Die Ratten von Perth (eBook)
298 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-74524-3 (ISBN)
Perth, Western Australia, 1975. Die Chefin eines Luxusbordells wird ermordet. Es besteht kein Zweifel daran, dass Polizisten die Frau publikumswirksam hingerichtet haben. Alle Ermittlungen aber verlaufen im Sande. Superintendent Frank Swann will das nicht hinnehmen und ermittelt auf eigene Faust gegen seine Kollegen. Deswegen ist sein Ruin beschlossene Sache in den Etagen der Macht. Mit einem aufwändigen Verfahren soll er aus dem Verkehr gezogen werden.
Aber Swann ist zäh, ruppig und gefährlich. Er schlägt zurück und setzt damit sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel. Dass er früher selbst kriminell war und selbst beste Kontakte im Milieu hat, hilft ihm in dem mörderischen Überlebenskampf. Auch wenn seine Chancen nicht allzu gut sind.
<p>David Whish-Wilson, geboren 1966 in Newcastle, New South Wales, aufgewachsen in Singapur, Victoria und Western Australia. Lebte zwischenzeitlich in Europa, Afrika und Asien, jobbte u. a. als Barkeeper, Schauspieler, Straßenverkäufer, Kammerjäger und Testpatient. Gab Schreibkurse in Gefängnissen in Australien und auf Fidschi, wo sein dafür entwickeltes Programm noch heute läuft. Lebt zurzeit in Fremantle, Western Australia, und lehrt dort Creative Writing an der Curtin University.</p>
David Whish-Wilson, geboren 1966 in Newcastle, New South Wales, aufgewachsen in Singapur, Victoria und Western Australia. Lebte zwischenzeitlich in Europa, Afrika und Asien, jobbte u. a. als Barkeeper, Schauspieler, Straßenverkäufer, Kammerjäger und Testpatient. Lebt zurzeit in Fremantle, Western Australia, und lehrt dort Creative Writing an der Curtin University. Sven Koch, geboren 1967, studierte Komparatistik in München. Seit 1994 ist er als Redakteur und Übersetzer tätig.
Dienstag, 25. November 1975. Vor sechs Monaten war Ruby Devine mit einem abgesägten Gewehr Kaliber .22 vier Mal in den Kopf geschossen worden. Aber damit hatten Swanns Probleme nicht angefangen. Losgegangen war es schon ein paar Wochen vorher, als seine Tochter von daheim weggelaufen war. Als er vom Mord an der Königin des Lasters erfuhr, war er unten im Süden gewesen und hatte die Städtchen von Great Southern nach Louise abgesucht.
Auf allen Kanälen wurde darüber berichtet: Ruby Devine tot in ihrem Dodge Phoenix auf dem Fairway des South Perth Golf Club. Ermordet und zur öffentlichen Beschau freigegeben. Man hatte keinerlei Anstalten gemacht, die Leiche zu verstecken. Sogar die Australian Broadcasting Corporation, sonst immer nichtssagend staatstragend, bezeichnete die Tat als einen Unterweltmord, und Fernsehexperten faselten von Perths verlorener Unschuld. Auf der langen Fahrt zurück fragte ihn jeder Tankwart und jeder Lastwagenfahrer, ob er’s schon gehört habe. Natürlich wussten sie nicht, dass er Polizist war. Sonst hätten sie auch kaum gefragt.
Die Nachricht war keine Woche alt, und schon kursierte das Gerücht, Ruby sei von der Polizei umgebracht worden. Überall in der Stadt hörte Swann dazu zynische Kommentare.
»Den Täter kriegen die nie«, sagte ein Zeitungsverkäufer mit Gefängnistätowierungen auf den Unterarmen. »Diese Schweine wissen doch genau, wie’s geht. Zuschlagen, ohne dass hinterher was zu sehen ist.«
»Irgendwen kassieren sie schon«, wandte der Mann hinter Swann ein. »Drauf kannst du einen lassen. Ist halt nur nicht der, der’s war.«
Recht behalten sollte der Zeitungsverkäufer, denn selbst nach sechs Monaten hatte die Polizei nichts vorzuweisen. Der Criminal Investigation Branch hatte keinerlei Anhaltspunkte. Nicht den Hauch einer Spur.
Aber was sollte man vom CIB groß erwarten, hatte Swann laut gefragt, wenn Ruby Devines Mörder die Ermittlungen leiteten?
Die Supreme Court Gardens waren vom Glockenläuten erfüllt. Die Verspätung betrug nun schon eine Stunde. Swann wartete im vollbesetzten Gerichtssaal an seinem Tisch. An der Decke schnurrten Ventilatoren. Das Geplauder auf den Rängen hallte vom blanken Boden und den holzgetäfelten Wänden wider. Der einzige freie Platz war der Lederstuhl für den Vorsitzenden der Royal Commission.
Swanns Anzug war frisch gebügelt, seine Haare gekämmt, die Schuhe geputzt und die Krawatte korrekt geknotet. Er saß über den Tisch gebeugt und trommelte mit den Fingern auf die Platte, damit sie nicht zitterten. Jeder Gedanke an seine Tochter war wie ein Stich ins Herz. Im Gerichtssaal waren viele Journalisten und Besucher, aber er wollte niemanden sehen. Viele waren zu seiner Unterstützung gekommen, doch aus einigen Gesichtern sprach auch blanke Sensationsgier.
Swann hatte sich öffentlich über den sogenannten Purple Circle geäußert, eine Gruppe von Polizisten, die über die Verbrecherbosse in Western Australia ihre schützende Hand hielten, und es war ein offenes Geheimnis, dass sie Swann im Visier hatten. Vielleicht war sogar ein Attentäter hier im Saal und wartete auf eine günstige Gelegenheit.
Bei seiner Rückkehr nach Perth und der Nachricht vom Mord an Ruby Devine war er sofort zum Tatort gefahren. Die Polizei hatte den siebten Fairway von der schmalen Straße abgesperrt, die parallel zum Kwinana Freeway verlief; dort standen die Pendler im Stau und glotzten durch den Regen herüber. Am Tatort waren keine Detectives, nur zwei Uniformierte, denen er seine Marke zeigte. Sie hoben für ihn das Absperrband an und führten ihn in das Zelt, das man über Rubys Dodge errichtet hatte. Sie erklärten ihm, was bisher geschehen war, leuchteten mit einer Taschenlampe auf die Blutspritzer am Wagenhimmel und berichteten, dass man auf der Fußmatte, ein Stück weit unter den Beifahrersitz gerutscht, eine einzelne Patronenhülse gefunden hatte.
Nach den Blutspuren im Wageninnern zu schließen, hatte der Mörder vom Beifahrersitz aus einmal auf Ruby geschossen, war dann in aller Ruhe ausgestiegen, auf die Fahrerseite gegangen und hatte drei weitere Schüsse auf sie abgefeuert, ehe er sich davongemacht hatte. Der Todeszeitpunkt war noch nicht bekannt.
Swann verließ den Golfplatz und fuhr nach East Perth zu den CIB-Büros in der Central Police Station. Weil er schon ein paar Jahre nicht mehr in der Stadt arbeitete, kannten ihn die beiden jungen Officers an der Pforte nicht, und er musste sich erst ausweisen, ehe Casey kam.
Schon vom ersten Augenblick an hatte Swann einen Verdacht. Detective Inspector Donald Casey, als Leiter der Consorting Squad zuständig für Bandenwesen und organisierte Kriminalität, hatte eigentlich keinen Grund, wegen Swanns Interesse an dem Mord misstrauisch zu sein, und dennoch war er abweisend und brüsk und wich den Fragen aus unerfindlichen Gründen aus. Vor gut zehn Jahren hatten sie in Kalgoorlie zusammengearbeitet, und beide kannten Ruby Devine recht gut. Aber das schien Casey egal zu sein, vielmehr schnauzte er Swann vor den anderen Polizisten an, er solle abschieben und sich um seinen eigenen Mist kümmern.
Um fünf nach zehn betrat der Right Honourable Justice Partridge schließlich den Gerichtssaal. Der Richter war ein kleiner Mann mit aufrechter Haltung und undurchdringlicher Miene. Er stellte sich neben den Richterstuhl, hob den Hammer und ließ seine wachen blauen Augen durch den Saal schweifen. Dass Partridge aus Victoria stammte und bereits pensioniert war, war das einzige, was Swann über den älteren Mann wusste, der nun mit dem Hammer auf das Bänkchen schlug.
»Auf Geheiß des Gouverneurs erkläre ich die Royal Commission zur Untersuchung über die Durchsetzung des Gesetzes zur Regelung der Prostitution im Bundesstaat Western Australia mit dem heutigen Tag im Monat November im Jahre des Herrn neunzehnhundert und fünfundsiebzig für eröffnet.«
Partridge nickte dem unter ihm sitzenden beigeordneten Anwalt zu. Adrian Wallace, Queen’s Counsel in schwarzer, im Sonnenlicht schimmernder Seidenrobe, drückte die Brust heraus und legte eine Hand auf seinen Rücken. Dann räusperte er sich und nickte Swann zu, dessen Hände aufgehört hatten zu zittern. Nun war er bereit.
»Ich beantrage, dass zur Eröffnung des Verfahrens Superintendent Keith Barlow von der Kommission angehört wird.«
Ein Stöhnen ging durch die Besucherränge. Am meisten enttäuscht waren die Journalisten, die mit gezückten Stiften in der ersten Reihe saßen. Auch Swann sackte zusammen. Kein guter Anfang.
Barlow ging nah an Swann vorbei, und am Zeugenstand setzte er ein Lächeln auf. Er war in vollem Ornat gekommen und hielt seine Ausgehmütze gut sichtbar in beiden Händen. Das Abzeichen darauf glänzte, auch seine Manschettenknöpfe waren auf Hochglanz poliert. Bei der Vereidigung glitzerten seine grünen Augen wie Fischschuppen.
QC Wallace wartete, bis die Bibel wieder an ihrem Platz neben dem Gerichtsstenographen lag. »Superintendent Barlow, nennen Sie uns doch bitte den Dienstgrad, den Sie bei der Western Australia Police bekleiden.«
»Ich wurde unlängst zum Superintendent der uniformierten Polizei an der Central Perth Police Station ernannt.«
Wallace nickte. »Danke, Superintendent. Meine nächste Frage zielt auf den Grund unserer Zusammenkunft hier, nämlich die Anschuldigungen Ihres Kollegen Superintendent Frank Swann. Diese dürften jedem hinlänglich bekannt sein, der in letzter Zeit Zeitung gelesen, Radio gehört oder ferngesehen hat. Wie stehen Sie, als Superintendent der uniformierten Polizei im selben Dienstgrad wie Swann, zu dessen Behauptung, es gebe in den Reihen der Polizeikräfte von Western Australia eine Gruppe korrupter Officers und diese ungenannten Personen stünden mit dem tragischen Tod von Mrs. Devine in Verbindung?«
»Nun, ich will gleich zu Beginn deutlich machen, dass diese Anschuldigungen vollkommen aus der Luft gegriffen sind. In meiner jetzigen Funktion habe ich selbstverständlich eine gründliche Untersuchung …«
Swann beobachtete Barlow bei der Ausführung seiner Antwort. Intern hieß der Mann nur der lächelnde Hinterhalt, er galt als jemand, der schmutzige Wäsche wusch und Kollegen bei Vorgesetzten anschwärzte, um die eigenen Karriereaussichten zu verbessern.
»Es ist natürlich eine Grundregel der Polizeiarbeit, dass man die Stichhaltigkeit der vorhandenen Informationen prüft, ehe man über die Motive einer Tat spekuliert. In dieser Hinsicht hat Superintendent Swann in letzter Zeit einige, nun ja, doch problematische …«
Swann blickte zu Partridge, weil er hoffte, der Richter würde einschreiten, und stellte überrascht fest, dass dessen Miene unverkennbar Missbilligung ausdrückte. Sein Gesicht war so bleich wie seine Perücke, die Stirn lag in Falten, und seine Augen starrten angestrengt auf Wallace.
»Superintendent Barlow, können Sie uns vielleicht erklären, warum sich Superintendent Swann in die Mordermittlungen im Fall Ruby Devine eingeschaltet hat, obwohl er zu jener Zeit eigentlich …« – QC Wallace blickte in seine Unterlagen – »obwohl er Superintendent in Albany war, also einem kleinen Bezirk mit etwa zwanzigtausend Einwohnern gut fünfhundert Kilometer von Perth entfernt?«
Swann sah Partridges Gesichtszüge versteinern, obwohl er die Frage zuließ. Barlow allerdings sprach mit größter Zufriedenheit weiter. Er straffte die Schultern und legte beide Hände auf die Oberschenkel.
»Mr. Wallace, ich hatte keinerlei Kenntnis davon, dass sich Superintendent Swann mit dem Mord an Ruby Devine...
| Erscheint lt. Verlag | 9.8.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Swann-Trilogie | Swann-Trilogie |
| Übersetzer | Sven Koch |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Australien • bücher neuerscheinungen • Crime Noir • deutsche Thriller • Deutsche Thriller-Autoren • Frank Swann • Korruption • Krimi • Kriminalroman • Krimi Neuerscheinungen • Page Turner • Perth • Schließfach • Spannung • ST 4805 • ST4805 • suhrkamp taschenbuch 4805 • Thriller-Serie |
| ISBN-10 | 3-518-74524-7 / 3518745247 |
| ISBN-13 | 978-3-518-74524-3 / 9783518745243 |
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