Jerry Cotton 3145 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-5322-8 (ISBN)
Phil und ich bekamen es mit einem besonders perfiden Fall zu tun: Die Opfer wurden in den Selbstmord getrieben, indem ihnen ein anonymer Erpresser drohte, ansonsten einen nahen Angehörigen zu töten. Als Beweis schickte der Täter den Link zu einem Live-Videostream. In der Aufnahme war ein Verwandter zu sehen, auf den der Laserpointer eines Zielerfassungsgeräts gerichtet war. Wir nahmen die Ermittlungen auf und waren sicher, dass konkurrierende Verbrechersyndikate hinter den Todesfällen steckten. Doch als wir unseren Fehler bemerkten, war es schon fast zu spät ...
»Rico, ich tu das nie wieder«, wimmerte sie, nachdem er ihr noch einen halbherzigen Tritt verpasst hatte. Das Smartphone lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Und das kam ihr in diesem Moment zugute.
»Halt’s Maul, Elena!«, knurrte er.
Dann sah er auf das Handydisplay und erbleichte. Rico Mendoza erstarrte förmlich zur Salzsäule.
Elena blickte auf. Ihr war sofort klar, dass irgendetwas passiert sein musste. Etwas, das Rico von einem Augenblick zum nächsten vollkommen aus der Bahn zu werfen schien. Aber sie hätte es niemals gewagt, ihn in diesem Moment danach zu fragen.
Rico ging zum Fenster.
Er wirkte plötzlich sehr unruhig. Einen kurzen Blick warf er noch auf Elena. Aber dieser Blick galt nicht ihr. Er schien regelrecht durch sie hindurchzublicken. Schweiß stand auf seiner Stirn. Das Gesicht wirkte geradezu verstört.
Elena schluckte.
Sie fühlte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Sie hatte Rico Mendoza noch nie so erlebt. Rico schützte sie. Er schlug sie manchmal. Aber selten so schlimm, dass sie nicht mehr auf die Straße gehen konnte und niemanden fand, der ihren Körper kaufen wollte. Das Wichtigste war, dass er sie mit Kokain versorgte, denn das brauchte Elena wie die Luft zum Atmen.
Irgendetwas stimmt da nicht!, ging es ihr durch den Kopf. Manchmal war Rico unberechenbar. Vor allem dann, wenn er selbst zu viel Stoff genommen hatte und ihn mit ein paar Pillen kombinierte, die eigentlich seine Stimmung aufhellen sollten, manchmal aber auch das genaue Gegenteil bewirkten. Dann konnte er wirklich gemein sein.
Ein paar sich unangenehm lang hinziehende Augenblicke hatte sie den Verdacht, dass sich Ricos unbeherrschter Zorn auf sie entladen konnte.
Er nahm die Pistole aus dem Hosenbund.
Aber statt die Waffe auf Elena zu richten, drückte er den Lauf gegen die eigene Schläfe.
Und drückte ab.
Elena schrie, wie sie noch nie zuvor in ihrem Leben geschrien hatte.
Sie spürte etwas Feuchtes im Gesicht. Als sie sich mit der Hand übers Gesicht wischte, stellte sie fest, dass sich ihre Tränen mit Blut vermischt hatten.
Blut, das zu ihr herübergespritzt war.
***
Ich begrüßte Dorothy Taylor. Die Sekretärin unseres Chefs war gerade dabei, ein Telefonat zu führen. Mit einer energisch wirkenden Geste bedeutete sie Phil und mir, weiter in Mr Highs Büro zu gehen. Offenbar wurden mein Partner und ich dort schon dringend erwartet.
Assistant Director High stand an der Fensterfront seines Büros und blickte über die Skyline von Washington. Er hatte die Hände tief in den weiten Taschen seiner Flanellhose vergraben. Die leicht gebeugte Körperhaltung deutete darauf hin, dass er im Augenblick konzentriert über etwas nachdachte. Als Phil und ich das Zimmer betraten, schien er uns zunächst nicht zu bemerken.
Wir warteten geduldig ab, bis Mr High uns schließlich einen Platz anbot. Ein Ruck ging dabei durch seinen Körper, der sich sofort wieder straffte.
»Guten Morgen«, sagte er. »Wir haben es in unserem Job immer wieder mit perfiden Verbrechen zu tun. Gleich werden Sie Zeuge eines solchen Verbrechens werden, das an Niederträchtigkeit und Skrupellosigkeit kaum zu überbieten ist.«
»Wir sind gewarnt, Sir«, sagte ich.
»In Baltimore ist vor einiger Zeit ein gewisser Rico Mendoza ums Leben gekommen. Und zwar durch Selbstmord. Nach übereinstimmender Aussage einer Zeugin und den Erkenntnissen der Kriminaltechnik hat sich Mendoza plötzlich seine Pistole selbst an die Schläfe gesetzt und abgedrückt.« Mr High drehte seinen Laptop auf dem Schreibtisch so herum, dass wir den Bildschirm sehen konnten. »Mendoza war Mitglied der berüchtigten Mara 13«, fuhr er fort.
»Also eher jemand, der andere erschießt – nicht sich selbst«, schloss Phil.
Die Mara-13-Gangs stammten ursprünglich aus Mittelamerika, genau genommen aus El Salvador, weswegen sie auch Mara Salvatrucha oder kurz MS 13 genannt wurden. Dabei war Mara die Abkürzung für Marabuntas, eine räuberische Ameisenart, die ganze Landstriche verwüsten konnte. Die 13 bezog sich auf eine Straßenecke in Los Angeles, wo der US-amerikanische Zweig dieses Gang-Netzwerks entstanden war, das sich inzwischen in ganz Nord- und Südamerika ausgebreitet hatte.
Mr High ließ auf dem Bildschirm ein Foto von Rico Mendoza erscheinen. Es stammte aus unseren Dossiers. Mendoza trug die für die MS-13-Gangster typischen Tätowierungen. Sie kennzeichneten den Rang oder wiesen auf Taten in der Vergangenheit hin: immer wieder verschnörkelte Fraktur-Buchstaben in Kombination mit Zahlen, deren volle Bedeutung nur diejenigen kannten, die zur Gang gehörten.
Der Ehrenkodex dieser Gruppen war mörderisch, ihre Aufnahmerituale ebenfalls. In vielen dieser Gangs war ein Mord die Voraussetzung, um überhaupt aufgenommen zu werden.
»Ein beachtliches Vorstrafenregister«, stellte Phil bei einem kurzen Blick auf die unter dem Foto aufgelisteten Angaben aus dem FBI-Dossier fest.
»Ja, Mendoza hat in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt«, erklärte Mr High. »Zumindest in Baltimore ist er zu einer der maßgeblichen Größen des organisierten Verbrechens aufgestiegen.«
»Ziemlich jung dafür«, staunte ich.
»Aber besonders skrupellos und schlau«, fuhr Mr High fort. »Auch wenn er herumlief wie ein Streetfighter, der jederzeit irgendeinem Schuldner die Knie zerschießt, hat er sich in den letzten Jahren mehr wie einer dieser Weiße-Kragen-Gangster verhalten.«
»Aber Sie nehmen doch nicht etwa an, dass er komplett handzahm geworden ist?«, meinte Phil.
Mr High schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Ein Gang-Leader kann bei den Mara Salvatrucha nicht an der Spitze bleiben, wenn er nicht bereit ist, selbst Gewalt anzuwenden. Und zwar eigenhändig, sonst verliert er den Respekt seiner Leute.«
»Das heißt wohl, er hat sich immer nur Opfer ausgesucht, bei denen er sicher sein konnte, dass die Justiz niemals dahinterkommen würde«, schloss ich.
Mr High nickte. »So dürfte es sein. Die Mauer aus Angst und Schweigen ist immer der stärkste Schutz des organisierten Verbrechens. Aber bei den Mara 13 gilt das noch viel stärker. Einerseits, weil sie besonders gewalttätig sind, und andererseits wegen ihres rigiden Ehrenkodexes.«
»Ein Mara-13-Gang-Krieger verrät einen anderen Mara nicht«, meinte ich. »Unabhängig davon, was er ihm angetan haben mag.«
»So ist es«, sagte Mr High. »Zuerst hatten die Kollegen in Baltimore den Verdacht, dass der Selbstmord dieses Mara-Anführers irgendetwas mit dem Ehrenkodex dieser Gruppierungen zu tun haben könnte – bis das Handy des vermeintlichen Selbstmörders untersucht wurde.«
Mr High aktivierte ein Video, auf dem das Gesicht einer Frau mit dunklem, von grauen Strähnen durchzogenem Haar zu sehen war. Sie saß auf einer Dachterrasse und schien die Sonne zu genießen. Ihr Gesichtsausdruck wirkte entspannt. Ich schätzte sie auf Mitte bis Ende fünfzig.
Das Beunruhigende war der rote Laserpunkt, der in ihrer Herzgegend tanzte. Die Frau schien nicht einmal zu bemerken, dass sie im Visier einer lasergestützten Zielerfassung war und jemand mit einer Waffe auf sie zielte.
Unter den Bildern liefen Untertitel, die Mendoza aufforderten, sich zu erschießen.
»Die Identität der Frau wurde überprüft«, sagte Mr High. »Es handelt sich um Mendozas Mutter. Den Erkenntnissen unserer Kollegen in Baltimore nach war sie die wahrscheinlich wichtigste Person im Leben von Rico Mendoza.«
»Er hat sich umgebracht, damit sie nicht stirbt?«, stieß Phil hervor und beugte sich auf seinem Stuhl vor.
»Die Kollegen gehen davon aus, dass Mendoza möglicherweise wusste, wer hinter dieser Attacke steckte. Jedenfalls hat er die Drohung so ernst genommen, dass er es nicht gewagt hat, sich zu widersetzen«, erklärte Mr High.
»In der Tat eine perfide Art, jemanden dazu zu bringen, sich selbst umzubringen«, musste ich zugeben.
»Der Fall Mendoza ist allerdings nur der erste von einer ganzen Reihe ähnlich gelagerter Fälle«, sagte Mr High. »Die Verbrechen haben sich in verschiedenen Staaten ereignet. Und es gibt ein paar Gemeinsamkeiten, die keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass ein und derselbe Täter dafür verantwortlich ist.«
Ich hob die Augenbrauen. »Und diese Gemeinsamkeiten wären?«, fragte ich.
Mr Highs Gesicht wirkte ausgesprochen konzentriert. »Alle Opfer entstammen dem Dunstkreis des organisierten Verbrechens. Es sind Leute, die in ihren jeweiligen Organisationen bereits eine deutlich wahrnehmbare Führungsposition innehatten. Keine einfachen Drogendealer oder Schläger also. Die meisten hatten entweder Glück oder gute Anwälte oder beides. Nur aus diesem Grund waren sie noch auf freiem Fuß.«
»Will sich da jemand selbst einen Platz am Tisch der Bosse sichern?«, fragte ich.
»Die Überlegungen der Kollegen in Baltimore gehen ebenfalls in diese Richtung«, bestätigte Mr High. »Und Carlos Mendoza, Bruder und Nachfolger von Rico in der Mara-13-Hierarchie von Baltimore, hat wohl schon wüste Drohungen gegen seine Konkurrenten ausgestoßen und Rache geschworen.«
»Vielleicht steckt er ja selbst dahinter und versucht nun, die Schuld am Tod seines Bruders auf einen Mister Unbekannt abzuwälzen«, meinte Phil.
Ich nickte nachdenklich. »Das hätte wahrscheinlich noch den positiven Nebeneffekt, dass er die eigenen Reihen gegen seine Feinde schließen könnte.«
»Sie vergessen eines«, erwiderte Mr High. »Carlos hätte...
| Erscheint lt. Verlag | 26.9.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Adler-Olsen • Al Capone • Alexander Hartung • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Carin Gerhardsen • Charlotte Link • Cody McFadyen • Cora • Dedektiv • Detektiv • Deutsche Krimis • Ermittler • FBI • Groschenheft • Hamburg Krimi • Hamburg-Krimi • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • jan-tommen • Jerry Cotton • Katharina Peters • Klassiker • Komissar • Kommissar • Krimi • Krimi Bestseller • Krimi-Bestseller • Krimi Bestseller 2017 • Krimi deutsch • Krimi-deutsch • Krimi kindle • Kriminalroman • kriminalroman bestseller 2017 • kriminalroman-deutsch • kriminalroman kindle • krimi neuerscheinungen 2017 • Krimis • Krimiserie • Krimi-Serie • Krimi-Thriller • Lars Kepler • loreth anne white • martin-barkawitz • Martin Barkawitz • Mira • Mord • Mörder • Polizei • Polizeiroman • Polizist • Pulp • Pulp Ficition • robert dugoni • Romanheft • Roman-Heft • Sebastian Fitzek • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Soko-Hamburg • SoKo Hamburg • spannende Krimis • Spannung • Spannungsroman • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thomas Herzberg • Thriller • Verbrechen • Wegner • wegners erste fälle • wegners schwerste fälle |
| ISBN-10 | 3-7325-5322-1 / 3732553221 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5322-8 / 9783732553228 |
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