Alpentragödie (eBook)
284 Seiten
e-artnow (Verlag)
978-80-268-7105-7 (ISBN)
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Gräfin Josette hatte die Kammerfrau fortgeschickt. Mit ihrer, als rotgoldene Tiara um das Haupt gewundenen, Haarpracht blieb sie vor dem Spiegel sitzen, sah im Glase ihr weißes Gesicht, schaute zu, wie die Flamme gierig die Kerzen verzehrte, und gedachte des Mannes mit dem fremdartig klingenden Namen.
Jener Irgendjemand, der in dem Salon der römischen Weltdame einer eleganten Gesellschaft die Geschichte des Engadiners zum besten gab, konnte nicht sagen, was an seiner Erzählung Wahrheit und was daran Dichtung sei. Denn gedichtet schien manches zu sein, wie die Schneegemälde und die romanhafte Gestalt der Mesnerstochter. Die elegante Gesellschaft hörte denn auch ziemlich gelangweilt zu; Graf Oberndorff mit jenem Lächeln, das seine schlaffen Züge für seine junge Frau so gespenstisch belebte. Er fuhr fort zu lächeln, als die Gräfin in ihrer gleichgültigen Art zu ihm sagte: »Der Mann interessiert mich. Laß uns morgen sein Atelier besuchen.«
»Wenn es dir Vergnügen macht ...«
Der Irgendjemand bemerkte: »Sivo Courtien empfängt keine Atelierbesuche.«
»Immerhin könnte man den Versuch wagen. Einen Käufer wird der Herr schwerlich die Treppe hinunterwerfen.«
Aufstehend erwiderte die Gräfin, ohne die Stimme zu dämpfen: »Seit wann verstehst du dich auf Künstlerseelen?«
Jedes Wort fiel ihr heute wieder ein auf dem Wege nach Sivo Courtiens Heimat. Lebhaft erinnerte sie sich des Frühlingstages, an dem sie mit ihrem Gatten das Atelier des Mannes besucht hatte, der keine Besuche empfing. Es lag, nahe bei ihrem fashionablen Hotel de Russie, in einer der Künstlerkasernen der Via Margutta. Aus dem dunkeln, schmutzigen Hausflur auf den Hof hinaustretend, über den es zu den Ateliers ging, erblickten die Fremden ein echt römisches Bild: sonnenbeschienen ein grüner, mit gelben Azaleen bewachsener Pincioabhang, von der Mandelblüte weiß umhüllt; darüber der dunkle Steineichenwald der französischen Akademie, feierlich wie ein antiker Hain; auf dem Hofe Zitronenbäume, Marmorblöcke und Fragmente von Antiken. Aus einem offenstehenden Bildhaueratelier drang zu dem pochenden Geräusch des Meißels ein schwermütiger Gesang, und die Frau des Kustoden wusch in einem altrömischen Sarkophag, der als Brunnentrog diente, ihren Salat ... Der Hirtensohn von Maloja mußte sich in dem Glanz eines römischen Frühlingstages wie verzaubert vorkommen.
Der »Pittore svizzero« wohnte im höchsten Stockwerk, war zu Hause, empfing jedoch keine Besuche. Letzteres wußte auch der Kustode.
Trotzdem stiegen die Herrschaften die fünf Stockwerke hinauf. Jeder der scheibenlosen Fensterbogen gewährte einen Überblick auf Roms Gartenhügel, einen Blick, der von Stockwerk zu Stockwerk freier und köstlicher wurde.
Die Gräfin freute sich, daß der Engadiner so wundervoll römisch hauste.
Höher hinauf ging es nicht. Sie befanden sich vor einer Tür, an der kein Name stand. Graf Oberndorff läutete. Es wurde jedoch nicht geöffnet. Er läutete ein zweites, ein drittes Mal. Endlich wurde die Tür – nicht geöffnet, sondern aufgerissen wie in Zorn über die Störung.
So sah der Mann aus, der ein Genie sein sollte ... Der Graf warf seiner Frau einen triumphierenden Blick zu: ihre Neugierde – denn etwas anderes war ihr »Interesse« nicht – würde gestillt sein.
Gräfin Josette beachtete nicht das Ungeschlachte und Verwilderte der mit größter Nachlässigkeit gekleideten Gestalt; die vornehme Dame beachtete nicht, daß das Gesicht unschöne, grobe Züge hatte – auf den ersten Blick erkannte sie die trotzige Kraft und den unbeugsamen Stolz, der aus den Augen des Mannes von Maloja leuchtete. Es waren die Augen eines Gottbegnadeten.
»Sie wünschen?«
»Man sagte uns, Sie empfingen keine Besuche. Entschuldigen Sie also ...«
Der Graf sprach mit jener nachlässigen Höflichkeit, die seine Frau stets als eine Beleidigung des Angeredeten empfand: als die Beleidigung eines Hochgestellten gegen den sogenannten Niedrigstehenden, des »Grandseigneurs« gegen den Plebejer. Ein wirklicher »Grandseigneur« beleidigt nicht den geringeren Mann.
Das war ja eben das Unglück dieses Frauenlebens: daß dieser Aristokrat mit sechzehn Ahnen eine Plebejerseele hatte.
»Weshalb kommen Sie, da man Ihnen sagte, ich empfinge keine Besuche?«
»Meine Frau wünschte es. Ich bitte nochmals um Entschuldigung.«
»Ist das Ihre Frau?«
»Die Gräfin Oberndorff.«
Courtien überhörte den Namen. Was kümmerten ihn Namen? Vollends ein adeliger, gräflicher.
Er hatte bis dahin nur den Herrn angesehen und sofort eine heftige Antipathie gegen den tadellosen Kavalier empfunden, eine fast feindselige Abneigung. Jetzt erst wandte er sich zu der Dame, mit seinem sprühenden, bohrenden Künstlerblick die ganze Erscheinung umfassend ... Dann sagte er nicht wieder, daß er keine Besuche empfinge. Er sagte nichts. Aber er trat in den Vorraum zurück, ließ die Tür offen, und die beiden folgten ihm.
Ein kahler Raum, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, ganz anders als sonst Künstlerwerkstätten, wie auch der Mann ein ganz anderer war. Auf der Staffelei ein angefangenes Gemälde, das der Maler bei Eintritt der Fremden sofort umkehrte; an den Wänden Farbenskizzen und Zeichnungen: ungewöhnlich bedeutend, außerordentlich in jeder Beziehung – das erkannte sogar Graf Oberndorff, der sich im allgemeinen schlecht auf Künstlerseelen verstand.
Auffällig war, daß unter sämtlichen Entwürfen nichts Römisches sich befand. Weder ein »Blick auf die Sankt Peterskuppel«, noch ein altrömischer »Aquädukt mit dem Sabinergebirge«, oder »Schafherde in der Campagna«. Auch kein Modell von der spanischen Treppe. Weder ein männliches noch ein weibliches.
In Rom lebend, malte der Engadiner Gletscher, Firnen, Felsenöden, Alpenwildnisse; er malte diese Landschaften bei grellem Sonnenschein und von jagenden schwarzen Wolkenmassen überschattet, bei stillem Mondesglanz und in stürmischer Nebelnacht.
Alle Entwürfe behandelten Motive aus Courtiens Heimat, in einer Wirklichkeit geschaut, mit einer Wahrhaftigkeit dargestellt, daß die Sonne auf dem Schnee blendend funkelte, die Nebel aus den Schluchten vor den Augen des Beschauers aufzusteigen schienen.
Die aufsteigenden, vom Sturm gepeitschten Nebel – in zwanzigfachen qualvollen Versuchen immer dasselbe unmöglich zu lösende malerische Problem ...
Der Künstler stand in der Mitte des öden Raumes, sprach kein Wort, ließ den Herrn und die Dame sich umsehen. Er machte ein Gesicht, als müßte er einen leidenschaftlichen Ausbruch niederkämpfen, weil er die Tür hatte offenstehen und die Fremden eintreten lassen.
Graf Oberndorff äußerte sich übertrieben höflich, übertrieben bewundernd. Die Gräfin blieb stumm.
Wie zufällig näherte sie sich der Staffelei, darauf das vorhin von dem Maler umgekehrte Gemälde stand. Sie blieb davor stehen und blickte zu Courtien hinüber: ihm gerade in die Augen schauend, unverwandt und ruhig. Da ging er und zeigte der schönen Frau das Bild, das die Fremden nicht sehen sollten. Sie dankte mit einem Lächeln. Dann betrachtete sie das nur ihr gezeigte Gemälde.
Ein abgrundtiefer Gletscherspalt, in den der Mond herabscheint, die Kluft mit unirdischem Licht füllend. In dem grünlichen, magischen Glanze taucht aus der Tiefe ein junges Weib empor, gehüllt in die Pracht ihres Haares, umflossen von einer Flut goldigrötlichen Schimmers, der – zugleich mit dem Mondlicht – den wie aus Silber und Elfenbein modellierten blumenschlanken Leib umsprüht.
Die Gletscherfrau drückt ihre Glieder eng gegen die funkelnde Wand und erhebt ihr Gesicht, das einen Ausdruck hat wie ein auf Beute lauerndes Raubtier. In ihren weißen Augen glüht unersättliche Gier. Sie streckt beide Arme steif über sich aus, um das Opfer zu empfangen, das sie mit ihrem Nixenlachen angelockt hat. Es kann auch ein leises jammerndes Weinen gewesen sein.
»Wer ist dieses unheimliche Wesen?«
»Wer? ... Ein Weib ... Das Weib!«
Sie fragte ihn, und er antwortete ihr mit unterdrückter Stimme, als ob der Dritte sie nicht hören sollte. Plötzlich bemerkten beide, daß sie leise, fast flüsternd sprachen. Courtien erblaßte, sagte laut und mit einer Stimme, darin es wie mühsam unterdrückter Zorn klang: »Sie wollen wissen, wer das ist? Das Gletscherweib. Wir Engadiner haben unsere besonderen Geister. Unsere Natur steckt voll von ihnen. Sie sind furchtbar und dem Menschen feind – wie unsere Natur es ist. Das heißt – nur dem Schwachen sind unsere Geister verderblich. Dieses hier ist das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia in meiner Heimat Maloja. Sie müssen nämlich wissen, daß ich von Maloja bin. Also ein Gletschermensch, ein Alpenbauer.«
Graf Oberndorff versicherte: Sivo Courtien sei ein bekannter Name, und die Welt wisse von ihm. Ohne den höflichen Herrn zu beachten, beständig die Gräfin anblickend, nur zu ihr redend, sprach Courtien weiter: »Das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia ist von allen unseren Geistern der schlimmste; denn es ist – eben das Weib. Eine Teufelin ist es. Der Mann, der es einmal sieht, findet nicht eher Ruhe, als bis er in seinen Armen den Tod fand. Es stürmt empor aus dem Gletscherspalt, wirft ihm ihr leuchtendes Haar als Schlinge um den Hals, trinkt sein Blut, saugt ihm die Seele aus, jauchzt auf, daß der Gletscher birst und bricht, der Firn zerreißt, der Gipfel bebt. Eine Teufelin, sage ich Ihnen.«
»Wie Sie vorhin wundervoll richtig bemerkten, eben das Weib. Übrigens sahen Sie das Gletscherweib bis jetzt noch nicht – da wir...
| Erscheint lt. Verlag | 13.11.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Prague |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Alpen • Alpenregion • Blut und Flammen • Das Hexenzeichen • deutscher Schriftsteller • Die Tore von Kunarja • Drama • Girl on the train • Gräfin • Harry Potter • historisch • Im Lautlosen • In den Armen des Kelten • Kein Himmel ohne Sterne • Kristall und Gold • origin • romantisch • Schönheitspflege • Stunde der Drachen • Tragödie |
| ISBN-10 | 80-268-7105-7 / 8026871057 |
| ISBN-13 | 978-80-268-7105-7 / 9788026871057 |
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