Jerry Cotton Sonder-Edition 64 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5431-7 (ISBN)
Jerry Cotton auf Gespensterjagd! Nein, niemand bei uns vom FBI glaubt ernsthaft an Geister oder andere übersinnliche Erscheinungen. Aber in einem Wald namens Blackwood an der Staatsgrenze zu Connecticut kam es zu einer Reihe mysteriöser Verbrechen, die die Einwohner eines nahen Städtchens in Angst und Schrecken versetzten. Also schaute ich mich in Blackwood um, in dem Glauben, es mit ganz normalen menschlichen Tätern zu tun zu haben. Doch als ich dann auf eine Klinik stieß, die offenbar von Bestien beherrscht wurde, war schnell klar, dass meine Gegner alles andere als 'normal' waren!
1
Sie nahm das vergilbte Foto ihrer Mutter von der Wand und legte es obenauf in den letzten Koffer. Sie drückte den Deckel zu und hob mit einem leisen Stöhnen den schweren Koffer vom Stuhl, um ihn neben die anderen zu stellen, die sie schon gepackt hatte. Noch einmal sah sie sich in dem kleinen Zimmer um. Sie würde es nie wiedersehen. Und nun fiel ihr der Abschied auf einmal doch schwer.
Es war zehn vor acht. Es wurde Zeit. Das Taxi hatte sie schon am frühen Morgen bestellt. Ihre Stellung war gekündigt. Das Zimmer ebenfalls. Sie hatte sich von den wenigen Menschen verabschiedet, denen sie ein Abschiedswort schuldig war. Nur das Telefon musste sie noch abmelden. Diese Verbindung zur Außenwelt hatte sie bis auf die letzte Minute bewahrt, denn sie hoffte noch immer auf den rettenden Anruf, auf die vertraute Stimme, die allein alles wiedergutmachen konnte.
Aber das Telefon klingelte nicht. Die Stille in ihrem Zimmer wurde eine Last, die sie körperlich zu spüren vermeinte. Sie weinte nicht. Darüber war sie längst hinaus. Das war am Anfang noch möglich gewesen. Jetzt gab es keine Tränen mehr. Es gab nur noch die Gewissheit, dass sie alles allein durchstehen musste. Wenn sie es überhaupt überleben würde …
Um das trostlose Warten abzukürzen, prüfte sie noch einmal nach, ob sie auch alles eingepackt hatte. Viel war es ohnedies nicht, was ihr gehörte. Sie klappte die Handtasche auf und suchte die Fahrkarte. Dabei fiel ihr das Bild in die Hände, das Bild des Mannes, der allein ihr helfen konnte. Ein harter Zug trat in ihr Gesicht. Gab es irgendeinen Grund, dieses Bild mit sich herumzutragen?
Sie zog das Fenster auf, hielt das Flämmchen ihres Feuerzeugs an eine Ecke des Fotos und sah zu, wie es langsam vom Feuer aufgezehrt wurde. Der Wind blies ihr die Asche aus den Fingern. Ein paar rußige Flocken waren alles, was übrig blieb. Und die trieb der Wind davon wie gelbe Blätter im Herbst, gefühllos und ziellos, während in ihrem Herzen wieder dieser dumpfe Schmerz war, der kein Ende nahm.
Sie stand schließlich auf und ging zum Telefon, wählte die Rufnummer der New York Telefongesellschaft und meldete ihren Anschluss ab.
Und damit hatte Sandra Pirella die letzte Brücke hinter sich abgebrochen.
***
»Das Office vom County Sheriff?«, wiederholte Jennifer McDonald, während sie mein Frühstücksgeschirr zusammenstellte. »Gehen Sie nach links die Straße hinunter bis zum Marktplatz, Mister Cotton! Links ist die Apotheke, rechts der Schmied und das Spritzenhaus. Genau in der Mitte liegt das Haus mit den roten Dachziegeln. Da finden Sie das Office vom Bürgermeister, die vier Angestellten der Stadt und das Büro des Sheriffs.«
»Danke, Miss McDonald.«
»Hier nennen mich alle Jennifer. Tun Sie es auch, Mister Cotton!«
Ich sah ihr zu, während sie das Frühstücksgeschirr auf das Tablett stellte. Sie mochte Ende zwanzig sein und war vielleicht keine strahlende Schönheit. Aber sie war auf eine sehr aparte Weise hübsch. Ihre Hände waren Arbeit gewöhnt, das sah man. Und sie hatte außer einer Andeutung von Lippenstift keinerlei Make-up verwendet. Auch die flachen Schuhe und das billige Baumwollkleid mit der großkarierten Schürze darüber deuteten auf ihre Arbeit als Mädchen für alles in diesem Kleinstadthotel hin. Und trotzdem passte sie nicht hierher. Irgendetwas in ihrem ganzen Wesen passte einfach nicht in diese ländlich-verschlafene Kleinstadtatmosphäre.
Aber vielleicht irrte ich mich. Bei Frauen kann man ja nie so recht wissen, woran man ist. Jedenfalls, wenn man ein durchschnittliches männliches Wesen ist. Ich blickte hinaus auf die kleine Straße, die gestern Abend bei meiner Ankunft so verlassen gewirkt hatte. Jetzt sah man immerhin ein paar Frauen mit Einkaufstaschen und gelegentlich sogar ein Auto. Es waren durch die Bank ältere, staubbedeckte Modelle der unteren Mittelklasse. Mit meinem roten Jaguar konnte ich hier nur auffallen. Aber das war nun mal nicht zu ändern.
Jennifer wollte gerade mit ihrem Tablett in die Küche.
»Einen Augenblick, Jennifer!«, sagte ich schnell.
Sie drehte sich um. Ihr kastanienbraunes Haar sandte rotglitzernde Lichtreflexe aus. Die großen braunen Augen sahen mich an. Ihr blasses Gesicht war so unbewegt wie immer.
»Wie lange leben Sie schon hier?«, fragte ich.
Sie wich einen Schritt zurück, als ob sie plötzlich Angst vor mir hätte. »Warum?«, fragte sie tonlos. »Warum wollen Sie das wissen?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich wollte mich mit Ihnen bei passender Gelegenheit einmal etwas über diese Gegend hier unterhalten. Und über die Leute. Was es hier eben so gibt.«
»Warum?«
Ich versuchte es mit einem freundlichen Grinsen. »Weil ich ein Polizeibeamter bin. Vom FBI. Ich muss mich hier in der Gegend ein wenig umsehen. Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht den einen oder anderen Rat geben.«
Ihr Blick war noch immer unverwandt auf mich gerichtet. »Sie sind Polizeibeamter?«, wiederholte sie.
»Ja. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen die Polizei, Jennifer.«
Ich hatte es als Scherz gemeint, aber es war mir wohl nicht gelungen, das richtig deutlich werden zu lassen. Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, aber dann schüttelte sie nur den Kopf und hastete in die Küche. Die Tür klappte mit einem harten Geräusch hinter ihr zu.
Ein paar Sekunden sah ich ihr nach. Irgendetwas war mit ihr. Sollte es mit dem blödsinnigen Auftrag zusammenhängen, der mich in dieses verschlafene Nest geführt hatte?
Ich und ging hinaus. Die warme Frühlingssonne sorgte für eine angenehme Temperatur. Hinter der gegenüberliegenden Häuserreihe hörte ich das Singen von hellen Kinderstimmen. Vielleicht lag die Schule des Städtchens hier in der Nähe.
Ich stieg auf dem Hof in meinen Jaguar und fuhr zum Büro des Sheriffs. Es sah aus, wie jedes beliebige Zimmer in einem Polizeirevier in New York auch aussehen könnte. An den Wänden hingen Steckbriefe, von denen ein paar nicht mehr ganz taufrisch waren. Es gab zwei alte Schreibtische, vier billige Holzstühle, zwei Regale und einen kleinen Panzerschrank, den ein richtiger Großstadtganove wahrscheinlich mit einer krummgebogenen Haarnadel öffnen konnte, wenn er gewollt hätte.
Hinter dem Schreibtisch, der am Fenster stand, saß ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Er war breit in den Schultern, hatte verwitterte, sonnengebräunte Gesichtszüge und eisgraues Haar, das so kurz geschoren war, dass seine Borsten nach allen Seiten vom Kopf abstanden. Unter den daumenbreiten, buschigen Augenbrauen blickte mir ein Paar himmelblauer Augen entgegen.
»Guten Morgen«, sagte ich und holte meinen Dienstausweis hervor. »Ich bin Jerry Cotton, Special Agent des FBI, New York District. Sie haben uns um Amtshilfe ersucht, und da bin ich.«
»So, so«, sagte er unbeeindruckt. »Also, Sie sind Special Agent. Komisch. Die habe ich mir ganz anders vorgestellt.« Er musterte mich schon beinahe unverschämt. »Ich bin Sam Proctor, der County Sheriff. Freut mich, Cotton, dass Sie so rasch gekommen sind. Obgleich es nicht gerade eilig war.«
»Worum geht es denn, Sheriff? Was Sie uns da geschrieben haben, muss doch ein Witz gewesen sein, oder?«
»Was habe ich denn geschrieben?«
»Auf eine kurze Formel gebracht: dass es hier Gespenster gibt, dass Sie es leid sind, dass Sie aber mit ihnen nicht fertig werden können und wir sie Ihnen gefälligst vom Halse schaffen sollen. Offen gestanden ist man sich weder in New York noch in Washington sicher, ob das FBI überhaupt für Gespenster zuständig ist. Weil wir aber lokalen Polizeibehörden immer gern unter die Arme greifen, haben wir uns einfallen lassen, dass hier oben die Grenze zum Bundesstaat Connecticut nicht weit ist, dass Ihre Geister vielleicht über diese Grenze hin- und herwechseln und dass unter diesem Gesichtspunkt erste Ermittlungen durch das FBI zu rechtfertigen sind. So weit, so gut. Nun würde ich nur gern hören, wo Sie wirklich der Schuh drückt.«
»Das mit den Gespenstern glauben Sie natürlich nicht, wie?«
»Darf ich ehrlich sein?«
»Bitte!«
»Es ist der albernste Unsinn, den ich je von einem County Sheriff gehört habe.«
Er nickte wieder in seiner ruhigen, gelassenen Art. »Natürlich«, meinte er. »Großstädter.«
»Also, tatsächlich Gespenster«, sagte ich ungefähr so, wie ich einem Verrückten bestätigen würde, dass die Erde eine neuneckige Keksschachtel sei. »Weiß man etwas Näheres über sie? Wachsen sie auf den Bäumen, oder kommen sie bei Neumond um Mitternacht aus einem See? Und richten sie großen Schaden an?«
»Wie man’s nimmt«, sagte er todernst. »Jedenfalls machen sie die Leute hier allmählich verrückt. Und das genügt mir. Durch das Blackwood-Wäldchen im Westen der Stadt fahren selbst die hartgesottensten Farmer aus der Umgebung nur noch mit erhöhter Geschwindigkeit. Keine Frau wagt sich noch auf die Felder, die in der Nähe des Wäldchens liegen. Und wir alle passen, so gut es geht, darauf auf, dass sich die Kinder schon gar nicht dahin begeben.«
»Also das Blackwood-Wäldchen«, wiederholte ich. »Und was hat es da gegeben? Ich meine, außer dass es dort spukt? Ist auch mal etwas Nennenswertes vorgefallen? Etwas Handgreifliches, wenn Sie so wollen?«
»Vor sechs oder sieben Jahren wurde die Frau des Schmieds überfallen, als sie Kräuter für ihr krankes Knie im Wald suchen wollte. Es war ein schwarzer, hinkender Kerl. Im nächsten Jahr sahen spielende Kinder einen tanzenden Teufel im Wald. Er war rot gekleidet und hatte einen roten Kopf, so sagten es die Kinder. Dann kam die...
| Erscheint lt. Verlag | 24.10.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Al Capone • alfred bekker • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Bastei • Bestseller • Cora • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste-fälle • gman • G-Man • Groschenheft • Hamburg • Hamburg Krimi • Hamburg-Krimi • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Horst-Bosetzky • international • Jerry Cotton • Katharina Peters • Kindle • Klassiker • Krimi • Krimiautoren • Krimi Bestseller • Krimi-Bestseller • Krimi Bestseller 2017 • Krimi-deutsch • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalinski • Kriminalliteratur • Kriminalroman • kriminalroman bestseller 2017 • kriminalroman-deutsch • kriminalroman kindle • krimi neuerscheinungen 2017 • Krimis • krimis&thriller • Krimi-Serie • Krimi-Thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • Martin Barkawitz • Mira • nick-carter • Polizeiroman • Pulp • Pulp Ficition • Reihe • robert dugoni • Romanheft • Roman-Heft • schwerste-fälle • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Soko-Hamburg • SoKo Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thomas Herzberg • Thriller • uksak • Wegner • wegners schwerste fälle |
| ISBN-10 | 3-7325-5431-7 / 3732554317 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5431-7 / 9783732554317 |
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