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Heimat-Roman Doppelband #3 -  Anna Martach

Heimat-Roman Doppelband #3 (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
260 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-1298-2 (ISBN)
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3,49 inkl. MwSt
(CHF 3,40)
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Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge. Schicksalsromane vor der beeindruckenden, zeitlos-schönen Kulisse der alpinen Bergwelt. Hass und Missgunst herrschen in den Tälern, Intrigen werden gesponnen und Wilderer...

3


Der erste Schultag näherte sich dem Ende. In der letzten Stunde, als Marita schon glaubte, diesen Menschen, der sich Lehrer nannte, kaum noch länger ertragen zu können, passierte es. Von irgendwo flog ein selbstgebastelter Papierflieger durch den Klassenraum, schlug ein paar Loopings und segelte dann in einem eleganten Bogen bis dicht vor Marita, wo er zu Boden fiel.

Unterdrücktes Kichern war zu hören, und auch Marita musste lächeln. Doch Gröner, der gerade in gleichförmigem Tonfall über das Teilen ganzer Zahlen sprach, explodierte.

»Wer war das?«, donnerte er.

Sofort herrschte Stille. Die Kinder schauten absolut unschuldig drein.

»Wenn sich der Übeltäter nicht sofort meldet, werd’ ich die ganze Klasse bestrafen«, erklärte Gröner.

Widerwillig stand einer der Buben auf. Gar nicht schuldbewusst schaute er auf den Lehrer.

»Schwender also wieder einmal. Nun, hast du etwas dazu zu sagen?«

»Nein, Herr Lehrer.«

Mit einem raschen Griff hatte Gröner den Zeigestock in der Hand und schlug den Jungen auf den Hosenboden. Der Bub schrie auf, und plötzlich wurde der Lehrer von einer kleinen, aber kräftigen Hand daran gehindert, noch einmal zuzuschlagen.

»Ja, sind Sie denn wahnsinnig?«, rief Marita entsetzt.

Sie hatte mit wachsender Empörung diesen Vorfall beobachtet. Das war doch nicht mehr als ein kleiner Scherz gewesen, der mit einer Ermahnung abgetan werden konnte! Doch Gröner reagierte überspitzt. Und als er begann, den Buben zu schlagen, griff sie ein.

Gröner fasste sich erstaunlich schnell.

»Sie untergraben meine Autorität, Fräulein Schneider«, sagte er eisig. »Wagen Sie es net, mich noch einmal in meinen erzieherischen Bemühungen zu unterbrechen.«

Wieder ging die Wut mit dem Madl durch. Nach einem harmlosen Schabernack ein Kind zu schlagen, zeugte doch nur von Hilflosigkeit und Unfähigkeit.

»Wenn das Ihre Vorstellung von Erziehung ist«, stieß sie zornig hervor, »dann werden wir uns tatsächlich niemals einigen können.«

Ihr hübsches Gesicht war gerötet, ihre Augen blitzten, und ihre Stimme hatte einen stahlharten Klang, entschlossen und fest. Gröner wich unwillkürlich zurück vor der plötzlich respektgebietenden Ausstrahlung des Madls. Dies war nicht mehr die überaus kindlich wirkende junge Frau. Nein, hier stand eine Erwachsene vor ihm, mit festen Grundsätzen und einem eigenen Kopf. Sie bot ihm die Stirn, und Gröner, der nur gegen Schwächere unnachgiebig vorgehen konnte, gab nach. Er ließ den Stock sinken und legte ihn auf das Lehrerpult.

»Es ist Ihre Klasse, Fräulein Schneider. Tun Sie, was Sie für richtig halten.«

Als gebrochener Mann verließ er den Raum, ohne sich darum zu kümmern, dass die Stunde noch nicht beendet war. Die Worte des Madls hatten ihn tief getroffen und ihm etwas klargemacht, was er nie hatte wahrhaben wollen. Er war im Grunde ungeeignet für den Lehrerberuf. Er verstand die Kinder nicht, hatte immer nur seine eigenen Vorstellungen durchsetzen wollen. Jetzt, am Ende seiner Laufbahn, musste er sich eingestehen, dass er versagt hatte.

Marita stand allein vor der Klasse. Ihr Ausbruch tat ihr jetzt leid, sie hatte sich einfach zu sehr hinreißen lassen. Doch jetzt musste sie vor den Kindern die Situation retten.

»Ich bin sicher, dass der Herr Gröner das Ganze net so gemeint hat. Wahrscheinlich war er ebenso aufgeregt wie ich. Und jetzt wollen wir die Stunde beenden. Morgen früh werden wir gemeinsam neu anfangen und net mehr über diesen Vorfall reden.«

Gehorsam packten die Kinder ihre Hefte und Bücher ein, stumm gingen sie hinaus.

Marita sank auf einen Stuhl, starrte aus dem Fenster und versuchte, sich darüber klarzuwerden, welche Auswirkungen dieser Vorfall haben könnte. In einem so kleinen Dorf sprach sich sicherlich alles schnell herum, und die Kinder würden ihren Eltern von den Ereignissen in der Schule erzählen. Ob die Dörfler genauso dachten wie der alte Lehrer, und ob sie ihr Schwierigkeiten machen würden? Marita stand seufzend auf. Man würde ja sehen, wie es weiterging. Etwas anderes als abzuwarten blieb ihr sowieso nicht übrig.

An diesem Abend wurde sie wieder von einem Asthmaanfall überrascht, obwohl sie sich hier in der klaren Luft bisher sehr wohl gefühlt hatte. Mühsam nach Luft ringend, schaffte sie es gerade noch, bis zum Telefon zu kommen und den Landarzt von Mittenstein zu rufen.

Kurze Zeit später war der Doktor da. Er gab ihr eine Spritze, und der Anfall ließ rasch nach.

»Ich versteh’ das gar net«, erklärte der Doktor. »Hier dürften Sie eigentlich keine Anfälle mehr bekommen, es sei denn, das wären noch die letzten Auswirkungen von Ihrem Leben in der Stadt. Oder haben Sie sich über irgendetwas aufgeregt?«

Marita erzählte ihm von dem Streit mit Gröner, und der Arzt schüttelte sorgenvoll den Kopf.

»Das sollten Sie in Zukunft lieber vermeiden. Ich bin sicher, dass Sie hier wieder richtig gesundwerden, aber nehmen Sie sich noch in acht.«

Marita versprach es und konnte dank des Medikamentes in dieser Nacht gut schlafen.

Auf seinem schönen großen Berghof arbeitet Konrad Schwender mit dem Traktor, als sein Sohn, der ebenfalls Konrad hieß, aus der Schule heimkam. Der Bub wurde allgemein nur Konny gerufen. Er ging gleich in die Küche, warf seinen Tornister in eine Ecke und setzte sich vorsichtig auf einen Stuhl. Die Küchenmagd lachte.

»Hast mal wieder eine Abreibung gekriegt?«, fragte sie gutmütig.

»Ich hab’ nur ’nen Papierflieger gebastelt. Aber jetzt wird’s anders. Wie haben ’ne Neue.«

»Was? Schülerin?«

»Na, hast denn net gehört, dass wir eine neue Lehrerin bekommen haben?«

»Und die hat dich versohlt?«, wollte die Magd neugierig wissen.

»Nein, die doch net. Die hat dem Gröner den Stock weggeschlagen und hat ihn angebrüllt. Die ist ganz toll. Außerdem hat’s mit uns gespielt. Fangen, auf dem Schulhof«, erklärte Konny begeistert.

»Ach geh, du schwindelst ja. Das glaubst ja selbst net, dass ’ne Lehrerin Fangen spielt. Und jetzt lauf und wasch dir die Händ.’ Wir wollen essen.«

Widerwillig stand Konny auf, hielt sich mit einer Hand den Hosenboden und marschierte ins Bad.

Beim Essen erzählte er seinem Vater von Marita und schwärmte von ihr. Schwender hörte nur mit halbem Ohr zu. Er hatte seine Frau kurz nach Konnys Geburt verloren und bemühte sich, den Jungen allein aufzuziehen. Doch so ganz einfach war das nicht. Die Arbeit forderte ihren Tribut, und so blieb der Bub sich selbst überlassen oder wurde von den Mägden neben ihrer Arbeit mit beaufsichtigt, und ihm fehlte einfach die richtige Führung.

Das wirkte sich natürlich auf sein Verhalten aus. Er stellte ständig irgendetwas an und war frech und trotzig. Das alles war nichts anderes als eine Forderung nach Beachtung und Liebe. Doch stattdessen bekam er in der Schule Schläge und daheim ebenfalls öfter einmal eine Watschen, und niemand nahm sich Zeit für ihn. »Vielleicht benimmst dich dann in Zukunft etwas gesitteter, und ich brauch’ mir auf dem Elternabend keine Klagen mehr anzuhören«, erklärte Konnys Vater. Er hatte die Worte seines Sohnes kaum aufgenommen. Die Wintersaat stand an, und er war mit seinen Gedanken voll und ganz davon in Anspruch genommen.

Konny spürte natürlich, dass sein Vater wieder einmal nicht richtig zuhörte. Doch das war er schon gewöhnt. So stand er nach dem Essen auf und ging spielen, aber dabei musste er ständig an die neue Lehrerin denken.

In den nächsten Tagen versuchte Marita vorsichtig ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern aufzubauen. Noch längst nicht alle akzeptierten sie, und das hatte sie auch gar nicht erwartet. Die Kinder hatten jahrelang unter dem Regiment des alten Oberlehrers gelebt und sich an seine Art gewöhnt. Sie konnte nicht erwarten, dass jetzt gleich alles ins Gegenteil verkehrt sein würde, nur weil Gröner fort war und sie seinen Platz eingenommen hatte.

Doch mit viel Geduld schaffte sie es, nach und nach die Kinder etwas lebhafter am Unterricht zu beteiligen, was sie als kleinen Erfolg verbuchte. In diesen Tagen störten besonders Konny und seine Freundin Anja den Unterricht. Konny war der Anführer fast sämtlicher Streiche, die sich abspielten, und Anja war seine ständige Begleiterin. Sie bewunderte ihn, unterstützte alle Untaten und war vor allem seine Vertraute, wenn er mal wieder mit jemandem sprechen musste. Anja war es auch, die als erste kicherte, wenn Konny andere Mädchen an den Zöpfen zog, Papierkügelchen durch die Klasse schoss oder sonst etwas anstellte.

Diese beiden Kinder waren für Marita die größte Herausforderung, diese beiden musste sie einnehmen, dann hatte sie gewonnen. Das Madl beobachtete die beiden genau. Wo sollte sie ansetzen, um sie für sich zu gewinnen?

An einem strahlenden Herbsttag, als die Sonne von einem leuchtend blauen Himmel herabschien, schlug Marita vor, dass die Klasse einen Spaziergang machen sollte. Jubelnd warfen die Kinder ihre Bücher in die Tornister und stapelten diese in einer Ecke.

»Stellt euch bitte ordentlich auf«, sagte Marita. In Zweierreihen formierten sich die Kinder, wobei es viel Geschiebe und Geschubse gab. Endlich aber standen alle ordentlich in Reih und Glied.

»Schön. Nachdem ihr jetzt alle so viel Zeit vergeudet hab, muss der Spaziergang leider etwas kürzer ausfallen. Beim nächsten Mal wisst ihr das dann vielleicht besser. Lasst uns gehen.«

Marita beobachtete, ob die Kinder sich wenigstens halbwegs in der Reihe hielten und schlug dann vor, gemeinsam ein Lied zu singen. Gleich wurden ihr Vorschläge entgegengebrüllt, und alle riefen durcheinander.

»He, net so laut! Es soll hier Leute geben, die in Ruh’ arbeiten wollen....

Erscheint lt. Verlag 6.5.2019
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7389-1298-3 / 3738912983
ISBN-13 978-3-7389-1298-2 / 9783738912982
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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