Der Barbier (eBook)
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99070-154-6 (ISBN)
Gottfried Koch wurde 1951 in Weilbach geboren. Er lehrt Informatik an der Universität Leipzig. Alle seine Vorfahren waren Rasierer, Barbiere und Friseure aus Leidenschaft. Erleben Sie Geschichte an Hand konkreter Lebenswege. Unterhaltsame und spannende Wissensvermittlung über das Leben im 19. Jahrhundert.
Franz-Josef Koch saß im Zustand eines zerstreuten vor sich Hinbrütens in der Küche des elterlichen Hauses, Frankfurter Chaussee 16 in Weilbach. In diesem Zustand verweilte Franz-Josef oft. Er machte sich dann seine Gedanken, träumte seine Bilder und hielt inne von der Welt da draußen oder er las in seiner Seele. Franz-Josef war ein ausgeglichener Mensch, weder traurig noch froh gestimmt. Er war einfach.
Das Haus der Familie Koch bestand aus zwei Zimmern im Erdgeschoss sowie drei kleinen Schlafräumen im ersten Stock. Früher war alles zu eng gewesen. Und zu feucht. Seit einigen Jahren war es im Haus leer geworden, die Feuchtigkeit hingegen geblieben. Nur noch Franz-Josef und seine Mutter Margaretha wohnten hier.
Einstmals lebten zehn Personen unter diesem alten Dach. Der Vater Franz, geboren am 11. Dezember 1801. Er starb am 22 Juli 1867. Die Mutter Margaretha, geboren am 1. Mai 1806, seit dem 18. Januar 1829 mit Franz verheiratet. Und dann waren da noch die acht Kinder. Peter, heute 41 Jahre, Peter-Josef, 38 Jahre und Georg, der im Juli 1863 mit nur 27 Jahren verstarb. Peter und Peter-Josef waren in Weilbach verehelicht und hatten selbst schon Kinder.
Zudem waren da noch vier Schwestern zu nennen. Margaretha, sie verstarb 1854 mit nur 16 Jahren, Catharina, 31 Jahre, Apollonia, 29 Jahre und Friederika, die im Januar 1845 nach nur drei Monaten verstarb. Franz-Josef selbst wurde am 15. Oktober 1842 geboren.
Im Haus hatte sich ein leichter Modergeruch in den Wänden festgesetzt. Es war schwül heiß. Ein Fenster konnte Franz-Josef nicht öffnen, da der Aufmarsch der Armee eine riesige Staubwolke aufwirbelte.
Am 19. Juli 1870 hatte der französische Kaiser Napoleon III. Preußen den Krieg erklärt. Nach außen wollte er damit seiner Anhängerschaft gefallen. Ausschlaggebend für diesen Krieg war jedoch Napoleons Imponiergehabe gegenüber seiner Gattin, der spanischen Gräfin Eugénie de Montijo. Schon die Hochzeitszeremonie im Januar 1853 war ein großes Imponiergehabe. Bis ins kleinste Detail war das Prunkfest eine Kopie der Feierlichkeiten von Napoleon Bonaparte, Napoleon I, mit dessen großer Liebe Josephine. Eugénie de Montijo glaubte, dass sie als Kaiserin neben ihrem Gatten Napoleon III von nun an genauso werde strahlen können, wie Josephine neben Bonaparte. Eugénie irrte sich.
Ihre Ehe war nicht glücklich. Eugénie litt unter den Affären ihres Gatten. Und dieser gab sich erst gar keine Mühe seine Seitensprünge zu verbergen. Im Gegenteil. Er zelebrierte seine Affären auf großen öffentlichen Bühnen. Seht alle her, das bin ich: stolz, furchtlos und potent wie ein gallischer Hahn. Leider waren die Betten seiner Mätressen die einzigen Schlachtfelder, auf denen er erfolgreich war. Wenn er es denn dort auch wirklich war. Wir wissen es nicht. Es gibt nur Informationen, die er selbst gestreut hat.
Seine frühere leidenschaftliche Liebe zu Eugénie war rasch erloschen. Eugénie war konservativ, autoritär und streng katholisch. Je mehr sich ihr Gatte außerehelich engagierte, umso mehr zog sie sich zurück. Zum Gebet. Für Eugénie war Otto von Bismarck ein rotes Tuch. Vieles verzieh sie ihrem Napoleon. Nicht aber ein mögliches Zurückweichen vor diesem ungehobelten Protestanten aus Berlin. Eugénie wollte den alten imperialen Ruhm der Grand Nation, so wie ihn Napoleon I errungen hatte, wiederhergestellt wissen. Nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger war sie ihren stolzen spanischen Vorfahren schuldig. Und das war das Letzte was sie von Napoleon wollte. Dann würde sie schweigen und er könne sich vergnügen wo, mit wem und wie er wolle.
Napoleon III war mit seiner Kriegserklärung Otto von Bismarck in die Falle gegangen. Bismarck wollte den Krieg. Er war davon überzeugt, dass Preußen aus dieser Schlacht siegreich hervorgehen würde. Also provozierte er Frankreich mit einer möglichen Inthronisierung eines Hohenzollers auf den spanischen Thron. Es war klar, dass sich dadurch Frankreich an seiner Südwestflanke bedroht fühlen musste. Man zog zwar die Kandidatur von Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen zurück, reizte aber gleichzeitig mit der bewusst arrogant abgefassten „Emser Depesche“ den Nationalstolz der Franzosen so sehr, dass Napoleon gar nichts anderes übrigblieb, als in sein Verderben zu tappen.
Seit der Kriegserklärung zog eine endlose Kolonne von Pferdefuhrwerken, Reitergruppen sowie Kolonnen zu Fuß Richtung Westen an die deutsch-französische Grenze. Von Hattersheim und Hofheim kommend ging es auf der Frankfurter Chaussee, einer alten Lehmstraße, durch Weilbach über Wicker nach Mainz. Mainz war nicht nur preußische Festung, sondern auch ein Verkehrsknotenpunkt. Von hier aus ging es mit der Bahn oder auf dem Rhein mit Flussschiffen zum Elsass.
Da die Verladung in Mainz nicht schnell genug vonstattenging und dort ein großes Chaos herrschte, stauten sich die Einheiten in nördlicher Richtung kilometerweit zurück. Alle im Einzugsgebiet von Mainz liegenden Ortschaften mussten daher für einige Tage größere Truppenkontingente aufnehmen, sie beherbergen und verpflegen. Das war eine patriotische Selbstverständlichkeit. Eine Ehre. Die Mannschaften stellten Ansprüche, die Herren Offiziere erwarteten eine besonders bevorzugte Behandlung. Teilweise beherbergten diese kleinen Ortschaften mehr als doppelt so viele Soldaten wie sie Einwohner hatten.
Franz-Josef stützte den Kopf in die Hände und dachte nach. Er dachte nicht an den Krieg, über den im Moment alle Welt spricht. Nein, warum sollte er seine Gedanken an Dinge verschwenden, deren Unsinnigkeit ganz offensichtlich war und für alle sichtbar auf der Hand lag? Franz-Josef war gegen Gewalt. Deshalb verachtete er das Militär.
Franz-Josef wurde nicht zum aktiven Militärdienst einberufen. Mit seinen 27 Jahren galt er als zu alt, außerdem verfügte er über keine militärische Ausbildung. Und vielleicht hatte sich auch seine Gesinnung herumgesprochen, so dass sie in seiner Akte vermerkt war. Wer konnte so einen gebrauchen? Falls der Krieg – wider Erwarten – nicht siegreich verlaufen und schnell beendet werden würde, dann könnte man auf ihn zurückgreifen. Franz-Josef wurde dem Landsturm als Reserve zugeteilt.
Nein, Franz-Josef dachte im Moment nicht über Politik, den Krieg oder das Militär nach. Franz-Josef sinnierte darüber, was er dem alten Pfarrer Ebelstein antworten sollte. Franz-Josef pflegte Ebelsteins Bart. Und während der Behandlung des Bartes führte Franz-Josef mit ihm tiefgründige Gespräche. Danach saßen sie noch häufig auf einer Bank im Park, um ihre Unterhaltungen weiterzuführen. Sie vergaßen dabei Raum, Zeit und Standesunterschied.
Pfarrer Ebelstein weilte als Kurgast in Bad Weilbach. Bevor er dort hin zur Kur kam, war er übel krank gewesen. Jetzt befand er sich auf dem Weg der Besserung. Der hochwürdigste Herr erfreute sich im Kreis der Kurgäste hohen Ansehens, weil er als ein frommer Gottesmann und überzeugter Asket galt. Seine Krankheit soll gar keine gewesen sein. Vielmehr sei er völlig ausgemergelt angekommen. Ebelstein schlief auf dem harten Boden und ernährte sich fast ausschließlich von Wasser und Brot.
Ebelstein und Franz-Josef unterhielten sich über Dampfmaschinen. Franz-Josef war begeistert von dieser neuen Technik. Die Taunuseisenbahn fuhr von Frankfurt nach Wiesbaden, im nahen Flörsheim machte sie Station. Viele Kurgäste benutzten die Eisbahn. Ohne sie wäre Bad Weilbach nicht so frequentiert gewesen. Der Herr Pfarrer sah das ganz anders. Für ihn stellte eine Dampfmaschine ein Werk des Teufels dar. Sie nahm dem Menschen Arbeit und Brot. Aber das war noch gar nicht einmal das Wesentliche; man musste sich doch fragen, ob der Mensch das Recht hatte, die Elemente Feuer und Wasser zusammenwirken zu lassen. Hatte sie nicht Gott ausdrücklich geschieden?
Hieße das alles nicht, dem menschlichen Chaos in der göttlichen Ordnung wieder Auftrieb zu geben? Konnte es also nicht doch sein, dass der Fortschritt, und dies wäre nicht das erste Mal, sich als ein Rückfall ins Durcheinander darstellte? Franz-Josef fand keine überzeugende Antwort auf Ebelsteins Zweifel. Er musste zwar zustimmen, dass die Eisenbahn den Transport über die Frankfurter Chaussee deutlich reduziert hatte und damit eine große Zahl an Tagelöhner immer weniger Arbeit fanden und er sah auch, dass im benachbarten Hattersheim der frühere Knotenpunkt für Postkutschen verschwunden war. Aber insgesamt, so dachte sich Franz-Josef, sei die Dampfmaschine halt doch gut. Na ja, wahrscheinlich sei sie gut.
Es traf sich gut, dass Gottfried Muth ans Küchenfenster klopfte und Franz-Josef aus seiner Tagträumerei riss. „Komm, es ist Zeit, wir müssen gehen.“ Gottfried und Franz-Josef waren Freunde und fast gleich alt. Sie verstanden sich ohne Worte, hörten sich zu und standen füreinander ein. Gemeinsam entdeckten sie jeden Tag Neues; in der Natur, in Gesprächen, im Weitererzählen von Dingen des Hörensagens. Sie brauchten nur sich und sie hatten auch nicht viel mehr. Franz-Josef war Weilbacher, in deren Augen aber ein abseitsstehender Sonderling. Gottfried war in Koblenz geboren, also kein Weilbacher und damit ein Fremder.
Franz-Josef war Barbier und Gärtner, Gottfried nur Gärtner. Ihr Gärtner-Sein verstanden sie als eine Art Pädagogik an der Natur. Sie bezogen sich dabei auf Rousseau. Pfarrer Fischbach hatte Franz-Josef einmal Rousseaus Werk „Emile oder über die Erziehung“ zu lesen gegeben. Stundenlang hatte sich Franz-Josef mit dem Text abgemüht. Das Lesen war nicht Franz-Josefs Stärke, somit hatte er sich viele Stunden mit dem Text abgemüht und Fischbach mit vielen Fragen bombardiert. Dieser war kein Freund von Rousseau, Franz-Josef wurde es, je länger er sich mit dessen Gedanken auseinandersetzte.
Grundgedanke von Rousseaus...
| Erscheint lt. Verlag | 18.10.2017 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror | |
| ISBN-10 | 3-99070-154-1 / 3990701541 |
| ISBN-13 | 978-3-99070-154-6 / 9783990701546 |
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