Jessica Bannister 39 - Mystery-Serie (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5728-8 (ISBN)
Immer wieder lässt sich die Tourismus-Branche etwas Neues einfallen, um zahlungskräftige Kunden anzulocken. So auch bei der alten Ritterburg Flamden Castle. Eine amerikanische Hotelkette hat das Gebäude aufgekauft und daraus mit viel technischer Raffinesse eine Geisterburg gemacht. Computer und viele elektronische Spielereien sorgen für Gänsehaut und Nervenkitzel, wenn sich nachts die Gespenster aufmachen, um die Gäste zu erschrecken, Gerippe durch die finsteren Korridore klappern und Mobiliar wie von Geisterhand bewegt wird.
Alles soll nur ein vergnüglicher Freizeitspaß sein - doch den Gästen und dem Hotelpersonal bleibt das Lachen im Halse stecken, als plötzlich echte Gespenster die Bühne betreten. Die Geisterritter von Flamden Castle können keine Ruhe finden, und sie werden zur Gefahr für jeden, der sich auf der Spukburg aufhält ...
Die Scheibenwischer wurden mit den Wassermassen, die der Sturm gegen die Windschutzscheibe peitschte, kaum noch fertig, und die Heizung des kirschroten Mercedes 190 lief auf Hochtouren. Eine trostlose Hügellandschaft zog jenseits der schmalen Landstraße an uns vorüber. Wir näherten uns Saversnake Forest, einem weitläufigen Waldgebiet mit uralten Eiche- und Buchenbeständen.
Ich hockte vornübergebeugt hinter dem Steuer des Wagens, während die gelblichen Lichtlanzen der Scheinwerfer in die Regenfront vor mir stachen. Es schien, als fuhr ich auf eine milchige graue Wand zu. Seit Stunden war uns kein anderes Fahrzeug begegnet, und ich hatte Zweifel, ob ich mich noch auf dem richtigen Weg nach Flamden Castle befand. Die Beschilderung dorthin erwies sich als äußerst dürftig.
Bizarr malten sich die knorrigen Äste der mächtigen Bäume vom verhangenen Abendhimmel ab und erinnerten mich unwillkürlich an mahnend erhobene Zeigefinger. Ein Schauer rieselte über meinen Rücken, und ich warf Tante Bell, die auf dem Beifahrersitz eingeschlummert war, einen raschen Seitenblick zu.
Ein gutmütiges Lächeln lag auf den Lippen der alten Dame. Sie hatte bei einem Preisausschreiben in einer Illustrierten ein verlängertes Wochenende für zwei Personen auf Flamden Castle gewonnen – inklusive Geisterspuk!
Wie ich im Archiv London City Observer erfahren hatte, handelte es sich bei Flamden Castle um eine Ritterburg aus dem zwölften Jahrhundert, aus der ein geschäftstüchtiger amerikanischer Hotelier ein Spukschloss gemacht hatte. Mit allerlei technischen Tricks hatte er eine schaurige Welt aus elektronisch animierten Monstern und Gespenstern geschaffen, um dem abenteuerlustigen Kurzurlauber eine Übernachtung mit Gänsehaut-Garantie zu bieten.
Seit dieser Modernisierung strömten die Besuchermassen nach Flamden Castle, um einmal im Leben Bekanntschaft mit übersinnlichen Phänomenen machen zu können. Niemanden schien es zu stören, dass es sich bei dem Spuk um eine Ansammlung technischer Raffinessen handelte und die Gespenster, die nachts durch das Gemäuer geisterten, von einem zentralen versteckten Computer belebt wurden.
Auch Tante Bell störte das nicht. Sie liebte alles, was mit Geistern, Spuk und dem Übersinnlichen überhaupt zu tun hatte. Parawissenschaften waren ihre große Leidenschaft, und ihre Londoner Villa war angefüllt mit allem möglichen Krempel aus der Welt des Okkulten.
Ich wohnte seit dem Tode meiner Eltern – ich war damals zwölf Jahre alt gewesen – bei meiner Großtante, und seit dieser Zeit war für Tante Bell klar gewesen, dass ich über besondere Fähigkeiten verfügte, denn tatsächlich hatte ich in der verhängnisvollen Nacht den Tod meiner Eltern im Traum vorhergesehen, und kurz darauf war ein Polizeibeamter mit finsterer Miene bei Tante Bell erschienen, um sie von dem Unglück in Kenntnis zu setzen.
Inzwischen wusste ich, dass ich meine hellseherischen Fähigkeiten von meiner Mutter geerbt hatte. Und noch mehr hatte ich erfahren.
Bei meinem letzten Abenteuer in der schottischen Ortschaft Carlisle war ich dem Geist der weisen Jasprey begegnet, einer Vorfahrin meiner Mutter und damit auch von mir, die im 16. Jahrhundert als Hexe verbrannt worden war. Offenbar hatte auch sie über übernatürliche Fähigkeiten verfügt.
Konnte es sein, dass sich diese Fähigkeiten über die Jahrhunderte hinweg von der Mutter auf die Tochter vererbt hatten? Würde auch meine Tochter, wenn ich je eine haben würde, über solche Fähigkeiten verfügen?
Das waren Fragen, die bisher nicht beantwortet waren. Klar war nur, dass meine paranormalen Fähigkeiten mich, der jungen Journalistin Jessica Bannister vom London City Observer, immer wieder auf die Spur des Übernatürlichen brachten.
Diesmal war ich allerdings zuversichtlich, von echten Geistern verschont zu bleiben …
Plötzlich nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Mein Kopf ruckte herum.
Tante Bell war wie von der Tarantel gestochen in die Höhe gefahren und deutete nun aufgeregt nach vorn.
»Jessi, pass auf!«, gellte ihr Schrei durch den Wagen.
Mir blieb keine Zeit, mich zu wundern, warum sie von einer Sekunde zur anderen hellwach war, ich musste handeln.
Denn als ich wieder nach vorn blickte, sah ich einen hochgewachsenen Schatten auf den Mercedes zurasen, der sich auf einmal aus den dichten Regenschleiern geschält hatte. Ich war geschockt, als ich einen Ritter in glänzender Rüstung erkannte, der wild mit einer altertümlichen Streitaxt drohte.
Dann aber trat ich das Bremspedal bis zum Bodenblech durch.
Ein verheerender Fehler, denn der Mercedes geriet auf der nassen Fahrbahn ins Schlingern und brach aus. Quer zur Fahrtrichtung rutschte der schwere Wagen über den Asphalt, direkt auf den Ritter zu.
Mein Herz pochte mir bis zum Hals, als ich bemerkte, dass der 190er schneller zu werden schien, statt zu verzögern. Wie besessen kurbelte ich am Lenkrad und steuerte gegen. Weiß traten die Knöchel meiner Finger unter der Haut hervor.
Mit schreckgeweiteten Augen starrte ich auf den Ritter, der keinerlei Anstalten traf, sich aus der Gefahrenzone zu bringen. Noch immer hieb er mit der Axt in der Luft herum, so, als könne er mit dieser Drohgebärde den Wagen zum Anhalten bringen. Ich glaubte, unter dem herabgelassenen Visier ein fluoreszierendes Leuchten zu erkennen.
Zäh wie Sirup flossen die Gedanken durch mein Gehirn. Als der Augenblick des schier unvermeidlichen Aufpralls gekommen war, schloss ich die Augen.
Vergeblich wartete ich auf das metallische Scheppern der Rüstung. Ohne auf einen spürbaren Widerstand zu stoßen, rutschte der Mercedes über den Fahrbahnrand hinaus.
Irgendwo am Unterboden ertönte ein hässliches Kratzen, dann durchlief ein harter Ruck den Wagen. Wir wurden in die Sicherheitsgurte gepresst, dann stand der Mercedes.
Den Motor hatte ich abgewürgt. Ruhe breitete sich aus.
Gespenstische, beklemmende Ruhe.
Erst als ich Tante Bells zitternde Hand auf meinem Unterarm spürte, öffnete ich wieder die Augen. Schweiß perlte auf meiner Stirn.
Die Scheibenwischer schwappten die Wassermassen von rechts nach links und gaben den Blick auf den verwachsenen Wald frei. Außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen, wischte ich mir über die Augen und verkniff mir mühsam einen Fluch. Ratlos blickte ich Tante Bell an.
»Jessi, Kindchen, bist du in Ordnung?«, drang ihre besorgte Stimme in mein Bewusstsein. Meine Großtante war kreidebleich geworden.
Wie in Trance nickte ich. »Ja. Und du?«
Die alte Dame drückte den Rücken durch und brachte ein aufmunterndes Lächeln zustande. »Aber sicher, Jessi. Unkraut vergeht nicht.« Sie strich mir zärtlich über die Wange.
»Was …« Ich schluckte trocken. »… was, um Himmels willen, war das?«
Tante Bell zuckte mit den Schultern. »Ein Ritter, Kind«, erwiderte sie, so als wäre es alltäglich, dass Ritter in Rüstungen über Landstraßen spazierten.
Sie lächelte mich sanft an.
Ich stutzte.
Einer Halluzination war ich also nicht zum Opfer gefallen. Da musste also tatsächlich etwas gewesen sein. Etwas, das man nicht rationell erklären konnte. Und etwas, das mir Angst einjagte.
Denn wenn tatsächlich jemand in Ritterrüstung vor dem Mercedes – scheinbar aus dem Nichts – aufgetaucht war, wo war er dann geblieben, wenn er nicht unter die Räder des Wagens geraten war?
In einem Anflug von panikartiger Sorge stieß ich die Wagentür auf. Regen peitschte mir ins erhitzte Gesicht, als ich mich ins Freie stemmte.
»Warte hier!«, rief ich Tante Bell zu.
Der Mercedes war über den Fahrbahnrand hinausgeschossen und im Straßengraben zum Stillstand gekommen. Obwohl der materielle Schaden in diesem Augenblick in den Hintergrund rückte, fragte ich mich ernsthaft, wie wir hier ohne fremde Hilfe wieder herauskommen würden.
Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch und stapfte zu der Stelle, wo sich vor wenigen Augenblicken noch der unheimliche Ritter befunden hatte.
Der Platz war leer.
Nichts, rein gar nichts deutete darauf hin, dass sich hier um Haaresbreite ein Unglück ereignet hätte.
Fieberhaft suchte ich die Gegend jenseits der Straße ab, ohne jedoch einen Hinweis auf den Verbleib des Ritters zu finden.
Eine Sekunde lang dachte ich wieder daran, mir den Ritter nur eingebildet zu haben, verwarf diese Idee aber rasch wieder, da Tante Bell es gewesen war, die mich auf die unheimliche Erscheinung aufmerksam gemacht hatte.
Sicherlich würde sie auf das unerforschte Phänomen der Massenhalluzination hinweisen, wenn ich sie darauf ansprach.
Der Regen rann in dichten Bahnen über mein Gesicht, und ich legte schützend eine Hand über die Augen, während mein Blick in den nahen Wald glitt. Aber auch dort war aber kein Ritter zu sehen.
Ich nahm meinen Mut zusammen und formte mit den Händen einen Trichter. »Hallo!«, rief ich – und kam mir dabei reichlich albern vor. »Wo sind Sie?«, rief ich gegen das Prasseln des Regens an.
Ich blickte hinüber zum Wagen. Tante Bell war ausgestiegen und lehnte am Verdeck des kirschroten 190ers. Sie winkte mich zu sich.
Ich suchte die Gegend ein letztes Mal ab, dann begab ich mich zu ihr. Zahlreiche Pfützen glitzerten im Halbdunkel. Dennoch glaubte ich, dass die Intensität des Regens nachgelassen hätte.
Bei Tante Bell angekommen,...
| Erscheint lt. Verlag | 21.11.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die unheimlichen Abenteuer |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • Abenteurer • American Horror Story • Angst • Anna Basener • anne-alexander • Bahnhofsroman • Banshee • Barry Belmondo • Bastei • Buffy • Charmed • Cora • Dämonenjäger • deborah-court • Der Dunkle Turm • Der Geisterjäger • Deutsch • de-winter • Die Abenteurer • eBook • E-Book • eBooks • ellen-gaber • Familien-Geheimnis • Fantasy • Fortsetzungsroman • Frauen-grusel • Frauengrusel • Furcht • Geheimnis • Geister • Geisterjäger • Geschichten • ghost • Groschenheft • Grusel • Grusel-Krimi • Grusel-Roman • Gruselserie • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Hexerei • H G Francis • Horror • horror deutsch • Horror-Roman • Horrorroman deutsch • Horror-Serie • horror thriller • Jason Dark • Jessica-Bannister • john Sinclair • Julia meyer • Kindle • Klassiker • Liebe • Lovecraft • Magie • Mark Hellmann • Mira • Monster • Monster,Schrecken • mooncastle • muriel-fendorf • Mysterie • Mysterien • Mystery • Nacht • pamela-menzel • Preacher • Professor Zamorra • Pulp • Pulp Ficition • Romanheft • Roman-Heft • Romanheft-serie • romantic-suspense • Romantic-Thrill • Romanticthriller • Romantic-Thriller • Romantik-Thriller • Romanze • Schicksal-Roman • Schrecken • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Serienroman • sharon de winter • sharon-winter • Slasher • spannend • Spuk • Stephen King • Stranger Things • The Walking Dead • Thriller-Serie • Tony Ballard • Unheimlich • Van Helsing • Voodoo • Zombie |
| ISBN-10 | 3-7325-5728-6 / 3732557286 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5728-8 / 9783732557288 |
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