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Anpfiff zur zweiten Halbzeit (eBook)

Wenn aus Jungs MÄNNER werden
eBook Download: EPUB
2018
Goldmann Verlag
978-3-641-18014-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Anpfiff zur zweiten Halbzeit - Christian Eisert
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Irgendwann ist jeder Mann kein junger Mann mehr. Die Lebenszeit, die vergangen ist, scheint länger zu sein, als die, die noch kommt. Auch für Bestsellerautor Christian Eisert beginnt die zweite Halbzeit seines Lebens. Was nun? Die Suche nach der Antwort verlangt ihm einiges ab. Denn nicht nur die Mängel werden mehr, auch die Möglichkeiten, sie zu beseitigen. Ob Hormonpillen, Lichtatmung oder Entspannungsbrillen, Eisert schreckt vor nichts zurück. Zum Leidwesen der zwei Frauen an seiner Seite. Bald geht es nicht mehr nur um Eitelkeiten, sondern um die Frage: Was gewinnen Männer, wenn sie älter werden?



Christian Eisert, geboren 1976 in Berlin, ist TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach. Er schreibt Gags und Drehbücher u. a. für die Fernsehshows 'Alfons und Gäste' und 'Grünwald Freitagscomedy', sowie für 'Löwenzahn' und 'Shopping Queen'. Seine Bücher über Nordkorea und die Schweiz wurden Bestseller und mehrfach übersetzt. Christian Eisert lebt in Berlin.

ZWEI

Am Tag nach dem Friseurbesuch saß ich hoch über einer Neuköllner Kopfsteinpflasterstraße auf dem Balkon. Zusammen mit Anne und einer Spinne, aber ohne zu ahnen, dass ich am Beginn eines Prozesses stand, der ein keinesfalls neues, eher altes und doch gänzlich anderes Leben in Gang setzte, an dessen Ende ein Scharfschütze für 1500 Euro Honorar in meinem Auftrag vor dem Bundeskanzleramt in Stellung ging und ich jeden Dienstag zuschaute, wie Herr Dettmar ertrank. Dazu später mehr.

Von schräg links fiel die Sonne dieses Junimorgens auf den Balkontisch. Welche Farbe und Beschaffenheit die Tischplatte hatte, war nicht zu erkennen. Frische Brötchen, Marmelade, Honig, Leberwurst, allerlei Käse, Obst, Orangensaft und was außerdem ein üppiges Sonntagsfrühstück ausmacht, bedeckten jeden Quadratzentimeter.

Für unsere Maßstäbe schien schon Vormittagssonne. Anne und ich sind Frühaufsteher, ab zehn ist Vormittag.

Unter Annes Missfallensbekundungen – sie frönt gerne ihrer Liebe zu Sonnenbädern – klappte ich den Sonnenschirm auf. Ein aus dem Sperrmüll am Straßenrand gerettetes Unikum, das Gestänge schwergängig und angerostet, die Bespannung aus schwerem gelbbraunen Stoff mit Blumenmuster.

Anne trug ein hellblaues Spaghettiträger-Top und olivfarbene Shorts. Manchmal glaube ich, sie hat nicht mehr Farbverständnis als ein Regenwurm. Der kann nur hell und dunkel unterscheiden. Da ich jahrelang die Sprecher-Texte für eine Fashion-Sendung im Nachmittagsprogramm schrieb, schickt sie mir manchmal Selfies aus Umkleidekabinen und bittet um modischen Rat. Ihre Bühnenoutfits haben wir gemeinsam ausgesucht.

Ihre langen Beine reichten bis zur Balkonbrüstung, dort wo der Schirmschatten nicht hinreichte, in den Halterungen der fehlenden Blumenkästen lagen ihre Füße, Rücken und Kopf lehnten am Rauputz der Hauswand. In der Kiste unter ihrem Po waren die Sitzpolster verstaut gewesen, die jetzt den Kistendeckel und zwei Stühle bequemer machten, alle gruppiert um den rechteckigen Tisch. Jedes Möbelstück von anderer Farbe, Gestaltung und Materialbeschaffenheit. Pippi Langstrumpf hätte sich hier bestimmt wohlgefühlt. Annes Frisur erinnerte dagegen weniger an den schwedischen Kinder-Hippie, sondern an meinen Friseur, nur waren ihre langen Haare blond und nachlässiger zum Dutt gezwirbelt.

»Dich stört ja gar nicht, dass die Leberwurst in der Sonne steht. Und die Milch. Und die Butter.« Anne kannte meine Marotten.

»Ist ja nicht meine Leberwurst und Milch und Butter. Außerdem weiß ich, wie sehr es dich nervt, wenn ich ständig aufspringe und Sachen kühl stelle.« Ich verschwieg, wie viel Selbstbeherrschung es mich gekostet hatte, die Lebensmittel nicht wenigstens in den Schatten zu schieben. Entlastung hatte ich mir durch das Aufspannen des Sonnenschirms versprochen, aber sein Schatten fiel in die falsche Richtung.

»Du bist schon ein seltsames Vögelchen.« Sie lachte herüber. Ihre weißen, gleichmäßigen Zahnreihen blitzten. Ich kenne niemanden, der perfektere Zähne hat. Hin und wieder fragen Kolleginnen Anne, bei wem sie die hat machen lassen. Worauf sie antwortet: »Bei Mama, Papa und meiner Zahnbürste.«

Wegen des Dreier-Rhythmus dieser Aufzählung lässt sie die anderen Pflegemaßnahmen weg: Antibakterielle Spülung, Zahnzwischenraumbürstchen, Fluoridgel, die Anti-Knirsch-Schiene mit leichter Korrekturfunktion in der Nacht. Bei unserem Bootsurlaub im Frühjahr hatte ich in der Zeit, in der sie ihre Zähne pflegte, das Frühstücksgeschirr inklusive Rühreipfanne gewaschen, abgetrocknet und weggeräumt.

Anne hielt, die Augen geschlossen, das Gesicht in die Sonne, deren Schein hinter dem Schirmschatten an der Hauswand herabkletterte. Ich ruckelte auf meinem Stuhl etwas weiter nach vorn.

Jetzt – beschloss ich – ist auch kein guter Moment, um Anne von meinen Nächten mit Gloria zu erzählen. Stattdessen flüsterte ich: »Nicht bewegen.«

Aus halb geöffneten Lidern beobachtete Anne, wie ich eine stecknadelkopfgroße Spinne vom Träger ihres Tops schnipste.

Annes Verhältnis zu Spinnen ist entspannt. Solange sie nicht auf ihrer nackten Haut herumkrabbeln. Da bevorzugt sie Finger.

Weil ich beim Schnipsen nah an ihr Gesicht kam, sagte ich: »Guck mal meine Haare!«

»Kürzer?«

»Auch …«

Sie kniff die Augen zusammen. »Du wirst grau.«

»Ja, aber das sieht man jetzt nicht mehr.«

Unter der Bedingung, dass es ganz natürlich aussehen würde, hatte ich meinem Friseur erlaubt, gegen meine Alterserscheinungen vorzugehen.

»Hast du sie etwa färben lassen?«

»Mein Friseur nannte es Re-Shade.«

»Riie-was?«

»Das ist ein Add-on«, erklärte ich fachmännisch. »Er hat versprochen, dass man es nicht sieht.«

»Das Versprechen hat er gehalten.«

»Auf jeden Fall sah man es auf der Rechnung.« Auch dort standen die englischen Fachbegriffe, das Wort Tönung fiel nie. »Vielleicht wird es noch dunkler«, ich drehte meinen Kopf vor der spiegelnden Balkontür, »wenn die Haare wachsen.«

Anne stieß vor Lachen fast den Schirm um.

Schließlich kriegte sie sich wieder ein und fragte: »Fahren wir eigentlich dieses Jahr nochmal Boot?«

Wir hatten vor einiger Zeit gemeinsam den Bootsführerschein gemacht für Binnen und See, durften also theoretisch auf allen Weltmeeren herumschippern, waren jedoch bei den bisherigen Ausflügen mit Charterbooten immer froh gewesen, wenn wir es unfallfrei aus dem Hafen schafften.

»Aber dann mal länger als nur übers Wochenende.« Ich schob die Butter in den Schatten.

Anne atmete hörbar aus. »Ich habe Domi im August schon zwei Wochen Urlaub versprochen.« Längere Zeit am Stück frei zu machen ist für Anne ebenso schwierig wie für mich. Allerdings kann ich unterwegs arbeiten. Anne braucht für ihren Job Mikrofon oder Bühne, meist beides.

»Vielleicht geht eine Kurzwoche von Montag bis Freitag«, sagte sie. »Anfang September ist Domi auf einem Lehrgang.«

»Da müsste schon Nachsaison sein, wäre billiger.« Ein kleines Kajütboot mit zwei Schlafkabinen – wir schlafen ja nicht in einem Bett – kostet für eine Woche ab 300 Euro pro Person. Mir fiel Gloria ein, die es vielleicht merkwürdig finden würde, wenn ich nicht mit ihr führe.

Anne sortierte ihre Extremitäten und streckte sich. »Boah, hab’ ich einen Muskelkater von gestern. Nur wegen Domi … Komm, lass uns anfangen, wir müssen nicht auf die Schlafmütze warten.«

Um Domi nicht zu wecken, hatte ich vorhin rücksichtsvoll aufs Klingeln verzichtet und stattdessen wie verabredet eine Nachricht geschickt, dass ich vor der Tür stehe.

Als Anne vor ein paar Jahren zum ersten Mal den Namen Dominik erwähnte, war ich weniger von dem Leuchten in ihren Augen überrascht gewesen. Vielmehr verwunderte mich, dass sie sich in jemanden verliebt hatte, der anders als seine Vorgänger nicht in der Fernsehbranche arbeitete, sondern als Sozialversicherungsfachangestellter bei der Deutschen Rentenversicherung. Und das schon länger, als Annes Schulzeit zurücklag.

Was Anne an dem zwölf Jahre älteren Mann begeisterte, verstand ich bald. Ob Keller- oder Wassereinbrüche, verlorene Wohnungsschlüssel oder ein aus heiterem Himmel über mich hereingebrochener Krankenhausaufenthalt, Dominik wusste, was zu tun war, verlor nie den Kopf, kannte die richtigen Leute und Pumpen, erkletterte Balkons und blieb klaglos an Annes Seite, als sie den ersten gemeinsamen Liebesurlaub abbrach, um mich in meinem Auto von einem bayerischen Provinzkrankenhaus wieder nach Berlin zu fahren, wozu ich selbst konditionell nicht mehr in der Lage gewesen war.

Vor zwei Jahren heirateten die beiden auf einem verschneiten Brandenburger Schloss. Am Ende meiner Rede als Annes bester Freund hatte ich die Gäste aufgefordert, ihr Gegenüber am Ohrläppchen zu ziehen, sich nach hinten zu beugen und »Huh!« zu brüllen. Eine Reminiszenz an unsere gemeinsame Arbeit für einen großnasigen Komiker. Während der Produktion von dessen Sketch-Show lernten wir uns kennen.

Das Ende meiner Hochzeitsrede hatten alle lustig gefunden. Bis auf die, die statt am Ohrläppchen am Ohrring gezogen wurden.

»Guten Morgen, liebe Sorgen!«, stand Dominik plötzlich im Türrahmen. Oder vielmehr dahinter, die Tür ist schmal.

Wie meist trug er ein Muscle-Shirt, dessen lustiger Aufdruck seiner breiten Brust die brutale Präsenz nahm. Ein zwinkernder Smiley prangte auf der Vorderseite.

Unsere Umarmung war ein Aneinanderstoßen, bei dem wir dem anderen zweimal hart mit der Handfläche den Rücken klopften.

Wenn ich gegen seine Muskeln prallte, war er, obwohl ein paar Zentimeter kleiner, ein Mann und ich ein Männchen.

Anne huschte nach drinnen.

»Ausgeschlafen?«, fragte ich Dominik.

»Nee …« Er gähnte. »Und das am Sonntag.« Dominik stellte sich an die Balkonbrüstung, die muskulösen Arme verschränkt, schaute er auf Neukölln, das auch noch nicht richtig wach war. Wer die Skulpturen von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker kennt, kann sich Dominik gut vorstellen. Sein Kinn war kantig, das blonde Haar wurde von einem akkuraten Linksscheitel geteilt, war oben lang, an den Seiten kurz geschnitten. Allerdings ohne irgendwelche ideologischen Hintergedanken.

Er drehte sich zu mir um. »Wie nennt man einen sehr kleinen Personenschützer?«

Ich wartete stumm die Antwort ab.

»Sicherheitshalber«, löste Dominik auf und boxte mir auf den Oberarm. »Sicherheitshalber!«

»Hm-hm, lustig.« Erst als er wieder auf Neukölln schaute, rieb ich...

Erscheint lt. Verlag 16.4.2018
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Comic / Humor / Manga
Schlagworte "Alter Sack, was nun?" • Älter werden • eBooks • Humor • Kim und Struppi • lustig • lustige • Männer ab 50 • Männer in der Lebensmitte • Midlife-Crisis • Selbstoptimierung • Selbstversuch
ISBN-10 3-641-18014-7 / 3641180147
ISBN-13 978-3-641-18014-0 / 9783641180140
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