Folge 3/4 Chronik der Sternenkrieger Doppelband (eBook)
250 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-1334-7 (ISBN)
Was hat der Fremde nur damit beabsichtigt, mir in einem derart frühen Stadium unserer Kontaktaufnahme seinen Individualnamen verraten zu haben, ging es Ayre durch den etwa fußballgroßen, aber nichtsdestotrotz im Verhältnis zu seinem Gesamtkörper ausgesprochen kleinen Kopf. Allerdings diente dieser Kopf eigentlich auch nur dazu, die wichtigsten Sinnesorgane des Neetrass zu beherbergen, deren Funktionsweise im Inneren des von einem massiven Panzer geschützten Körpers nicht mehr möglich gewesen wäre.
Insbesondere galt dies für die Augen, das feine Gehör und das ebenso feine Sonar, dessen Signale von der Panzerwand reflektiert worden wären, hätte sich der Sitz des dazugehörigen Organs im Körperinneren befunden.
Das Gehirn hingegen befand sich an der am besten vor Strahlung geschützten Stelle des Neetrass-Körpers. Es lag beinahe im Mittelpunkt und wurde außer durch die massiven Panzerplatten auch noch durch eine fast einen halben Meter dicke Blase geschützt, die mit Wasserablagerungen gefüllt war und so auch die letzten Neutronen davon abhielt, in das Gehirn einzudringen.
Ayres Alter entsprach etwa dreißig Erdjahren.
Für einen Neetrass war er bereits recht betagt. Er spürte deutlich die beginnende Schwäche in seinen Gehextremitäten.
Außerdem wurden seine Augen schlechter und das Gehör ließ nach.
Nur sein Verstand und sein Urteilsvermögen arbeiteten besser als je zuvor, weswegen er in den Rat der Weisesten der Neetrass-Nationen gewählt und schließlich sogar zum Sprecher bestimmt worden war.
Ayre wusste, dass sich seine Lebensspanne unweigerlich dem Ende zuneigte. Aber das schreckte ihn nicht. Er teilte den Glauben der Neetrass, dass die Seelen der Toten gnädige Aufnahme bei den beiden Sonnengöttern fanden – etwas, das den Lebenden auf Grund des Urfrevels verwehrt blieb.
Bis es so weit war, würde er seine verbleibende Kraft und sein gesamtes Wissen einsetzen, um seinem Volk zu dienen.
Was wollen die Fremden mit dem Sternenschiff?, fragte sich Ayre immer wieder. Er fand keine Antwort darauf, aber er war daran gewöhnt, dass es oft keine eindeutigen und schnellen Antworten gab. Der Umgang mit dem Orakel hatte ihn das gelehrt. Der Weg bis zum Landepunkt des Sternenschiffes ist kurz. Du wirst dem Menschen, der dir seinen Namen offenbarte, bald entgegentreten müssen. Das gebietet schon die Höflichkeit.
Aber da war auch eine deutliche Portion Misstrauen in Ayres Innerem. Misstrauen, dessen Herkunft schwer zu ergründen war. Von den Kutten tragenden Forschern, die seit einiger Zeit auf der Welt der Neetrass lebten, hatte Ayre einiges über die Menschheit erfahren. Oft hatte er sich mit jenem Individuum unterhalten, dessen Individualbezeichnung Bruder Leander lautete. Aber obwohl er Bruder Leanders Individualbezeichnung durch das Abhören des Funkverkehrs kannte, und umgekehrt auch Bruder Leander mit Sicherheit der Name Ayre ein Begriff war, hatten Ayre und der Kuttenträger sich gegenseitig ihre Individualbezeichnungen niemals offiziell offenbart. Das hatte Ayre allerdings nicht davon abgehalten, mit diesem Angehörigen einer zweibeinigen und rein physisch gesehen erstaunlich schlecht geschützten Spezies, ein fast freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. An den ehrenwerten Zielen der Kutteträger konnte für ihn kein Zweifel bestehen.
Und doch hatte er gezögert, ein so fremdartiges Wesen zur offiziellen gegenseitigen Verkündung der
Individualbezeichnung aufzufordern...
Vielleicht liegt der Grund deines Misstrauens darin, dass die Besatzung dieses Sternenschiffs sich ganz offensichtlich von den Kuttenträgern erheblich unterscheidet, überlegte Ayre. Er hatte von Bruder Leander einiges über diese Unterschiede erfahren. Unter anderem wusste er, dass die Forscher durch einen tief empfundenen Glauben untereinander verbunden waren. Sie strebten nach Wissen und Erkenntnis, aber nicht nach Macht und Einfluss. Für die anderen Zweibeiner galt dies nur eingeschränkt.
Ayre befand sich in einem niedrigen Raum, der von sparsamen, bläulichem Dämmerlicht erfüllt wurde, das von fluoreszierenden Steinen ausging. Der Raum war Teil der Siedlung Gash-Nomra, die sich fast hundert Meter unter der Oberfläche befand.
Ein schriller Piepton zeigte an, dass jemand mit Ayre in Kontakt zu treten wünschte.
Ayre schaltete eine Funkphase frei.
Auf einem der Bildschirme erschien das Gesicht eines anderen Neetrass. Ayre kannte ihn gut genug, um seine Individualbezeichnung zu kennen. Allerdings waren sie sich niemals persönlich begegnet, sondern hatten stets nur über Funk kommuniziert. Sein Gesprächspartner hieß Sanre und war ebenfalls Mitglied im Rat der Weisesten. Er lebte in einer Siedlung auf der entgegengesetzten Seite des Planeten, aber das planetare Funknetz machte über seine Vielzahl von Relaisstationen eine einwandfreie Verbindung möglich.
»Seien Sie gegrüßt, Sanre«, sagte Ayre, dessen mittleres Auge sein Gegenüber zu fixieren schien.
»Es gibt eine dringende Angelegenheit, die ich unbedingt mit Ihnen besprechen möchte, Ayre.«
»Ich nehme an, es geht um die Ankunft des Sternenschiffs und seiner Menschenbesatzung. Ich weiß, dass Sie dagegen waren, weiteren Angehörigen dieser Spezies den Aufenthalt auf unserer Welt zu gestatten, aber der Rat der Weisesten hat nun einmal mehrheitlich so entschieden und das Orakel hat ihm nicht widersprochen.«
»Nein, darum geht es nicht.«
»Worum dann?«
»Der erste Einäugige dieses Planetenumlaufs wurde aus dem Ei geschlagen!«
Ayre war perplex.
Er öffnete seinen zahnlosen Mund und erzeugte durch Vibrationen der darin enthaltenen Membranen, mit deren Hilfe die halbintelligenten, noch unzivilisierten Urahnen der heutigen Neetrass Sand auf verwertbare Biomasse hin zu filtern vermocht hatten, ein zischende Geräusch. Für einen Neetrass Ausdruck höchsten Erstaunens.
»Das ist unmöglich«, stieß Ayre hervor. »Den Aufzeichnungen unserer Ahnen nach werden die ersten Einäugigen erst geboren, wenn die Zeit des Ewigen Tages kurz bevor steht. Aber bis dahin vergehen noch mindestens drei Generationen.«
»Ich war ebenso erstaunt wie Sie, Ayre. Aber es entspricht den Tatsachen. Ich habe die Mühe auf mich genommen und meine Siedlung verlassen, um den Neugeschlüpften selbst zu untersuchen. Er hat tatsächlich nur ein Auge. Das Zeichen der Langlebigkeit.«
»Was sagt das Orakel dazu?«
»Es äußert sich unverständlich. Vielleicht ist es ein Teil des Erbfluches, mit dem uns die Sonnengötter gestraft haben. In den Augenblicken, in denen wir am dringendsten auf ihre Worte angewiesen wären, versteht das Orakel es nicht, sie klar und deutlich zu übermitteln.«
»Ich nehme eher an, dass es an der Unfähigkeit unserer Interpretation liegt«, erklärte Ayre und stieß zur Unterstreichung seiner Worte einen grollenden Laut aus, der aus der Tiefe seines zahnlosen Schlundes kam und offenbar durch Benutzung von Hohlräumen im Inneren als Resonanzkörper entstand. Auf diese Weise konnten starke Infraschalllaute erzeugt werden, deren Vibrationen in der Alten Zeit vor Erfindung des Funkverkehrs, als die Neetrass noch als sandfressende Nomaden durch die Öde gezogen waren, eine Verständigung über Hunderte von Kilometern erlaubt hatten.
Seit der Erfindung des Funks vor etwa zwanzig Planetenumläufen war die Fähigkeit der Infraschallverständigung allerdings fast gänzlich verloren gegangen und diente nur noch der Äußerung archaischer Emotionen. Ayre brauchte einige Augenblicke, um sich wieder zu fassen. Das Aus-dem-Ei-Schlagen eines Einäugigen – selbst schlüpfen konnten die Nachkommen der Neetrass auf Grund der bleihaltigen, sehr harten Außenschicht der Eier nicht – bedeutete normalerweise ein freudiges Ereignis, das alle Neetrass-Nationen feierlich begingen, ganz gleich in welcher ihrer Nationen dieser Einäugige geboren worden war.
Sein Auftauchen kündigte eigentlich das Nahen der so genannten Zeit des Ewigen Tages an, in der der Neetrass-Planet die Passage zwischen den beiden Sonnen durchquerte. Hitze und Strahlung verwandelten dann die Oberfläche in eine Hölle und alles Leben zog sich in die Tiefe zurück. Den Heiligen Boten der Sonnengötter zu Folge war während des Ewigen Tages die Fortpflanzung verboten, da das gleißende Licht dafür sorgte, dass in diesem Zeitraum gezeugte Nachkommen schwere Missbildungen aufwiesen. Die vor Beginn dieser Phase geborenen Einäugigen hatten die vier- bis fünffache Lebenserwartung eines gewöhnlichen Neetrass. Sie überdauerten die Zeit des Ewigen Tages, um anschließend ihre Nachkommen zu zeugen, die dann allerdings in der Regel weder einäugig noch langlebig waren.
Das Auftauchen des ersten Einäugigen, dem noch zahlreiche andere folgen würden, kündigte damit nicht nur eine Zeit des Schreckens und des Überlebenskampfes an, sondern verkörperte auch die Hoffnung auf die Zukunft.
Nur nicht zu diesem frühen Zeitpunkt!, durchzuckte es Ayre.
Der Umlauf des Neetrass-Planeten um sein Zentralgestirn, die damit verbundenen extremen klimatischen...
| Erscheint lt. Verlag | 5.10.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-7389-1334-3 / 3738913343 |
| ISBN-13 | 978-3-7389-1334-7 / 9783738913347 |
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