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Das Licht ferner Tage (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2017
Heyne Verlag
978-3-641-21909-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Licht ferner Tage - Arthur C. Clarke, Stephen Baxter
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Wurmloch-Spione
Im 22. Jahrhundert fand eine der größten technologischen Revolutionen in der Geschichte der Menschheit statt, nach der nichts mehr so ist, wie es einmal war: Physikern ist es gelungen, stabile Wurmlöcher zu erzeugen, durch die man praktisch jeden Ort auf der Erde zu jeder Zeit überwachen kann - auch in der Vergangenheit. Jegliche Privatsphäre fiel dieser Technik sofort zum Opfer. Doch es ist kein übermächtiger Staat, der sich der neuen Technologie bemächtigt, sondern die Reichen der Erde, die ihre voyeuristischen Gelüste befriedigen. Nur eine kleine Gruppe stellt sich der totalen Überwachung entgegen...

Stephen Baxter, 1957 in Liverpool geboren, studierte Mathematik und Astronomie, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er zählt zu den international bedeutendsten Autoren wissenschaftlich orientierter Literatur. Etliche seiner Romane wurden mehrfach preisgekrönt und zu internationalen Bestsellern. Stephen Baxter lebt und arbeitet im englischen Buckinghamshire.

1

Die Casimir-Maschine

 

Kurz nach Anbruch der Dämmerung stieg Vitali Keldys schwerfällig ins Auto und aktivierte den SmartDrive. Das Fahrzeug entfernte sich vom heruntergekommenen Hotel.

Die Straßen von Leninsk waren leer, der Straßenbelag rissig, und viele Fenster hatte man mit Brettern vernagelt. Er erinnerte sich an die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als dieser Ort seinen Höhepunkt erlebt hatte: Damals war er eine aufstrebende Wissenschafts-Stadt mit einer Bevölkerung von etwa dreißigtausend Menschen gewesen, mit Schulen, Kinos, einem Schwimmbad, einem Sportstadion, Cafés, Restaurants und Hotels, sogar mit einem eigenen Fernsehsender.

Als er die Stadt auf der Ausfallstraße nach Norden verließ, sah er das alte blaue Schild mit dem weißen Richtungspfeil: NACH BAIKONUR. Dieser alte Deckname wurde noch immer benutzt. Und noch immer bauten im Herzen von Asien russische Ingenieure Raumschiffe und schossen sie in den Himmel.

Aber nicht mehr lange, sagte er sich traurig.

Schließlich ging die Sonne auf und überblendete die Sterne – außer einem, dem hellsten. Er zog gemessen und dennoch unnatürlich schnell am südlichen Himmel seine Bahn. Es war die Ruine der Internationalen Raumstation: Sie war 2010 nach dem Absturz eines maroden Space Shuttles aufgelassen und nie fertiggestellt worden. Die Station umkreiste noch immer die Erde wie ein ungebetener Gast einer Party, die längst ihr Ende gefunden hatte.

Die Landschaft außerhalb der Stadt wirkte trostlos und öde. Er kam an einem Kamel vorbei, das geduldig am Straßenrand stand, und an einem alten verhutzelten Mütterchen, gehüllt in Lumpen. Das war eine Szene, wie sie sich in den letzten tausend Jahren wohl jederzeit hätte abspielen können, sagte er sich – als ob die politischen, technischen und sozialen Umwälzungen, die über dieses Land hinweggegangen waren, gar nicht stattgefunden hätten. Was der Wahrheit vielleicht auch ziemlich nahe kam.

Im Licht der aufgehenden Sonne dieses Frühlingsmorgens war die Steppe jedoch grün und mit gelben Blumen übersät. Er ließ das Fenster herunter und versuchte den würzigen Duft zu schnuppern, an den er sich noch so gut erinnerte. Doch die Nase war durch den Zigarettenqualm desensibilisiert, so dass sie für die Wohlgerüche der Natur nicht mehr empfänglich war. Er verspürte einen Anflug jener Melancholie, wie sie ihn zu dieser Zeit des Jahres immer überkam. Das Gras und die Blumen würden bald wieder vergangen sein: Der Steppen-Frühling war kurz, allzu kurz – wie das Leben selbst.

Schließlich erreichte er das Testgebiet.

Es war ein Ort, wo Stahltürme und Betonkuppeln in den Himmel ragten. Das Kosmodrom, das weitaus größer war als die westlichen Pendants, erstreckte sich über Tausende von Quadratkilometern dieses weiten Landes. Einen großen Teil des Geländes hatte man inzwischen aufgegeben. Die Starttürme, die noch nicht zur Verschrottung abtransportiert worden waren – mit oder ohne behördliche Genehmigung –, rosteten stumm vor sich hin.

Doch an diesem Morgen herrschte zumindest an einer Rampe rege Betriebsamkeit. Er sah Techniker in Schutzanzügen und mit orangefarbenen Helmen sich um den großen Startturm drängen.

Eine Lautsprecherstimme hallte über die Steppe. »Gotovnosty desjat' minut.« Zehn Minuten und abnehmend.

Der Fußmarsch vom Auto zur Zuschauertribüne ermüdete ihn, obwohl der Weg gar nicht so lang war. Er versuchte das Hämmern des geschwächten Herzens zu ignorieren, den Schweiß am Hals und auf der Stirn, die Atemnot und die Gicht im Arm.

Als er seinen Platz einnahm, wurde er von den bereits Anwesenden begrüßt. Es handelte sich um die korpulenten und selbstgefälligen Männer und Frauen, die in diesem neuen Russland, wo die Grenzen zwischen Staatsmacht und Unterwelt fließend geworden waren, ihr Süppchen kochten. Auch die jungen Techniker mit dem hageren Gesicht der jungen Generation waren da; dem Ausdruck jenes Hungers, der das Land seit dem Untergang der Sowjetunion heimsuchte.

Er nahm die Begrüßung zur Kenntnis und war froh, in isolierter Anonymität zu versinken. Die Männer und Frauen dieser harten Zeit interessierten sich weder für ihn noch für seine Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit.

Genauso wenig interessierten sie sich für das, was hier gleich geschehen würde. Ihre Gespräche handelten vielmehr von weit entfernten Ereignissen: Von Hiram Patterson und seinen Wurmlöchern und seinem Versprechen, die Erde so transparent wie Glas zu machen.

Vitali sah auf den ersten Blick, dass er der Älteste hier war. Womöglich war er sogar der letzte Überlebende der alten Zeit. Dieser Gedanke verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung.

Und wirklich waren seit dem Start der ersten Molnija – der Satelliten mit dem Namen ›Blitz‹ – im Jahr 1965 schon siebzig Jahre vergangen. Die Ereignisse waren in Vitalis Bewusstsein noch so präsent, als seien erst siebzig Tage vergangen, seit die Armee junger Wissenschaftler, Raketeningenieure, Techniker, Arbeiter, Köche, Zimmerleute und Maurer in diese öde Steppe gekommen war. Das mit wenig mehr als Engagement und Korolevs Genie gerüstete Personal hatte in Hütten und Zelten gehaust, abwechselnd geschwitzt und gefroren und gleichzeitig die ersten Raumschiffe der Menschheit gebaut und gestartet.

Die Konstruktion der Molnija-Satelliten war genial gewesen. Korolevs große Booster waren nicht in der Lage gewesen, einen Satelliten in den geostationären Orbit zu befördern, wo er in sechsunddreißig Kilometern Höhe immer über demselben Punkt der Erdoberfläche geschwebt hätte. Stattdessen schickte Korolev seine Satelliten auf elliptische Acht-Stunden-Trajektorien. Mit solchen sorgfältig gewählten Orbits vermochten drei Molnijas den größten Teil der Sowjetunion abzudecken. Für Jahrzehnte hatten die UdSSR und dann Russland Konstellationen von Molnijas in den exzentrischen Orbits gehalten und damit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhalt des weiten Landes gewährleistet.

Vitali betrachtete die Molnija-Kommunikationssatelliten als Korolevs größte Errungenschaft. Sie übertraf sogar die konstruktiven Leistungen, die den Start von Robotern und Menschen ins All ermöglicht hatten, die Landung von Sonden auf Mars und Venus und den um ein Haar gewonnenen Wettlauf mit den Amerikanern zum Mond.

Nun bestand wohl kein Bedarf mehr für diese wundervollen Vögel.

Der Startturm rollte zurück, und die letzten Stromkabel fielen wie sich windende schwarze Schlangen herunter. Die schlanke Form des Boosters wurde enthüllt: Ein ›fliegender Bleistift‹ mit der barocken Verrippung, die typisch war für Korolevs alte, wundervolle und absolut zuverlässige Konstruktionen. Obwohl die Sonne im Zenit stand, wurde die Rakete in brillantes Kunstlicht getaucht und von Dampf umwabert, den die kryogenen Brennstofftanks ausdünsteten.

Tri … Dva … Odin … Zažiganie!

Zündung …

 

Als Kate Manzoni sich dem OurWorld-Werksgelände näherte, fragte sie sich, ob sie das Privileg einer Dame, sich zu verspäten, etwas überreizt hatte. Sie hatte ihr Erscheinen bei diesem spektakulären Ereignis hinausgezögert, um den Anblick des Himmels über dem Staat Washington zu genießen, der von Hiram Pattersons ›Lichtorgel‹ in ein prächtiges Lichtermeer verwandelt wurde.

Kleine Flugzeuge kreuzten am Himmel und versprühten eine Staubwolke – bestimmt umweltverträglich –, auf die Laser virtuelle Bilder einer sich drehenden Erdkugel zeichneten. Alle paar Sekunden wurde die Kugel durchsichtig und präsentierte das im Kern eingebettete OurWorld-Firmenlogo. Das alles war schön kitschig und nur dazu angetan, die natürliche Schönheit des weiten, klaren Nachthimmels zu beeinträchtigen.

Sie machte das Fahrzeugdach transparent, und Nachtbilder zogen durch ihr Blickfeld.

Eine Drohne, bei der es sich um die Nachbildung einer langsam rotierenden Erdkugel handelte, hing über dem Wagen. »Diese Richtung, Ms. Manzoni«, sagte sie mit ruhiger synthetischer Stimme, bar jeder Gefühlsregung.

»Einen Moment«, erwiderte sie und flüsterte: »Suchmaschine – Spiegel.«

Ein Selbstbildnis kristallisierte in der Mitte des Blickfelds und überlagerte wie ein Vexierbild die sich drehende Drohne. Sie überprüfte den Sitz des Kleids vorn und hinten und aktivierte die programmierbaren Tattoos, die ihre Schultern verzierten. Das Bild, das aus den Daten der Fahrzeug-Kameras synthetisiert und auf ihre Netzhaut-Implantate projiziert wurde, war etwas körnig und zerfiel in Pixelpakete, wenn sie sich ruckartig bewegte. Diese Beschränkung, die ihr durch die altmodische Sinnesorgan-Implantations-Technologie auferlegt wurde, nahm sie jedoch in Kauf. Lieber war sie etwas benommen, als dass sie irgendeinem CNS-Verstärkungs-Chirurgen erlaubt hätte, mit seinen verdammten Griffeln ihren Kopf zu öffnen.

Als sie fertig war, löschte sie das Bild und stieg so damenhaft aus dem Wagen, wie ihr das mit dem allzu eng sitzenden Kleid eben möglich war.

Das OurWorld-Werksgelände war als Schachbrettmuster angelegt, wobei die ›Felder‹ jeweils aus dreistöckigen Bürogebäuden und akkuraten Rasenstücken bestanden. Die massiven blauen Glaskästen erhoben sich auf dünnen Stelzen aus Stahlbeton und muteten irgendwie kopflastig an. Das hübsch hässliche Ensemble verkörperte die Unternehmensphilosophie der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Erdgeschosse der Gebäude waren jeweils als Parkflächen ausgewiesen. Auf einem dieser Stellplätze stand jetzt auch ihr...

Erscheint lt. Verlag 28.9.2017
Übersetzer Martin Gilbert
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel The Light of other Days
Themenwelt Literatur Fantasy / Science Fiction Science Fiction
Schlagworte diezukunft.de • eBooks • Wurmloch • Zeitreise
ISBN-10 3-641-21909-4 / 3641219094
ISBN-13 978-3-641-21909-3 / 9783641219093
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