Die junge Braut (eBook)
220 Seiten
Hoffmann und Campe (Verlag)
978-3-455-00089-4 (ISBN)
Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm bei Hoffmann und Campe Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur (2018) und The Game. Topographie unserer digitalen Welt (2019).
Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm bei Hoffmann und Campe Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur (2018) und The Game. Topographie unserer digitalen Welt (2019).
Cover
Titelseite
Für Samuele, Sebastiano und [...]
Es sind sechsunddreißig Stufen, [...]
Über den Autor und den Übersetzer
Impressum
Es sind sechsunddreißig Stufen, und der Alte steigt sie langsam hinauf, mit Bedacht, als sammele er sie eine nach der anderen ein, um sie in den ersten Stock zu treiben: er der Hirte, sie fügsame Tiere. Modesto heißt er. Seit neunundfünfzig Jahren dient er in diesem Haus, ist also dessen Priester.
Auf der letzten Stufe angekommen, bleibt er vor dem breiten Flur stehen, der sich ohne Überraschungen vor seinen Augen erstreckt: rechts die geschlossenen Türen zu den Zimmern der Herrschaften, fünf; links sieben Fenster, durch Blenden aus lackiertem Holz verdunkelt.
Der Morgen dämmert.
Er bleibt stehen, der Alte, weil er eine Zählung auf den neuesten Stand bringen muss. Er verzeichnet die Morgen, die er in diesem Haus eingeleitet hat, immer auf dieselbe Weise. Also fügt er eine Größe hinzu, die sich jenseits der Tausender verliert. Die Rechnung ist schwindelerregend, doch das schreckt ihn nicht: von jeher denselben morgendlichen Ritus zu zelebrieren erscheint ihm seinem Beruf gemäß, seinen Neigungen entsprechend und seinem Schicksal wesentlich.
Mit den Handflächen streicht er über den gebügelten Stoff seiner Hose – auf den Hüften, den Oberschenkeln –, dann streckt er den Kopf unmerklich vor und nimmt seinen Weg wieder auf. Die Türen der Herrschaften beachtet er nicht, doch beim ersten Fenster auf der Linken angekommen, bleibt er stehen, um die Blenden zu öffnen. Das tut er mit geschmeidigen, präzisen Bewegungen. Er wiederholt sie bei jedem Fenster, siebenmal. Erst dann wendet er den Kopf, um das Licht des anbrechenden Tages zu beurteilen, das gebündelt durch die Scheiben fällt. Jede der möglichen Nuancen ist ihm vertraut, und an der Eigenschaft des Lichts erkennt er, wie der Tag wird: Manchmal kann er daraus auf vage Versprechen schließen. Da sie ihm vertrauen werden – alle –, ist die Meinung, die er sich bildet, entscheidend.
Verhangene Sonne, leichte Brise, beschließt er. So wird es sein.
Nun geht er durch den Flur zurück, um sich der zuvor unbeachteten Seite zu widmen. Er öffnet die Türen der Herrschaften, eine nach der anderen, und verkündet mit lauter Stimme den Beginn des Tages mit einem Satz, den er jedes Mal wiederholt, ohne Tonfall und Rhythmus zu ändern.
Guten Morgen. Verhangene Sonne, leichte Brise.
Dann verschwindet er.
Es gibt ihn nicht mehr, bis er im Frühstücksraum wieder auftaucht, unverändert.
Die Gepflogenheit dieses feierlichen Erwachens, welches sich später festlich und ausgedehnt gestaltet, geht auf ferne Begebenheiten zurück, deren Einzelheiten vorerst lieber verschwiegen werden. Sie betrifft das gesamte Haus. Nie vor Tagesanbruch, das ist zwingend. Sie warten auf das Licht und Modestos Tanz vor den sieben Fenstern. Erst dann erachten sie die Verdammnis des Bettes, die Blindheit des Schlafs und die riskante Wette der Träume für beendet. Die Stimme des Alten bringt sie, die Toten, zurück ins Leben.
Nun schwärmen sie aus den Zimmern, ohne sich anzukleiden, übergehen sogar die Erfrischung, die ein wenig Wasser auf den Augen, in den Händen bietet. Die Gerüche des Schlafs noch in den Haaren und zwischen den Zähnen, treffen wir in den Fluren, an der Treppe, beim Verlassen der Zimmer aufeinander, umarmen uns wie Verbannte, die aus fernen Ländern zurückkehren, ungläubig staunend, dass wir dem Zauberbann entronnen sind, denn als ein solcher erscheint uns die Nacht. Versprengt durch den erzwungenen Schlaf, setzen wir uns wieder als Familie zusammen und strömen in den großen Frühstücksraum wie ein unterirdischer Fluss, der nun ans Licht gekommen ist, das Meer vorausahnend. Meistens lachen wir dabei.
Ein reich gedecktes Meer ist er wirklich, der Tisch der Frühstücke – niemandem ist es je eingefallen, dieses Wort im Singular zu benutzen, nur ein Plural kann seinen Reichtum, seine Überfülle und unvernünftige Dauer wiedergeben. Die heidnische Bedeutung der Dankesfeier ist offenkundig – man ist dem Unglück entronnen, dem Schlaf. Über alles wacht, mit unmerklich gleitenden Bewegungen, Modesto mit zwei Kammerdienern. An einem normalen Tag, weder Fastenzeit noch Feiertag, umfasst das gewöhnliche Angebot weißes und dunkles Toastbrot, Butterflocken auf Silbertellern, Konfitüre aus neun verschiedenen Früchten, Honig und Maronencreme, acht Sorten Backwerk, gipfelnd in einem unnachahmlichen Croissant, vier Torten in unterschiedlichen Farben, einen Kelch Schlagsahne, Früchte der Saison, stets präzise symmetrisch geschnitten, seltene exotische Früchte, tagesfrische Eier, in drei verschiedenen Kochzeiten zur Auswahl, Frischkäse und einen englischen Käse namens Stilton, Katenschinken in dünnen Scheiben, gewürfelte Mortadella, klare Rindfleischbrühe, in Rotwein gekochtes Obst, Maiskekse, Verdauungspillen mit Anisgeschmack, Marzipankirschen, Haselnusseis, eine Kanne heiße Schokolade, Schweizer Pralinen, Lakritz, Erdnüsse, Milch, Kaffee.
Tee wird verachtet, Kamillentee ist Kranken vorbehalten.
Man wird nun verstehen, dass eine Mahlzeit, die für die meisten Menschen ein rasches Anlaufnehmen in den Tag ist, in diesem Haus eine komplizierte, endlose Prozedur darstellt. Die übliche Praxis will die Familie stundenlang am Tisch, bis die Grenze zum Zeitpunkt des Mittagessens überschritten wird, das in diesem Haus tatsächlich niemandem möglich ist, als wäre dieses Frühstück eine italienische Imitation des vornehmeren Brunchs. Nur vereinzelt, gelegentlich, stehen einige auf, um dann teilweise angekleidet oder gewaschen – die Blase entleert – wieder am Tisch zu erscheinen. Doch das sind Details, die man kaum wahrnimmt. Denn zu der großen Tafel, das muss erwähnt werden, haben die Besucher des Tages Zutritt: Verwandte, Bekannte, Bittsteller, Lieferanten, mögliche Amtspersonen, Männer und Frauen der Kirche – jeder mit seinem Anliegen. Hier, im reißenden Strom des Frühstücks, pflegt die Familie sie mit einer demonstrativen Zwanglosigkeit zu begrüßen, die keiner, auch sie selbst nicht, vom höchsten Grad der Arroganz unterscheiden könnte, nämlich Gäste im Schlafanzug zu empfangen. Die Frische der Butter und die einzigartige Zartheit der Mürbeteigkuchen lassen jedenfalls zur Höflichkeit neigen. Allein der stets auf Eis bereitliegende und großzügig angebotene Champagner genügt, die Anwesenheit vieler zu erklären.
Darum sieht man am Frühstückstisch nicht selten Dutzende Personen gleichzeitig, obwohl die Familie nur fünf Köpfe zählt, im Moment sogar nur vier, weil der Sohn auf der Insel weilt.
Der Vater, die Mutter, die Tochter, der Onkel.
Vorübergehend im Ausland, auf der Insel, der Sohn.
Gegen drei Uhr nachmittags ziehen sie sich schließlich auf ihre Zimmer zurück, und nach einer halben Stunde kommen sie in strahlender Frische und Eleganz heraus, wie alle anerkennen. Die mittleren Stunden des Nachmittags widmen wir den Geschäften – der Fabrik, den Landgütern, dem Haus. Den Anbruch des Abends einsamen Beschäftigungen – man meditiert, man erfindet, man betet – oder Höflichkeitsbesuchen. Das Abendessen zu später Stunde ist frugal, es wird getrennt eingenommen, ohne Feierlichkeit, denn es ruht schon unter dem Flügel der Nacht, also beeilen wir uns damit wie mit einer nutzlosen Vorrede. Ohne uns voneinander zu verabschieden, gehen wir dann in die Ungewissheit des Schlafs, die jeder auf seine Weise exorziert.
Seit einhundertdreizehn Jahren, das muss erwähnt werden, sind in unserer Familie alle nachts gestorben.
Das erklärt alles.
An jenem Morgen drehte sich das Gespräch besonders um den Nutzen des Badens im Meer, hinsichtlich dessen Monsignore, während er sich Schlagsahne in den Mund schaufelte, Bedenken äußerte. Er ahnte darin eine moralische Fragwürdigkeit, wagte jedoch nicht, sie genauer zu definieren.
Der Vater, ein gutmütiger und bei Bedarf erbarmungsloser Mann, half ihm, die Angelegenheit schärfer ins Auge zu fassen.
Seien Sie doch so freundlich, Monsignore, rufen Sie mir ins Gedächtnis, wo genau die Bibel davon spricht.
Das Gegengewicht zur ausweichenden Antwort bildete die Türglocke, der alle mäßige Aufmerksamkeit schenkten, da es sich nur um den zigsten Besucher handeln konnte.
Um die Angelegenheit kümmerte sich Modesto. Er öffnete trotzdem und sah die junge Braut vor sich.
Sie wurde an diesem Tag nicht erwartet, oder vielleicht doch, aber man hatte es vergessen.
Ich bin die junge Braut, sagte ich.
Sie, bemerkte Modesto. Dann blickte er sich verwundert um, denn es widersprach der Vernunft, dass ich allein gekommen war, doch da war niemand, so weit das Auge reichte.
Man hat mich am Ende der Allee abgesetzt, sagte ich, ich hatte Lust, in Ruhe meine Schritte zu zählen. Und ich stellte meinen Koffer auf dem Boden ab.
Ich war, wie man vereinbart hatte, achtzehn Jahre alt.
Wirklich, ich hätte keine Bedenken, mich nackt am Strand zu zeigen, verkündete unterdessen die Mutter, da ich immer eine gewisse Neigung für die Berge gehegt habe (viele ihrer Syllogismen waren nämlich unergründlich). Ich könnte mindestens zehn Personen aufzählen, fuhr sie fort, die ich nackt gesehen habe, und ich spreche nicht von Kindern oder sterbenden Alten, für die ich ein gewisses tiefes Verständnis habe, obwohl …
Sie verstummte, als die junge Braut den Raum betrat, und das tat sie nicht, weil die junge Braut den Raum betreten hatte, sondern weil Modesto sie mit einem besorgniserregenden Hüsteln eingeführt hatte. Vielleicht habe ich nicht erwähnt, dass der Alte in neunundfünfzig Dienstjahren eine Methode der Kehlkopfkommunikation entwickelt hatte, die...
| Erscheint lt. Verlag | 16.8.2017 |
|---|---|
| Übersetzer | Annette Kopetzki |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Autor • Familiengeschichte • Hochzeit • Italien • Leidenschaft • Liebe |
| ISBN-10 | 3-455-00089-4 / 3455000894 |
| ISBN-13 | 978-3-455-00089-4 / 9783455000894 |
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