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Heimliches Berlin (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
94 Seiten
e-artnow (Verlag)
978-80-268-7763-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Heimliches Berlin -  Franz Hessel
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Dieses eBook: 'Heimliches Berlin' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: '...Karola steht auf der Schwelle in ihrem Knabenhut, in dem Pelz, der um die Schultern hängt, nicht wie eine weiche Frauenhülle, sondern wie eine Beute, ein Wildbret. Sie starrt in das frische Grün der Linden auf der mittleren Allee. Auf einer Bank sieht sie, immer wieder durch Gefährte und Vorübergehende verdeckt, ein Paar Hand in Hand sitzen. Sie schauen beide geradeaus, wie die Hunde, die so tun, als ob sie nichts miteinander haben, während sie sich nahe kommen. Aber in den beiden Händen, seiner rechten, ihrer linken, welch innige Vereinigung! ?Bin ich so schwer zu lieben? Warum läßt er mich fort?? Sie lächelt leichtsinnig und verzweifelt.' Franz Hessel (1880-1941) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Lektor. Franz Hessel veröffentlichte zahlreiche Gedichte, Prosabände und Romane. Hessels Romane Der Kramladen des Glücks, Pariser Romanze, Heimliches Berlin sowie das postum von Bernd Witte herausgegebene Fragment Alter Mann zeigen einen melancholischen Erzähler in der Tradition Marcel Prousts, der, der verlorenen Vergangenheit nachtrauernd, die Erscheinungen der Moderne zu genießen bereit ist. 

II


Inhaltsverzeichnis

Clemens Kestner, außerordentlicher Professor der Philologie an der Universität Berlin, kam gegen Mittag aus dem Kolleg heim. Vor dem grauen Eckhaus am Kanalufer nahe dem Lützowplatz hockte das Portiertöchterchen und zeichnete mit Kreide drei Rechtecke auf das Pflaster. Kestner blieb stehen und sah dem Kinde zu, das in das erste Feld ›Himmel‹, in das zweite ›Hölle‹ malte. Bei dem dritten zögerte es.

»Was kommt denn da hinein«, fragte Kestner, »Welt vielleicht?«

»Nein, ›Tempelhof‹ oder ›Lichterfelde‹ –«

Über diese Antwort war der Professor so entzückt, daß er in seine Aktentasche griff und der Kleinen die Tüte Bonbons schenkte, die für sein eigenes Kind bestimmt war. Dann nahm er vor der Mutter, die aus ihrer Loge sah und deren blasses Gesicht ihm immer eine Art Ehrfurcht einflößte, seinen breitrandigen Hut ab. Dabei hoben sich einige seiner Haarsträhnen, die voll und weich, nicht eben grau, sondern eher wie erblaßt um eine beginnende Tonsur lagen. Treppaufsteigend lachte er noch einmal über die Antwort des Kindes. Davon bekam sein sonst trotz bartloser Glätte etwas sorgenvolles Gesicht eine kindliche Verklärtheit.

Als er die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, sprang ihm der kleine Erwin entgegen, blieb aber bei des Vaters Anblick mitten im Laufen stehen.

»Ach, du bist es, Papa, ich dachte, die Mama kommt.«

Dann gab er artig die Hand.

»Ist denn die Mama nicht zu Hause?«

Oda, die Schwägerin kam hinzu: »Sie ist heute morgen plötzlich fortgegangen, ohne mir etwas zu sagen, und hat in ihrem Zimmer die Tücher ihres Kostüms von gestern wirr herumliegen lassen, was sonst nicht ihre Art ist. Ich bin in Sorge um Karola. Sie hatte gestern nacht noch so lange Licht, und ich habe sie auf und ab gehen hören.«

»Sie wird zu ihrer bewunderten Margot gegangen sein; die hat heut in aller Frühe, als ich fortging, mit ihr telephoniert. Aber du, Oda, bist blaß.«

»Ich habe mich so angestrengt. Der kleine Prinz, Mister Russells Besuch, ist plötzlich krank geworden.«

»Was fehlt ihm denn?«

»Er kann nicht essen, nur Kognak trinken, liegt apathisch oder tobt gegen seinen Vater und die Londoner Braut. Mister Russell wollte den Arzt holen lassen, aber der Kleine bat immer nur, ich solle zu ihm kommen, und als ich dann hineinging, sagte er kläglich: ›Please hypnotize me, Miss Oda.‹ Er war sehr niedlich in Pyjama und Sträubelocken.«

»Konntest du ihm denn helfen?«

»Du weißt, daß ich nicht hypnotisieren kann, aber was ich mit gutem Willen zustande brachte, half schon, er schlief mir unter den Händen ein. Nur wenn ich aufhörte, wurde er gleich wach und bat, fortzufahren, das hat mich sehr müde gemacht.«

»Du bist wohl auch eher ein Medium. Durch dich gehen alle Strahlen beschwingt hindurch, du guter Wärmeleiter. Wenn du alt wirst, könntest du eine Pythia werden. Die waren nämlich durchaus nicht jung. Herrlich bist du dann mit Schläfen rötlich weiß wie Gipfelschnee im Abendlicht, die Nase schärfer und alles lichtgerandet –« »Nun hören Sie aber auf«, sagte es neben ihm. Da stand im runden Reithut, weiten Mantel und Sporenstiefeln Margot, die unbemerkt durch die noch immer offene Wohnungstür eingetreten war. Sie schüttelte Oda die Hand und sah Clemens streng an.

»Beschwören Sie gefälligst nicht die Freuden des Alterns herauf. Das ist eine gefährliche Suggestion. Nur Jugend ist schön. Das Verblühen ist durchaus nicht unvermeidlich, sondern eine Schlamperei, gegen die man sich hart machen kann. Sie mögen für sich selbst nichts dagegen haben, aber verführen Sie uns andere nicht zu lebensfeindlichen Theorien.«

Sie sprach hart und trocken, Clemens erwiderte langsam: »Auf einem geliebten Gesicht verehren wir zärtlich jede Runzel als Bewahrerin des Wesens. Denken Sie nur einmal eine Reihe Bilder des alternden Goethe durch, wie er immer schöner wird von Jahr zu Jahr.«

»Wir reden nicht von bedeutenden Männern, sondern von hübschen Frauen.«

»Warum immer unterscheiden? Aber wie Sie wollen. Sehen Sie Oda an, wenn bei ihr einmal das, was nur Jugend und Lieblichkeit ist, wegfällt, wenn ihr reines Knochengerüst deutlich zutage tritt –«

»Hört auf, ihr sprecht von mir, als ob ich schon tot wäre. Und nun kommt endlich aus dem Flur fort.«

»Wo ist denn Karola?« fragte Margot, das Zimmer der abwesenden Freundin betretend.

Während Oda mit dem Kind auf einem tiefen Diwan Platz nahm und Clemens in die Ofenecke ging, setzte sich Margot rittlings auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.

»Sie wollte heute früh zu mir in den Tattersall kommen!« »Sie ist fortgegangen, und wir wissen nicht, wohin. Wir hofften, sie wäre bei dir.«

»Getanzt hat sie gestern nur mit Wendelin, und das war untüchtig. Ich hatte gerade für sie Leute eingeladen, die ihr und euch nützlich sein könnten. Und auch mit Wendelin hatte ich bestimmte Absichten. Er sollte der Frau des reichen John Perls den Hof machen, der die adligen jungen Leute protegiert, wenn sie sich um seine Frau bemühen.«

»Ach, verschont doch den Wendelin mit euren Nützlichkeiten«, sagte Clemens in beinah zornigem Ton.

»Warum? Ich fühle die Pflicht, uns alle reich zu machen. Unser einziges Laster ist unsere Armut. Und der gute Wendelin versteht es nicht, aus seiner angeborenen Wohlbeschaffenheit Nutzen zu ziehen.«

»Diese Unfähigkeit«, erwiderte Clemens, »ist vielleicht die höchste Tugend seines Standes. Das Unangepaßte, das Unzeitgemäße ist eine Größe des Adels. Wenn er plebejische Vorzüge annimmt, gegen die ich nichts sagen will, schon aus Selbsterhaltungstrieb, nimmt er Schaden an seinem Wesen.«

»Ich habe keine Zeit, das zu verstehen. Meine Erfahrung ist: Mangel im Alltäglichen, schäbige Kleider, unwürdige Trambahnfahrten, minderwertige Menüs, überhaupt die billigen Qualitäten schädigen meine unsterbliche Seele. Ich will möglichst mühelos von dem heiß servierten Reichtum von heute meinen Tribut haben. Und das will ich auch für Wendelin. In welcher Weise es geschieht, ist ganz gleichgültig, wie es heute gleichgültig ist, womit man handelt. Ein Junge wie Wendelin muß sein Reitpferd haben, ein hübsches pied-à-terre, den besten Schneider. Und das alles so bequem wie möglich.«

»Sie sind heldenhaft, Margot, das weiß ich wohl. Aber Heldentum ist ebenso unnachahmlich, wie es vorbildlich ist. Sie sind ein gefährliches Ideal für das Kind.«

»Und Sie, mein Freund, sollten lieber eifersüchtig sein, wenn er mit Karola tanzt.«

»Es ist nicht hübsch von Ihnen, einen Ihrer aufrichtigsten Verehrer zu verspotten. Man ist vielleicht bisweilen eifersüchtig, aber man soll es doch nicht sein. Es ist kein Grundsatz. Eifersucht ist der Schatten der Liebe, der im Mittag auf ein Minimum zusammenschrumpft.«

»Ach, Clemens, Sie haben die vielen Bilder und Gleichnisse der Willenlosen. Wenn Sie in Ihrem Winkel zufrieden sind, gut, aber den Wendelin dürfen Sie nicht zu dieser ewigen Resignation verlocken und Karola auch nicht. Sie spielen eben nicht mit. Wendelin soll mitspielen, und wir, seine Freunde, wollen ihn leben lehren. Was können Sie ihm denn Brauchbares beibringen?«

»Überleben.«

»Man sollte die kultivierten Sprachen abschaffen, damit die Menschen sich endlich verständigen können?«

Clemens kam zu ihr und küßte entzückt die kleine, fest um die Reitgerte geballte Faust. Dann fragte er leise: »Glauben Sie, daß Karola jetzt bei Wendelin ist?«

»Diese Möglichkeit scheint Ihnen doch nahe zu gehen.«

»Ich werde ihn – besuchen.«

»Wenn aber die beiden Sie nicht empfangen?«

»Ach, mich empfangen sie schon.«

Das sagte er mit schwermütiger Sicherheit und ging. Oda begleitete ihn an die Tür. Zärtlich besorgt sah sie ihn von der Seite an. »Willst du nicht vorher etwas essen, Clemens?«

»Nein, ich esse irgendwo studentisch mit dem Wendelin.«

Als sie die Wohnungstür schloß und sich umwandte, ging die Tür des Vorderzimmers auf. Es erschien Mister Russells munteres, englisch hellrotes Gesicht:

»Oh, Miß Oda, Sie müssen zu meinem kleinen Prinzen kommen, er stirbt schon wieder einmal.«

Oda sah unsicher aus: »Unsere Freundin Margot ist in Karolas Zimmer –«

»Darf ich Sie so lange bei ihr vertreten? Wird sie mich so empfangen?«

Er öffnete die Tür ganz und stand in einem damastenen Schlafrock, unter dem eine himbeerfarbene Flanellhose sichtbar war, in der Hand hielt er ein Glas, in dem ein rötlicher Drink schwamm. Er führte Oda an die Tür des Eckzimmers, in dem der kranke Prinz lag; dann nahm er ein zweites Glas und die Flasche und begab sich, seiderauschend wie eine Dame aus alten Zeiten, in Karolas Zimmer hinüber. Margot saß immer noch auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch und sah dem Kinde zu, das zu ihren Füßen Holzklötzchen zu lauter Fassaden ohne Haus zusammensetzte.

Flasche und Gläser stellte Russell auf das Bücherbord vor eine Miniaturvitrine, in der ein paar winzige ledergebundene Bände lagerten. Dann machte er eine seinem Kostüm entsprechende Verbeugung mit auf der Brust gekreuzten Armen.

Man kannte sich flüchtig, war erfreut genauere Bekanntschaft zu machen. Das naheliegende Gespräch über Reiten und Sport förderte eine Reihe gemeinsamer Bekannter aus interessanten Berliner Kreisen zutage. Hohen und höchsten Adel nannte Mister Russell bei Vor- und Stammnamen ohne ›Graf‹ und ›Prinzessin‹, ›von‹ und ›zu‹, Mitglieder ehedem regierender Häuser sogar nur beim Vornamen; Bürgern und Bürgerinnen...

Erscheint lt. Verlag 13.7.2017
Verlagsort Prague
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Essays / Feuilleton
Literatur Historische Romane
Schlagworte Barfuß auf Wolken • Berlin 1920er Jahre • Bis du wieder atmen kannst • Bürgerliche Gesellschaft • deutscher Schriftsteller • Die irische Rebellin • Fast mein Baby • Liebe auf den ersten Blitz • Liebesbeziehung • Literarische Moderne • Marcel Proust • melancholischer Erzähler • Nicholas Sparks • Proust'sche Tradition • Romantische Atmosphäre • Sehnsucht nach Vergangenheit • Stadtroman • Strange memories • Wenn ich nicht mehr bin • Wenn Liebe nach Pralinen schmeckt
ISBN-10 80-268-7763-2 / 8026877632
ISBN-13 978-80-268-7763-9 / 9788026877639
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