Weidfraus Tod (eBook)
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99070-145-4 (ISBN)
Michael Stradal wurde am 8. März 1942 in Wien geboren, besuchte das Gymnasium und die Handelsakademie in Krems/Donau und begann nach Beendigung des Militärdienstes das Betriebswirtschaftsstudium an der Hochschule für Welthandel und ein Orgelstudium am Konservatorium der Stadt Wien. 1967, nach der Graduierung zum Diplomkaufmann, begann er seine berufliche Tätigkeit in einer Steuerberatungskanzlei, wechselte später in mehrere Unternehmen der Privatindustrie, wo er in verschiedenen leitenden Positionen im Rechnungs- Prüfungs- und EDV-Wesen bis zu seiner Pensionierung erfolgreich tätig war. Seine Liebe zur Literatur wurde schon sehr früh durch seinen Onkel, den bekannten Schriftsteller Otto Stradal, geweckt und er verfasste ab den späten 80iger Jahren zunächst zahlreiche Kriminalroman ähnliche Musikernovellen. Daneben entstanden teils humorvolle, teils skurrile Kurzgeschichten, ehe sich ganz dem Kriminalroman verschrieb. 2016 wurde 'JEM - Tod am Altar' mit einem namhaften Preis in der Schweiz ausgezeichnet. Seine besondere Liebe gilt den 'Gänsehautgeschichten', welche weder dem Genre 'Grusel' noch 'Fantasie' oder 'Mystery' zuzurechnen sind und in denen er seiner überbordenden Fantasie gerne freien Lauf lässt. Michael Stradal war mehrere Jahre als Präsidiumsmitglied im Österreichischen Schriftstellerverband tätig, in PEN-Club Mitglied und gehört zahlreichen anderen Literaturvereinigungen an. Wenn er nicht gerade schreibt, liest oder musiziert, widmet er sich seiner Familie, dem Wandern, dem Tennisspiel und dem Haus in seiner Zweitheimat Gröbming/Stmk
Herr Gattermann kommt heim
Plötzlich war lautes Rufen und Lärm zu hören. Ich ging in den Vorraum und blickte hinaus, konnte aber nur ein heftiges Durcheinander vor dem Haus erkennen. Ein Polizist näherte sich einem dunklen Wagen, der vergeblich versuchte, zwischen den vielen Neugierigen durchzufahren, und deutete ihm gestikulierend, stehen zu bleiben.
Das Auto hielt an. Ein Mann sprang heraus.
„Das ist Herr Gattermann!“, raunte mir Michael Spundt zu, der hinter mir nachgekommen war. „Mein Gott, der Ärmste!“
„Ich brauche jetzt das Büro Ihrer Frau, Herr Spundt. Bitte begeben Sie sich wieder ins Besprechungszimmer. Ich muss mit Herrn Gattermann alleine sprechen. Dem Manne steht ja Schlimmes bevor.“
Damit lief ich auf die Straße, wo der Polizist eben noch versuchte, Herrn Gattermann klar zu machen, dass er nicht mitten auf der Fahrbahn stehen bleiben könne.
Ich hielt ihn am Arm zurück.
„Ist schon in Ordnung, Herr Inspektor“, sagte ich. „Ich übernehme das!“
Arnold Gattermann, nicht dick, nicht dünn, nicht alt, aber auch nicht mehr jung, etwas nachlässig gekleidet, versuchte mich brüsk zur Seite zu schieben, als ich mich ihm in den Weg stellte. Er war sehr aufgeregt.
„Lassen Sie mich da gefälligst vorbei, Herr!“, rief er. „Ich wohne hier. Im Haus ist eingebrochen worden. Ich muss zu meiner Frau!“
Ich stellte mich neuerlich in den Weg.
„Ich bin Kriminalkommissar Schrempf“, sagte ich rasch und ergriff seinen Arm. „Ich begleite Sie ins Haus, muss Sie aber bitten, vorerst ins Büro zu kommen.“
Er hatte sich energisch losgerissen und lief zum Haustor.
„Silli!“, rief er. „Da bin ich! Wo bist du?“
Ich hatte ihn rasch eingeholt und verstellte den Hauseingang.
„Bitte beruhigen Sie sich, Herr Gattermann“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, obwohl ich nur zu gut wusste, dass dies bei jemandem in Angst und Panik nur schwer möglich ist. „Kommen Sie bitte mit mir ins Büro.“
Er starrte mich verständnislos an. Offenbar realisierte er erst jetzt, dass ich mich als Kriminalkommissar vorgestellt hatte.
„Wieso denn Kriminal?“, fragte er erstaunt. „Was wollen eigentlich Sie hier? Bei uns ist eingebrochen worden. Lassen Sie mich gefälligst in mein Haus! Wo ist meine Frau? – Was macht die Feuerwehr hier? Und der Doktor Reischberger? Ist meine Frau gar verletzt worden?“
Er war völlig außer sich. Alles sprudelte aus ihm heraus, während er heftig ins Haus drängte und ich dabei trachtete, ihn ins Büro von Frau Spundt zu bugsieren.
„Bitte nehmen Sie vorläufig hier Platz“, forderte ich ihn auf, als wir nach heftigem Geschiebe endlich drinnen waren.
Arnold Gattermann ließ sich nach einigem Widerstand mit verständnislosem Blick in einen Sessel fallen. Rasch zog ich einen zweiten heran und platzierte mich ihm gegenüber.
„Es tut mir aufrichtig leid“, sagte ich mit ernster Miene, „Ihnen eine bedauerliche, ja leider eine sehr schlimme Mitteilung machen zu müssen!“
„Was ist passiert?“, fragte er tonlos. „Ist meiner Frau etwas zugestoßen? So reden Sie doch!“
Ich nickte langsam. „Ja, Herr Gattermann. Sie müssen jetzt sehr stark sein. Es ist etwas sehr Schlimmes passiert. Ihre Frau ist tot.“
„Nein!“, schrie er auf. „Das gibt es doch nicht! Wieso denn – ich verstehe das nicht – ich bin angerufen worden, weil eingebrochen wurde – was ist denn passiert –“
„Es kommt leider noch schlimmer“, setzte ich fort, ohne auf seinen Ausbruch zu achten. Was sein muss, musste jetzt sein. Anschließend natürlich alles Verständnis und viel Geduld, bis er den ersten Schock einigermaßen überwunden hat.
„Ihre Gattin ist allem Anschein nach einem Raubmord zum Opfer gefallen. Wahrscheinlich in der Nacht von gestern auf heute.“ So, jetzt war es gesagt.
Gattermann richtete sich auf und starrte mich fassungslos an.
„Was sagen Sie? Raubmord? Das ist nicht wahr!!! Silli! Oh Gott!!“ Sein Ausbruch erstarb in einem gurgelnden Geräusch. Er sackte in sich zusammen und vergrub den Kopf in den Händen. „Silli!“, wimmerte er nur. „Um Gottes Willen, Silli! Warum hast du nicht aufgepasst...“
Aufgepasst? Noch ehe ich dies hinterfragen konnte, ereilte mich das Pech. Das Pech zu Lasten des bedauernswerten Herrn Gattermann. Die Bürotür war nämlich offengeblieben und dort stand plötzlich mein Freund Charly von der Spurensicherung.
„Wir sind jetzt oben fertig, Toni!“, sagte er lässig. „Handy haben wir leider keines gefunden. Wir ziehen ab und die Hübsche wird auch gleich mitgenommen!“
Gattermanns Kopf schnellte in die Höhe. Er starrte auf den Spurensicherer. Und genau in diesem Moment wurde der Metallsarg mit seiner Frau vorbeigetragen.
Mit einem Schrei sprang er auf und rannte zur Tür.
„Neiiiiiiin!“, schrie er verzweifelt. „Halt! Silliiiiiiii!“
Charly und ich konnten ihn gerade noch festhalten, ehe er den Sarg erreichen konnte.
„Ich will sie sehen“, schrie er wie von Sinnen und zerrte wütend an unseren Händen. „Lassen Sie mich los!“
„Das ist kein schöner Anblick, mein Herr“, sagte Charly mit beruhigender Stimme. „Sie werden Ihre Frau bald sehen können. Aber momentan geht das noch nicht!“
„Ich will aber –“. Sein Gezerre an unseren Armen hörte plötzlich auf, seine Knie knickten ein und er brach zusammen.
Ich konnte ihn gerade noch auffangen und Charly bitten, er möge den Arzt hereinholen, der ja noch in der Nähe war. Wir betteten den Bedauernswerten auf eine Bank im Vorraum und lagerten seine Beine hoch. Doktor Reischberger verständigte nach einer schnellen Untersuchung den Notarzt, der nach kurzer Zeit mit Folgehorngetön vor dem Haus hielt. Er und seine Mannschaft waren sofort routiniert unterwegs. Weiße Behälter wurden geöffnet, geübte Handgriffe holten die notwendigen Hilfsmittel hervor, eine Infusionsflasche wurde in die Höhe gehalten – Herr Gattermann wurde gut versorgt. Er hatte es auch nötig. Sein Gesicht war aschfahl, Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
Als er sich einigermaßen erholt hatte, wurde er ins Spital nach Schladming gebracht.
Nun wollte ich das Gespräch mit den Mitarbeitern der Kanzlei bald zu Ende bringen. Das war nicht leicht, denn alle standen jetzt auch unter dem Eindruck des Zusammenbruchs von Herrn Gattermann. Es dauerte lange, bis man sich wieder beruhigt hatte und ich weitere Fragen stellen konnte.
„Ist Ihnen bekannt“, begann ich behutsam, „ob Frau Gattermann in der Wohnung wertvollen Schmuck aufbewahrt hat?“
„Wertvollen Schmuck?“ Frau Spundt verzog geringschätzig den Mund. „Sicher hat die Chefin Schmuck, wie jede Frau, nicht? Zumindest hat sie nie viel Schmuck getragen. Nur die dünne Goldkette mit dem Sternanhänger. Uhr, Armband, ja schon, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das so besonders wertvolle Sachen sind.“
Ich öffnete die Bildergalerie auf meinem Smartphone und betrachtete eines jener Fotos, die ich von der toten Frau Gattermann gemacht hatte. Darauf war keine Halskette zu sehen. Nur die furchtbare Würgespur.
,Der Kerl hat wirklich alles mitgenommen‘, dachte ich erbittert. „Es liegen oben nämlich leere Schmuckschachteln und Schatullen herum“, erläuterte ich.
„Den Schmuck haben‘s gestohlen!“, nickte Michael Spundt. „Also deshalb der Einbruch!“
Frau Spundt tippte mir vorsichtig auf den Arm.
„Da fällt mir ein, dass Frau Gattermann doch ein sehr wertvolles Schmuckstück besitzen müsste. Einen Ring nämlich. Einen weißgoldenen Ring mit einem Brillanten. Der hat sicher einen Haufen Geld gekostet.“
Ich schürzte anerkennend die Lippen.
„Gut, dass Sie sich daran erinnern. Können Sie diesen Ring näher beschreiben? Das wäre wichtig. Vielleicht taucht er irgendwo am Schwarzmarkt auf.“
Doch Frau Spundt schüttelte den Kopf.
„Nein, leider. Ich selbst habe diesen Ring nie gesehen. Aber mein Mann hat ihn gesehen. Er hat mir ja davon erzählt, nicht, Michael?“
Michael Spundt runzelte die Stirn.
„Ich wüsste jetzt nicht, wann ich dir von einem Ring erzählt haben könnte, Gabischatz!“
„Aber ja, Michael! Denk nach! Du hast mir ja noch gesagt, wie gut dir dieser Ring gefallen hat.“
Michael Spundt dachte angestrengt nach. Dann hellte sich sein Gesicht plötzlich auf.
„Ach so, ja, den meinst du. Jetzt erinnere ich mich.“
Ich reichte ihm meinen Notizblock und den Stift.
„Würden Sie diesen Ring bitte aufzeichnen? Das wäre hilfreich.“
Herr Spundt schien mich nicht gehört zu haben. Er hatte die Augen zusammengekniffen und blickte seine Frau wortlos an, die seinen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen erwiderte. Mit einem hörbaren Seufzer nahm er schließlich Block und Kugelschreiber zur Hand und begann zu zeichnen.
„Ein goldener Ring“, murmelte er. „Die Bombierung war eher eckig. Mit einem einzigen Brillanten, der von einer Art Kralle gehalten wird. Mehr weiß ich auch nicht. So genau habe ich ihn ja nicht gesehen!“
Ich betrachtete die Skizze.
„Sehr gut“, sagte ich anerkennend. „Dafür, dass Sie ihn nur kurz gesehen haben, ist diese Zeichnung wirklich gut. Aber sagen Sie mir noch, wie groß ungefähr der Edelstein am Ring war.“
Statt ihrem Mann antworte Frau Spundt.
„Ziemlich groß, wie mir mein Mann erzählt hat. So einen Ring nennen die Leute gern einen ,Brüller‘! Vierstellig hat der gekostet, hast du damals geschätzt. Stimmt‘s, Michael?“
„Schon möglich. So genau kann ich mich nicht erinnern. Aber dass er der Chefin eigentlich nicht gut...
| Erscheint lt. Verlag | 16.11.2017 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-99070-145-2 / 3990701452 |
| ISBN-13 | 978-3-99070-145-4 / 9783990701454 |
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