Seit Jahrmillionen beobachtet eine uralte Zivilisation unseren Planeten. Niemand ahnt, dass sie da sind, bis die Fremden eines Tages aktiv werden. Von einem Augenblick zum nächsten gerät die Zeit aus den Fugen, als überall und in jeder Zeitperiode silberne Kugeln auftauchen, die auf Kommunikationsversuche nicht reagieren und sich auch nicht zerstören lassen. Sind sie für die Risse in der Zeit verantwortlich? Drei Astronauten aus dem Jahr 2037 in der asiatischen Steppe und eine Gruppe UN-Soldaten in Afghanistan fangen Funksignale auf, die nicht von Menschen stammen können. Unterstützt von den Armeen von Alexander dem Großen und Dschingis Khan machen sie sich auf die Suche nach dem Ursprung der Signale, stets beobachtet von den Fremden aus den Tiefen des Alls …
Arthur C. Clarke zählt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein zu den größten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren 1917 in Minehead, Somerset, entdeckte er die Science-Fiction durch die Bücher von H. G. Wells und Olaf Stapledon. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als technischer Offizier der Royal Air Force diente, studierte er Physik und Mathematik am King’s College in London. Gleichzeitig betätigte er sich als Autor: 1946 erschien seine erste Story im SF-Magazin Astounding, sein erster Roman zwei Jahre später. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er nicht nur weitere preisgekrönte Erzählungen und Romane, sondern auch etliche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher, in denen er viele technische Entwicklungen vorwegnahm. Clarke starb im März 2008 in seiner Wahlheimat Sri Lanka.
{ 1 } Die Sucherin
Dreißig Millionen Jahre lang war der Planet abgekühlt und ausgetrocknet, bis im Norden Eisschollen an die Kontinente zu drängen begannen. Der Waldgürtel, der sich einst fast ohne Unterbrechung von der Atlantikküste quer über Afrika und Eurasien bis in den Fernen Osten erstreckt hatte, war bereits zu einem immer weiter schrumpfenden Stückwerk zerfallen. Die Lebewesen, die früher dieses zeitenlose Grün bewohnt hatten, waren gezwungen, sich anzupassen oder wegzuziehen.
Die Artgenossen der Sucherin hatten beides getan.
Ihr Kleines an der Brust festgeklammert, kauerte die Sucherin im Schatten am äußersten Rand des Waldstücks. Die tief liegenden Augen spähten unter dem Knochenwulst hervor in die Helligkeit hinaus. Das Land außerhalb des Waldes war eine weite Ebene, gebadet in Licht und Hitze. Es war ein Ort erschreckender Schlichtheit, wo der Tod rasch und unvermittelt kam. Aber es war auch ein Ort, der Möglichkeiten bot. Eines Tages würde dieser Ort das Grenzland zwischen Pakistan und Afghanistan sein, von manchen »Nordwestgrenze« genannt.
Heute jedoch lag nicht weit vom ausgefransten Rand des Waldes entfernt ein Antilopenkadaver auf dem Boden. Das Tier war noch nicht lange tot – aus den Wunden drang immer noch dickliches Blut –, aber die Löwen hatten sich bereits satt gefressen, und die anderen Aasfresser der Grasebene – Hyänen und Vögel – hatten den Kadaver noch nicht entdeckt.
Die Sucherin streckte die Beine, stand aufrecht da und blickte sich um.
Die Sucherin war ein Primatenweibchen. Ihr von dichtem, schwarzem Haarwuchs bedeckter Körper maß kaum mehr als einen Meter, und sie hatte nur wenig Fett unter der schlaffen Haut. Ihr Gesicht war zu einer Schnauze vorgezogen, und die Gliedmaßen waren Relikte eines Lebens als Baumbewohner: Sie hatte lange Arme und kurze Beine. Eigentlich sah sie aus wie ein Schimpanse, doch die Abspaltung ihrer Art von diesen Vettern aus dem tieferen Urwald lag bereits mehr als drei Millionen Jahre zurück. Die Sucherin fühlte sich durchaus wohl, so aufrecht stehend; sie war ein echter Zweibeiner, und ihre Hüften und ihr Becken waren menschenähnlicher als die jedes Schimpansen.
Die Sucherin und ihre Artgenossen waren in erster Linie Aasfresser – und nicht besonders erfolgreiche. Aber sie verfügten über einen Vorteil, den kein anderes Tier auf der Welt vorweisen konnte. Geborgen im Kokon des keinerlei Wandel unterworfenen Urwaldes würde kein Schimpanse je so komplexes Werkzeug wie die einfache, jedoch mühsam hergestellte Axt erschaffen, die die Sucherin in ihren Fingern hielt. Und da war noch etwas: das Blitzen in ihren Augen, mit dem kein Menschenaffe konkurrieren konnte.
Es gab kein Anzeichen einer unmittelbaren Gefahr, und sie trat kühn hinaus in den Sonnenschein; das Kind klammerte sich an ihre Brust. Zögernd, einer nach dem anderen folgte ihr der Rest der Gruppe – entweder aufrecht auf zwei Beinen oder nach Affenart unter Zuhilfenahme der Fingerknöchel. Das Kleine quiekte und krallte sich schmerzhaft in das Fell der Mutter. Die Artgenossen der Sucherin kannten keine Namen – die Sprache dieser Lebewesen war kaum anspruchsvoller als der Gesang der Vögel –, aber seit dem Moment seiner Geburt hatte dieses Baby, das zweite der Sucherin, eine enorme Kraft an den Tag gelegt, wenn es galt, sich an der Mutter festzuhalten, und wenn die Sucherin ihre Tochter ansah, dachte sie dabei an etwas wie »Klammerchen«.
Behindert durch das Kind war die Sucherin eine der Letzten, die bei der Antilope anlangten, und die anderen hackten bereits mit ihren Steinsplittern an den Sehnen und der Haut herum, die die Beine des Tieres mit dem übrigen Körper verbanden. Diese Metzelei gab ihnen die Möglichkeit, sich möglichst schnell des Fleisches zu bemächtigen: Die Gliedmaßen konnten rasch in die relative Sicherheit des Waldes zurückgeschleppt und dort in aller Ruhe verspeist werden. Lustvoll beteiligte sich die Sucherin an der Arbeit, obwohl ihr das grelle Sonnenlicht unangenehm war. Eine weitere Million Jahre würde vergehen, ehe entfernte, erheblich menschlicher wirkende Nachkommen der Sucherin sich dauernd den direkten Strahlen der Sonne aussetzen konnten – in Körpern mit der Fähigkeit, zu schwitzen und Feuchtigkeit in Fettreserven zu speichern, in Körpern wie Raumanzügen für ein Überleben in der Savanne.
Das weltweite Schrumpfen der Wälder hatte für die Affen, die sie einst bewohnten, eine Katastrophe bedeutet, obwohl der evolutionäre Zenit dieser großen Tierfamilie schon weit in der Vergangenheit lag. Einige ihrer Mitglieder hatten sich dennoch angepasst. Die Sucherin und ihre Artgenossen benötigten zwar immer noch den schattenspendenden Wald, wo sie jeden Abend in die Wipfel der Bäume kletterten, doch tagsüber flitzten sie des Öfteren hinaus ins offene Grasland, wenn sich dort günstige Gelegenheiten boten, an Futter zu kommen. Es war eine riskante Art, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, aber es war besser als zu verhungern. Je weiter das Zerfallen des Waldes zu Bruchstücken fortschritt, desto mehr Waldrand stand zur Verfügung, und der Lebensraum für diese Grenzlandbewohner vergrößerte sich damit sogar. Und während sie gefährlich zwischen zwei Welten hin und her huschten, nahmen diese ohnmächtigen Affen, geformt von den blinden Skalpellen namens Variation und Selektion, immer neue Gestalt an.
Plötzlich ertönte mehrstimmiges Gekläff, und auf dem trockenen Boden war das Tappen flinker Pfoten zu vernehmen. Hyänen hatten verspätet den Geruch des Antilopenblutes wahrgenommen und näherten sich in einer großen Staubwolke.
Die aufrecht stehenden Affen hatten erst drei Antilopenbeine abgehackt, aber ihre Zeit war um. Das Kleine an die Brust gepresst rannte die Sucherin hinter ihrer Sippe her in das kühle uralte Dunkel des Waldes.
In dieser Nacht, als die Sucherin in ihrem Baumnest aus ineinander verflochtenen Zweigen lag, wurde sie durch etwas geweckt. Eingerollt neben der Mutter schnarchte das Klammerchen leise.
Es lag in der Luft, dieses Etwas, wie ein schwacher Duft, der sich in ihre Nasenlöcher zog und nach Veränderung roch.
Die Sucherin war ein Tier, das in seiner totalen Abhängigkeit von der Umwelt, in die eingebettet es lebte, auch leiseste Veränderungen wahrnahm. Aber es war mehr in ihr als nur diese animalische Sensibilität: Wenn sie mit Augen, die immer noch an die geringen Sichtweiten im Innern des Waldes gewöhnt waren, zu den Sternen aufblickte, dann verspürte sie eine rudimentäre Neugier.
Und hätte sie einen Namen benötigt, hätte er wohl »die Sucherin« gelautet.
Es war dieser Funke Neugier, diese Art Vorfahre einer verschwommenen Wanderlust, der ihre Artgenossen so weit aus Afrika hinausgeführt hatte. Als die Eiszeit kräftig zubiss, schrumpften die verbliebenen Waldstücke noch weiter oder verschwanden vollends. Um zu überleben, mussten die Waldrand-Affen auf schnellstem Weg die offene Ebene mit all ihren Gefahren durchqueren, um zur nächsten Baumgruppe zu gelangen und damit jene Illusion von Sicherheit zu erhalten, die ein neues Zuhause vorgaukelte. Doch selbst jene, die überlebten, machten selten mehr als eine solche Reise im Leben – eine einzige Odyssee von mehr oder weniger einem Kilometer Länge. Aber etliche überlebten und gediehen, und einige ihrer Kinder zogen weiter.
Auf diese Weise hatten sich, während tausend Generationen vorübertickten, die Waldrand-Affen langsam aus Afrika verbreitet und waren bis nach Zentralasien vorgedrungen oder hatten jene Landbrücke gequert, die bei Gibraltar Afrika und Europa verband. Es war ein Vorspiel der bewussteren Wanderungen in der Zukunft. Doch diese Affen waren stets spärlich an Zahl und hinterließen nur wenige Spuren. Kein Humanpaläontologe würde je vermuten, dass sie bis zu diesem Ort in Nordwestindien – und noch weiter – vorgedrungen waren, nachdem sie Afrika verlassen hatten.
Und nun, als die Sucherin zum Himmel hochsah, glitt ein einzelner Stern quer über ihr Gesichtsfeld – langsam, ruhig, so zielstrebig wie eine Katze. Der Stern war hell genug, um einen Schatten zu werfen, bemerkte die Sucherin. In ihrem Innern tobte ein Kampf zwischen Staunen und Furcht. Sie hob die Hand, aber der vorbeigleitende Stern war außer Reichweite.
So spät nachts lag Indien tief im Schattenbereich der Erde, doch dort, wo die Oberfläche des sich drehenden Planeten von der Sonne beschienen wurde, entstand ein Schimmern – kleine, sich kräuselnde Farbenwellen in Braun, Blau und Grün –, das an manchen Stellen aufflackerte wie winzige Türen, die sich plötzlich öffneten. Unterschwellige Veränderung umflutete den Planeten wie eine Woge des Unheils.
Rund um die Sucherin erschauerte die Welt; sie drückte ihr Kind fest an sich.
Am Morgen war die Sippe aufgeregt. Heute fühlte sich die Luft kühler an, irgendwie herber und geladen mit etwas, das ein moderner Mensch »Elektrizität« genannt hätte. Das Licht war merkwürdig hell und verwaschen, und selbst hier, mitten in den Tiefen des Waldes, regte sich eine Brise, die in den Blättern der Bäume raschelte. Irgendetwas war nicht so wie sonst, etwas hatte sich verändert, und die Tiere waren beunruhigt.
Beherzt ging die Sucherin in die Richtung, aus der die Brise kam. Schnatternd lief das Klammerchen unter Zuhilfenahme der Fingerknöchel hinter ihr her.
Als die Sucherin den äußersten Rand des Waldes erreichte, regte sich draußen, auf der morgenhellen Ebene, kein Halm. Die Sucherin blickte nach allen Seiten, während sich ein Fünkchen Verwirrung in ihrem Kopf festsetzte. Ihr dem Leben im Wald angepasster Geist tat sich schwer mit der Analyse von weiten Landschaften, aber es...
| Erscheint lt. Verlag | 28.9.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Time´s Eye |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Alternativwelten • diezukunft.de • eBooks • Nahe Zukunft • Near future • Sonnensystem • Zeit-Odyssee-Trilogie • Zeitreise |
| ISBN-10 | 3-641-21908-6 / 3641219086 |
| ISBN-13 | 978-3-641-21908-6 / 9783641219086 |
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