Tipps für die Wildnis (eBook)
304 Seiten
Piper ebooks (Verlag)
978-3-492-97740-1 (ISBN)
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde für inzwischen mehrere Generationen zum Kultbuch. Zudem stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr "Report der Magd" wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Wahrer Schund
Die Kellnerinnen baden in der Sonne wie eine Herde gehäuteter Robben, ihre rosigbraunen Körper glänzen vom Öl. Sie haben ihre Badeanzüge an, weil es Nachmittag ist. Morgens und abends, in der Dämmerung, baden sie manchmal nackt, was das juckende Ausharren in dem von Moskitos heimgesuchten Buschwerk gegenüber ihres kleinen privaten Bootsstegs ein ganzes Stück lohnenswerter macht.
Donny hat das Fernglas, es gehört nicht ihm, sondern Monty. Montys Dad hat es ihm zum Vogelbeobachten geschenkt, aber Monty interessiert sich nicht für Vögel. Er hat für das Fernglas eine bessere Verwendung gefunden: Er vermietet es für maximal fünf Minuten an andere Jungen, für je einen Nickel, oder auch für einen Schokoladenriegel aus dem Kiosk, obwohl ihm Geld lieber ist. Er isst die Schokoladenriegel nicht; er verkauft sie auf dem schwarzen Markt – zum doppelten Preis; der Vorrat auf der Insel ist begrenzt, und so kommt er damit durch. Donny hat schon alles Sehenswerte betrachtet, aber er lässt sich Zeit mit dem Fernglas, trotz des heiseren Geflüsters und des Drängens derjenigen, die hinter ihm stehen. Er will kriegen, wofür er gezahlt hat.
»Jetzt seht euch das an«, sagt er mit, wie er hofft, die anderen auf die Folter spannender Stimme. »Sabber, sabber.« Direkt an der Stelle mit dem frischen Mückenstich bohrt sich ein Ast in seinen Magen, aber er kann ihn nicht wegschieben, ohne mit der einen Hand das Fernglas loszulassen. Er kennt die Flankenangriffe.
»Lass sehen«, sagt Richie und zieht an seinem Ellbogen.
»Verpiss dich«, sagt Donny. Er bewegt das Fernglas ein Stück weiter, erfasst ein glitschiges halb nacktes Gesäß, eine Brust in einem Badeanzug mit roten Punkten, eine lange herunterfallende Strähne gebleichter blonder Haare: Ronette, die Schärfste, Ronette, die Verbotenste. Wenn ihnen im Winter die Lehrer ihrer Highschool Vorträge halten, wie gefährlich es ist, sich mit den Stadtmädchen einzulassen, dann denken sie alle an solche wie Ronette: die vor dem einzigen Kino der Stadt herumhängen, Kaugummi kauend und mit den Lederjacken ihrer Freunde, die wiederkäuenden Lippen so glänzend und tiefrot wie zerquetschte Himbeeren. Wenn man pfeift oder auch nur hinsieht, starren sie mitten durch einen hindurch.
Ronette hat alles außer dem Blick. Im Unterschied zu den anderen lächelt sie sogar manchmal. Jeden Tag schließen Donny und seine Freunde Wetten ab, ob sie an ihrem Tisch sein wird. Wenn sie sich nach vorn beugt, um die Teller abzuräumen, versuchen sie, in ihre gesittete, aber mit einem V-Ausschnitt versehene Uniform zu linsen. Sie wenden ihr das Gesicht zu, atmen sie ein: Sie riecht nach Haarspray, Nagellack, etwas Künstlichem und zu Süßem. Billig, würde Donnys Mutter sagen. Das ist ein verlockendes Wort. Die meisten Dinge in seinem Leben sind teuer und nicht besonders interessant.
Ronette dreht sich auf dem Bootssteg um. Jetzt liegt sie auf dem Bauch, hat das Kinn in die Hände gestützt, ihre Brüste werden durch die Schwerkraft nach unten gezogen. Sie hat richtige mit einer Spalte dazwischen, nicht wie manche von ihnen. Aber über ihrem Badeanzug kann er ihr Schlüsselbein und ein paar Rippen sehen. Trotz der Brüste ist sie dünn, mager; sie hat Arme wie Stöcke und ein schmales, ein wenig hohles Gesicht. Ein Backenzahn fehlt, man sieht es, wenn sie lächelt, und das beunruhigt ihn. Er weiß, dass er eigentlich Verlangen nach ihr spüren sollte, aber das ist es nicht, was er empfindet.
Die Kellnerinnen wissen, dass sie beobachtet werden: Sie sehen, wie die Büsche sich bewegen. Die Jungen sind erst zwölf oder dreizehn, höchstens vierzehn, kleine Fische. Wenn es die Studenten wären, welche jeweils eine Jungengruppe beaufsichtigen, würden sie mehr kichern, sich mehr herausputzen, die Rücken durchdrücken. Jedenfalls manche von ihnen. Aber so verbringen sie ihre Nachmittagspause, als wäre niemand da. Sie reiben sich gegenseitig mit Sonnenöl ein, braten sich gleichmäßig, drehen sich faul von einer Seite auf die andere und bringen Richie, der jetzt das Fernglas hat, dazu, ein Stöhnen von sich zu geben, das die anderen Jungen verrückt machen soll und es auch tut. Es werden kleine Boxhiebe ausgeteilt, unterdrückte Ausrufe wie »dummer Hund« und »Arschloch« werden laut. Richie macht ein schlürfendes Geräusch, als liefe ihm der Speichel aus dem Mund, und grinst von einem Ohr zum anderen.
Die Kellnerinnen lesen sich laut etwas vor. Sie wechseln sich ab: Ihre Stimmen schweben über das Wasser, durch gelegentliches Prusten und Auflachen unterbrochen. Donny hätte gern gewusst, was sie mit einer solchen Versunkenheit, mit so viel Spaß lesen, aber es wäre gefährlich, das zuzugeben. Nur ihre Körper zählen. Wen interessiert schon, was sie lesen?
»Die Zeit ist um, Scheißer«, flüstert er Richie zu.
»Selber Scheißer«, sagt Richie. Die Büsche bewegen sich heftig.
Die Kellnerinnen lesen ein Wahre-Romanzen-Heft, einen Groschenroman. Tricia hat einen ganzen Stapel davon unter ihrer Matratze verstaut, und Sandy und Pat haben auch noch welche beigesteuert. Jedes dieser Hefte hat eine Frau auf der Titelseite, deren Kleid über der Schulter heruntergezogen ist, oder die eine Zigarette im Mund hat oder irgendein anderes Anzeichen unordentlichen Lebenswandels aufweist. Gewöhnlich haben diese Frauen Tränen in den Augen. Die Farben sind merkwürdig: leicht schmuddlig, etwas verschmiert wie die handgefärbten Ansichtskarten im Kaufhaus. Nichts von den fröhlichen weißen Zähnen und dem sauber strahlenden Lächeln der Filmmagazine: Dies sind keine Erfolgsstorys. Wahrer Schund, so nennt Hilary sie. Joanne nennt sie Heulbojen.
Im Augenblick liest Joanne vor. Sie liest mit ernster, theatralischer Stimme, wie jemand im Radio; in der Schule hat sie in einem Theaterstück mitgespielt: Unsere kleine Stadt. Sie hat ihre Sonnenbrille wie ein Lehrer auf die Nasenspitze geschoben. Aus Spaß liest sie mit englischem Akzent.
Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das mit ihrer geschiedenen Mutter in einer engen, heruntergekommenen Wohnung über einem Schuhgeschäft wohnt. Ihr Name ist Marleen. Sie arbeitet nach der Schule und am Samstag in dem Geschäft, und zwei der Schuhverkäufer sind hinter ihr her. Der eine ist solide und langweilig und will sie heiraten. Der andere, der Dirk heißt, hat ein Motorrad und ein wissendes, unverschämtes Grinsen, von dem Marleen weiche Knie kriegt. Die Mutter sitzt sklavisch an der Nähmaschine. Sie macht Marleens Kleidung selbst, und sie verdient sich einen dürftigen Lebensunterhalt, indem sie für reiche Damen Kleider näht, die sie böse anfahren, wenn etwas nicht stimmt. Sie ermahnt Marleen ständig, sich den richtigen Mann auszusuchen und nicht einen schrecklichen Fehler zu machen, wie sie selbst. Das Mädchen hat vor, auf die Handelsschule zu gehen und sich für einen Verwaltungsjob ausbilden zu lassen, aber dazu reicht das Geld nicht. Sie ist im letzten Jahr der Highschool, und ihre Noten werden immer schlechter, weil sie entmutigt ist und auch weil sie sich zwischen den beiden Schuhverkäufern nicht entscheiden kann. Und jetzt sitzt ihr die Mutter auch noch wegen der schlechten Noten im Nacken.
»O Gott«, sagt Hilary. Sie feilt sich die Fingernägel mit einer Metallfeile anstatt mit Schmirgelpapier. Sie findet Schmirgelpapier nicht gut. »Jemand soll ihr sofort einen doppelten Scotch geben.«
»Vielleicht sollte sie die Mutter umbringen, die Versicherung kassieren und machen, dass sie da wegkommt«, sagt Sandy.
»Hast du auch nur ein Wort von einer Versicherung gehört?«, sagt Joanne und späht über ihre Brille.
»Du könntest es ja reinbringen«, sagt Pat.
»Vielleicht sollte sie beide ausprobieren, um zu sehen, welcher von beiden besser ist«, sagt Liz unverfroren.
»Wir wissen, welcher der Bessere ist«, sagt Tricia. »Hört zu, wenn jemand Dirk heißt. Was soll da schief gehen?«
»Die sind beide Stinktiere«, sagt Stephanie.
»Wenn sie das tut, wird sie eine GEFALLENE FRAU sein, in Großbuchstaben«, sagt Joanne. »Sie würde es BEREUEN müssen, in Großbuchstaben.«
Die andern johlen. Reue! Die Mädchen in den Geschichten sind so lächerlich. Sie sind so schwach. Sie verlieben sich hoffnungslos in die falschen Männer, sie geben nach, sie werden sitzen gelassen. Dann weinen sie.
»Moment«, sagt Joanne. »Hier kommt die große Nacht. Sie liest weiter, hauchend. »Meine Mutter war ausgegangen, um einer ihrer Kundinnen ein Cocktailkleid zu bringen. Ich war ganz allein in unserer schäbigen Wohnung.«
»Keuch, keuch«, sagt Liz.
»Nein, das kommt später. Ich war ganz allein in unserer schäbigen Wohnung. Der Abend war heiß und stickig. Ich wusste, dass ich eigentlich arbeiten sollte, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich ging unter die Dusche, um mich abzukühlen. Dann beschloss ich impulsiv, das Kleid für die Abschlussfeier anzuprobieren, über dem meine Mutter so viele Stunden bis in die Nacht hinein gesessen hatte.«
»So ist es recht, Schuldgefühle, Schuldgefühle«, sagt Hilary voller Befriedigung. »Ich an ihrer Stelle würd die Mutter mit der Axt erschlagen.«
»Es war ein Traum aus Rosa –«
»Ein Traum aus Rosa – was?«, sagt Tricia.
»Ein Traum aus Rosa, Punkt, und halt den Mund. Ich sah mich im winzigen Schlafzimmer meiner Mutter in dem hohen Spiegel an. Das Kleid war genau richtig für mich. Es passte vollkommen zu meinem reifen, aber schlanken Körper. Ich sah darin anders aus, älter, schön, wie ein Mädchen, das an jeden Luxus gewöhnt ist. Wie eine Prinzessin. Ich lächelte...
| Erscheint lt. Verlag | 2.10.2017 |
|---|---|
| Übersetzer | Charlotte Franke |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Drittes Reich • Feminismus • Frauen • Rückblick • Wendepunkte |
| ISBN-10 | 3-492-97740-5 / 3492977405 |
| ISBN-13 | 978-3-492-97740-1 / 9783492977401 |
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