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Schildkrötentage (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
248 Seiten
Czernin Verlag
978-3-7076-0616-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Schildkrötentage -  Sophie Reyer
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Flora entdeckt eine Falte in ihrem Gesicht, verliert ihren Job, hat Rückenschmerzen und in ihre Wohnung wird eingebrochen. Wie praktisch es wäre, sich in einen Panzer zurückziehen zu können! Flora wird älter und es ist, als ob sie nun endlich die Schildkröte würde, die sie als Kind immer hatte haben wollen. Von Ärzten und Therapeuten fühlt sie sich missverstanden.? Doch dann wird aus der Midlifecrisis eine Midlifecrisis-Liebesgeschichte. Denn Halt bietet Semir, der Hausmeister, der nebenan eingezogen ist. Mit Charme und Freundlichkeit macht er sich in Floras Leben breit. Seine positive Energie steckt an und lässt sie neuen Mut schöpfen. Einfach ist es aber auch mit ihm nicht. Wie Flora schon bald feststellen muss, hat Semir mehr als ein Geheimnis. Charmant und mit leichter Hand erzählt Sophie Reyer vom Älterwerden, der Liebe und den Lügen, von Sinnkrisen und den Panzern zwischen uns.

Sophie Reyer, geboren 1984 in Wien, lebt in Wien, Autorin und Komponistin, Doktorin der Philosophie. Lehrt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien sowie an der Pädagogischen Hochschule Hollabrunn. Seit 2017 Lehrgangsleitung der Wiener Schreibpädagogik. Schreibt Prosa, Lyrik und Theatertexte für Erwachsene und Kinder. Diverse Preise und Stipendien, u. a. Literaturpreis der Stadt Graz 2013. Zuletzt erschienen: 'Schläferin'.

Sophie Reyer, geboren 1984 in Wien, lebt in Wien, Autorin und Komponistin, Doktorin der Philosophie. Lehrt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien sowie an der Pädagogischen Hochschule Hollabrunn. Seit 2017 Lehrgangsleitung der Wiener Schreibpädagogik. Schreibt Prosa, Lyrik und Theatertexte für Erwachsene und Kinder. Diverse Preise und Stipendien, u. a. Literaturpreis der Stadt Graz 2013. Zuletzt erschienen: "Schläferin".

2. Recherche


Da mir die Ärztin auch nicht helfen kann, begebe ich mich selbst auf Recherche. Das Internet. Ärzten habe ich ohnehin nie getraut, die werden doch alle von der Pharmaindustrie eingekauft, denke ich, und starte meinen Laptop, Marke Äpfelchen. Ich durchblättere ein paar Links zum Thema Hautcremen. Hauptsächlich Seiten von Marken, die ich ohnehin kenne, nein, das ist nichts, ich will auch nicht »Toddlers & Tiaras« sehen, eine Sendung, in der Dreijährige den Tanzstil der neuen Popstars imitieren und Preise gewinnen können, auch das lähmt mich im Moment.

Auf Youtube entdecke ich, nachdem ich es erfolgreich geschafft habe, alle Werbeseiten zu schließen, eine Dokumentation über Männer und Frauen, die zu Bäumen werden. »Treeman« nennt sich das, was mich aus einem borkenartigen, mit Warzen übersäten Körper mit traurigen Augen ansieht. Das sei eine Hautkrankheit. Ich spüre meine Zunge nicht mehr, als ich die Dokumentation über »Treeman« weiterverfolge.

»I become a tree«, sagt der Herr mit den schlitzartigen Augen.

Der Baummensch aus Indonesien sieht verstört aus. Sein Rückgrat ist geknickt, weil seine Rindenhände und Rindenbeine so schwer sind. Ich bin paralysiert und starre auf den Bildschirm. Die Ärzte versuchen offenbar, ihn mit Vitamin A, das ihm über eine bestimmte Creme direkt auf die Haut übertragen wird, zu heilen. Lächerlich, denke ich. Der Schmerz in seinen Augen klappt nach innen. Ich habe diese Augen schon an Tieren gesehen, wenn sie eingesperrt in Käfigen saßen. Sie hatten ihren Blick in einen inneren Raum zurückgezogen, der sie beschützte. Mit einem Mal kann ich nicht mehr atmen. Ein Moment der Bestürzung.

Schließlich hört die Schlucksperre auf. Ich google nach einigen der Bilder, drucke sie aus und stopfe sie in meine Tasche.

Als ich mich anziehe, erinnere ich mich wieder: Die anderen Kinder wollten keine Schildkröten. Eher Gameboys oder Barbies. Aber ich war ein komisches Kind, denke ich. Ich bohrte mit meinem Kopf Höhlen in die Bettdecke, um mich zu verstecken. Mir war immer kalt und meine Handteller wurden leicht feucht. Oft träumte ich von kuscheligen, winzigen Zimmern, in die ich mittels einer Rutsche gelangte. Auch sie waren etwas Ähnliches wie Höhlen. So wie eine Schildkröte aus Hölzern Zelte aufschichtet, schichtete ich hinter dem Haus meiner Eltern Brennholz auf, bis kleine Häuschen entstanden. In denen ließ ich mich und meine Reptilienroboter wohnen. Das waren Triceratopse mit harten Schädeln, Godzillas aus Plastik mit zwei Köpfen, haarige Monster aller Art und komische Drachen, deren Köpfe innen hohl waren, und die man leicht eindrücken konnte. Ich strickte ihnen Gewänder, ließ sie mit mir mitessen. Abends schliefen die Dinosaurier in meinem Bett. Der Geruch nach Plastik und Kunststoff erwärmte mein Herz. Es war mein Geruch nach Heimat, nach Erde, nach Glücklichsein geworden. Manchmal wünschte ich mir den Hals eines Brontosaurus, auf dem ich hinabrutschen konnte, wieder und wieder. Oder ich stellte mir vor, an Hörner geklammert auf einem Triceratops zu reiten. Ich sammelte die Monster, Dinosaurier und Drachen in einer Schublade, die mir bald heilig wurde. Nach der Schule baute ich Türme oder Straßen aus ihnen, ich ließ sie die Haare der batteriebetriebenen Ponys und Barbies fressen, mit denen meine Schwester spielte und die auf Knopfdruck singen, tanzen oder urinieren konnten. Es war eine gute Zeit, denke ich heute. Auch ohne Schildkröte. Das lag an den Höhlen. Mühevoll reiße ich mich aus meinen Gedanken. Es wird Zeit, dass ich etwas unternehme, denke ich.

Mit den Bildern des Baummenschen im Kopf gehe ich also zu meiner Ärztin. Ich versuche, sie vorsichtig darauf hinzuweisen, dass ich nun auch Rückenschmerzen habe. Sie zeigt sich nicht besonders beeindruckt. Sie tastet meinen Rücken ab. Dann fällt ihr Blick auf meinen Bauchnabel, der ihr irgendwie zu gefallen scheint, denn ihre Augen beginnen plötzlich zu leuchten.

»Wie wäre es für den Anfang mal mit einem Antibiotikum?«, schlägt sie vor.

Was soll das denn, frage ich mich und merke wieder, dass ich eine Zunge im Mund habe.

Kurze Stille. Ein Moment der Peinlichkeit.

»Ich weiß nicht, vielleicht ist das ein wenig fehl am Platz?«, frage ich unsicher.

»Wissen Sie, im Grunde sollten Sie sich einfach so lieben, wie Sie sind«, fährt sie fort.

Ihre Hände sehen zierlich aus und sind mit roten Sommersprossen übersät.

»Aha«, sage ich ratlos.

Da nähern sich mir ihre Finger. Sie legen sich um meinen Hals. Die Ärztin zieht meinen Kopf ein wenig an ihre Lippen heran, atmet in meinen Nacken hinein.

»Was sind Ihre Lieblingstiere?«, fragt sie.

»Warum?«

»Nun, vielleicht wäre es schön, wenn Sie das Tierische in Ihnen ein wenig mehr leben würden?«

»Ja …«

»Also, was sind denn Ihre Lieblingstiere?«

»Sch … Schildkröten«, stottere ich.

»Ich hab mal Schildkröten beobachtet«, fährt sie fort, »die recken den Kopf so raus und ziehen ihn dann wieder ein.«

Sie beginnt, meinen Rücken zart zu berühren, irritiert vollführe ich eine rasche Bewegung, knirsch, zack. Ein Schrei. Verdammt. Jetzt habe ich ihr in der Hast einen Kinnhaken verpasst. Habe ich ihr den Kiefer gebrochen? Ich drehe mich langsam um und sehe sie an. Die Ärztin schützt ihre linke Backe mit der Schale ihrer Hand. Meine Finger zittern, stammeln, suchen nach dem weiten Pullover, in den ich mich gekleidet habe, weil mein Panzer gut in ihm Platz hat.

»Entschuldigung«, flüstere ich.

Schweigen.

»Ich muss los dann «, sage ich.

Auf dem Heimweg sinniere ich über mein Leben. Seit frühester Kindheit also: diese uneingeschränkte Vorliebe für das Monströse. Ich lief mit einem Dinosaurier im Arm umher, nannte ihn Marian, fütterte ihn bei jeder Gelegenheit. Ich erinnere mich, sein harter nackter Schädel war aus Gummi. Manchmal zog ich ihn an seinem langen Schwanz hinter mir drein. Marians speckige Babyschenkel waren mir das Liebste auf der Welt. Ich krümmte mich, spielte Ei für den Dinosaurier. Sammelte die winzigen, glitschigen Wesen mit Reptilien­haut, die mir meine Tanten und Onkeln geschenkt hatten, in Kisten ein und baute hinter dem Haus kleine Höhlen aus Holzscheiten für sie. Marian hatte mehrere Knöpfe am Bauch, einen für »kuscheln«, einen für »schlafen«, einen für »essen«. Wenn ich an der Schnur zog, die aus seinem Hinterkopf hing, konnte er sogar singen. Das war ganz gut. Trotzdem wollte ich eine Schildkröte haben. Eine echte. Manchmal zischte eine Sternschnuppe über den Himmel. »Ich will eine Schildkröte«, dachte ich mir dann, Augen fest zu, Lider gegen­einander gepresst, heimlich, still. Der Wunsch schoss nach innen. Schoss ins Herz zurück, oszillierte zwischen Bauch und Gehirn, immer wieder. Die Wünsche, die man einer Sternschnuppe schickt, darf man keinem erzählen, hatte der Vater gesagt. Meine Wünsche blieben also sorgfältig aufbewahrt in meinem Kopf. Ich betrachtete den Sternenhimmel. Er war endlos, das Licht erreichte uns zu spät, wusste ich, da waren viele Sterne bereits tot. Die Kuppel des Himmels schützte meinen Kopf, ein dunkler Himmel, dunkel und ruhig, ein Gefühl von Güte, wenn es so etwas geben sollte. Ich sperre die Wohnungstür auf und seufze.

Vielleicht, denke ich, als ich meine Kaffeemaschine auf den Herd stelle, ist meine Verwandlung die Erfüllung dieses alten Wunsches? Ich bin nicht abergläubisch. Und außerdem wollte ich ja nicht eine Schildkröte werden, sondern eine haben. Ich blicke aus dem Fenster. Einzelne Blätter rieseln von den Ästen der Linde, die mir wie Arme vorkommen. Auf einmal sehe ich in jedem Baum einen verhinderten Menschen. Ich drücke meine Finger gegen die Lider, bis es hell wird. Dann streife ich mit der Kaffeetasse zu meinem Computer und öffne meinen Mailaccount.

Heike, eine Freundin, der ich mein Leid geklagt habe, hat mir geschrieben.

Sie schlägt mir vor, eine Psychotherapie zu machen. Wütend klicke ich sie weg.

Auf gut gemeinte Ratschläge kann ich verzichten, denke ich.

Ich starre in die Tasse hinein und Bilder rasen durch meinen Kopf.

Ich werfe die Tür hinter meinem Rücken zu und gehe die Treppen hinunter. Das Treppenhaus riecht nach Parfüm. Die Besitzerin hat mehrere Computer-Putzer, die an den Gängen herumsurren. Das Haus ist in Pastellfarben gehalten. Marmorboden. Seltsam, denke ich manchmal, dass sie dennoch auch selbst die ganze Zeit putzt. Manchmal beobachte ich sie von meinem Balkon aus. Die Besitzerin klaubt jedes der Blätter vom Boden ihres schönen Balkons. Obwohl sie doch die Computerhelfer hat. Draußen sitzen sehe ich sie nie. Sie hat viel zu viel Angst vor den Schadstoffen in der Luft, hat sie einmal zu mir gesagt. Keine uninteressante Frau eigentlich. Informatikerin. Der Mann Informatiker. Keine Kinder. Radtouren mit Tandems, die von Elektromotoren betrieben werden, Reisen in die weite Welt mit ihrem kleinen Heli­kopter. Sieht alles nach Kleinfamilienidylle aus, denke ich. Im Grunde.

Wenn sie hin und wieder zum Putzen am Balkon erscheint, trägt sie pinke Pantoffeln aus Plüsch und einen Frottier-Mantel. Sie ist dünn, eingefallen.

Als ich an diesem Tag ins Treppenhaus gehe, tapst mir eine kleine Katze entgegen.

Genau in dem Moment tritt die Besitzerin aus ihrer Wohnung.

Ein markerschütternder Schrei ertönt.

»Ist das Ihre?«, gellt die Besitzerin.

Verwirrt schüttle ich den Kopf und sehe sie an.

Ihre Hände zittern.

»Hier sind Tiere verboten!«, ruft sie aus.

Ich verstehe nicht ganz. Schließlich handelt es sich ja hier nicht um einen wilden Tiger, sondern um eine kleine...

Erscheint lt. Verlag 23.8.2017
Verlagsort Wien
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Alter • Älterwerden • Liebe • Midlife-Crisis • Roman • Zurückziehen
ISBN-10 3-7076-0616-3 / 3707606163
ISBN-13 978-3-7076-0616-4 / 9783707606164
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