Bird and Sword (eBook)
398 Seiten
Lyx.digital (Verlag)
978-3-7363-0610-3 (ISBN)
Ein Mädchen ohne Stimme.
Ein König in Ketten.
Ein Fluch, der sie vereint.
Mit fünf Jahren musste Lark mit ansehen, wie ihre Mutter vor ihren Augen hingerichtet wurde. Mit dem letzten Atemzug nahm sie ihrer Tochter die Stimme und die Macht der Worte. Denn Magie ist eine Todsünde in Jeru. Dreizehn Jahre später erscheint der junge König Tiras am Hof von Larks Vater, um diesen an seine Treuepflicht im Krieg zu erinnern. Er nimmt die stumme junge Frau als Geisel mit sich. Zunächst fürchtet Lark den König, doch sie merkt schnell, dass Tiras ebenso wenig frei ist wie sie und dass die Liebe womöglich die einzige Waffe ist, die ihrer beider Ketten sprengen kann ...
'Atemberaubend - eine epische Geschichte voller Magie und Romantik!' Totally Booked Blog
Prolog
Sie war so klein. Nur ihre Augen waren groß. Ernst und grau wie der Nebel über dem Moor nahmen sie ihr Gesicht ein. Sie war fünf Sommer alt und doch kaum größer als ein Kind von drei Sommern. Und sie war so schmächtig, dass ich mir Sorgen machte. Nicht etwa, weil sie krank aussah. Sie war auch noch nie krank gewesen. Keinen einzigen Tag. Aber sie war so zierlich und wirkte so zerbrechlich wie ein kleiner Vogel. Kleine Knochen und eine schmale Statur, ein spitzes Kinn und Elfenohren. Ihre hellbraunen Haare waren dick und so weich wie Daunen. Wenn ich sie an mich drückte, fühlte es sich an, als würden Federn über mein Gesicht streichen, was den Vergleich noch verstärkte.
Sie war meine kleine Lerche. Lark – der Name schoss mir sofort in den Kopf, als ich sie sah, und ich akzeptierte ihn, nahm ihn vom Vater aller Wörter an und vertraute darauf, dass das Schicksal ihn für sie bestimmt hatte.
»Was machst du denn hier, Lark?«, fragte ich in absichtlich strengem Ton. Meine Tochter zeigte jedoch keine Spur von Angst vor mir, obwohl ich sie an einem Ort erwischt hatte, an dem sie nicht sein durfte. Dieses Zimmer war etwas ganz Besonderes für mich, mein Lieblingsort. Ich hielt mich gern dort auf, vor allem mit ihr. Ich befürchtete jedoch, dass sie sich an der spitzen Spindel des Spinnrads stechen oder durch die hohen, offenen Fenster in den Burghof hinabstürzen könnte, deshalb durfte sie nicht allein herkommen. Nun stellte ich fest, dass sie sich meiner Anweisung widersetzt hatte.
»Ich mache Puppen«, antwortete sie. Ihre rauchige Stimme bot einen merkwürdigen Kontrast zu ihrer winzigen Gestalt. Ihre Zunge spitzte zwischen den rosigen Lippen heraus, was verriet, dass sie ganz in ihre Bastelei vertieft war. Sie wickelte einen Faden um das ausgestopfte Stück Stoff in ihrer Hand und gestaltete so den Kopf, der ein wenig schief auf dem Körper saß. Beine und Arme hatte die Puppe bereits. Drei weitere Puppen lagen fertig daneben auf dem Boden.
»Lark, du sollst doch nicht allein hierherkommen. Das ist gefährlich für ein kleines Mädchen. Und du darfst deine Worte nicht benutzen, wenn ich nicht dabei bin«, schimpfte ich.
»Aber du warst so lange weg«, erwiderte sie mit bekümmertem Blick.
»Schau mich nicht so an. Das ist keine Entschuldigung für Ungehorsam.«
Sie ließ den Kopf sinken und wirkte wie ein Häufchen Elend. »Es tut mir leid, Mutter.«
»Versprich mir, dass du dich daran erinnern wirst und mir immer gehorchst.«
»Ich verspreche es … und gehorche.«
Ich wartete einen Moment, damit das Versprechen Zeit hatte, sich auf uns niederzulegen und sie an ihre Worte zu binden.
»Und jetzt erzähl mir von deinen Puppen.«
»Die hier tanzt gerne.« Sie deutete auf die Lumpenpuppe zu ihrer Linken. »Und die klettert gern …«
»Wie eine kleine Lerche, die ich kenne«, unterbrach ich zärtlich.
»Ja, wie ich. Und die hier springt gern.« Sie hielt die kleinste Puppe hoch.
»Und die hier?« Ich deutete auf die Puppe, die sie gerade fertiggestellt hatte.
»Die ist ein Prinz.«
»Ach ja?«
»Ja. Der Prinz der Puppen. Er kann fliegen.«
»Ohne Flügel?«
»Ja. Man braucht keine Flügel, um zu fliegen.«
»Was braucht man dann dazu, Tochter?«, fragte ich.
»Wörter«, antwortete sie. Ein wissender Blick leuchtete in ihren großen grauen Augen auf.
»Zeig mir, was deine Worte bewirken«, flüsterte ich.
Sie nahm die Puppe neben sich hoch und drückte die Lippen an die Stelle, wo das Herz sitzen würde.
»Tanz«, wisperte Lark. Sie glaubte fest daran, dass die Puppe es konnte. Sie legte sie auf den Boden und wir sahen zu, wie die kleine Lumpenpuppe ihre ungleichen Arme und Beine anhob und dann durchs Zimmer sprang und sich drehte. Ich lachte leise. Meine kleine Lark nahm die nächste Puppe in die Hand.
»Spring«, befahl sie, während sie den Mund auf die Brust der Puppe drückte. Die Puppe sprang ihr aus der Hand und hüpfte lautlos hinter der tanzenden her.
Auch die anderen Puppen wurden mit einem Wort bedacht und wir beobachteten fasziniert, wie eine die Vorhänge erklomm und der Prinz der Puppen die Lumpenarme wie Flügel ausbreitete und, einem glücklichen Vogel gleich, durchs Zimmer segelte. Lark klatschte in die Hände und tanzte mit ihren neuen Freunden herum. Ich schloss mich ihr an.
Ausgelassen verloren wir uns in unserem Freudentanz. Daher vernahm ich die schweren Schritte im Flur vor der Tür fast zu spät. Ich war dumm gewesen, und viel zu leichtsinnig. Das sah mir gar nicht ähnlich.
»Lark, nimm die Worte fort!«, rief ich und verschloss schnell die Tür.
Lark schnappte sich die tanzende Puppe und nahm ihr das Wort wieder fort, wie ich es sie gelehrt hatte, indem sie es rückwärts auf die Brust der Puppe hauchte.
»Znat«, sagte sie, atmete das Wort ein und schluckte es hinunter. Sie hob die hüpfende Puppe, die ihr um die Beine sprang, hoch und sagte: »Gnirps.«
Ein Hämmern ertönte an der Tür, und mein Diener Boojohni rief mich mit drängender Stimme. »Lady Meshara! Der König ist hier. Lord Corvyn sagt, Ihr sollt sofort kommen.«
Ich klaubte die kletternde Puppe von der Steinmauer neben der schweren Tür und warf sie Lark zu. Wie zuvor bei den anderen machte sie auch bei ihr das Wort wieder rückgängig.
»Wo ist der fliegende Prinz?«, zischte ich und suchte mit fieberhaftem Blick die Deckenbalken und Ecken ab. Da, aus dem Augenwinkel entdeckte ich ihn. Er war durch das offene Fenster geflogen und flatterte wie ein Taschentuch im Wind, obwohl Windstille herrschte.
»Lady Meshara!« Boojohni schien genauso hektisch zu sein wie wir, aber aus anderem Grund.
»Komm, Lark. Es wird schon gut gehen. Er ist zu hoch, man wird ihn nicht sehen. Bleib hinter mir, verstanden?«
Als sie nickte, konnte ich sehen, dass ich ihr Angst eingejagt hatte. Sie hatte auch allen Grund, sich zu fürchten. Ein Besuch vom König verhieß nichts Gutes. Ich öffnete die Tür und grüßte Boojohni, der sich sofort umwandte und den Flur hinunterlief. Er wusste, dass ich ihm folgen würde.
Zwanzig Reiter hatten sich in dem großen Burghof versammelt. Mein Gatte kniete und katzbuckelte vor dem König, als ich mit Lark am Rockzipfel hinunterkam. Für jemanden, der immer so verächtlich von unserem Herrscher sprach, war mein Lord erstaunlich schnell bereit, ihm die Stiefel zu küssen. Die Angst machte aus uns allen Schwächlinge.
»Lady Meshara!«, polterte der König. Mein Gatte erhob sich und drehte sich zu mir; Erleichterung stand in seiner Miene.
Ich sank in einen tiefen Hofknicks, wie man es von mir erwartete, und Lark ahmte mich nach. Der König musterte sie.
»Wen haben wir denn da? Eure Tochter, Meshara?«
Ich nickte, nannte ihm jedoch nicht ihren Namen. Namen üben Macht aus, und ich wollte nicht, dass er Macht über sie bekam. In meiner Jugend hatte ich darüber nachgedacht, ob ich um die Aufmerksamkeit des Königs wetteifern sollte – ich war die Enkelin des Lords von Enoch, von nobler Geburt und verliebt in den gut aussehenden König Zoltev von Degn.
Das war allerdings, bevor ich erlebte, wie er einer alten Frau die Hände abhackte, weil sie Weizen zu langen goldenen Bändern gesponnen hatte. Daher bat ich meinen Vater, eine Ehe mit Lord Corvyn zu arrangieren. Corvyn war zwar ein Schwächling, aber nicht boshaft, obwohl ich mich durchaus fragte, ob Feigheit nicht ebenso gefährlich war wie Boshaftigkeit. Die Feigen und Schwachen ließen zu, dass das Böse gedieh.
»Keine Söhne, Corvyn?«, fragte König Zoltev gutmütig.
Mein Gatte senkte beschämt den Blick, als ob ihm dies peinlich sei, und Wut brodelte in mir hoch.
»Ich zeige meinem Sohn sein Königreich. Eines Tages wird all das ihm gehören.« König Zoltev vollführte eine weit ausholende Geste, die die Burg, die Berge und die demütig niederknienden Menschen im Burghof umfasste, als ob ihm sogar der Himmel über unseren Köpfen gehörte und die Luft, die wir atmeten.
»Prinz Tiras, zeig dich deinem Volk.« Der König drehte sich im Sattel um und winkte seinen Sohn zu sich.
Die königlichen Wachen wichen zur Seite und machten einem Jungen auf einem großen, schwarzen Hengst den Weg frei. Er war schlank und geschmeidig und schien nur aus Ellbogen, Schultern, Knien und Füßen zu bestehen, als hätte er gerade einen Wachstumsschub hinter sich gebracht. Seine Haare und Augen waren fast so schwarz wie sein Pferd, und seine Haut schimmerte wie das Gold der Spinnerin. Seine Mutter, die verstorbene Königin, stammte nicht aus Jeru. Sie war aus einem südlichen Land gekommen, dessen Bewohner für ihre dunkle Hautfarbe und ihre Geschicklichkeit im Umgang mit dem Schwert bekannt waren. Prinz Tiras saß sicher im Sattel, umgeben von einem Halbkreis aus Wachen. Auf seiner Brust prangte kein königliches Wappen, und auch sein Pferd war in dunkles Grün gehüllt, wie die Streitrösser der Soldaten. Womöglich sollte dies aber auch nur seinem Schutz dienen. Ob als Sohn eines unbeliebten oder beliebten Königs, in beiden Fällen könnte er ins Visier von Entführern oder rachsüchtigen Intriganten geraten.
Ehrerbietig versank ich in einem tiefen Hofknicks. Furchtlos wie immer kam Lark hinter meinem Rücken hervor und streichelte das Pferd des Prinzen. Neben dem riesigen Tier wirkte sie wie ein winziges Feenkind. Der Prinz glitt aus dem Sattel und streckte die Hand zum Gruß aus. Lark kicherte erfreut und legte ihre winzige Hand in seine. Er lächelte, als sie ihm einen Kuss auf die Knöchel...
| Erscheint lt. Verlag | 26.10.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Bird-and-Sword-Reihe |
| Bird-and-Sword-Reihe | Bird-and-Sword-Reihe |
| Übersetzer | Corinna Wieja |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Bird and the Sword |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Adel • Adler • Burg • Drachen • Drachen, • Entführung • Fantastischer Roman • Fluch • Gefangene • Gestaltwandler • High Fantasy • Julie Kagawa • König • Königreich • Königshaus • Liebe • Liebe / Beziehung • Macht • Magie • Märchen • Mary E. Pearson • Mittelalter • New Adult • Romantic Fantasy • Romantische Fantasy • Royal • Sarah J. Maas • Schloß • Slow Burn • starke Heldin • Super • Tag des Falken • Thron • Twist • Usurpator • Young Adult |
| ISBN-10 | 3-7363-0610-5 / 3736306105 |
| ISBN-13 | 978-3-7363-0610-3 / 9783736306103 |
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