Schöne Schifferin (eBook)
248 Seiten
Zytglogge (Verlag)
978-3-7296-2180-0 (ISBN)
Therese Bichsel, geb. 1956, aufgewachsen im Emmental. Studium der Germanistik und Anglistik in Bern. Längere Auslandaufenthalte in Paris und den USA. Lebt in Unterseen und in Bern, zwei erwachsene Söhne.
Therese Bichsel, geb. 1956, aufgewachsen im Emmental. Studium der Germanistik und Anglistik in Bern. Längere Auslandaufenthalte in Paris und den USA. Lebt in Unterseen und in Bern, zwei erwachsene Söhne.
2
Der Gasthof in Interlaken, zur Zeit des Unspunnenfestes. Vor dem Gasthof, inmitten der Nussbäume, ein roh gezimmerter Tanzboden. Farbige Lampen und Fackeln erleuchteten die Nacht taghell. Brennende Pechkränze markierten die Zugänge. Sie stand staunend davor in ihrem kurzen Rock. Sie war noch ein Mädchen, der Eingang war ihr verwehrt. Ihre Augen weiteten sich. Das hatte sie noch nie gesehen. Da tanzten nicht nur Mädchen vom Land mit jungen Bauern und Handwerkern. Auf dieser ländlichen Bühne vergnügten sich auch vornehme Damen und Herren. Vor ihren Augen drehte sich eine edel gekleidete Dame, eine Gräfin vielleicht, mit einem Hirten. Und daneben umfasste ein Prinz – er konnte nichts anderes sein als ein Prinz mit diesen Gewändern aus kostbaren Stoffen – mit dem Arm die Barbara, eine Küherstochter aus Brienz, die Elisabeth kannte. Die Barbara hatte die schwarze Spitzenhaube an, die ihre Tracht so richtig herausputzte, und sie lachte dem Prinzen ins Gesicht. Sie wirbelten zu der wilden Musik rundum und rundum, bis Elisabeth vom blossen Zusehen schwindlig wurde. Die Barbara nahm sich zuviel heraus. Das konnte nicht gut gehen. Der Prinz würde sie am nächsten Tag keines Blickes würdigen, wenn er mit anderen hohen Herren über den Höheweg flanierte.
Plötzlich war Leni Flück neben ihr. «Der Kehrli will gehen. Wir warten nur noch auf dich, du Träumerin!»
Ein letzter Blick auf die Tanzenden, die sich immer schneller zu drehen schienen. Elisabeth wandte sich ab. Hastig griff sie nach ihrem Korb und eilte ihrem Lehrer Johannes Kehrli und der Mädchengruppe nach. Bald würden sie am Zollhaus Interlaken in ihr Boot steigen und über den nächtlichen See nach Brienz zurückrudern.
Sie fühlte sich überhaupt nicht müde. Was hatte sie nicht alles zu erzählen zu Hause! Von diesem grossen Fest auf der Wiese bei der Burg Unspunnen. Von der Begrüssungsrede des Oberamtmanns. Von den Wettkämpfen im Steinstossen, Schwingen, Alphornblasen und Jodeln. Beim Schwingen hatte sogar ein Brienzer gewonnen, der Jakob Stähli, zusammen mit dem Peter Brog aus dem Hasli. Sie kannte ihn, einen grossen, ungeschlachten Mann, der nur selten von der Alp ins Dorf herunterkam. Eine feine Dame aus Bern hatte ihm den Siegerkranz um den Hals gelegt.
Zwischen zwei Wettkämpfen war der Auftritt ihrer eigenen Gruppe. Inmitten der vornehmen Damen und Herren trugen sie ihre Lieder vor. Besonders der Kuhreihen wurde beklatscht und die Mädchen mit ihrem Lehrer allseitig gelobt.
Am Mittag setzten sie sich im Schatten eines Baumes zu einem kleinen Imbiss nieder. Jedes Mädchen hatte im Korb etwas mitgebracht, und sie teilten alles schwesterlich. Elisabeth staunte. Ganz in der Nähe sass eine vornehme Dame, eifrig über eine Arbeit gebeugt, ein Herr neigte sich ihr dienstfertig zu. Hatte sie eine Handarbeit mitgenommen ans Unspunnenfest? Unter einem Vorwand stand Elisabeth auf und schlenderte an der Dame vorbei. Die Dame malte! Der Herr hielt ihr die Palette mit den Farben hin!
Elisabeth hastete sofort zu den anderen Mädchen zurück und flüsterte ihnen die Neuigkeit zu. Auch Schulmeister Kehrli hatte die Malerin bemerkt. Er entfernte sich einen Moment und zog Erkundigungen beim Maler Franz Niklaus König ein, dem Quartiermeister des Fests. Kehrli kam mit der Neuigkeit zurück, dass die Dame eine bekannte französische Malerin namens Elisabeth Vigée-Le Brun sei. Eine Dame, die anerkannt war als Malerin! Elisabeth blieb der Mund offen.
Der Lehrer nannte noch weitere Namen. Die Dame, die sich eben jetzt über die Skizze der Malerin beuge, sei eine Madame de Staël, eine berühmte Schriftstellerin. Man munkle auch, fuhr Kehrli fort, dass der Kronprinz von Bayern da sei, unter falschem Namen. In seiner Begleitung befänden sich zwei Prinzen und ein Baron. Es seien noch weitere Fürsten anwesend, sowie der Landammann von Wattenwyl, ein General und viele vornehme Pariser.
Elisabeth saugte diese Namen in sich auf. Zwei Namen standen für sie im Vordergrund: Elisabeth Vigée-Le Brun und Madame de Staël. Beide waren verheiratet, auch das hatte Schulmeister Kehrli in Erfahrung gebracht, und doch schienen sie so wichtig zu sein wie Männer. Sie wurden ernst genommen. Die Elisabeth Vigée setzte sich einfach so hin, um zu malen, und ein Herr diente ihr zu, schien sogar stolz darauf zu sein.
Dazu hätte ich nie den Mut, dachte Elisabeth. Lieber zog sie sich zurück, als im Mittelpunkt zu stehen. Männer waren dafür bestimmt, nicht sie. Zu Hause gab der Vater den Ton an. Er war viel älter als die Mutter, seine zweite Frau. Unter den Geschwistern war es ihr älterer Halbbruder Heinrich, der die Entscheidungen traf. Sie hatte sich nie dagegen aufgelehnt. Es war einfach so, sie wollte es nicht anders. Elisabeth brauchte jemanden, der breit vor sie hinstand, der sie schützte. Nur so fühlte sie sich sicher, nur so konnte sie bestehen.
Lange war sie unter dem Baum sitzen geblieben, als die anderen sich schon wieder unter die Leute gemischt hatten. Elisabeth beobachtete, wie der Oberamtmann ein Spässchen machte mit ein paar Bauern, die seinen Weg kreuzten. Die Bauern lachten gutmütig. Sie traute diesem Bild nicht ganz. Bald würden die Bauern wieder vor dem Oberamtmann stehen, der über sie zu Gericht sass; sie würden mehr Freiheit und Rechte verlangen, Rechte, die sie nach dem Abzug der Franzosen unter Napoleon wieder verloren hatten. Und der Oberamtmann würde keine Spässe mehr machen, sondern sie hinter Schloss und Riegel setzen. Oder täuschte sie sich? Auf dieser weiten Wiese, unter den am blauen Himmel dahintreibenden Wolken, schien alles so friedlich. Man war ein einig Volk. Die Städter schienen die Sitten und Bräuche der Bergler zu bewundern. Die Sieger des Steinstossens und des Schwingens, sie waren die Helden hier, die Stärksten und Besten. Es regnete Geschenke nieder auf die Teilnehmer: spanische Schafe, russischer Flachssamen, Gewehre, Kühergürtel, Salztaschen, Sennenkäppi, Medaillen und Liederbücher.
Elisabeth schlägt die Augen auf und setzt sich auf ihrem Sofa zurecht. Was hat sie nur wieder geträumt? Ihr Blick fällt auf das Bücherbord an der Wand. Neben der Bibel steht ein Liederbuch. Auch sie hat ein Liederbuch erhalten, damals am Unspunnenfest 1808. Die Oberen gaben sich grosszügig gegenüber den Landleuten. Und dann kam alles anders. Die Obrigkeit griff wieder hart durch, in den folgenden Jahren wurden im Oberland Aufstände niedergeschlagen. Das zweite war auch das letzte Unspunnenfest.
Doch was war ihr vorhin durch den Kopf gegangen? Die wild Tanzenden, die Wiese mit der Malerin, ein Gesicht. Der alte Baron?
Das war nochmals zwei Jahre früher, 1806. Schon damals hatte sie die Noblen kennengelernt. Sie ruderte sie manchmal mit ihrer Mutter zum Giessbach. So auch diesen vornehmen alten Herrn.
Als Baron Wilhelm von Balk hatte er sich vorgestellt. Während der Überfahrt hin und zurück hatte er sie ab und zu gemustert.
«Wie alt bist du, Mädchen?», fragte er schliesslich.
Sie erschrak ob dieser direkten Anrede, die Mutter antwortete für sie.
«Das Elisi ist bald zwölf, Herr.»
Der Herr Baron sagte lange nichts mehr. Er versank in Gedanken und schien das klare, blaugrüne Wasser des Brienzersees, das um den stetig sich fortbewegenden Kahn plätscherte, nicht mehr wahrzunehmen.
Mit wenigen, gezielten Ruderschlägen brachten die Mutter und sie den Kahn in Brienz Tracht längs ans Ufer, und der alte Herr stieg steif an Land. Er winkte die Mutter zu sich. Elisabeth spitzte die Ohren. «... zu schön, um länger Schiffermädchen zu bleiben», hörte sie ihn zur Mutter sagen, und «... vor Verführung schützen und schirmen». Was wollte er von ihr?
Das Gesicht der Mutter war angespannt, als sie dem Herrn eine Antwort für den folgenden Tag versprach und sich abwandte. Diesen verkniffenen Ausdruck hatte sie immer, wenn etwas Wichtiges anstand. Der Herr redete nun auf eine vornehme Dame ein, die am Ufer auf ihn gewartet hatte. Er deutete auf Elisabeth, die noch immer neben dem Kahn stand. Elisabeth errötete. Die Mutter nahm sie an der Hand. «Komm.» Erst zuhause, während sie Brot und Käse auf den Tisch stellte für das Abendessen, gab sie Elisabeths Drängen nach.
Der Herr Baron wolle sie vor schlechten Einflüssen schützen, erzählte die Mutter. Er schlage vor, sie in ein Erziehungsinstitut nach Bern zu bringen. Dort würde sie gute Formen lernen: wie die Leute ansprechen, wie sich bewegen. Vielleicht sogar ein bisschen Klavier spielen. Er bezahle für dieses Jahr. Es sei ihr dann freigestellt, eine gute Stellung in Russland oder im Baltikum anzunehmen, die er und die polnische Prinzessin, seine Begleiterin, gerne vermitteln würden, oder wieder nach Hause zurückzukehren.
Nach Bern in die Kantonshauptstadt? Vielleicht später sogar nach Russland? Elisabeth schwirrte der Kopf. Sie musste sich auf die Bank setzen hinter dem Esstisch. Den Lärm der kleineren Geschwister, auf die sie aufpassen musste, hörte sie an diesem Abend nur wie aus weiter Ferne. Sie liess ihnen alles durchgehen und ass fast nichts. Bern, Baltikum, Polen, Russland. Sie wusste nicht einmal, wo diese fremden Länder auf der grossen Landkarte im Schulzimmer zu finden waren. Und sie, das Elisi, war eingeladen, dorthin zu fahren. Dort zu leben.
Spät am Abend, als sie bereits zwischen Katharina und der kleinen Anna oben in der Schlafkammer lag, hörte sie unten die erregten Stimmen des Vaters und der Mutter. Sie würden die Sache bereden und entscheiden. Der Vater würde wie immer den Ausschlag geben und die Mutter sich seiner Meinung anschliessen. Elisabeth schlief ein, während sie noch angestrengt horchte und nicht wusste, auf welchen Bescheid sie hoffen...
| Erscheint lt. Verlag | 29.5.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Basel |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | 19. • 19. Jahrhundert • Belletristik • Biographie • Brienz • Elisabeth • Elisabeth Grossmann • Frauenschicksal • Grossmann • Historischer • Historischer Roman • Jahrhundert • Roman • Schweiz • Tourismus |
| ISBN-10 | 3-7296-2180-7 / 3729621807 |
| ISBN-13 | 978-3-7296-2180-0 / 9783729621800 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Kopierschutz: Adobe-DRM
Adobe-DRM ist ein Kopierschutz, der das eBook vor Mißbrauch schützen soll. Dabei wird das eBook bereits beim Download auf Ihre persönliche Adobe-ID autorisiert. Lesen können Sie das eBook dann nur auf den Geräten, welche ebenfalls auf Ihre Adobe-ID registriert sind.
Details zum Adobe-DRM
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen eine
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen eine
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich