Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung (eBook)
142 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-75859-5 (ISBN)
»Einen Dichter einzuladen, eine Poetikvorlesung zu halten, ist etwa so sinnvoll, wie einen Kannibalen als Ernährungsberater zu engagieren. Am Ende nagt er an Ihren Knochen, in diesem Fall an den Resten Ihres geistigen Stützapparats«, warnte Robert Menasse zu Beginn seiner Poetikvorlesungen im Frühjahr 2005 im legendären Adorno-Hörsaal, in dem »schon lange nicht mehr so wortgewaltig gegen den Kapitalismus gewettert und zum Umsturz aufgerufen wurde«, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Das Publikum dankte es ihm mit »donnerndem Applaus und stehenden Ovationen«.
<p>Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den »Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb«. Menasse lehrte anschließend sechs Jahre – zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u.a. über: Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien.</p>
II
Die unbeschriebene Welt
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich muß Ihnen heute etwas gestehen:
Ich bin Spinoza!
Keine Angst: Ich leide nicht unter Identifikationswahnsinn, ich glaube auch nicht an Seelenwanderung und Wiedergeburt. Es gibt für den Satz »Ich bin Spinoza« sehr gute sachliche, im philosophischen Sinn materialistische Gründe. Ich bin Spinoza, nicht weil ich unter einem Wahn leide, sondern weil ich auf Rationalität bestehe, ich bin Spinoza nicht aus Anmaßung, sondern aus Notwehr. Der Satz »Ich bin Spinoza« ist bloß eine Chiffre, bezeichnet eine Haltung, die auf eine bis heute exemplarische Weise der Mensch Spinoza vorgelebt hat, der vor rund dreihundertfünfzig Jahren Tränen schliff wie Glas. »Ein toter Hund«, der wie alle Totgesagten länger lebt, auch und erst recht heute.
Über diese Haltung will ich reden, über die Möglichkeit, ja über die Notwendigkeit, Spinozas Haltung zur eigenen zu machen. Das ist heute wieder eine Schicksalsfrage geworden, besser gesagt, eine Möglichkeit, gegen das Schicksal aufzubegehren, jenes seltsam untote Phänomen, das zu besiegen uns der »tote Hund« helfen kann, der bekanntlich als Ketzer von seiner Gemeinde ausgeschlossen wurde.
Ich möchte Ihnen, um zu verdeutlichen, was ich meine, eine einfache Frage stellen: Wären Sie bereit, der Wahrheit, der Ethik Ihres Handelns, der Freiheit, der gesellschaftlichen Vernunft zuliebe Ihre bequeme gesellschaftliche Anerkennung zu verlieren, Ihren ohnehin unverläßlichen sozialen Kontext zu verlassen, Einkommenseinbußen hinzunehmen? Dann stehen Sie jetzt auf und sagen Sie: »Ich bin Spinoza!«
Keiner steht auf?! Sehen Sie, so ist es! Das ist die Situation, von der wir heute, in der Auseinandersetzung mit unserer Zeitgenossenschaft, ausgehen müssen. Dabei hatte ich Sie auf diese Frage vorbereitet. Ich habe im letzten Vortrag gesagt, daß alles, was wir glauben tun zu müssen, um Einkommen, soziale Sicherheit und Ansehen zu behalten, uns zwar schicksalshaft, weil ohne Alternative erscheinen soll, tatsächlich aber nicht schicksalshaft ist. Vernunftbegründeten Widerspruch zu zeigen ist einfach (auch wenn er zu Situationen führen kann und letztlich auch führen muß, wo er mit Gewalt und Terror beantwortet wird – doch über diese Gewalt will ich in der nächsten Vorlesung sprechen). Zunächst und grundsätzlich aber ist Widerspruch heute gefahrlos möglich, geradezu kindisch einfach, so kindisch und so einfach wie mein Satz »Ich bin Spinoza«, der nur – aber in diesem »nur« steckt genug Notwendigkeit und Bedeutung – strukturell sinnvoll und nicht bloß kindisch ist. Strukturell ist dieser Satz nämlich eine ideelle Selbstdefinition unserer Gesellschaft, die geistige Grundierung ihrer Legitimitation und unserer Sozialisation, denn so haben wir es doch gelernt: daß die Grundlage unseres Handelns die Vernunft ist, die Voraussetzung dafür unsere Mündigkeit und das Ziel unsere Selbstbestimmung, und daß unsere Gesellschaft die entsprechenden Rahmenbedingungen garantiert, auch gegen Widerstände. Der Satz »Ich bin Spinoza« ist allerdings auch nur dann sinnvoll, wenn seine Implikationen wirklich als Anspruch und nicht bloß als Bildungsgut ernst genommen werden. Deshalb wundert mich, daß ich jetzt auch Herrn Richard Kämmerlings von der FAZ nicht aufstehen sah. Nun hat Herr Kämmerlings allerdings in der vergangenen Woche einen Artikel veröffentlicht, in dem er vorauseilend seine Antwort auf meine Frage bereits gegeben hat. Er ist nicht Spinoza, sondern er ist Richard Kämmerlings. Das ist zunächst ein Unterschied, der etwa so groß ist wie der zwischen Schweißgeruch und einem eleganten Parfum mit der dezenten Moschus-Note des FAZ-Redakteurs. Und Unterschiede, schrieb Kämmerlings, »dürfen nicht eingeebnet« werden, andernfalls fühlt er sich, und das sei nach meinem Vortrag der Fall gewesen, »peinlich berührt«. Was die historischen Unterschiede betrifft, stimme ich Herrn Kämmerlings völlig zu: sie sollen nicht eingeebnet werden. Aber was die »peinliche Berührung« betrifft, bin ich mir nach der Lektüre seines Artikels nicht sicher, ob er wirklich von meinen Thesen peinlich berührt war oder ob es sich nicht vielmehr so verhält, daß er von sich selbst peinlich berührt war, als er den historischen Unterschied begriff und nicht wahrhaben wollte, der zwischen der Haltung (und ich rede jetzt wohlgemerkt nur von der Haltung) des aufgeklärten Spinoza und der des abgeklärten Kämmerlings besteht.
Kämmerlings berichtete, ich hätte in meinem ersten Vortrag den Unterschied eingeebnet zwischen der historischen Situation, in der Sophie Scholl ihre Kompromißlosigkeit bewies, und unserer Gegenwart, in der ich meine Kompromißlosigkeit gefahrlos behaupte. Das wäre peinlich, das stimmt. Nur: ich habe nichts dergleichen getan oder gesagt. Im Gegenteil, ich habe auf genau diesem Unterschied insistiert, als ich fragte, wieso heute, bei einer zweifellos problematischen »Entwicklung«, so gebückt mitmarschiert wird, obwohl es doch im Unterschied zu faschistischen Systemen so ist, daß »freie Entscheidungen nicht mit Freiheitsentzug, aufrechter Gang nicht mit Beugehaft, die Demonstration von Lebensvorstellungen nicht mit dem Tod bestraft werden«. Das waren meine Worte. Was hat Herrn Kämmerlings peinlich berührt? Meine Frage? Oder die Antwort, die er sich selbst geben müßte?
Er hat berichtet, daß ich in der heutigen Demokratie die »Fratze des Faschismus« wiedererkenne. Wie peinlich. Er hat recht. Es ist peinlich, daß er das geschrieben hat. Denn tatsächlich habe ich etwas anderes gesagt. Ich habe eine statthabende Entwicklung beschrieben, die Symptome dafür zeigt, daß die Erfahrung des Faschismus und die danach gezogenen Lehren heute vergessen werden. Wie sonst wären heute in Europa die folgenden wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen, alle faktisch belegbar, möglich: »Steuerbefreiung für große Unternehmen und Konzerne, wodurch sozialpolitische Einsparungen notwendig werden, die wiederum aufgefangen werden durch Wiedereinführung von Formen des Arbeitsdiensts. Verstärkte Investition in Rüstung und staatliche, nicht gesellschaftlich konsumierbare Güter, Beschneidung des individuellen Konsums. Rückkehr von der relativen zur absoluten Mehrwertproduktion, Verlängerung der Arbeitszeit und Lohnkürzungen. Herstellung gesellschaftlicher Solidarität durch äußere Bedrohungsszenarien. Preisgabe von Freiheitsrechten unter dem Vorwand von Sicherheitsmaßnahmen. Transformation sozialer Probleme in ästhetische Anforderungen – zum Beispiel Kürzungen im Gesundheitsbereich bei gleichzeitiger Fetischisierung des schönen Körpers, der individuell herstellbar sei.« Das habe ich gesagt und gefragt, ob uns das nicht bekannt vorkommt.
Sehen Sie den Unterschied? Und sehen Sie, wie Herr Kämmerlings ihn eingeebnet hat?
Er ist deshalb »peinlich berührt« – von mir. Und er behauptet, ich hätte somit »alle mit den Weltläuften Zufriedenen mit den Duckmäusern der Naziherrschaft gleichgesetzt«. Die Zufriedenen! Duckmäuser! Da können die in der Chefetage bei Siemens nur den Kopf schütteln! Denn das kann man über sie wirklich nicht behaupten: daß sie Duckmäuser sind.
Allerdings habe ich das auch nicht behauptet. Ich habe gesagt, daß die sogenannte Globalisierung, so wie sie heute stattfindet, einige wenige Gewinner und sehr viele Verlierer produziert. Ich habe nie daran gezweifelt, daß die Gewinner »mit den Weltläuften zufrieden« sind. Aber ich habe die Frage gestellt, ob man die Bedingungen der Möglichkeit verbessern kann, daß die Unzufriedenen Widerstand gegen diese »Weltläufte« leisten können. Sehen Sie den Unterschied? Wer hat ihn eingeebnet?
Herr Kämmerlings meint, ich hätte etwas »beeindruckend Unzeitgemäßes«. Da allerdings hat er recht. Ich halte nämlich die Zeit, in der wir heute leben beziehungsweise die wir heute erleben müssen, tatsächlich für eine Unzeit im buchstäblichen Sinn. Nicht weil ich der Meinung bin, daß schon wieder Faschismus herrscht, wenn auch camoufliert, sondern weil er verschwunden ist – als bleibende kollektive Erfahrung, als politisches System von Lehren, die aus dieser Erfahrung einmal gezogen und weitergegeben worden sind. Wenn eine Zeit hinter historisch gemachte Erfahrungen zurückfällt, wenn die Lehren aus historischen Fehlern bei zeitgenössischen Entscheidungen keine Rolle mehr spielen, für überholt gelten, als störend erscheinen und daher die Wiederholung alter Fehler wieder als unschuldiger Pragmatismus gelten kann, dann ist diese Zeit selbst nicht mehr auf ihrer bereits erreichten Höhe, dann fällt oder drängt sie zurück, und das nennt man einen backlash, auf deutsch: Unzeit. Wenn man sich dem stellt, sich damit auseinandersetzt, dann ist alles, was man schreibt oder vorträgt, natürlich Ausdruck dieses Unzeitgemäßen, was aber auch bedeutet, daß man in solchen Unzeiten nur als Unzeitgemäßer als ein reflektierender Zeitgenosse gelten kann.
Ich weiß nicht, als was sich Herr Kämmerlings begreift, wenn er den Sachverhalt, daß ich unserer Unzeit gemäß argumentiere, so ironisch kommentiert. Ich habe seinem Artikel am Ende nur einen Hinweis darauf entnommen, wie er sich selbst definieren will: Kämmerlings will kein Opfer sein, er will keinen Grund dafür sehen, Widerstand leisten zu müssen, er ist kein Opfer, und daher ist alles eindeutig besser, als ich es behaupte. Ich aber, so behauptet Kämmerlings, liebe es, Opfer zu sein und Tyrannen zu erfinden, die ich bekämpfen könne. Ich wolle, so Kämmerlings, auf Gedeih und unter dem Vorwand von Verderb, in eine »Opferrolle geraten« und müsse deshalb den »Zeitgeist« zum »Tyrannen« erklären. Das...
| Erscheint lt. Verlag | 15.11.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Essays / Feuilleton |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 21st Century Best Foreign Novel of the Year award 2020 • Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2022 • Brüssel • Deutscher Buchpreis • Deutscher Buchpreis 2017 • Die Hauptstadt • edition suhrkamp 2464 • ES 2464 • ES2464 • Frankfurter Poetik-Vorlesungen • Kakehashi-Literaturpreis 2024 • Poetikvorlesung • Prix du livre européen (Europäischer Buchpreis) 2023 • Welt |
| ISBN-10 | 3-518-75859-4 / 3518758594 |
| ISBN-13 | 978-3-518-75859-5 / 9783518758595 |
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