Ender Wiggin hat die 'Krabbler', die insektoiden Aliens, vernichtend geschlagen - und damit eine ganze Spezies ausgelöscht. Sein Name ist jetzt gleichbedeutend mit Genozid. Doch Ender selbst ist verschwunden. Stattdessen wird eine neue Stimme in der Galaxis laut: der 'Sprecher für die Toten', der die wahre Geschichte hinter dem Krieg gegen die 'Krabbler' erzählt. Als auf dem Planeten Lusitania eine weitere intelligente Alien-Spezies entdeckt wird, droht sich die Geschichte zu wiederholen: die Außerirdischen sind zu fremdartig für die Menschen, es kommt erst zu Missverständnissen, dann zu Todesfällen. Ein neuer Krieg droht - und einzig der Sprecher für die Toten hat den Mut, die Wahrheit zu sagen ...
Im Heyne Verlag sind die Romane der Ender-Saga als E-Books lieferbar:
Enders Spiel
Sprecher für die Toten
Xenozid
Enders Kinder
Orson Scott Card, 1951 in Richland, Washington geboren, studierte englische Literatur und arbeitete als Theaterautor, bevor er sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Mit 'Enders Spiel' gelang ihm auf Anhieb ein internationaler Bestseller, der mit dem Hugo und dem Nebula Award ausgezeichnet wurde. Auch die Fortsetzung 'Sprecher für die Toten' gewann diese beiden prestigeträchtigen Auszeichnungen, somit ist Orson Scott Card der bislang einzige SF-Schriftsteller, dem es gelang, beide Preise in zwei aufeinanderfolgenden Jahren zu gewinnen. Orson Scott Card kehrte immer wieder in Enders Welt zurück und schrieb mehrere Fortsetzungen. Mit 'Enders Schatten' erschuf er einen zweiten Helden, dessen Geschichte parallel zu 'Enders Krieg' erzählt wird. 'Enders Game' wurde 2013 mit Asa Butterfield und Harrison Ford in den Hauptrollen verfilmt. Card lebt mit seiner Familie in Greensboro, North Carolina.
Kapitel 1
Pipo
Da wir uns immer noch nicht so recht mit dem Gedanken angefreundet haben, dass auch die Leute aus dem nächsten Dorf Menschen sind wie wir, wäre es äußerst vermessen anzunehmen, dass wir jemals gesellige, technisch begabte Geschöpfe, die aus anderen evolutionären Bahnen aufgestiegen sind, anschauen können und keine Bestien, sondern Brüder sehen, keine Rivalen, sondern Mitpilger, die ebenfalls zum Schrein der Intelligenz unterwegs sind.
Das aber ist es, was ich sehe oder sehen möchte. Der Unterschied zwischen Ramännern und Varelse liegt nicht in dem beurteilten Geschöpf, sondern in dem Geschöpf, das urteilt. Wenn wir eine außerirdische Spezies zu Ramännern erklären, bedeutet das nicht, dass sie eine Schwelle moralischer Reife überschritten haben. Es bedeutet, dass wir es getan haben.
Demosthenes, Briefe an die Framlinge
Wühler war zugleich der schwierigste und der hilfreichste der Pequeninos. Er war immer da, wenn Pipo ihre Lichtung besuchte, und tat sein Bestes, um die Fragen zu beantworten, die Pipo nach dem Gesetz nicht offen stellen durfte. Pipo war – vielleicht zu sehr – von ihm abhängig, doch obwohl Wühler herumkasperte und spielte wie der verantwortungslose Jüngling, der er war, beobachtete er auch, sondierte, testete. Pipo musste sich ständig vor den Fallen in acht nehmen, die Wühler ihm stellte.
Vor einem Augenblick noch war Wühler Bäume hinaufgewackelt, wobei er die Borke mit den hornigen Polstern an seinen Knöcheln und an der Innenseite seiner Oberschenkel umklammerte. In den Händen trug er zwei Stöcke – Vaterstöcke wurden sie genannt –, die er in einem unwiderstehlichen, arrhythmischen Muster gegen den Baum schlug, während er kletterte.
Der Lärm trieb Mandachuva aus dem Blockhaus. Er rief Wühler in der Männersprache und dann auf Portugiesisch etwas zu. »P'ra baixo, bicho!« Mehrere Schweinchen in der Nähe, die sein portugiesisches Wortspiel hörten, drückten ihre Anerkennung aus, indem sie ihre Oberschenkel scharf aneinanderrieben. Es erzeugte ein zischendes Geräusch, und Mandachuva vollführte angesichts ihres Applauses einen kleinen Freudensprung in die Luft.
Inzwischen neigte Wühler sich nach hinten, bis es sicher schien, dass er fallen würde. Dann stieß er sich mit den Händen ab, machte einen Überschlag in der Luft und landete auf den Beinen. Er hüpfte ein paar Mal, stolperte aber nicht.
»Jetzt bist du also ein Akrobat«, sagte Pipo.
Wühler kam zu ihm herüberstolziert. Es war seine Art, Menschen zu imitieren. Sein Spott war um so wirksamer, als seine abgeflachte, nach oben gebogene Schnauze unverkennbar schweineartig aussah. Kein Wunder, dass Außenweltler sie »Schweinchen« nannten! Schon die ersten Besucher dieser Welt hatten damals 1886 in ihren ersten Berichten begonnen, sie so zu nennen, und als 1925 die Lusitania-Kolonie gegründet wurde, war der Name längst unaustilgbar. Die über die Hundert Welten verstreuten Xenologen schrieben von ihnen als »lusitanische Aborigines«, aber Pipo wusste sehr wohl, dass das bloß eine Frage professioneller Würde war: außer in wissenschaftlichen Veröffentlichungen nannten die Xenologen sie sicher auch Schweinchen. Was Pipo anging, so nannte er sie Pequeninos, und sie schienen nichts dagegen zu haben, denn sie selbst nannten sich »die Kleinen«. Trotzdem, Würde oder nicht, ließ es sich nicht ableugnen. In Augenblicken wie diesem sah Wühler wie ein Hausschwein aus, das auf den Hinterbeinen stand.
»Akrobat«, sagte Wühler, wie um das neue Wort auszuprobieren. »Was ich da gerade gemacht habe? Ihr habt ein Wort für Leute, die das machen? Also gibt es Leute, die das als Arbeit machen?«
Pipo seufzte im Stillen, während er das Lächeln auf seinem Gesicht zu einer Maske erstarren ließ. Das Gesetz verbot ihm strikt, Informationen über die menschliche Gesellschaft preiszugeben, damit sie die Schweinchen-Gesellschaft nicht kontaminierten. Trotzdem spielte Wühler ein andauerndes Spiel, noch den letzten Tropfen an Bedeutung aus allem herauszupressen, was Pipo sagte. Diesmal jedoch hatte er es nur sich selbst zuzuschreiben, weil er eine alberne Bemerkung fallengelassen hatte, die unnötige Fenster auf das menschliche Leben eröffneten. Hin und wieder fühlte er sich so wohl bei den Pequeninos, dass er ungezwungen sprach. Das war immer eine Gefahr. Ich bin nicht gut in dem ständigen Spiel, Informationen zu sammeln, möglichst ohne eine Gegenleistung zu geben. Libo, mein schweigsamer Sohn, ist schon jetzt geübter in der Kunst der Verschwiegenheit als ich, und er ist erst seit – wie lange ist es her, dass er dreizehn wurde? – seit vier Monaten bei mir in der Lehre.
»Ich wünschte, ich hätte solche Polster in den Beinen wie ihr«, sagte Pipo. »Die Borke an dem Baum da würde mir die Haut in Fetzen reißen.«
»Das würde uns alle in große Verlegenheit bringen.« Wühler verharrte still in der erwartungsvollen Haltung, die Pipo für ihre Art hielt, leichte Besorgnis zu zeigen, oder vielleicht eine nonverbale Warnung an andere Pequeninos, vorsichtig zu sein. Ebenso gut mochte es auch ein Zeichen höchster Furcht sein, aber nach allem, was Pipo wusste, hatte er nie miterlebt, dass ein Pequenino höchste Furcht empfand.
Auf jeden Fall sagte Pipo rasch, um ihn zu beruhigen: »Keine Sorge, ich bin zu alt und zu verweichlicht, um auf solche Bäume zu klettern. Das überlasse ich euch Jungen.«
Und es funktionierte: Wühlers Körper entspannte sich sofort wieder. »Ich klettere gern auf Bäume. Ich kann alles sehen.« Wühler hockte sich vor Pipo hin und neigte das Gesicht dicht heran. »Wirst du das Tier mitbringen, das über das Gras läuft, ohne den Boden zu berühren? Die anderen glauben mir nicht, wenn ich sage, ich hätte ein solches Wesen gesehen.«
Wieder eine Falle! Was nun, Pipo, du Xenologe? Wirst du diesen Vertreter der Gruppe, die du studierst, demütigen? Oder wirst du dich an das strenge Gesetz halten, das der Sternenwege-Kongress aufgestellt hat, um diese Begegnung zu reglementieren? Es gab wenige Präzedenzfälle. Die einzigen anderen intelligenten Außerirdischen, denen die Menschheit begegnet war, waren die Krabbler, vor dreitausend Jahren, und zum Schluss waren die Krabbler alle tot. Diesmal wollte der Sternenwege-Kongress sichergehen, dass, wenn die Menschheit irrte, ihre Irrtümer in die andere Richtung gehen würden. Minimale Information, minimaler Kontakt.
Wühler erkannte Pipos Zögern, sein vorsichtiges Schweigen.
»Ihr sagt uns nie etwas«, sagte Wühler. »Ihr beobachtet und studiert uns, aber ihr lasst uns nie durch euren Zaun und in euer Dorf, um euch zu beobachten und euch zu studieren.«
Pipo antwortete so ehrlich er konnte, aber Vorsicht war wichtiger als Ehrlichkeit. »Wenn ihr so wenig lernt und wir soviel, weshalb sprecht ihr dann sowohl Stark als auch Portugiesisch, während ich immer noch mit eurer Sprache kämpfe?«
»Wir sind schlauer.« Danach lehnte Wühler sich zurück und drehte sich auf den Hinterbacken herum, so dass er Pipo den Rücken zukehrte. »Geht zurück hinter euren Zaun«, sagte er.
Sofort erhob sich Pipo. Nicht allzu weit entfernt stand Libo mit drei Pequeninos und versuchte zu erfahren, wie sie getrocknete Merdona-Ranken zu Dachstroh flochten. Er sah Pipo und war einen Augenblick später abmarschbereit bei seinem Vater. Pipo führte ihn ohne ein Wort davon; da die Pequeninos die Menschensprachen so flüssig beherrschten, diskutierten sie nie über das, was sie herausgefunden hatten, bis sie innerhalb des Tores waren.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie zu Hause waren, und es regnete heftig, als sie das Tor passierten und an der Stirnseite des Hügels entlang zur Zenadorstation gingen. Zenador? Pipo dachte an das Wort, während er auf das kleine Schild über der Tür blickte. Auf ihm war in Stark das Wort XENOLOGE geschrieben. Das ist es wohl, was ich bin, dachte Pipo, wenigstens für die Außenweltler. Aber der portugiesische Titel Zenador war so viel leichter auszusprechen, dass auf Lusitania kaum jemand Xenologe sagte, selbst wenn er Stark sprach. So verändern sich Sprachen, dachte Pipo. Wenn es nicht den Verkürzer gäbe, der eine verzögerungsfreie Kommunikation zwischen den Hundert Welten ermöglicht, könnten wir unmöglich eine gemeinsame Sprache bewahren. Interstellare Reisen sind zu selten und dauern zu lange. Stark würde binnen eines Jahrhunderts in zehntausend Dialekte zersplittern. Es mochte interessant sein, den Computer eine Hochrechnung der linguistischen Veränderungen auf Lusitania anstellen zu lassen, für den Fall, dass man dem Stark gestatten würde, zu verfallen und das Portugiesische zu absorbieren …
»Vater«, sagte Libo.
Erst da bemerkte Pipo, dass er zehn Meter von der Station entfernt angehalten hatte. Abschweifungen. Die besten Teile meines intellektuellen Lebens sind Abschweifungen in Gebiete außerhalb meines Fachs. Vermutlich, weil die Regeln, die man mir innerhalb meines Fachgebiets auferlegt hat, es unmöglich machen, irgendetwas zu wissen oder zu erkennen. Die Wissenschaft der Xenologie beharrt auf mehr Mysterien als Mutter Kirche.
Sein Handabdruck genügte, um die Tür zu öffnen. Pipo wusste schon, wie der Abend sich entwickeln würde, als er eintrat, um zu beginnen. Es würde sie beide mehrere Stunden Arbeit an den Terminals kosten, zu berichten, was sie während der heutigen Begegnung gemacht hatten. Danach würde Pipo Libos Aufzeichnungen durchlesen, und Libo würde Pipos lesen, und wenn sie zufrieden waren, würde Pipo eine kurze Zusammenfassung schreiben und sie dann den Computern...
| Erscheint lt. Verlag | 27.11.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Ender-Saga | Die Ender-Saga |
| Übersetzer | Karl-Ulrich Burgdorf |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Speaker for the Dead |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Aliens • Die Ender-Saga • diezukunft.de • eBooks • Enders Game • Enders Spiel Reihe • Ferne Zukunft • Hugo Award • Nebula Award • Science-Fiction-Klassiker • Serien • Zukunftskrieg |
| ISBN-10 | 3-641-22148-X / 364122148X |
| ISBN-13 | 978-3-641-22148-5 / 9783641221485 |
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