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Von dazumal (eBook)

Erzählungen

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 3., Überarbeitete Fassung
249 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-245-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Von dazumal - Isolde Kurz
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Neue Deutsche Rechtschreibung Isolde Kurz ist auch heute noch eine ambivalente Schriftstellerin. Schon in jungen Jahren selbstständig als Autorin und Übersetzerin, war sie eine Seltenheit im wilhelminischen Deutschland. Später jedoch geriet sie wegen ihres Schweigens im Dritten Reich und ihrer altmodischen Sprache in Kritik. Hervorzuheben sind ihre Werke 'Vanadis' und 'Florentiner Novellen'. Isolde Kurz wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden. Null Papier Verlag

Isolde Maria Klara Kurz (21.12.1853-06.04.1944) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Schon früh wurde sie mit den Schriften der klassischen Antike bekannt und arbeitete in jungen Jahren als Übersetzerin. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden.

Isolde Maria Klara Kurz (21.12.1853–06.04.1944) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Schon früh wurde sie mit den Schriften der klassischen Antike bekannt und arbeitete in jungen Jahren als Übersetzerin. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden.

Es und ich.
Nachbars Werner
Das Vermächtnis der Tante Susanne.
Werters Grab.
Der Reisesack.
Der Aktiengarten.
Die Reise nach Tripstrill.

Es und ich.


Es gibt eine Gott­heit, die von Al­len ge­sucht wird, und die im­mer un­er­kannt über die Erde geht. Sie ist von un­be­greif­lich flüch­ti­ger Sub­stanz, und ihr We­sen zeigt sich nur im im­mer­wäh­ren­den Ver­ste­ckens­spie­len und sich Ver­klei­den; ihre wah­re Ge­stalt hat kein Sterb­li­cher je­mals ge­se­hen. Men­schen und Völ­ker setzt sie in Be­we­gung und ras­tet nie­mals. – Da sie kei­nen si­che­ren Na­men hat, habe ich sie Es ge­nannt.

Man hal­te es nicht für An­ma­ßung, dass ich Es und mich in ei­nem Atem nen­ne, denn wir bei­de ge­hö­ren un­zer­trenn­lich zu­sam­men. Habe ich doch Es nie an­ders als in Ver­bin­dung mit mir ge­kannt und kann mir gar nicht vor­stel­len, wie Es aus­se­hen wür­de, wenn ich nicht wäre. Hin­wie­der­um exis­tie­re ich nur in Be­zie­hung auf Es, und wenn ich von mei­nen Er­leb­nis­sen re­den will, kann ich nicht an­ders sa­gen als: Es und ich.

Ich er­in­ne­re mich ganz ge­nau: mein ers­ter Be­griff, als ich den­ken lern­te, und, noch ehe ich den­ken konn­te, mei­ne ers­te Vor­stel­lung war Es. Nie­mand hat­te mir je da­von ge­sagt, aber ich wuss­te, dass Es vor­han­den ist, ich hat­te die­se Kennt­nis aus dem Mut­ter­lei­be mit­ge­bracht.

Im­mer, wo es recht merk­wür­dig und ge­heim­nis­voll aus­sah, da such­te ich Es. Wenn ir­gend­wo ein ro­tes Lämp­chen brann­te, blieb ich ste­hen, um auf Es zu war­ten. Hin­ter dem Zelt­tuch wan­dern­der Zi­geu­ner saß Es ger­ne, doch woll­te man mir nie er­lau­ben, das Tuch zu lüp­fen.

Zum ers­ten Mal er­kann­te ich Es leib­haft in der Ge­stalt ei­nes Koch­löf­fels. Den hat­te ich ganz neu aus der Kü­che ent­wen­det und in ei­nem Nes­sel­busch ver­steckt, denn ich woll­te für mich und den Bru­der ein Häu­schen un­ter der Erde bau­en, zu dem die Gro­ßen kei­nen Zu­tritt ha­ben soll­ten. Um es ein­zu­rich­ten brauch­te ich ver­schie­de­ne Din­ge, vor al­lem den be­wuss­ten Koch­löf­fel. Zu­wei­len zog ich ihn heim­lich aus dem Ver­steck her­vor und schwelg­te in sei­nem An­blick. Es war ein Zau­ber­stab, denn so­bald ich ihn in Hän­den hielt, war das Häu­schen schon fer­tig mit vie­len nied­li­chen blitz­blan­ken Sä­chel­chen drin; es hat­te ein Dach aus Erde, über dem der Nes­sel­busch wuchs, und eine ganz klei­ne Kü­che, in der ich für mich und den Bru­der koch­te. Ei­nes Ta­ges aber fand mich die Kö­chin bei mei­nem Schatz, er­grimmt ent­riss sie mir den Löf­fel, nach dem sie lan­ge ge­sucht hat­te, und au­gen­blick­lich ver­sank das Häu­schen mit al­lem was drin war in den Bo­den. Spä­ter wur­de mir zwar auf Be­fehl der Mut­ter der Löf­fel zu­rück­ge­ge­ben, aber jetzt war er nur noch ein Stück Holz, und ich konn­te das wun­der­ba­re Häu­schen nie­mals wie­der auf­bau­en.

Ich kann mich nicht mehr an all die ver­mie­de­nen Ge­stal­ten er­in­nern, in de­nen Es da­nach mir wie­der er­schi­en. In ver­schnür­ten und ver­sie­gel­ten Schach­teln, die der Post­bo­te brach­te, war sein Lieb­lings­auf­ent­halt, aber re­gel­mä­ßig beim Öff­nen ent­flog es.

Bei Nacht war Es mir meis­tens ganz nahe. Ich lag in mei­nem Bett­chen, auf dem Tisch brann­te ein Nacht­licht, und die Gro­ßen spra­chen mit ge­dämpf­ter Stim­me. Da­bei wur­de mir selt­sam ah­nungs­voll zu Mut, und nun be­gann das Licht­lein zu fla­ckern und gab im Aus­ge­hen ein pras­seln­des Geräusch von sich, das die Wär­te­rin »sprat­zeln« nann­te. Die­ses »Sprat­zeln« war wie ein Si­gnal, ich wuss­te: jetzt geht so­gleich die Türe auf, und her­ein kommt Es. Doch im Au­gen­blick, wo das ge­sch­ah, war ich auch schon ein­ge­schla­fen, des­halb konn­te ich Es nie­mals von An­ge­sicht se­hen. Aber noch jetzt, wenn es mir ge­le­gent­lich bei­kommt, ein Nacht­licht bren­nen zu las­sen, und ich wa­che in tiefer Nacht an dem Ge­sprat­zel auf, so ist mir’s, als sei jetzt Es so­eben durchs Zim­mer ge­gan­gen.

Un­ter dem Weih­nachts­bau­me habe ich Es wohl des öf­te­ren leib­haft sit­zen se­hen, aber wäh­rend die Lich­ter ab­brann­ten, schlich es still hin­aus. Da­ge­gen wohn­te es in der Wo­che vor Weih­nach­ten stän­dig im Hau­se, nur durf­te man es als­dann nicht se­hen. Es stak in ab­ge­schlos­se­nen Schub­la­den, aus de­nen zu­wei­len ein End­chen Gold­fa­den oder ein Fet­zen bun­ten Sei­den­zeugs her­aus­hing, man ahn­te sei­ne Nähe hin­ter der Schrank­tür, wo beim Auf- und Zu­ma­chen Gold und Sil­ber­f­lit­ter knis­ter­ten, aber woll­te man Es durch einen Tür­spalt oder ein Schlüs­sel­loch be­lau­schen, so wur­de man von den Gro­ßen är­ger­lich weg­ge­sto­ßen.

Ge­duld, dach­te ich, spä­ter, wenn ich groß bin, wird Es be­stän­dig um mich sein. Dies war eine un­um­stöß­li­che Ge­wiss­heit; wie Es aus­se­hen soll­te, frag­te ich mich nicht, aber kom­men muss­te Es.

Ein äu­ße­rer Um­stand gab der Vor­stel­lung mit der Zeit eine be­stimm­te­re Rich­tung. Ein Freund der Fa­mi­lie, der in Smyr­na wohn­te, schick­te all­jähr­lich um die­sel­be Zeit ein Kist­chen voll ge­trock­ne­ter Fei­gen nebst ei­ni­gen Fläsch­chen Ro­sen­öl, die mit Gold­buch­sta­ben be­malt wa­ren. In die­sem Kist­chen zwar wohn­te Es nie­mals, wir wuss­ten zu ge­nau im Voraus, was es ent­hielt und so­gar wie es ver­packt war. Aber das Kist­chen er­reg­te ent­zücken­de Bil­der von dem Land, das sol­che Herr­lich­kei­ten her­vor­brach­te. Und wenn Es fort­an dar­auf be­stand, sich nicht zu zei­gen, so trös­te­te ich mich, es müs­se wohl jen­seits ei­nes wei­ten Mee­res in Smyr­na sein.

Welch ein selt­sa­mes Ge­sicht ma­chen doch zu­wei­len die Buch­sta­ben, wenn sie zu ei­nem Na­men zu­sam­men­tre­ten. Es ist als sehe man durch eine un­end­li­che Tie­fe in das in­ners­te We­sen der Din­ge hin­ein. Ich neh­me es kei­nem übel, wenn er sich in den wohl­klin­gen­den Na­men ei­nes Mäd­chens ver­liebt.

Ähn­lich er­ging es mir mit Smyr­na, und aus tiefer, an­däch­ti­ger Be­wun­de­rung ver­mied ich es, den Na­men zu nen­nen. Aber jen­seits un­se­res Flus­ses lag eine Ort­schaft, wel­che Sir­nau hieß – ich habe sie, ne­ben­bei ge­sagt, nie­mals ge­se­hen. – Um Smyr­na nicht zu pro­fa­nie­ren, re­de­te ich, wo ich nur konn­te, von Sir­nau. Den Wald­strei­fen zwi­schen je­ner Ort­schaft und dem Fluss nann­te man das Sir­nau­er Wäld­chen. Im Som­mer führ­ten un­se­re Wär­te­rin­nen uns zu­wei­len dort hin­über. Der Fluss rann an die­ser Stel­le ganz seicht über sil­ber­hel­le Kie­sel, die Mäd­chen brauch­ten nur ihre Rö­cke zu schür­zen, um hin­durch zu wa­ten, uns Klei­nen zog man ein­fach die Klei­der aus. Die­sen Wald­bo­den be­trat ich nie ohne ent­zück­ten Schau­er, als ob es ein hei­li­ger Grund wäre, denn ei­ni­ge Ähn­lich­keit, dach­te ich, müs­se Sir­nau doch mit Smyr­na ha­ben. Ein­mal zeig­te man mir dort ein Eich­hörn­chen, das an ei­ner Ei­chel knap­per­te, und als­bald be­völ­ker­te mei­ne Fan­ta­sie ganz Smyr­na mit Eich­hörn­chen, die auf schlan­ken glä­ser­nen Tür­men sa­ßen und Fei­gen her­un­ter­war­fen, kla­re Flüs­se, die nach Ro­sen­öl duf­te­ten, ran­nen da­ne­ben, und dies war Es.

Die Stre­cke bis ins zehn­te Jahr war un­end­lich; als ich ein­mal die be­rühm­te Null er­reicht hat­te, kam die gan­ze Sa­che ins Rol­len. Ich lach­te jetzt über Smyr­na und die Eich­hörn­chen, wie ich schon frü­her über den Koch­löf­fel ge­lacht...

Erscheint lt. Verlag 1.7.2025
Reihe/Serie Klassiker bei Null Papier
Klassiker bei Null Papier
Verlagsort Neuss
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Schlagworte Adel • Adolf Friedrich von Schack • Betrug • Doge • Dogen • Emanuel Geibel • Felix Dahn • Franz von Kobell • Friedrich Bodenstedt • Gondel • Hermann Lingg • Italien • Kaiser • König • Paul Heyse • Robert von Hornstein • Tyrannei • Untergang • Verrat • Wilhelm Heinrich Riehl • Wilhelm Hertz
ISBN-10 3-96281-245-8 / 3962812458
ISBN-13 978-3-96281-245-4 / 9783962812454
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