Indische Kriminalerzählungen (eBook)
146 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-032-0 (ISBN)
n/a
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Der Gespenster-Bungalow.
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Der Schatz des Maharadscha.
Im Banne der Kali.
1.
Wir hatten uns in Bombay bei Watson kennen gelernt und später in Benares in Clarks Hotel wiedergesehen. Wir hatten in Agra in demselben Hotel gewohnt, und jetzt trafen wir uns mitten im Gebirge.
»Wirklich ein tolles Stück!« meinte Oberst Butler und schüttelte uns die Hand.
Ich sage: Mitten im Gebirge.
Nehmt eine Karte von Indien und legt den Finger auf Darjeeling. Fahrt mit ihm nach Nordwesten – nach der Grenze von Nepal. Da werdet ihr eine Straße finden, eine große Straße, die aus dem Gebirge kommt und nach der Ebene hinunterführt. Der Verkehr auf der Straße ist heute gleich null. Streckenweise existiert sie überhaupt nicht mehr. Oben ist sie noch vorhanden. Windet sich in hundert Krümmungen zum Pass hinauf. Aber man konnte es verstehen, dass der Oberst sie einen Schandfleck für die ganze anglo-indische Verwaltung nannte. Denn die Straße war miserabel, und wir verdankten es nur unsern kleinen, tibetanischen Ponys, dass wir nicht ohne weiteres den Hals brachen.
Der Weg lief auf steilen, schmalen Bergrücken entlang, kletterte die kahlen Felskuppen hinauf und tauchte wieder hinab, in tiefe, feuchte Wälder aus Eichen, Lorbeeren, Kastanien, Zimtbäumen. Oder es ging im trocknen Bett eines Gebirgsbachs weiter. Rechts und links Bambusrohr oder baumhohe Rhododendren und Magnolien. Unsere Gäule stampften durch Barrikaden von blutroten und weißen, faustgroßen Blüten, die abgefallen waren und einen starken, würzigen Duft verbreiteten.
Vom Hochgebirge war noch nichts zu sehen. Millionen von Silbertannen verschränkten oben die Aussicht. Wie ein schwarzer Samtgürtel hielten sie das wundervolle, tiefblaue Kleid des Himmels zusammen, an dem – als großer, einziger Goldknopf – die Sonne prangte.
»Du wirst bloß noch ’runterfallen, Carry!« knurrte Oberst Butler.
Mrs. Butler lachte und ließ ihren Pony noch näher an den Abhang herangehen.
»Carry – –!!«
Der Oberst biss sich auf den dicken, eisengrauen Schnurrbart. Dann gab er seinem Pferde einen Schlag. Das Tier drängte nach vorn und rannte gegen den Pony an, auf dem sie saß.
Wenig fehlte, dann lagen beide unten.
»Sind Sie des Teufels, Oberst?« brummte Rolby, der voran ritt. Er packte mit seiner Riesenfaust den Pony am Zügel und riss ihn vom Abhang.
Mrs. Butler war blass geworden. Sie setzte sich wieder im Sattel zurecht. »Was meinen Sie, Mr. Rolby – – – wenn er mich da hinab würfe?«
Rolby behielt den Zügel ihres Pferdes in der Hand.
»Was ich meine – –? Hm!« machte er. »Kalkuliere: Sind keine fünfundzwanzig Fuß. Wenn man nicht grade unter den Pony zu liegen kommt – –«
Sie lachte. Es war ein eigenartiges Lachen. Ein leises, heimliches Lachen, und doch ein Lachen, das uns in jedem Nerv vibrierte.
Rolby hielt einen Augenblick inne; dann fuhr er bedächtig fort:
»Wenn man nicht unter den Pony zu liegen kommt, braucht man nicht grade den Hals zu brechen. Sind dort unten höllisch viel Nesseln und Berberitzen. Gibt das ein komfortables Bett, meine ich.«
Er sah sie mit seinen halb treuherzigen, halb verschmitzten Augen an.
Wir ritten weiter.
Der Oberst sah finster drein. Er war wahrhaftig keine angenehme Reisebekanntschaft. Sein tief gebräuntes, fast schwarzes Gesicht mit der plumpen Nase und den gelben, stechenden Augen hatte etwas Brutales, Gemeines. Mit seiner Frau stand er offenbar in schlechtem Einvernehmen. Man konnte sich gar kein Paar denken, das weniger zu einander passte. Der kleine, vierschrötige Mann mit seiner Bulldogmaske und die elegante Frau mit dem prachtvollen Haar und den berückenden Augen …
Der Weg wurde steiler, schlängelte sich zwischen tief eingeschnittenen Wasserläufen und engen Schluchten zu einer Berghalde empor, die bis zum Fuß der Tannen hinanstieg. Die kurze, glatte Rasennarbe, auf der unsere Tiere ausrutschten, ein paar einsame Rollsteine von kolossaler Dimension – Granitfindlinge, mit Gneisadern1 durchschossen und von schwefel- oder scharlachfarbigen Flechten und Moosen kariert und gesprenkelt – goldne Wolken aus langem, trocknem Federgras: alles leuchtete in prächtiger Verklärung. Große, schwarze Schmetterlinge mit gelben oder purpurroten Augen auf den Flügeln segelten durch die stille, heiße Luft; oder sie saßen auf den glühenden Felsblöcken, klappten die stolzen Schwingen auseinander, grade als wenn sie uns ihre Schönheit zeigen wollten.
Oben am Walde machten wir halt. Wir stiegen ab und setzten uns in den Schatten, um auf unsere Leute zu warten.
»Was hat Sie eigentlich nach Indien geführt?« fragte Mrs. Butler. »Sie sind doch Amerikaner, Mr. Rolby?«
»Bin ich, Mrs. Butler! Bin ich,« nickte der.
»Und wo sind Sie drüben zu Hause, Mr. Rolby?«
»Bin ein Missourimann, Mrs. Butler. Ein richtiger Missourimann! – Unten vom Mississippi.«
»Vom Mississippi?« sagte Mrs. Butler. »Wir kennen New Orleans und den Mississippi. Nicht wahr, Charley?« Sie wendete sich zu ihrem Manne, der verdrießlich zuhörte.
»Ist ein stolzer Strom der Mississippi,« fuhr Rolby fort. »Der Meister aller Ströme! Schluckt Euren Ganges über, ohne Magenschmerzen zu bekommen, schnappt Euren Indus zum Frühstück weg und guckt sich noch nach mehr um. Sage: Ist ein glorreicher Strom – der Mississippi; steckt alle Eure Ströme, Flüsse und Flüsschen – wie sie auch heißen mögen – in die Tasche.«
Ich unterbrach ihn. Denn ich kannte sein Lieblingsthema und wusste, dass es schwer hielt, ihn davon abzubringen. »Dick!« sagte ich also, »Dick –«
Aber der Oberst kam mir zuvor. »Mr. Rolby,« fragte er, »Sie haben uns noch nicht gesagt, was Sie nach Indien führte.«
»Was mich nach Indien führte?« erwiderte Rolby. »Was mich nach Indien führte? – Du lieber Himmel! – Wollte Tiger schießen, mit den Radschas Brüderschaft machen – – wollte Elefanten jagen und Kamele reiten, wollte Buddha und den andern Heidenkerlen meine unterwürfigste Verehrung machen, wollte – – – Ja, was wollte ich nicht alles, Oberst!«
Ich musste lachen. Rolby war bei aller Biederkeit ein neunmal durchgesiebter Bursche von echter Yankee-Smartness. Er gehörte zu einem englisch-amerikanischen Syndikat, das die Kohlenfelder des Damudatals ausbeuten wollte. Nach Darjeeling war er herauf gekommen, um dort die heißeste Zeit zu verbringen und mit mir über den Erwerb von Goldseifen und Diamantgräbereien im Vindhyagebirge2 zu beraten.
Aber der Oberst ließ nicht locker. »Mr....
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Krimis bei Null Papier | Krimis bei Null Papier |
| Verlagsort | Neuss |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Dschungelbuch • Krimi • Mord • Mörder • Serienkiller • Sherlock Holmes • Spannung |
| ISBN-10 | 3-96281-032-3 / 3962810323 |
| ISBN-13 | 978-3-96281-032-0 / 9783962810320 |
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