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Das Berghotel 153 (eBook)

Sorge um die Jodelkönigin
eBook Download: EPUB
2017 | 1. Aufl. 2017
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5490-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Berghotel 153 - Verena Kufsteiner
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Vanessa Ulrich atmet noch einmal tief durch, bevor sie die Bühne betritt. Der Edelweiß-Saal des Berghotels ist bis auf den letzten Sitz gefüllt, alle sind sie gekommen, um die Zillertaler Jodelkönigin einmal live zu sehen. Sie sind bezaubert von ihrer Schönheit, und insgeheim sind sich alle Gäste einig: Keine Fotos und Videoaufnahmen der Welt können ihr gerecht werden.
Als die Musik nun zu spielen beginnt, greift Vanessa routiniert zum Mikrofon, öffnet den Mund - doch kein Ton kommt heraus. Sie schließt ihren Mund, öffnet ihn wieder, schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ihre Augen weiten sich vor Entsetzen.
Ein Raunen und Murmeln geht durch das Publikum. Alle Blicke sind gebannt auf die Jodelkönigin gerichtet, die schluchzend von der Bühne flieht ...

Raschelnd fuhr der Wind durch das trockene Laub, zupfte braune und goldene Blätter von den Zweigen und wirbelte sie herum. Hedi blickte lächelnd hoch zum blauen Himmel und zog ihr warmes gestricktes Schultertuch, das wunderbar mit dem waldgrünen Wolldirndl harmonierte, enger um sich.

Es war ein kühler, aber sonniger Herbsttag. Der goldfarbene Wetterhahn auf der Turmspitze der Dorfkirche drehte sich eifrig hin und her, funkelnd reflektierte er das Licht. Die gepflegten Bauernhäuser wurden von der Sonne beschienen und so ins beste Licht gerückt. Auf einem Hügel etwas abseits war der gelbe Barockbau des Schlössls zu sehen, in dem der Baron von Brauneck mitsamt seiner Familie lebte. Mei, das alles gäbe ein zauberhaftes Postkartenmotiv ab, dachte Hedi bei sich.

Eine Katze balancierte auf einem Gartenzaun und schnurrte zufrieden, als Hedi ihr sanft das getigerte Fell kraulte.

Die Hotelchefin liebte es, bei diesem Wetter draußen an der frischen Luft zu sein. Der Wind löste ein paar blondgefärbte Strähnen aus ihrer feschen Flechtfrisur, doch das störte sie nicht weiter. Auch die Kälte konnte sie nicht schrecken, immerhin hatte sie ihren Mann Andi dabei, der nun wärmend einen Arm um ihre Schultern legte.

»Das Wetter steht dir, Spatzl«, sagte er schmunzelnd, zog sie enger an sich und gab ihr ein Busserl auf die Stirn.

Sie lachte. »Das Wetter? Wie das denn?«

Ein warmer Glanz trat in seine Augen, als er sie ansah.

»Die Kälte macht deine Wangen rot, der Wind zerzaust deine Haare so hinreißend. Allerdings bist du freilich zu jeder Jahreszeit die schönste Rose im ganzen Zillertal.«

»Du alter Süßholzraspler.« Neckend kniff sie ihn in die Seite, konnte aber nicht verhehlen, dass sie sich geschmeichelt fühlte.

Auch wenn die beiden Hoteliers schon seit einer ganzen Weile verheiratet waren, tat es immer noch gut, liebe Komplimente zu hören. Aufmerksamkeiten hielten die Liebe nun einmal frisch und jung.

Seite an Seite flanierten sie durch das Dörfchen St. Christoph, genossen den schönen Herbsttag und plauderten mit Bekannten, die ihnen auf der Straße begegneten. Dabei schauten sie sich neugierig um, denn heute gab es allerhand zu entdecken.

Eigentlich war St. Christoph ein verschlafenes kleines Örtchen in Tirol, umgeben von den imposanten Gipfeln der Zillertaler Alpen und fern von Stress und Trubel. Doch heute war von der üblichen Ruhe nichts zu bemerken, stattdessen herrschte große Aufregung, denn die Vorbereitungen für den Kirtag und das Erntedankfest waren schon in vollem Gange.

Am nächsten Sonntag würde sich die Gemeinde in der Kirche versammeln, danach war tagelang Trubel und Gaudi angesagt. Niemand hier im Dorf ließ sich die Feierlichkeiten entgehen. Es würde wie jedes Jahr ein Festzelt und zahlreiche Standeln geben, Tanz und Musik. Am Kirchplatz wurde sogar ein Riesenrad aufgestellt, auf das sich vor allem die Kinder, aber auch so manche Erwachsenen sehr freuten.

»Das wird wieder ein schöner Tumult«, schwärmte Hedi voll Vorfreude.

Einerseits genoss sie den Frieden und die Ruhe, die normalerweise in St. Christoph herrschten – hier hatte man immer ein wenig das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Doch ebenso liebte sie es, wenn hin und wieder Leben ins allzu beschauliche Dorfleben kam. So wurde es einem nie fad.

»Ja, herrlich wird’s«, stimmte Andi ihr zu, während er dem Dorfgendarm Ludwig Sirch zuwinkte, der gerade auf seinem Motorrad vorbeituckerte.

Am liebsten wären sie noch eine Weile herumspaziert, doch im Hotel wartete die Arbeit schon auf sie. Hedi musste die Hausdame Gerda Stahmer an der Rezeption ablösen, Andi hingegen musste sich noch mit der Buchhaltung herumschlagen. Es gab immer etwas zu tun, Freizeit hatten die beiden Hotelchefs nur selten, doch die viele harte Arbeit lohnte sich.

Ein warmes Gefühl breitete sich in Hedis Brust aus, als sie zum Sporthotel »Am Sonnenhang« blickte, das über dem Örtchen auf einem Hügel thronte. Das wunderschöne, im alpinen Stil gehaltene Gebäude, das als eines der besten Hotels in der Region galt, war ihr und Andis ganzer Stolz.

»Komm, lass uns zurückkehren«, schlug sie lächelnd vor. »Wir haben noch genug zu tun.«

»Du Sklaventreiberin«, stöhnte er gespielt leidend.

Als sie ihren Spaziergang beendet hatten und das Hotel wieder erreichten, kam ihnen Vroni, eines der Serviermadeln, aufgeregt entgegengelaufen. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen glänzten.

»Ist es wahr?«, rief sie atemlos. »Stimmt es, was man sich erzählt – die Jodelkönigin wird hier bei uns in St. Christoph auftreten?«

Hedi lachte herzlich. »Ach Vroni, da kommst du jetzt erst drauf? Lebst du denn hinterm Mond? Das wurde ja schon lang bekannt gegeben. Überall im Ort hängen die Plakate. Sogar vorm Hotel ist eines.«

Vroni errötete bis über beide Wangen. »Das hab ich ganz übersehen«, gestand sie. »In letzter Zeit war ich … ein bisserl abgelenkt.«

Die Hotelchefin musste schmunzeln. Ihr entging nichts, und so wusste sie, warum Vroni so abgelenkt gewesen war. Das hübsche Serviermadel bandelte mit einem feschen Burschen aus dem nahe gelegenen Ort Bergfelden an. Da war es nicht weiter verwunderlich, dass die junge Frau keinen Blick für Plakate und kein Ohr für Klatsch hatte.

»Ja, es stimmt«, gab sie also bereitwillig Auskunft. »Die Vanessa Ulrich wird einen Auftritt im Dorf haben. Das wird sicherlich wunderbar! Und nun rate, wo sie für die Zeit ihres Zillertal-Aufenthalts wohnen wird: hier bei uns im Berghotel!«

Vanessa Ulrich war eine bekannte volkstümliche Sängerin, die mit ihrer glockenhellen Sing- und Jodelstimme und den romantischen, bodenständigen Texten die Herzen der Menschen erwärmte. Vor allem in Tirol, aber auch im Rest von Österreich war sie als Jodelkönigin bekannt. Hedi mochte ihre Musik sehr gern und besaß mehrere CDs von ihr. Entsprechend aufgeregt war sie gewesen, als Vanessa Ulrichs Management Kontakt aufgenommen und eine Zimmeranfrage gestellt hatte.

Freudig klatschte Vroni in die Hände. »Oh, ich freu mich ja so. Die Vanessa war immer ein Idol von mir.« Ihre Wangen wurden noch etwas röter, als sie zugab: »Vor ein paar Jahren hab ich sogar selbst drüber nachgedacht, ihr nachzueifern und mich als Sängerin zu versuchen. Aber ich fürchte, mir fehlt das Talent.«

Es gab viele junge Frauen, die ähnlich dachten wie Vroni. Die Jodelkönigin war eine echte Berühmtheit. Seit ihrer Kindheit stand sie im Rampenlicht. Jahrelang war sie gemeinsam mit ihrer Mutter Linda Ulrich aufgetreten. Das liebreizende Mutter-Tochter-Duo hatte schon bald eine große Fangemeinde gehabt. Hedi konnte sich noch gut daran erinnern, wie groß die Medien damals darüber berichtet hatten, dass Linda nach einer schweren Kehlkopfentzündung ihre Gesangskarriere aufgeben musste.

Seitdem stand Vanessa allein auf der Bühne, doch das tat ihrer Karriere keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Die wunderhübsche junge Frau, die mit ihren blonden Locken an ein Engerl erinnerte, hatte eine große Fangemeinde.

»Es ist zwar noch net hundertprozentig bestätigt, weil er viele andere Termine hat, aber hoffentlich wird auch der Simon Graf auftreten«, schaltete sich Andi ein. »Angedacht ist’s jedenfalls.«

Vroni quietschte aufgeregt. »Oh, wirklich? Das wird ja immer besser!«

Hedi grinste breit. Aber so ging es vielen Leuten. Wenn Vanessa Ulrich und Simon Graf gemeinsam auf der Bühne standen, schlugen die Herzen der Fans höher.

Simon Graf war ein bekannter Schlagersänger – nicht ganz so erfolgreich wie Vanessa, doch auch er hatte sich einen Namen gemacht. Vor etwa einem Jahr hatten die beiden begonnen, zusammenzuarbeiten. Immer wieder traten sie gemeinsam auf, hatten kürzlich sogar ein Musikalbum gemeinsam aufgenommen, das sich hervorragend verkaufte.

Zufrieden lächelte sie. Dass die Jodelkönigin für ihren Aufenthalt ausgerechnet das Hotel »Am Sonnenhang« ausgewählt hatte, ehrte sie sehr. Doch auf der anderen Seite wunderte es sie gar nicht, dachte sie vergnügt: Für eine Jodelkönigin war nur das allerbeste Hotel gut genug, und da kam freilich nur eines infrage! Sie konnte es kaum erwarten, die bekannte Sängerin hier zu begrüßen.

***

Gedankenverloren blickte Vanessa Ulrich aus dem Autofenster und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft. Ihre Mutter steuerte den Wagen nach St. Christoph. Vanessa saß auf dem Beifahrersitz, wo sie den Blick schweifen- und ihre Gedanken treibenlassen konnte.

Wie schön es hier war! Die Landschaft mit den schroffen Bergen und den sanft geschwungenen Hügeln hatte etwas Märchenhaftes an sich. Zu diesem Eindruck trug das Herbstlaub bei: Das Zillertal leuchtete in allen erdenklichen Schattierungen von flammendem Rot über intensives Orange und sattes Braun bis hin zu leuchtendem, warmen Gold. Vanessa konnte sich daran gar nicht sattsehen.

Es war fast so, als hätte sie die Realität hinter sich gelassen. Eine schmale Bergstraße, die sich in Serpentinen aufwärtswand, führte in das entlegene Seitental, welches das Ziel ihrer Reise war. Die hohen Berge wirkten wie Wächter, die sie in eine zauberhafte Märchenwelt einließen, und die hektische Außenwelt aussperrten.

Als Sängerin war Vanessa freilich schon viel herumgekommen in Österreich, hatte in allen möglichen Städten und Dörfern Konzerte gegeben und Pressetermine absolviert. So hatte sie zahlreiche reizvolle, idyllische Orte kennengelernt. Doch in St. Christoph war sie noch nie zuvor gewesen. Es...

Erscheint lt. Verlag 14.11.2017
Reihe/Serie Das Berghotel
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
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ISBN-10 3-7325-5490-2 / 3732554902
ISBN-13 978-3-7325-5490-4 / 9783732554904
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