, wobei er fest auf den Planken steht. Der Mann hält sich nur noch an der Reling aufrecht.
Johnny Ringloke ist ein Mann von etwa hundertachtzig Pfund.
Er bückt sich, wirbelt gebückt herum und rammt dem Ex-Preisboxer, der bereits ins Leere schlägt, weil er nach Johnnys Kopf zielt, den angewinkelten Ellenbogen auf die Rippen, gleitet zur Seite und tritt zu. Er kämpft mit einer kalten Erbarmungslosigkeit, die aus der bitteren Gewissheit strömt, dass er gleich in den Fluss springen muss.
Der Ex-Preiskämpfer winselt und krümmt sich vor Schmerz. Denn der Tritt traf ihn an die empfindlichste Stelle. Für einen Moment macht er nicht mehr mit.
Johnny Ringloke springt wieder vor. Er umfasst den Revolvermann in Höhe der Oberschenkel, hebt ihn hoch und wirft ihn über Bord. Der Mann ist noch so benommen, dass er kaum Gegenwehr zustande bringt. Und es geht unwahrscheinlich schnell. Johnny Ringloke ist so schnell wie ein Wildkater.
Als er sich dem Ex-Preiskämpfer zuwendet, der am Boden hockt und sich den Unterleib hält, schnellt dieser hoch. Denn so schlecht es ihm auch geht, er hat die Gefahr erkannt. Er möchte nicht über Bord geworfen werden wie sein Partner.
Und er heult: »Lass das! Ich kann nicht schwimmen!«
»Aber du wirst es lernen«, faucht Johnny Ringloke zurück. »Dein Partner hat es gesagt! Luft anhalten! Dann schwimmst du wie eine aufgepustete Schweinsblase!«
Der Schläger wirft sich gegen ihn, doch er stößt ins Leere. Johnny Ringloke mag dreißig Pfund weniger wiegen als er. Doch er ist so schnell als würde er hundert Pfund leichter sein.
Er trifft den andern mit einem linken Schwinger unter dem Kinn und gibt ihm mit dem Knie einen so genannten »Pferdekuss« gegen den Oberschenkel, der den aufbrüllenden Mann »einbeinig« macht.
Aber er hält sich nun mit beiden Armen an der Reling fest, so fest, dass Ringloke ihn nicht über Bord bekommt.
Es bleibt ihm auch keine Zeit mehr, dies länger zu versuchen.
Denn die beiden Kerle – von denen einer ja schon über Bord ist – bekommen nun Hilfe. Aus beiden Richtungen kommen Helfer herangestürmt.
Johnny Ringloke flucht wild und grimmig.
Er hechtet über Bord – und er fällt etwa sechs Yard tief, bis er in den Fluss eintaucht. Und bevor sich die Wellen schützend über ihm schließen, bekommt er noch etwas mit auf den Weg.
Es ist ein blitzendes Wurfmesser, welches einer der zu spät gekommenen Männer der Besatzung wirft. Es folgt ihm, holt ihn ein und steckt in seinem Rücken.
Dann schließen sich die Flusswellen über ihm. Er spürt den Schmerz noch gar nicht, sondern bemüht sich, unter Wasser mit kräftigen Stößen vom Schiff wegzukommen, um nicht in den gewaltigen Sog und Strudel des mächtigen Heckschaufelrades zu geraten.
Erst als er endlich wieder auftaucht, spürt er das Messer im Rücken. Er greift mit der rechten Hand über seine linke Schulter hinweg und bekommt es zu fassen. Es sitzt ziemlich hoch in der Schulter, auch etwas schräg. Er zieht es mit einem Ruck heraus, und die Wellen des Flusses, aufgewühlt noch vom Schaufelrad, begraben ihn immer wieder unter sich.
Er bekommt nur selten Luft und schluckt einige Male tüchtig Wasser.
Als er dann endlich schwimmt, spürt er den Schmerz der Messerwunde.
Und er weiß auch, dass sein Blut sich nun mit dem Wasser des Flusses vereinigt.
Die Strömung trägt ihn schnell abwärts.
Er erinnert sich an die kleine Stadt, deren Lichter er vorhin in der Nacht am Ostufer des Missouris sah.
Und wenn er nicht will, dass der Strom ihn vorbeiträgt, muss er jetzt schräg dagegen anschwimmen.
Er fragt sich, ob er drüben auf den Revolvermann stoßen wird, den er über Bord warf. Er wird ihn nicht zuletzt an seinem zerschlagenen Mund und den frischen Zahnlücken erkennen können.
Die Wellen des Flusses bei diesem Wind sind hoch, höher als ein halbes Yard. Und das Wasser ist kalt, erbärmlich kalt. Dort oben im Norden – in Montana –, ist schon fast Winter, zumindest später Herbst. Die Indianer nennen diese Zeit »Monat der fallenden Blätter«.
Johnny Ringloke denkt daran, indes er schwimmt und so schnell wie möglich das Ufer zu erreichen versucht, dass er zwar die Taschen voller Chips hat, aber kein Geld. Denn sein Geld hatte er in Chips umgetauscht, um genügend Spielkapital zu haben.
Er hätte niemals geglaubt, dass ein so nobles Saloon- und Amüsierschiff, welches von Saint Louis aus bis nach Pierre in South Dakota fährt, nichts anderes als eine schwimmende Räuberhöhle ist, vergleichbar mit einem Tingeltangel in einer wilden Goldgräberstadt ohne Gesetz, in der man ungeschoren die Hammel scheren kann.
Auf der Belle Mary wurde man verwöhnt, bedient, erhielt man Freundlichkeit und...
| Erscheint lt. Verlag | 23.12.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | G. F. Unger Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Geschichte • Abenteuer-Roman • Abenteurer • alfred bekker • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Bestseller • Cassidy • Cora • Country • Cowboy • Deutsch • Die Abenteurer • eBook • eBooks • Erwachsene • Exklusiv • für • g f barner • G. F. Barner • G. F. Unger • Groschenheft • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Indianer • Jugend • Karl May • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • Lassiter • Liebesroman • Männer • Mira • Neuerscheinung • Neuerscheinungen • Pulp • Pulp Ficition • Reihe • Ringo • Romanheft • Roman-Heft • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Western • western-bestseller • western country exklusiv • western deutsch • Western ebooks deutsch • western ebooks deutsch kindle • western exklusiv • Western-reihe • Western-roman • Westernroman • Westernromane • Western-Serie • western serie deutsch • Wilder Westen • Winnetou • Wyatt Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-5880-0 / 3732558800 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5880-3 / 9783732558803 |
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