Der Letzte von uns (eBook)
544 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-1467-6 (ISBN)
Während der Bombennächte in Dresden bringt die schwer verwundete Luisa ihren Sohn zur Welt. Kurz darauf stirbt sie. Ihr letzter Wunsch ist es, ihn in Sicherheit zu wissen, denn sie ahnt: Er ist der Letzte von ihnen.
Manhattan, fünfundzwanzig Jahre später. Wern ist jung, ambitioniert und unsterblich in Rebecca verliebt, Enfant terrible und Tochter einer reichen New Yorker Familie. Die beiden verbindet eine außergewöhnliche Liebe: leidenschaftlich, inspirierend und bedingungslos, so zumindest scheint es. Doch plötzlich bricht Rebecca ohne weitere Erklärungen den Kontakt zu ihm ab. Und Wern muss sich einer schmerzhaften Wahrheit stellen ...
'Absolut atemberaubend!' Tatiana de Rosnay, Autorin von 'Sarahs Schlüssel'.
'Der Stoff, aus dem eine Saga gemacht ist!' Elle.
Adélaïde de Clermont-Tonnerre, 1976 in Neuilly-sur-Seine geboren, ist Journalistin und Autorin. Ihr Roman 'Der Letzte von uns' erhielt 2016 einen der renommiertesten Literaturpreise Frankreichs, den Grand Prix du Roman de l´Académie Française.
Sachsen, Deutschland, 1945
Es war eine Nacht im Februar, eine weitere Nacht des Verderbens für die Menschheit. Auf Hunderten von Hektar brannten die Ruinen unter einem beißenden Ascheregen. Dresden hatte sich in ein endloses Flammenmeer verwandelt, das Körper, Hoffnungen und Leben zunichtemachte, eine Inkarnation des Chaos, so weit das Auge reichte. Der Beschuss war so massiv gewesen, dass im Zentrum kein einziges Gebäude mehr stand. Die Detonationen hatten die Häuser weggeblasen wie tote Blätter. Dann waren die Brandbomben gefolgt und hatten eine gierige Feuersbrunst entfacht, die Männer, Frauen und Kinder verschlang. Emporlodernde Flammen erhellten prasselnd die Finsternis, nach und nach waren die vereinzelten Feuer zu einem glühenden Strudel zusammengeflossen, und der Himmel hatte mitten in der Nacht die scharlachrote und goldene Färbung eines herbstlichen Sonnenuntergangs angenommen. Selbst in 22 000 Fuß Höhe spürten die Piloten, die den Tod säten, in ihren Kabinen die Glut dieses Infernos.
Im Lauf der Nacht stiegen Rauch und Asche bis in den Himmel und bedeckten die einst so strahlende Stadt wie ein Leichentuch.
Im trüben Zwielicht des nächsten Tages erhob sich nur noch die barocke Silhouette der Frauenkirche gespenstisch aus den Trümmern. Eine Handvoll Rot-Kreuz-Helfer hatte hier zahllose Verletzte versammelt. Victor Klemp, der Chirurg, der die behelfsmäßige Krankenstation eingerichtet hatte, versuchte das Grauen zu organisieren. Eine Zeitlang hatte er gedacht, Gott bestrafe sein Volk für eine Schuld, die Victor zwar erahnte, der er aber nicht ins Gesicht zu sehen wagte. Doch seit der Tod ihn stündlich hundertfach verhöhnte, glaubte er nicht mehr, dass Gott ein solches Leid gewollt hatte. Er glaubte nicht mehr, dass Gott sich überhaupt noch für diese Welt interessierte, und die Kirche, die sich als einziges Gebäude aus den Trümmern emporreckte, erschien ihm weder wie ein Wunder noch wie ein göttliches Zeichen, sondern wie eine letzte, empörende Provokation.
Victor hatte seit zweiundsiebzig Stunden nicht geschlafen. Sein Kittel, sein Gesicht, sein Hals waren mit dem Blut seiner Niederlagen befleckt. Vor Müdigkeit zitterten ihm die Finger. Er hatte längst jegliche heiklen Operationen aufgegeben, und es überraschte ihn, wie sehr er abgestumpft war. Wenige Sekunden mussten für eine Diagnose genügten: Kämpfen konnte er nur noch für diejenigen, die die beste Überlebenschance hatten. Ihm wurden so viele Schwerverletzte gebracht, und die medizinischen Mittel, die ihm zur Verfügung standen, waren so gering, dass er gezwungen war, mit einem einzigen Blick zu entscheiden, wen er retten konnte. Die meisten musste er aufgeben. Er hatte nichts mehr, um die Schmerzen der Sterbenden zu lindern oder derer, die er operieren musste. Weder Morphin noch Alkohol, noch ein tröstendes Wort. Bei manchen blieb als einzige barmherzige Geste nur der Tod. Er hatte sich an den Hauptmann eines der wenigen vor Ort stationierten Regimenter gewandt und war selbst entsetzt gewesen, als er sich sagen hörte:
»Schießen Sie allen, die ich Ihnen schicke, eine Kugel in den Kopf. Man kann nichts mehr für sie tun.«
Der Hauptmann hatte ihm direkt in die Augen gesehen und mit einer absoluten, verzweifelten Ruhe, die Victor niemals vergessen würde, geantwortet: »Wir haben nicht mehr genug Munition, Doktor, um Mitleid zu üben.«
In Schüben von trostloser Regelmäßigkeit brachten ihm Soldaten und Zivilisten neue Opfer. Für ihn waren sie nur mehr Wunden, Brüche, zerfetzte Organe, zukünftige Amputierte. Bis der Blick auf eine behelfsmäßige Trage in der Flut namen- und gesichtsloser Verletzter ihn innehalten ließ. Es war in der Nacht vor der dritten Angriffswelle. Zwei junge Männer in Uniform brachten die darauf liegende Frau. Schlamm und Staub in ihrem Gesicht konnten die Harmonie ihrer Züge nicht verbergen, und ihr Haar, so verdreckt es auch war, leuchtete in all der Düsternis ebenso wie ihre verstörend hellen, glasklaren blauen Augen. Die über sie gebreitete Decke ließ eine Schulter und ein Stück Arm frei, ein paar Zentimeter nackter Haut, die alle Zartheit der Welt in sich zu bündeln schienen. Weiter unten zeigten die üppigen Brüste und der gewölbte Bauch unter dem dicken, rauen Stoff, dass die Frau schwanger war. Sie war keine fünfundzwanzig Jahre alt und so ruhig, dass der Arzt die Träger fragte:
»Was hat sie?«
Er sah, wie sich Entsetzen auf die Gesichter der beiden Männer malte.
»Sie lag in der Freiberger Straße, zum Teil unter Trümmern begraben … Wir haben sie befreit …«, versuchte der größere zu erklären, doch die Worte erstarben ihm in der Kehle, während er auf den unteren Teil der Decke deutete, wo sich dunkle Flecken bildeten. Ungeduldig fand der Arzt bereits wieder zu seinem gewohnten Pragmatismus zurück und hob mit einer raschen Geste den Stoff an. Unter den Fetzen ihrer Kleider, direkt unterhalb der Knie, waren die Beine der Frau glatt abgetrennt. Trotz der improvisierten Verbände war sie dabei zu verbluten. Und noch dazu stand sie kurz vor der Niederkunft. Ihre Augen suchten Victors Blick. Das Röcheln und die Schreie, die die Kirche erfüllten, schienen zu verstummen, als sie ihn fest ansah und mit erstaunlich deutlicher Stimme sagte: »Ich bin verloren, aber mein Kind ist es nicht. Helfen Sie ihm.«
Das war kein Flehen. Es war ein Befehl. Mitleid hätte den Arzt vielleicht nicht bewogen, sich um sie zu kümmern. Doch die Entschlossenheit, die aus ihren Augen und ihrer Stimme sprach, überzeugte ihn. Unterstützt von den beiden Soldaten, band er die Beinstummel ab. Ohne einen Laut von sich zu geben, verlor die Frau das Bewusstsein. Man verlegte zwei Verletzte aus einer Seitenkapelle und brachte sie dorthin. Mit dem Unterarm wischte Victor über einen Holztisch, um ihn von den darüber verstreuten Glassplittern, Mauerbrocken, schmutzigen Verbänden und Wachsresten zu befreien. Er bettete die Frau darauf, die gerade wieder zu sich kam.
»Wie heißen Sie?«, fragte er.
»Luisa.«
»Luisa. Ich verspreche Ihnen, dass Sie Ihr Kind sehen werden.«
Obwohl das Baby schon weit ins Becken gerutscht war und ungeachtet seiner dürftigen gynäkologischen Kenntnisse, beschloss der Arzt, einen Kaiserschnitt zu wagen. Er wusste, dass dieser Eingriff die Mutter das Leben kosten würde, doch sie wäre auch nicht in der Lage, eine natürliche Geburt durchzustehen.
Die Soldaten, die trotz ihres jungen Alters schon ganz andere Dinge gesehen hatten, wandten den Kopf ab, als er das Skalpell ansetzte. Mehrmals verlor Luisa das Bewusstsein und kam wieder zu sich. Keiner der drei Männer konnte ihren Schmerz ertragen, die kurzen Momente der Ohnmacht waren ihnen eine Erleichterung.
Victor redete ununterbrochen auf sie ein, Worte ohne rechten Sinn, die nur dazu dienten, ihm selber Mut zu machen und Luisa am Leben zu halten. Endlich ertastete er das Kind. Er fühlte seinen winzigen Körper und griff zu. Als er die Nabelschnur durchschnitt, tat das Baby seinen ersten Atemzug, begleitet von einem Schrei, der seine Mutter aus ihrer Ohnmacht weckte.
»Es ist ein Junge, Luisa, ein schöner, kräftiger Junge«, verkündete Victor.
Wieder verlor sie die Besinnung. Der Arzt setzte sich hin, das Neugeborene im Schoß, machte einen ungeschickten Knoten in die Nabelschnur und säuberte es, so gut er konnte. Dann zog er sein Hemd aus, um das Kind darin einzuwickeln. Luisa erwachte, als sie das Gewicht des Babys auf ihrer Brust spürte.
»Lebt es?«
»Es lebt und ist gesund, Luisa.«
Da sie, so ausgestreckt, das Kind nicht sehen konnte und zu schwach war, um sich aufzurichten, fragte sie weiter:
»Hat es alles?«
»Alles. Es ist ein Junge, ein prachtvoller Junge.« Er hob das Baby über das Gesicht seiner Mutter. Es jammerte wie ein Kätzchen, bis man es wieder an Luisas Brust legte. Victor half ihr, die Hand auf das Kind zu legen, damit sie es anfassen konnte. Als sich das Neugeborene unter der Liebkosung regte, sahen sie, wie sich die Augen der Mutter mit Tränen füllten.
Erneut bohrte Luisa ihren Blick in den des Arztes.
»Kümmern Sie sich um ihn, Doktor.« Und ohne ihm Zeit für eine Antwort zu lassen, fügte sie hinzu: »Suchen Sie Martha Engerer, meine Schwägerin. Sie ist hier in Dresden.«
Victors beruhigenden Worten folgte ein weiteres Schweigen, ehe Luisa schwach auf das Baby deutete und sagte:
»Er heißt Werner. Werner Zilch. Ändern Sie seinen Namen nicht, er ist der Letzte von uns.«
Sacht strich sie mit dem Zeigefinger über den Nacken ihres Kindes, während Victor neben ihr hockte und ihre freie Hand hielt. Die Lider der jungen Frau schlossen sich wieder. Dieser Moment des Friedens währte eine Minute, vielleicht zwei, dann stockte Luisas Bewegung, und ihre schmalen Finger erschlafften zwischen Victors Handflächen.
Er hatte das intensive, wenn auch für einen Rationalisten wie ihn unsinnige Gefühl, zu spüren, wie die Seele der Sterbenden durch ihn hindurchging. Der Bruchteil einer Sekunde, eine fühlbare Wellenbewegung, und sie war nicht mehr da.
Der Arzt bettete Luisas Arm neben ihren Körper auf den Tisch. Er betrachtete das Kind, das auf seiner Mutter ruhte, beruhigt von einer Wärme, die bald verschwinden würde, geschmiegt an ein Herz, das aufgehört hatte zu schlagen. Die beiden Soldaten suchten in seinen Augen nach einer Bestätigung. Der Arzt wandte den Blick ab. Er hatte in den letzten Tagen entsetzliche Dinge gesehen, doch nie hatte er sich so verletzlich...
| Erscheint lt. Verlag | 16.2.2018 |
|---|---|
| Übersetzer | Amelie Thoma |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Le Dernier des Notres |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 70er Jahre • Anthony Doerr • Downtown • Drittes Reich • Eltern • Familienepos • Familiensaga • Jojo Mojes • Kristin Hannah • Künstler Boheme • Liebe • Manhattan • Preisträger • Sarahs Schlüssel • Schicksal • Schuld • Tatiana de Rosnay • Versöhnung |
| ISBN-10 | 3-8412-1467-3 / 3841214673 |
| ISBN-13 | 978-3-8412-1467-6 / 9783841214676 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich