Die Frau mit den grünen Augen (eBook)
400 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-1479-9 (ISBN)
Tibet sehen ...
Shan, der ehemalige Ermittler aus Peking, ist zum Polizisten ernannt worden. Als eine alte Nonne niedergeschlagen wird, versucht er, den Täter ausfindig zu machen - und gerät gleich in Schwierigkeiten. In einer Gruft, die von der Nonne bewacht wurde, werden drei Leichen gefunden: ein alter Lama, der als Heiliger verehrt wird, ein Soldat, der seit ungefähr fünfzig Jahren tot ist - und ein etwa vierzigjähriger, westlich gekleideter Mann, der allenfalls vor ein paar Stunden ermordet wurde. Shan findet heraus, dass der Tote ein Amerikaner ist, dessen Mutter vor vielen Jahren aus Tibet in die USA geflohen ist. Zeugen meinen, eine Frau an dem Grabmal gesehen zu haben: eine Frau mit auffällig grünen Augen!
'Pattison ist ein intimer Kenner der tibetischen Kultur. Detektiv Shan ist für den Leser auch Reisebegleiter durch eine fremdartige Welt.' Nürnberger Nachrichten.
Eliot Pattison ist Journalist und Rechtsanwalt. Er ist oft nach Tibet und China gereist und lebt mit seiner Familie in Oley, Pennsylvania. Er hat mit seiner Tibet-Serie um den Ermittler Shan eine Thriller-Serie der Sonderklasse geschrieben.
Alle lieferbaren Titel des Autors finden Sie unter www.aufbau-verlage.de
Mehr zum Autor unter eliotpattison.com
Kapitel Eins
Wenn du das Alter der menschlichen Seele ergründen willst, schau nach Tibet, hatte ein greiser Lama einst zu Shan Tao Yun gesagt. Hier auf dem Dach der Welt, wo die Menschen so leidgeprüft waren, wo Wind, Hagel und Tyrannei so vielen seit so langer Zeit zugesetzt hatten, kam es einem Wunder gleich, dass der menschliche Funke überhaupt noch existierte. Als Shan einen Blick auf den alten tibetischen Hirten warf, der neben ihm knietief im Schlamm stand, das graubärtige, wettergegerbte Gesicht voller Schmutz, und dessen Augen vor lauter Lebensfreude strahlen sah, erkannte er darin etwas Uraltes und Reines. In Tibet mochten die Seelen der Menschen beständig auf die Probe gestellt und gepeinigt werden, aber sie hielten stets stand.
»Leg dich mehr ins Zeug, Chinese!«, rief der Alte fröhlich und enthüllte dabei eine breite Zahnlücke, bevor er sich den Schwanz des Yaks vor ihnen um die Hand wickelte.
Shan stemmte sich gegen das feuchte Fell am Hinterteil des Tiers. Der riesige Yak versuchte mit lautem Brüllen, dem zähen Morast zu entkommen, und sank dann zurück.
Die vier Tibeter in Shans Begleitung wurden Wilde genannt, und das nicht etwa, weil das alte Ehepaar samt Enkelin und deren Sohn aus einer so abgeschiedenen Bergregion stammte, sondern, weil sie zu den wenigen Tibetern zählten, die es ablehnten, sich bei den Behörden als chinesische Staatsbürger registrieren zu lassen. Ihr kostbarer Yakbulle war im tiefen Schlamm einer Furt stecken geblieben, die gefährlich nahe an der wichtigsten Zufahrt der kleinen Stadt lag. Shan, der ebenfalls bis zu den Knien eingesunken war, während er sich an dem sanftmütigen, massigen Tier abmühte, entging nicht, dass die alten Tibeter immer öfter besorgte Blicke in Richtung der Straße warfen.
»Gyok po! Gyok po!«, rief der alte Trinle seiner Frau Lhamo zu, die gerade den Führstrick an Shans Pritschenwagen festband. »Schnell! Schnell!«
Die junge Frau in dem verbeulten Fahrzeug legte den Gang ein und gab Gas. Sowohl der Yak als auch Shan wurden von einem Schwall aus Schlamm überschüttet, und der Junge, der hinten auf der Ladefläche des alten Pick-ups saß, brach in schallendes Gelächter aus. Das Seil um die Brust des Tiers spannte sich, der Yak schnaubte, und Shan und Trinle stemmten sich ein weiteres Mal gegen die haarigen Hinterbacken. Ein solches Tier, aus dessen Fell der Filz für Zelte, Decken und Kleidung entstand und dessen Dung als Brennstoff diente, konnte in Tibets harten Wintern für arme Nomaden wie diese den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.
Ächzend beugte der Yak sich nach vorn, die Räder des Wagens fanden Halt, und mit einem Mal kam das Tier frei, so plötzlich, dass Shan bäuchlings im Morast landete. Unter dem Gelächter von Trinle und dessen Urenkel rappelte er sich wieder auf. Der Junge sprang von der Pritsche und schloss den sanften Yak liebevoll in die Arme. Dann lachten sie alle gemeinsam, während die alte Lhamo auf Shans schmutziges Gesicht wies und ihr Mann einen Schlammball formte und spielerisch nach ihr warf. Yara, die Frau am Steuer, stieg schwungvoll aus, so dass ihre Zöpfe mit den eingeflochtenen Perlen umherflogen. Die Erleichterung war ihr deutlich anzusehen. »Ati«, rief sie ausgelassen ihrem Sohn zu, »wenn wir ihn sauber gemacht haben, kannst du ihn reiten, bis hoch zu der Weide am …«
Dann verfinsterte sich ihre Miene, und sie verstummte abrupt.
Ein Armeetransporter, dessen Ladefläche von einer Plane überwölbt wurde, kam auf der Straße zum Stehen. Aus einer grauen Limousine dahinter stieg ein junger chinesischer Offizier und musterte das verblichene Abzeichen auf der Tür des Pick-ups. »Ich suche den Polizisten von …« – er zögerte und zog eine Landkarte zurate – »… Buzhou. Wir haben …« Seine Stimme erstarb, denn er bemerkte den nun friedlich grasenden Yak, die alte Frau, die ängstlich den Jungen gepackt hatte und in Richtung des oberhalb gelegenen Berghanges zerrte, und schließlich die beiden schlammbedeckten Gestalten, die immer noch im Morast standen. Shan ging ein Stück flussaufwärts, um sich in dem klaren Wasser zu säubern, und der Offizier beschloss, sich an Yara zu wenden, die nach wie vor bei dem Wagen stand und als Einzige halbwegs saubere Kleidung trug. »Ich bin Leutnant Jinhua«, sagte er. »Frau Wachtmeisterin?«
Shan erkannte die drohende Katastrophe, gab seine zaghaften Reinigungsbemühungen auf und tauchte stattdessen kurz in das eiskalte Wasser ein. Fröstelnd stolperte er dann zurück ans Ufer zu Trinle, der vollkommen reglos dastand und hektisch Mantras murmelte.
»Yangkar«, sagte die junge Tibeterin unterdessen. »Die Stadt heißt Yangkar.«
Shan warf ihr einen ungläubigen Blick zu. Hatte Yara denn nicht die graue Uniform des Mannes erkannt? Wusste sie etwa nicht, dass sie sich mit einem Kriecher anlegte, einem Offizier des gefürchteten Büros für Öffentliche Sicherheit, dessen Patrouillen alle alten Straßenschilder durch neue ersetzt hatten, auf denen nur noch die chinesischen Namen der entlegenen tibetischen Orte standen?
»Nein, sie heißt Buzhou, da bin ich mir sicher«, entgegnete der Offizier und wirkte dabei seltsam verwirrt. Er hielt Yara die Karte hin und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die chinesische Bezeichnung. »Sehen Sie selbst. Buzhou, Bezirk Lhadrung. Und laut meinen Unterlagen gibt es hier ein Gefängnis.«
Yaras Augen blitzten auf. »Für Häftlinge?« Ihr Blick wanderte zu den verängstigten Tibetern, die unter der Plane des Transporters kauerten. Die meisten von ihnen trugen die Filzmäntel der dropkas, Hirtennomaden wie Yara und ihre Familie.
Aus irgendeinem Grund nahm der Leutnant seine Mütze ab. »Sie wurden nur vorübergehend in Gewahrsam genommen. Ihr Ziel ist eine Einrichtung außerhalb von Lhasa, wo sie ein besseres Leben beginnen können. Doch vor Einbruch der Nacht ist die Strecke nicht zu schaffen. Sie sollen lediglich beisammenbleiben, unter Kontrolle. Eine eigentliche Straftat wirft man ihnen nicht vor.«
»Das soll wohl heißen, diese Leute haben bisher zu weit außerhalb von Pekings Reichweite gelebt«, stellte Yara mit der beißenden Schärfe der Lehrerin fest, die sie einst gewesen war, bevor sie ihren Ausweis zerrissen hatte.
Shan stieß Trinles Schulter an. Der alte Tibeter wandte den Kopf und sah, dass seine Frau und Ati den Yak mittlerweile den breiten Grashang hinaufführten, weg von der Straße. »Yara!«, rief er voller Sorge, machte dann kehrt und eilte den anderen hinterher. Shan ging zu seinem Wagen und nahm die dunkelblaue Uniformjacke von der Ladefläche.
»Ich habe eine Thermoskanne Tee dabei«, bot der chinesische Leutnant an.
»Gut«, erwiderte die junge Frau und wies auf die Gefangenen, die sich verschüchtert an der Klappe des Transporters zusammendrängten. »Die sehen durstig aus.«
Zu Shans Erstaunen grinste der Offizier. »Ich heiße Jinhua«, wiederholte er. Der Mann war ungefähr dreißig Jahre alt, von schmächtiger Statur und mit beinahe jungenhaftem Gesicht, abgesehen von den rastlosen, forschend dreinblickenden Augen.
Shan streifte sich die Jacke über den tropfnassen Leib, zog sie zurecht und trat neben Yara. Sie drehte sich um, bemerkte ihre fliehende Familie und wich behutsam zurück, während der Offizier sie weiterhin unverwandt ansah. Da erst wurde Shan sich des Umstands bewusst, dass die schlanke Yara mit ihren hohen Wangenknochen und den tiefen, leuchtenden Augen eine auffallend attraktive Frau war. Er machte einen Schritt zur Seite und verstellte dem Offizier die Sicht.
Der Leutnant war eindeutig enttäuscht. »Sie?« Er runzelte die Stirn. »Aber Sie haben im Schlamm gewühlt.«
»Mein Einsatz wurde dort benötigt.« Shan, gerade mal drei Monate im Amt, hatte den Kontakt mit der Öffentlichen Sicherheit gefürchtet und sogar zu hoffen begonnen, diese abgelegene Ansiedlung im Hochgebirge möge den Kriechern irgendwie entgehen. »Wie darf die örtliche Polizei Ihnen behilflich sein?«
»Wir können es unmöglich bis Einbruch der Dunkelheit nach Lhasa schaffen. Die Strecke ist nachts zu riskant, und uns hat eine Rast in Wind und Kälte gedroht. Aber dann habe ich auf der Karte Buzhou entdeckt. An der Abzweigung zur Stadt habe ich mich bei einem Bauern nach dem zuständigen Polizisten erkundigt, und da hieß es, Sie seien hier an der Straße beschäftigt.«
Als Shan die Tür seines Wagens öffnete, schaute er Yara hinterher, die inzwischen eilig ihrer Familie folgte. Auf dem weiten Grashang kam von oben ein Reiter im Galopp auf die Hirten zu. Shan deutete auf den Transporter, um Jinhuas Aufmerksamkeit von den Wilden abzulenken, damit sie nicht ebenfalls in Haft endeten.
»Ich habe zwei Zellen, die für je zwei Insassen ausgelegt sind. Aber Sie haben mindestens ein Dutzend Leute dabei.«
Der Leutnant zuckte die Achseln. »Wir alle bringen Opfer, um den Ruhm unserer Nation zu mehren«, zitierte er einen Slogan aus Pekings jüngster Propagandakampagne.
Shan bog auf die befestigte Schotterstraße ein. Leutnant Jinhua warf seinen Schlüssel einem der Soldaten zu und stieg zu Shan ins Führerhaus. Während sie den langgezogenen Serpentinen ins Hochtal von Yangkar folgten, schaute der Kriecher wie ein wissbegieriger Tourist hinaus in die Landschaft. Nach einigen Minuten nahm er den kleinen steinernen Buddha, der auf dem Armaturenbrett stand.
»Sieh sich einer diesen dicken Bauch an!«, spottete der junge Leutnant. »Schon komisch. Da fertigen die ein Abbild ihres Gottes an, und dann machen sie ihn so fett und...
| Erscheint lt. Verlag | 17.8.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Inspektor Shan ermittelt | Inspektor Shan ermittelt |
| Übersetzer | Thomas Haufschild |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Skeleton God |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror | |
| Schlagworte | Buddhismus • China • Dalai Lama • Der fremde Tibeter • Eliot Pattison • Inspektor Shan • Kloster • Lhasa • Mudra • Peking • Shan • Thomas Haufschild • Tibet |
| ISBN-10 | 3-8412-1479-7 / 3841214797 |
| ISBN-13 | 978-3-8412-1479-9 / 9783841214799 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich