Jerry Cotton Sonder-Edition 55 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-4901-6 (ISBN)
Richard Palmer, der früher viele Jahre für das Schatzamt gearbeitet hatte, wurde nach einem Brand tot in seinem Haus aufgefunden. Sein Sohn Clive, Agent Palmer, hatte Zweifel an der Todesursache und wandte sich an uns. Phil und ich nahmen die Ermittlungen auf und konnten gerade noch verhindern, dass die Leiche des alten Palmer aus dem Bestattungsinstitut entwendet wurde.
Die anschließende Untersuchung zeigte, dass der Tote mindestens zwanzig Jahre jünger war als Clives Vater. Damit gab uns der Fall gleich mehrere Rätsel auf: Wo steckte Richard Palmer? Und warum war der Mann verschwunden?
1
Es war schon dunkel, als der alte Palmer noch einmal aus der Hintertür seines Hauses trat, um den Duft der Rosen zu riechen.
Er stand kaum zehn Sekunden beim ersten Rosenstock, als sich der Lauf einer Pistole in seinen Rücken bohrte.
„Kein Laut“, warnte eine Stimme. „Los, komm ins Haus!“
Ein Stoß mit der Pistole bekräftigte die Worte.
Mit weichen Knien wankte Richard Palmer den Weg zurück ins Haus. Der Mann mit dem Schießeisen folgte ihm. Nur undeutlich erkannte Palmer, dass ein zweiter Mann an der Haustür wartete.
„Er scheint vernünftig zu sein“, erklärte der Mann hinter Palmer.
Sie traten ins Haus. Die Tür flog hinter den drei Männern krachend ins Schloss.
***
Eine Stunde später warf Palmers Nachbar, der Tankwart Bob Dorsey, einen Blick durchs Fenster, weil ihm ein heller Schein auffiel. Im selben Augenblick schossen auch schon die Flammen aus dem Dachstuhl des Palmer’schen Hauses.
Dorsey raste ans Telefon, um die Feuerwehr zu verständigen. Aber bis die eintraf, hatte der Brand schon alles zerstört.
„War Palmer in seinem Haus?“, fragte der Feuerwehrchef.
„Ich fürchte, ja“, antwortete Dorsey stockend. „Wir haben nach ihm gerufen, aber er hat nicht geantwortet. Die Flammen waren so stark, dass wir nicht mehr ins Haus gekommen sind.“
Die Feuerwehrleute stocherten nur kurz in den kümmerlichen Resten herum, bis sie auf die verkohlte Leiche stießen. Ein paar Minuten später zeigten die Männer dem Tankwart etwas, das einmal eine Uhr gewesen war.
„Das ist Palmers Uhr“, sagte er entsetzt. „Jetzt ist er tot, elendig verbrannt. Scheußlich!“
„Hatte er Angehörige?“, fragte der Feuerwehrchef. „Wir müssen sie verständigen.“
„Einen Sohn“, antwortete Dorsey. „Er ist beim FBI in New York tätig.“
„Wird ein Schock für den G-man sein“, meinte einer der Feuerwehrleute. „Kann ich mal bei Ihnen telefonieren, Dorsey?“
***
Agent Clive Palmer hatte an diesem Abend Nachtdienst. So erreichte ihn die Hiobsbotschaft im District Office.
„Ich komme sofort“, sagte er, mühsam seine Fassung bewahrend. Als er wenig später neben Dorsey und dem Sheriff vor der Brandstelle stand und auf die ausgeglühte Uhr starrte, sagte er verzweifelt: „Ja, es ist Dads Uhr. Aber ich begreife nicht …“ Kopfschüttelnd betrachtete er das Trümmerfeld.
„Was begreifen Sie nicht, Agent?“, fragte der Sheriff.
Clive starrte auf die Leiche, die bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war. „Mein Vater war sehr vorsichtig, wenn es um Feuer ging“, sagte er gedankenverloren. „Das hatte er sich in seinem Beruf angewöhnt. Er hatte viel mit brennbaren Chemikalien zu tun. Von klein auf hat er mir eingeimpft, ja kein Streichholz fallen zu lassen. Er wurde wild, wenn ich mal im Bett geraucht habe.“ Er machte eine Pause. „Wie ist es möglich …?“
„Vielleicht war ihm übel“, sagte Dorsey tröstend, „oder er ist ohnmächtig geworden.“
„Dad war für sein Alter kerngesund“, antwortete Clive. Unruhig lief er auf und ab, ließ jedoch den Blick nicht von der Leiche. Dann wandte er sich an Dorsey. „Hören Sie!“, sagte er. „Haben Sie im Lauf des Abends irgendeinen Fremden hier in der Nähe gesehen?“
Dorsey schüttelte den Kopf.
„Denken Sie an ein Verbrechen?“, fragte der Sheriff.
Clive zuckte mit den Schultern. „Ich kann mir nicht vorstellen, was ein Gangster von meinem Vater gewollt haben könnte.“
„Hatte er etwas Wertvolles im Haus? Geld, Schmucksachen?“
Clive schüttelte den Kopf. „Reich war mein Vater nicht, Sheriff. Er wollte seinen Lebensabend in Ruhe und Frieden hier genießen und hatte gerade sein Auskommen.“
„Hm“, brummte der Sheriff, „ihr sucht immer nach irgendeinem Geheimnis. Dass ein alter Mann mal aus Versehen leichtsinnig wird, passt nicht in euer Konzept.“
Bevor Clive etwas entgegnen konnte, kam Dr. Mallow an, den der Sheriff verständigt hatte. Der Mediziner warf einen bekümmerten Blick auf das, was von Richard Palmer übriggeblieben war, und zog dann ein Formular aus der Tasche.
Clive hatte noch ein Anliegen. „Ich möchte Sie bitten, Doc“, sagte er, „die Leiche meines Vaters noch einmal zu prüfen. Vielleicht gibt es irgendein Anzeichen dafür, dass er durch Gewaltanwendung ums Leben gekommen ist.“
„Nicht ganz leicht festzustellen“, murmelte der Arzt. Er beugte sich nicht gerade begeistert über den verkohlten Körper.
Gespannt und doch vom Schmerz überwältigt folgte Clive jeder Bewegung des Arztes.
Nach etwa zehn Minuten richtete sich der Doc auf. „Keine Hieb-, Schuss- oder Stichwunde.“
Clive nickte resigniert. Er hatte geahnt, dass sein Verdacht haltlos war.
Der Arzt reichte Palmer einen kleinen Gegenstand. „Vielleicht wollen Sie ihn zur Erinnerung behalten, Agent. Der Manschettenknopf lag unter der Leiche.“
Clive starrte abwechselnd den Arzt und den Gegenstand in seiner Hand an. „Sind Sie sicher“, fragte er aufgeregt, „dass der Knopf tatsächlich unter der Leiche meines Vaters gelegen hat?“
„Ganz sicher. Als ich den Körper herumgedreht habe, habe ich ihn entdeckt. Ist etwas damit?“
„Ja, Doc“, sagte Clive erbittert. „Jetzt weiß ich, dass hier etwas faul ist. In dem Haus muss ein Fremder gewesen sein, der meinen Vater umgebracht hat. Vater trug nämlich keine Manschettenknöpfe.“
***
Als ich am Morgen mein Büro betrat, saß Clive Palmer schon da. Ich sah ihm an, dass ihn der Tod seines Vaters sehr mitgenommen hatte.
„Hast du ein paar Minuten für mich Zeit, Jerry?“, fragte Clive. „Ich glaube, mein Vater ist ermordet worden.“
Palmer war noch nicht allzu lange bei uns. Er war ein hochaufgeschossener blonder Mann Ende zwanzig, noch nicht sehr erfahren, und Mr High hatte mich gebeten, mich in den ersten Wochen um Clive zu kümmern.
Clive erzählte mir, was im Haus seines Vaters passiert war. „Natürlich habe ich dafür gesorgt“, beendete er seinen Bericht, „dass die Mordkommission eingeschaltet wurde. Ich hatte aber das Gefühl, dass dem Lieutenant das Indiz mit dem Manschettenknopf nicht sonderlich gefiel. Auch der Polizeiarzt konnte keine anderen Verletzungen als die Brandwunden feststellen. Die Kollegen von der Mordkommission meinten, der Manschettenknopf könne durch jeden beliebigen Besucher ins Haus gekommen sein. Das sei jedenfalls noch kein Beweis für einen Mord.“
Ich nickte. Der Verdacht auf Mord stand nicht gerade auf festen Füßen. Vor allem, da sich Clive kein Motiv für die Tat vorstellen konnte. Natürlich wollte ich ihm helfen.
„Erzähl mir etwas von deinem Vater!“, bat ich ihn. „Was war er von Beruf?“
„Er war Graveur“, sagte Clive. „Hat eine ganze Anzahl Jahre fürs Schatzamt gearbeitet und die Druckstöcke für Banknoten hergestellt. Vielleicht hast du gerade einen Dollarschein in der Tasche, den er unter der Nadel hatte.“
Er lächelte schwach, und bei mir klingelte es. „Wo ist die Leiche deines Vaters jetzt?“
„In Greenwich. Nachdem die Mordkommission nichts gefunden hat, wird er wohl zur Beisetzung freigegeben werden.“
Ich angelte mir das Telefon und wählte die Nummer unseres Labors. „Hör zu, Frank!“, erklärte ich unserem Chemiker. „Nehmen wir mal an, ich habe eine verkohlte Leiche und will das Alter der Person bestimmen. Ist das möglich?“
„Kinderspiel, Jerry. Entweder finden wir ein paar Gewebeteile, die noch nicht ganz vom Feuer zerstört sind, oder wir analysieren die Knochen.“
„Wie genau ist das Ergebnis?“, wollte ich wissen.
„Den Geburtstag können wir dir natürlich nicht nennen, Jerry. Aber bis auf zwei oder drei Jahre können wir es genau sagen. Das hängt davon ab, welches Material wir zur Analyse vorliegen haben.“
„Das wirst du bald wissen, Frank. Bereite alles vor, sodass ihr möglichst schnell ein Ergebnis habt!“
„Von uns aus kann es sofort losgehen.“
„Okay, Frank. So long.“
Clive Palmer schaute mich verblüfft an, als ich den Hörer aufgelegt hatte. „Wenn ich dich recht verstanden habe, Jerry“, sagte er langsam, „zweifelst du daran, dass die Leiche wirklich mein Vater ist?“
„Genau, Clive. Ich gehe jetzt zu Mister High und bitte ihn um sein Einverständnis für die Untersuchung. Der Rest ist dann deine Sache.“
Ich trug Mr High den Fall vor. Natürlich konnten wir uns nicht offiziell in die Ermittlungen einschalten. Ich hoffte aber, wenigstens die Zustimmung zur Analyse zu bekommen.
Unser Chef erklärte sich sofort einverstanden.
Mein Kollege machte sich umgehend auf den Weg nach Greenwich, als er grünes Licht hatte.
***
„Sie haben es ja plötzlich sehr eilig, Ihren Vater beisetzen zu lassen“, sagte der Lieutenant von der Mordkommission, als Clive ihm gegenüberstand.
„Eilig? Wieso?“, wollte der Agent wissen.
„Vor einer halben Stunde rief das Bestattungsinstitut an, ob sie die Leiche abholen könnten. Sie haben sich auf Ihre Anweisung berufen.“
Überrascht blickte Clive den Lieutenant an. „Ich habe kein Institut damit beauftragt.“
„Ist das Ihr Ernst, Agent?“, fragte der Lieutenant. „Ich hatte natürlich keine Bedenken, die Genehmigung zu erteilen. Hoffentlich ist denen im Bestattungsinstitut kein Irrtum unterlaufen.“
Jetzt war Clive wie elektrisiert. „Wo ist die Leiche meines Vaters?“
„In unserem Keller. Warten...
| Erscheint lt. Verlag | 20.6.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Al Capone • alfred-bekker • Anna Basener • Bahnhofsroman • Bastei • Bestseller • Cora • Dedektiv • Detektiv • Deutsch • Deutsche Krimis • eBook • E-Book • eBooks • Ermittler • erste-fälle • gman • G-Man • Groschenheft • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftchen-Roman • Heftroman • Heft-Roman • Horst-Bosetzky • international • Jerry Cotton • Kindle • Klassiker • Komissar • Kommisar • Kommissar • Krimi • Krimiautoren • Krimi Bestseller • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • Mira • Mord • Mörder • nick-carter • Polizei • Polizeiroman • Polizist • Pulp • Pulp Ficition • Reihe • Romanheft • Roman-Heft • schwerste-fälle • serial content • Serial Novel • Serial Novels • Serie • Serien • Seriennovellen • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannung • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Verbrechen • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-4901-1 / 3732549011 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-4901-6 / 9783732549016 |
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