Von dazumal (eBook)
249 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-245-4 (ISBN)
Isolde Maria Klara Kurz (21.12.1853-06.04.1944) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Schon früh wurde sie mit den Schriften der klassischen Antike bekannt und arbeitete in jungen Jahren als Übersetzerin. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden.
Isolde Maria Klara Kurz (21.12.1853–06.04.1944) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Schon früh wurde sie mit den Schriften der klassischen Antike bekannt und arbeitete in jungen Jahren als Übersetzerin. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden.
Es und ich.
Nachbars Werner
Das Vermächtnis der Tante Susanne.
Werters Grab.
Der Reisesack.
Der Aktiengarten.
Die Reise nach Tripstrill.
Es und ich.
Es gibt eine Gottheit, die von Allen gesucht wird, und die immer unerkannt über die Erde geht. Sie ist von unbegreiflich flüchtiger Substanz, und ihr Wesen zeigt sich nur im immerwährenden Versteckensspielen und sich Verkleiden; ihre wahre Gestalt hat kein Sterblicher jemals gesehen. Menschen und Völker setzt sie in Bewegung und rastet niemals. – Da sie keinen sicheren Namen hat, habe ich sie Es genannt.
Man halte es nicht für Anmaßung, dass ich Es und mich in einem Atem nenne, denn wir beide gehören unzertrennlich zusammen. Habe ich doch Es nie anders als in Verbindung mit mir gekannt und kann mir gar nicht vorstellen, wie Es aussehen würde, wenn ich nicht wäre. Hinwiederum existiere ich nur in Beziehung auf Es, und wenn ich von meinen Erlebnissen reden will, kann ich nicht anders sagen als: Es und ich.
Ich erinnere mich ganz genau: mein erster Begriff, als ich denken lernte, und, noch ehe ich denken konnte, meine erste Vorstellung war Es. Niemand hatte mir je davon gesagt, aber ich wusste, dass Es vorhanden ist, ich hatte diese Kenntnis aus dem Mutterleibe mitgebracht.
Immer, wo es recht merkwürdig und geheimnisvoll aussah, da suchte ich Es. Wenn irgendwo ein rotes Lämpchen brannte, blieb ich stehen, um auf Es zu warten. Hinter dem Zelttuch wandernder Zigeuner saß Es gerne, doch wollte man mir nie erlauben, das Tuch zu lüpfen.
Zum ersten Mal erkannte ich Es leibhaft in der Gestalt eines Kochlöffels. Den hatte ich ganz neu aus der Küche entwendet und in einem Nesselbusch versteckt, denn ich wollte für mich und den Bruder ein Häuschen unter der Erde bauen, zu dem die Großen keinen Zutritt haben sollten. Um es einzurichten brauchte ich verschiedene Dinge, vor allem den bewussten Kochlöffel. Zuweilen zog ich ihn heimlich aus dem Versteck hervor und schwelgte in seinem Anblick. Es war ein Zauberstab, denn sobald ich ihn in Händen hielt, war das Häuschen schon fertig mit vielen niedlichen blitzblanken Sächelchen drin; es hatte ein Dach aus Erde, über dem der Nesselbusch wuchs, und eine ganz kleine Küche, in der ich für mich und den Bruder kochte. Eines Tages aber fand mich die Köchin bei meinem Schatz, ergrimmt entriss sie mir den Löffel, nach dem sie lange gesucht hatte, und augenblicklich versank das Häuschen mit allem was drin war in den Boden. Später wurde mir zwar auf Befehl der Mutter der Löffel zurückgegeben, aber jetzt war er nur noch ein Stück Holz, und ich konnte das wunderbare Häuschen niemals wieder aufbauen.
Ich kann mich nicht mehr an all die vermiedenen Gestalten erinnern, in denen Es danach mir wieder erschien. In verschnürten und versiegelten Schachteln, die der Postbote brachte, war sein Lieblingsaufenthalt, aber regelmäßig beim Öffnen entflog es.
Bei Nacht war Es mir meistens ganz nahe. Ich lag in meinem Bettchen, auf dem Tisch brannte ein Nachtlicht, und die Großen sprachen mit gedämpfter Stimme. Dabei wurde mir seltsam ahnungsvoll zu Mut, und nun begann das Lichtlein zu flackern und gab im Ausgehen ein prasselndes Geräusch von sich, das die Wärterin »spratzeln« nannte. Dieses »Spratzeln« war wie ein Signal, ich wusste: jetzt geht sogleich die Türe auf, und herein kommt Es. Doch im Augenblick, wo das geschah, war ich auch schon eingeschlafen, deshalb konnte ich Es niemals von Angesicht sehen. Aber noch jetzt, wenn es mir gelegentlich beikommt, ein Nachtlicht brennen zu lassen, und ich wache in tiefer Nacht an dem Gespratzel auf, so ist mir’s, als sei jetzt Es soeben durchs Zimmer gegangen.
Unter dem Weihnachtsbaume habe ich Es wohl des öfteren leibhaft sitzen sehen, aber während die Lichter abbrannten, schlich es still hinaus. Dagegen wohnte es in der Woche vor Weihnachten ständig im Hause, nur durfte man es alsdann nicht sehen. Es stak in abgeschlossenen Schubladen, aus denen zuweilen ein Endchen Goldfaden oder ein Fetzen bunten Seidenzeugs heraushing, man ahnte seine Nähe hinter der Schranktür, wo beim Auf- und Zumachen Gold und Silberflitter knisterten, aber wollte man Es durch einen Türspalt oder ein Schlüsselloch belauschen, so wurde man von den Großen ärgerlich weggestoßen.
Geduld, dachte ich, später, wenn ich groß bin, wird Es beständig um mich sein. Dies war eine unumstößliche Gewissheit; wie Es aussehen sollte, fragte ich mich nicht, aber kommen musste Es.
Ein äußerer Umstand gab der Vorstellung mit der Zeit eine bestimmtere Richtung. Ein Freund der Familie, der in Smyrna wohnte, schickte alljährlich um dieselbe Zeit ein Kistchen voll getrockneter Feigen nebst einigen Fläschchen Rosenöl, die mit Goldbuchstaben bemalt waren. In diesem Kistchen zwar wohnte Es niemals, wir wussten zu genau im Voraus, was es enthielt und sogar wie es verpackt war. Aber das Kistchen erregte entzückende Bilder von dem Land, das solche Herrlichkeiten hervorbrachte. Und wenn Es fortan darauf bestand, sich nicht zu zeigen, so tröstete ich mich, es müsse wohl jenseits eines weiten Meeres in Smyrna sein.
Welch ein seltsames Gesicht machen doch zuweilen die Buchstaben, wenn sie zu einem Namen zusammentreten. Es ist als sehe man durch eine unendliche Tiefe in das innerste Wesen der Dinge hinein. Ich nehme es keinem übel, wenn er sich in den wohlklingenden Namen eines Mädchens verliebt.
Ähnlich erging es mir mit Smyrna, und aus tiefer, andächtiger Bewunderung vermied ich es, den Namen zu nennen. Aber jenseits unseres Flusses lag eine Ortschaft, welche Sirnau hieß – ich habe sie, nebenbei gesagt, niemals gesehen. – Um Smyrna nicht zu profanieren, redete ich, wo ich nur konnte, von Sirnau. Den Waldstreifen zwischen jener Ortschaft und dem Fluss nannte man das Sirnauer Wäldchen. Im Sommer führten unsere Wärterinnen uns zuweilen dort hinüber. Der Fluss rann an dieser Stelle ganz seicht über silberhelle Kiesel, die Mädchen brauchten nur ihre Röcke zu schürzen, um hindurch zu waten, uns Kleinen zog man einfach die Kleider aus. Diesen Waldboden betrat ich nie ohne entzückten Schauer, als ob es ein heiliger Grund wäre, denn einige Ähnlichkeit, dachte ich, müsse Sirnau doch mit Smyrna haben. Einmal zeigte man mir dort ein Eichhörnchen, das an einer Eichel knapperte, und alsbald bevölkerte meine Fantasie ganz Smyrna mit Eichhörnchen, die auf schlanken gläsernen Türmen saßen und Feigen herunterwarfen, klare Flüsse, die nach Rosenöl dufteten, rannen daneben, und dies war Es.
Die Strecke bis ins zehnte Jahr war unendlich; als ich einmal die berühmte Null erreicht hatte, kam die ganze Sache ins Rollen. Ich lachte jetzt über Smyrna und die Eichhörnchen, wie ich schon früher über den Kochlöffel gelacht...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Klassiker bei Null Papier | Klassiker bei Null Papier |
| Verlagsort | Neuss |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | Adel • Adolf Friedrich von Schack • Betrug • Doge • Dogen • Emanuel Geibel • Felix Dahn • Franz von Kobell • Friedrich Bodenstedt • Gondel • Hermann Lingg • Italien • Kaiser • König • Paul Heyse • Robert von Hornstein • Tyrannei • Untergang • Verrat • Wilhelm Heinrich Riehl • Wilhelm Hertz |
| ISBN-10 | 3-96281-245-8 / 3962812458 |
| ISBN-13 | 978-3-96281-245-4 / 9783962812454 |
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