Herbst (eBook)
120 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-75011-6 (ISBN)
Die zuverlässige Wiederkehr der Jahreszeiten ist für Goethe ein wichtiger Faktor der Stabilität. In persönlichen Texten wie dem Brief oder dem Tagebuch, in autobiographischen Erzählwerken, aber auch in der Lyrik und den Romanen spielen die Jahreszeiten eine höchst erstaunliche Rolle. Der Herbst ist für ihn die Jahreszeit der Reisen, manchmal des Schreibens, nicht selten des Weines, aber natürlich auch der reifenden Natur gewesen, die er in seiner Jugend, in Weimar oder in Italien jeweils anders erlebt hat. Zuletzt ist der Herbst des Alters für den Menschen und den Naturforscher Goethe ein Thema gewesen.
<p>Johann Wolfgang Goethe, am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren, absolvierte ein Jurastudium und trat dann in den Regierungsdienst am Hof von Weimar ein. 1773 veröffentlichte er <em>Götz von Berlichingen</em> (anonym) und 1774 <em>Die Leiden des jungen Werthers</em>. Es folgte eine Vielzahl weiterer Veröffentlichungen, zu den berühmtesten zählen <em>Italienische Reise</em> (1816/1817), <em>Wilhelm Meisters Lehrjahre</em> (1798) und <em>Faust </em>(1808). Johann Wolfgang Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar.</p>
Johann Wolfgang Goethe, am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren, absolvierte ein Jurastudium und trat dann in den Regierungsdienst am Hof von Weimar ein. 1773 veröffentlichte er Götz von Berlichingen (anonym) und 1774 Die Leiden des jungen Werthers. Es folgte eine Vielzahl weiterer Veröffentlichungen, zu den berühmtesten zählen Italienische Reise (1816/1817), Wilhelm Meisters Lehrjahre (1798) und Faust (1808). Johann Wolfgang Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Mathias Mayer, geb. 1958, lehrt neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Augsburg. Forschungschwerpunkte im Bereich der Goethezeit, der österreichischen Literatur, des Musiktheaters und der Ethik.
Weimarer Herbst
Weimar, 10. September 1776
An Charlotte von Stein
Geniessen Sie rein der lieben Herbst Zeit, es scheint als wollt Sie der Himmel mit lieben Tagen seegnen. Ade.
FA II.2, S. 62
Weimar, 2. 11. 1776
An den Geist des Johannes Sekundus
Lieber, heiliger, großer Küsser,
Der du mir's in lechzend atmender
Glückseligkeit fast vorgetan hast!
Wem soll ich's klagen? klagt ich dir's nicht!
Dir, dessen Lieder wie ein warmes Küssen
Heilender Kräuter mir unters Herz sich legten,
Daß es wieder aus dem krampfigen Starren
Erdetreibens klopfend sich erholte.
Ach wie klag ich dir's, daß meine Lippe blutet,
Mir gespalten ist, und erbärmlich schmerzet,
Meine Lippe, die so viel gewohnt ist
Von der Liebe süßtem Glück zu schwellen
Und, wie eine goldne Himmelspforte,
Lallende Seligkeit aus und einzustammeln.
Gesprungen ist sie! Nicht vom Biß der Holden,
Die, in voller ringsumfangender Liebe,
Mehr mögt haben von mir, und mögte mich Ganzen
Ganz erküssen, und fressen, und was sie könnte!
Nicht gesprungen weil nach ihrem Hauche
Meine Lippen unheilige Lüfte entweihten.
Ach gesprungen weil mich, Öden, Kalten,
Über beizenden Reif, der Herbstwind anpackt.
Und da ist Traubensaft, und der Saft der Bienen,
An meines Herdes treuem Feuer vereinigt,
Der soll mir helfen! Wahrlich er hilft nicht
Denn von der Liebe alles heilendem
Gift Balsam ist kein Tröpfgen drunter
FA I.1, S. 233
Weimar, 22. November 1776
An Johann Heinrich Merck
Dein Schicksaal drückt mich, da ich so rein glücklich bin, Ich wohne noch im Garten und balge mich mit der Jahreszeit herum und die Abwechslungen der Witterung und der Welthändel um mich, frischen mich immer wieder neu an, ich bin weder Geschäftsmann, noch Hofmann und komm in beyden fort.
FA II.2, S. 72
Tagebuch, 8. Oktober 1777
Mein Zahn der sich wieder meldt hindert mich am Tanzen, die Klufft zwischen mir und denen Menschen allen fiel mir so grass in die Augen, da kein Vehikulum da war. Ich musste fort, denn ich war ihnen auch sichtlich zur Last. Ins Herzogs Zimmer! konnts nicht dauern, sah den Mond über dem Schlosse und herauf. Hier nun zum leztenmal, auf der reinen ruhigen Höhe, im Rauschen des Herbst winds. Unten hatt ich heute ein Heimweh nach Weimar nach meinem Garten, das sich hier schon wieder verliert. – Gern kehr ich doch zurück in mein enges Nest, nun bald in Sturm gewickelt, in Schnee verweht. Und wills Gott in Ruhe vor den Menschen mit denen ich doch nichts zu theilen habe. Hier hab ich weit weniger gelitten als ich gedacht habe, bin aber in viel Entfremdung bestimmt, wo ich doch noch Band glaubte. ♃ wird mir immer näher und näher u Regen und rauher wind rückt die Schaafe zusammen. – – Regieren!!
FA II.2, S. 106
Weimar, 16. November 1777
An seine Mutter
Sagen kann ich über die seltsame Nachricht Ihres Briefs gar nichts. Mein Herz und Sinn ist zeither so gewohnt dass das Schicksaal Ball mit ihm spielt dass es für's neue es sey Glück oder Unglück fast gar kein Gefühl mehr hat. Mir ists als wenn in der Herbstzeit ein Baum gepflanzt würde, Gott gebe seinen Seegen dazu, dass wir dereinst drunter sizzen Schatten und Früchte haben mögen. Mit meiner Schwester ist mir so eine starcke Wurzel die mich an der Erde hielt abgehauen worden, dass die Äste, von oben, die davon Nahrung hatten auch absterben müssen. Will sich in der lieben Falmer wieder eine neue Wurzel, theilnehmung und befestigung erzeugen, so will ich auch von meiner Seite mit euch den Göttern dancken. Ich bin zu gewohnt von dem um mich iezzo zu sagen: das ist meine Mutter und meine Geschwister pppppp. Was euch betrifft so seegnet Gott, denn ihr werdet auf's neue erbaut in der Nähe und der Riss ausgebessert.
FA II.2, S. 109
Jena, 29. August 1806
An Charlotte von Schiller
Ihr Brief, meine liebe verehrte Freundin, hat mich in meiner Jenaischen Einsamkeit sehr angenehm überrascht. Ich habe freilich keine so schönen Berge und Wälder zunächst um mich, wie die Ihrigen sind; doch wissen Sie wohl, wenn man einige hundert Schritte geht, so ist man in ganz anmutigen Gegenden. In Carlsbad ist es mir und meiner Gesellschaft ganz gut gegangen und ich finde mich auch gegenwärtig sehr viel besser als vor der Kur. Wir wollen dieses gute Herbstwetter noch zu genießen suchen, um mit desto mehr Sicherheit dem Winter entgegen zu gehen. Da ich mich deshalb so viel als möglich in der freien Luft aufzuhalten gedenke, so wird, wenn das Glück gut ist, Mittwoch den 1. Oktober unsre erste Zusammenkunft sein. Bis dahin sind Sie ja wohl wieder in Weimar. Ich wünsche uns allen gute Gesundheit, damit wir ununterbrochen unsre Reise fortsetzen können, die ich diesmal mit Ihnen über Berg und Tal, Erd' und Meer zu machen gedenke. Da wir uns so lange in dem Beweglichen aufgehalten haben, so ist es wohl billig, daß wir auch einmal uns zum Stehenden und Festen wenden. Die Gegenstände sind interessant genug und es läßt sich manches erfreuliche und unterrichtende anknüpfen.
FA II.6, S. 120
Weimar, 4. April 1807
An Carl Ludwig von Knebel
Deine Bemerkung ist ganz richtig, daß wir für das Alter ein wenig zu weit auseinandergesät sind. Die Jugend mag sich wohl auseinander begeben, denn sie ist beweglich genug, um wieder zusammenzukommen. Auch sind die Zeiten so wie Herbst- und Wintertage, wo man gern näher zusammenrücken mag. In Humboldts Reisen haben mir deswegen jene Affen gefallen, die, sobald sie in eine kühlere Temperatur kommen, sich gleich in großen Schaaren enge zusammendrängen. Dabey sucht denn jeder in die Mitte zu kommen, um so warm zu sitzen als möglich; welches zu gar possirlichen Unterhandlungen Anlaß geben mag.
WA IV.19, S. 302
Jena, 12. September 1809
An Christiane Goethe
Mein Geschäft hier geht ganz gut und wird auch hoffentlich so zu Ende gelangen, ob ich gleich gestehe, daß das einbrechende Regenwetter und der wilde Herbst mir auf den Winter Grauen erregt. Du hast dir indeß gewiß schon allerley ausgedacht, wie wir jene unfreundliche Jahrszeit zusammen zubringen wollen.
WA IV.21, S. 62
An ***
Zum 30. Oktober 1815
Die Blumen, so dies reiche Füllhorn beut,
Du fragst, was sie dir heute sollen?
Hast du sie nicht mir auf den Weg gestreut?
Nun hab' ich dankbar sie dir sammlen wollen.
WA I.5,1, S. 68
Aus dem Maskenzug
»Die Romatische Poesie«
Herbst
Den Fleiß belohnend aber tritt Pomone
Mit reicher Gaben Fülle zu uns an.
Mit Freuden sehen wir den Kranz, die Krone,
Und viel genießt, wer heuer viel getan.
Der Vater schafft, er freut sich mit dem Sohne,
Aufs neue Jahr geht schon der neue Plan;
Im Kreis der Gäste waltet frohes Leben:
Der Edle hat, und will auch andern geben.
FA I.6, S. 815
Jena, September 1820
Goethe im Gespräch, aufgezeichnet von F. Förster
Nun will ich hier noch einer dritten Begegnung mit Goethe erwähnen. Auf einem ersten Ausfluge mit meiner jungen Frau (geb. Laura Gedike) nach Thüringen, im Herbst 1832 [1820], erfuhr ich in Jena, daß Goethe für den Monat September eine Gartenwohnung in dem botanischen Garten der Universität bezogen habe. Ich versäumte nicht, mich und meine Laura bei ihm anzumelden, und wir wurden in herzlichster Weise willkommen geheißen. – Goethe bot [am 27. September] meiner Frau seinen Arm zu einem Spaziergang durch den Garten, und obschon sie kurz vorher geäußert: sie würde mehr Mut haben, dem Kaiser Napoleon oder Alexander sich vorstellen zu lassen, als Goethe, gewann sie doch bei dessen entgegenkommender Freundlichkeit vollkommene Unbefangenheit und richtete die von ihrem Lehrer Zelter an den Freund ihr aufgetragenen Grüße bestens aus. »Ich möchte«, sagte Goethe auf diesem Spaziergange, »der jungen Freundin gern ein Sträußchen verehren, aber leider ist, wie Sie sehen, schon alles verblüht.« – »Dort unten«, rief Laura, Goethe mit sich fortziehend, »seh' ich ja noch eine wunderschöne Blume in herrlichster Blüte!« Goethe folgte, er ging festen Schrittes darauf zu. »So kann man denn doch«, rief er, »seinem ärgsten Feinde nicht entgehen: das ist die Tabakspflanze, die eine gar schöne Blüte treibt, deren Blätter aber, wo sie in Rauch aufgehen, das sicherste Mittel sind, mich zu vertreiben.« Dennoch entschloß er sich, diese Tabaksblüte zu brechen, auch fanden sich noch einige Astern und Immergrün, so daß er meiner Frau ein ganz hübsches Sträußchen...
| Erscheint lt. Verlag | 13.9.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Anthologien |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Anthologie • Auswahl • Blütenlese • Briefe • Deutschland • Dichter • Gedichte • Herbst • insel taschenbuch 4607 • IT 4607 • IT4607 • Italien • Jahreszeiten • Johann Wolfgang Goethe • Lyrik • Prosa • Sammlung • Tagebuch • Weimar • Zusammenstellung |
| ISBN-10 | 3-458-75011-8 / 3458750118 |
| ISBN-13 | 978-3-458-75011-6 / 9783458750116 |
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