Boy Lornsen (1922 - 1996) war ein echter Sylter, dessen Vater noch als Kapitän Kap Horn umsegelte. Er selbst betrieb Segeln nur als Hobby und verdiente sein Geld bis in die Sechzigerjahre als Steinmetz. Sein erstes Kinderbuch 'Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt' erschien 1967 und wurde ein Riesenerfolg. Seither zählt Lornsen zu den ganz großen fantastischen Kinderbuchautoren der Nachkriegszeit wie Otfried Preußler und James Krüss. Für sein Gesamtwerk wurde er mit dem Friedrich-Bödecker-Preis ausgezeichnet.
… und so könnte es angefangen haben:
Es war im April des Jahres 1391. Von Rügens hoch ragenden Kreidefelsen aus hätte man zwei Segel gesehen. Ein Segel folgte dem anderen, beide lagen hart am Wind und beide zogen westwärts. Die Schiffe aber sahen einander noch nicht.
Ein wütender Wind kämmte die Baltische See. Von Westen her kam er, hetzte seine Wellenhunde nach Osten zu, dass denen der weiße Schaumgeifer vor den Mäulern stand. Mit den Wolken trieb er Schindluder, mal jagte er sie zuhauf, mal scheuchte er sie auseinander, bis ihnen das Fell in Fetzen davonstob. Dazu ließ er noch seine Böen pfeifen, um zu zeigen, wer hier der Herr und Meister war.
Das Segel, welches am weitesten zu Ost stand, schob eine große Kogge voran, die mühelos durch die grobe See schnitt und dem vorderen Segel stetig näher rückte.
»Wenn der Wind so bleibt, können wir noch vor Dämmerungsbeginn an der Durchfahrt bei Swante Wustrow stehen«, sagte der krummrückige Jerk Fretwurst zu seinem jungen Maat.
»Soll mir nur recht sein, Schiffer«, antwortete der Junge. »Wird auch Zeit, dass ich nach Hause komme. Meine Frau muss inzwischen ein Kind geboren haben. Das dritte! Und hoffentlich ist es diesmal ein Junge!«
Der Alte rieb sich die knotigen Hände. Ihn plagten andere Sorgen. »Die elende Gicht sitzt mir schon in allen Knochen«, jammerte er. »Soll auch meine letzte Reise sein. Und bei Gott, diesmal mach ich Ernst!« Es war, als hätte Jerk Fretwurst das zweite Gesicht. So nahe kam er seinem Schicksal.
Hoffentlich steigt er aus, der Alte!, dachte der Maat. Aber laut sagte er: »Wer so viele glückliche Reisen hinter sich brachte wie Ihr, hat seinen warmen Herdplatz verdient. Ich gönn ihn Euch, Schiffer!«
»Glaub’s gern«, knurrte der Alte gallig und dachte bei sich: Der Junge wünscht mich möglichst bald von Bord! Kann’s ihm nicht mal verdenken. Wie viele Maate wären gern Schiffer der »Schwalbe von Ribnitz«! Ist ja auch das schönste und schnellste Schiff auf dem ganzen Baltic. Jerk Fretwurst seufzte.
Aber sein junger Maat sollte nie Schiffer der »Schwalbe von Ribnitz« werden …
Der schwarze Holk tat sich schwerer mit Wind und Wellen als die Kogge. Rügens Felsenmauer wollte ihn nicht loslassen; so langsam kroch er voran und dabei gab er sein Bestes her. Sein Vierkantsegel stand brettsteif, seine Leeseite tauchte tief in die See ein. Sein Bug hieb in die Wellen, dass die Gischt spritzte, und dazu ächzte das gequälte Holz.
Vom Schiffsvolk war wenig zu sehen. Die meisten hatten sich in geschützte Winkel verkrochen. Oben auf der Mastspitze musste sich der Ausgucksmann an den Tonnenrand klammern, weil er wie mit einem Peitschenstiel durch die Luft geschwenkt wurde. Auf dem hohen Achterkastell hielten sich drei Männer trotz der geneigten Decksplanken aufrecht.
»Verdammter Westwind! Unser Segel steht zum Bersten voll und wir kommen kaum von der Stelle!«, fluchte der Riese mit dem weizengelben Haarschopf grimmig und starrte zu den hochmütigen Felsen hinüber, als wollte er sie mit seinen Blicken achteraus zwingen. »Und wenn ich unser altes Heringsfass ganz bis nach Rostock hinprügeln soll – wir müssen dabei sein, wenn die Sache ausgehandelt wird. Was denkst du, Kleiner?«
»Recht hast du, Klaus! Wenn wir unsere Löffel nicht mit in den Brei stecken, sichern sich nur die adligen Herrn die Vorteile. Sie werden ohnehin versuchen uns die Drecksarbeit aufzuhalsen. Und ich sag dir, sie sind auf Kriegerruhm aus, rechnen damit, dass König Albrecht sie später reich mit Gütern belehnt, sobald er sich die Schwedenkrone wieder aufs Haupt stülpen kann.«
Diese Antwort gab der zweite Mann auf dem Achterkastell. Ein Männchen, ein Zwerg war es, ging dem Riesen bis eben über den Schwertknauf und klammerte sich an dessen Ledergurt fest wie die Miesmuschel an dem Eichenpfahl.
Der Riese ließ sich Klaus Störtebeker rufen. Ob das wirklich sein ehrlicher Name war, wusste keiner an Bord. Aber das wussten alle: Seine Stärke und Verwegenheit reichte für drei Männer aus und dazu war er noch ein selten guter Seefahrer. Klaus Störtebeker konnte ein Schiff durch die Hölle segeln, wenn sie ihm grad quer im Weg lag.
Der Zwerg nannte sich Magister Wigbold. Er hatte sich mit den sieben Künsten abgegeben, gab aber keine Auskunft, wo das gewesen war, warum er davon abließ und welche Umstände ihn auf das Achterkastell eines Seeräuberholks gebracht hatten. Denn der schwarze Holk war ein Seeräuberschiff! Und der Zwerg war der schlaueste und listenreichste Kopf, der sich zurzeit auf der Baltischen See herumtrieb.
Ein Riese und ein Zwerg! Ein sonderbares Gespann hatte sich da für das Räuberhandwerk zusammengetan. Aber man sollte bald von ihnen hören.
»Fall ab, Maat!«, rief Störtebeker dem Mann am Ruderholz zu. »Gib dem alten Fass so viel Wind, wie’s vertragen kann! Wollen doch hoffen, dass die Planken noch bis Rostock zusammenhalten!«
Der dritte Mann auf dem Achterkastell legte das Ruder nach Lee, sagte aber kein Wort. Er redete überhaupt so wenig, dass man glauben konnte, er wäre stumm. Seine Arme waren muskelbepackt und am Ruder tat er eine Arbeit, zu der bei diesem Wetter eigentlich drei Männer nötig waren. An Störtebekers Länge fehlte ihm eine Handspanne, dafür war er breiter gewachsen und schwer wie ein Eichenstubben. Wenn er sprach, kamen die Worte seltsam gurgelnd aus seinem schiefen Mundschlitz. Gern schaute niemand in sein Gesicht. Das Feuer hatte es verwüstet und bis zum Schädel hinauf, der kahl war, einen schaurigen, blauroten Narbenacker hinterlassen. Sie nannten ihn den Namenlosen.
Zögernd wanderten Rügens Kreidefelsen achteraus, so als wollten sie den schwarzen Holk nur ungern aus ihren Griffen lassen.
»Kann auch sein, dass wir uns in Rostock auf ein schlechtes Geschäft einlassen«, sagte Störtebeker nachdenklich, denn er war sich noch nicht im Klaren über den Nutzen dieser Sache. »Bisher haben wir unsere Schiffsnase nur dahin gerichtet, wo uns Glück und Beute winkten. Bis jetzt waren wir freie Raubgesellen. Nun wollen wir uns auf den Fürstendienst einlassen. Das will mir immer noch nicht gefallen!«
»Vogelfreie Gesellen sind wir, Klaus. Vogelfrei! Vergiss das nicht! Galgen oder Richtschwert sind uns sicher, wenn sie uns fangen. Hätte nichts dagegen, es mal anders zu versuchen. Ehrbare Kaper wären wir dann in Diensten des Herzogs von Mecklenburg. Hört sich das nicht gut an? Von einem Tag auf den anderen sind wir ehrliche Leute geworden. So schnell geht das! Wir können weiter kapern und rauben. Mit Brief und Siegel sogar! Und brauchen uns nicht mal umzugewöhnen, Klaus.« Der Zwerg schüttelte sich vor Lachen und wiegte dabei seinen großen Kopf hin und her.
»Verdammt, Kleiner! Ist das eine Welt!«, schrie Störtebeker. »Freie Raubgesellen und Fürstendiener tun beide dasselbe und doch ist es nicht dasselbe!«
»Den Unterschied macht, wer’s tut – der Herr oder der Knecht. Merkst du das erst jetzt?«, spottete der Zwerg. »So war’s doch schon immer und so wird’s auch wohl bleiben, denk ich. Das Recht schläft nun mal am liebsten beim Unrecht.«
»Ich würd’s ändern, wenn ich Herr wär!«
Der Zwerg kicherte. »Nimm dir nicht zu viel vor, Klaus Störtebeker. Darüber sollte einer erst reden, wenn er Herr ist, und wenn’s so weit ist, hat er seine guten Vorsätze meist vergessen. Tun wir lieber eins nach dem anderen. Zum Herrn gehört das Geld – je mehr Geld, desto mehr Macht. Also müssen wir zuerst für das Geld sorgen! Was diese Kaperbriefe angeht …«
»Kaperbriefe!«, unterbrach Störtebeker ihn ärgerlich. »Darauf spuck ich! Sind wir denn nicht immer ohne gut zurechtgekommen? Und immer glücklich dabei gefahren?«
»Das schon. Aber mit Kaperbrief läuft es noch besser für uns. Sieh’s mal von der richtigen Seite an, Klaus: Zu diesen Mecklenburger Kaperbriefen gehören die Häfen Rostock und Wismar. So kriegen wir endlich mal Heimathäfen, in denen wir im Winter Sturm und Eisgang behaglich abwettern und unser Schiff instand setzen können. Brauchen uns nicht mehr in entlegene Winkel zu verkriechen wie die räudigen Köter. Und jetzt kommt noch das Wichtigste: Wo lässt sich das Beutegut wohl leichter in Silber ummünzen als in den Hafenstädten? Da drängen sich doch die Krämer! Und ich sag dir, Klaus, die lecken sich nun schon alle Finger nach den guten Geschäften, die sie mit uns machen wollen.«
»Ich merk schon, Kleiner, du drehst und wendest die Dinge so lange, bis sie auch mir schmecken. Also gut! Versuchen wir’s mal als ehrbare Kaper mit Brief und Siegel. Werden ja sehen, wie sich der Fürstendienst anlässt.«
»Nur ein schnelleres Schiff fehlt uns noch. Damit könnten wir doppelt so viel Beute machen«, maulte der Zwerg.
»Glaubst du vielleicht, mir gefällt diese lahme alte Balje? Wer keinen Wein hat, muss wohl oder übel Wasser saufen. Da sollte schon ein verdammt glücklicher Zufall nachhelfen, anders kommen wir schwerlich zu einem guten Seerenner. Der läuft uns davon, wenn wir ihn jagen.«
Der kleine Magister ließ den Gürtel des Riesen los. Hätte Störtebeker ihn nicht mit raschem Griff eingefangen, wäre er wohl über das schräge Deck in den Baltic geschlittert und manches in dieser Geschichte hätte eine andere Wendung...
| Erscheint lt. Verlag | 7.2.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Märchen / Sagen |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Albrecht von Schweden • buch meer • Bunte Kuh • Der Fluch der Karibik • Der rote Korsar • Die Schatzinsel • eBooks • Enthauptung • Freibeuter • Hanse • Hansekoggen • Johann Störtebeker • Kaperbriefe • Kapitän • Legende • Likedeeler • Märchenbuch • Nordsee • nordsee buch • Ostsee • ostsee buch • Pferd • Pirat • Piraten • Piraten Buch • Piratengeschichten • piraten roman • Robi Tobi und das Fliwatüt • Scharfrichter • Schiff • Seeefahrt Geschichten • Seefahrer • Seefahrergeschichten • seefahrer romane • Seefahrt buch • Seehandel • Seeräuber • Seeräuber Buch • Störtebäcker • Störtebecker • Störtebeker • Störtebeker Festspiele • Vitalienbrüder • Vulcano |
| ISBN-10 | 3-7306-9164-3 / 3730691643 |
| ISBN-13 | 978-3-7306-9164-9 / 9783730691649 |
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