Das Leben des jungen Grafikdesigners Adam Fisk erfährt eine entscheidende Wende, als er sich eines Tages einem Persönlichkeitstest bei der Firma Inter Alia unterzieht. Die hat ein Computersystem entwickelt, mit dessen Hilfe sich ermitteln lässt, welche Menschen besonders gut miteinander kooperieren können, und bringt die Probanden in sogenannten Netzwerken zusammen. Auch Adam wird so einem Netzwerk zugeordnet, doch was sich anfangs wie eine paradiesische Form des sozialen Miteinanders anfühlt, wird bald zum tödlichen Albtraum …
Robert Charles Wilson, geboren 1953 in Kalifornien, wuchs in Kanada auf und lebt mit seiner Familie in Toronto. Er zählt zu den bedeutendsten Autoren der modernen Science-Fiction. Er hat etliche Romane veröffentlicht, darunter den internationalen Bestseller "Spin". Neben zahlreichen Nominierungen wurde er mehrfach für seine Romane ausgezeichnet, unter anderem mit dem Philip K. Dick Award, dem John W. Campbell Award und dem Hugo Award.
2
Das Städtchen Schuyler lag im nordöstlichen Zipfel des County Onenia im Bundesstaat New York. Onenia war eine Verballhornung des Mohawk-Begriffs onenia’shon:’a, der so viel bedeutete wie Verschiedene Felsen. Über ein Jahrhundert lang hatte Schuyler hauptsächlich von den Steinbrüchen der Umgebung gelebt: Gruben, die in den spröden Karst unter dem unfruchtbaren Ackerland der Region geschlagen wurden. Ab den Siebzigerjahren waren die meisten dieser Steinbrüche nicht mehr rentabel und wurden geschlossen. Danach füllten sie sich mit öligem braunen Wasser, das im Frühjahr anstieg und im Verlauf des langen Sommers wieder verdunstete. Als kleiner Junge hatte man mich vor dem Spielen in den alten Steinbrüchen gewarnt, und natürlich waren sie für jedes Kind, das ich kannte, ein unwiderstehlicher Magnet gewesen. So oft wie möglich fuhren wir über die Landstraßen hin, auf denen sich in der Hitze Heuschrecken zusammendrängten wie flirrender brauner Schnee.
Auf dem Weg zum Haus meines Vaters fuhr ich an Zugängen zu Schotterstraßen vorbei, auf denen früher Lastwagen den Kalkstein zu verarbeitenden Betrieben im ganzen Bundesstaat transportiert hatten. Der Stein aus Onenia County hatte zur Errichtung von Dutzenden Bibliotheken und öffentlichen Gebäuden beigetragen, als diese noch ein gewisses Ansehen genossen. An der Hauptstraße von Schuyler befanden sich ein paar Relikte dieser Ära: eine alte Bank, in der inzwischen eine Gap-Filiale untergebracht war, die jedoch noch immer ihre Kalksteinfassade zur Schau trug; eine Carnegie-Bibliothek im Federal Style mit einem kleinen öffentlichen Park, der sie von der Spirituosenhandlung auf der einen und dem Sozialamt auf der anderen Seite trennte. Alles war schon dunkel, denn ich hatte Toronto am Nachmittag verlassen und war erst kurz nach einem regnerischen Sonnenuntergang in Schuyler angekommen.
Trotz schwerer Zeiten gab es noch immer einen »guten« Teil von Schuyler, wo der schwindende Bestand der wohlhabenden Alteingesessenen residierte: Familien wie die Fisks, die Symanskis, die Cassidys, die Muellers. Ihre Fenster strahlten, als wäre ihr Reichtum zu rechteckigen Scheiben aus goldenem Licht zusammengepresst worden, und die Häuser verhießen die Behaglichkeit, den Komfort und die Geborgenheit eines intakten Familienlebens, wenngleich die Realität oft anders aussah.
Ich lenkte meinen Wagen in die Einfahrt und parkte neben Aarons Lexus und hinter dem Lincoln Navigator meines Vaters. Auch hier warfen die Fenster ihr tröstliches Licht auf die regennassen Blätter der Weide im Hof. Doch im Haus war niemand glücklich. Als ich durch die Tür kam, drängten sich alle um mich: mein Vater, mein Bruder, meine Stiefmutter Laura. Der dreizehnjährige Geddy stand hinter Mama Laura, und als ich auf ihn zutrat, bot er mir die Hand mit einer Feierlichkeit, die unter anderen Umständen komisch gewesen wäre. Mir fiel sofort auf, dass sein Haar militärisch kurz geschoren war – wahrscheinlich ein neuer Vorstoß meines Vaters, um Geddy »männlicher« zu machen. Ich erkannte die Symptome, denn auch mir hatte er früher des Öfteren auf diese Weise zugesetzt.
»Wir haben mit dem Abendessen auf dich gewartet«, erklärte Mama Laura. »Komm rein und mach dich frisch. Geddy bringt deine Sachen hoch auf dein Zimmer, nicht wahr, Geddy?«
Erfreut bemächtigte sich Geddy der Reisetasche, in die ich ein paar Kleider zum Umziehen geworfen hatte. »Danke«, sagte ich.
»Aber beeil dich«, mahnte mein Vater. Seit unserer letzten Begegnung hatte er sich nicht im Geringsten verändert. Das gleiche frisch gebügelte, blaue Hemd, die gleiche zerknitterte, schwarze Krawatte lose um den Kragen. Er war groß und mager. Allgemein hieß es, dass ich aussah wie er, und das stimmte wohl auch, obwohl ich selbst diese Ähnlichkeit nur wahrnahm, wenn ich müde oder zornig war. Es schien, als hätte sich eine permanente Unzufriedenheit in sein Gesicht gegraben.
Bei Tisch sprachen wir nicht über Grammy Fisk – zumindest nicht gleich. Das Wesentliche wusste ich schon durch das Telefonat. Vergangene Nacht war meine Großmutter erneut in den frühen Morgenstunden mit Beschwerden aufgewacht, die allerdings nichts mit ihrer Gallenblase zu tun hatten. Diesmal hatte sie sich nicht dafür entschuldigt, dass sie allen bloß zur Last fiel, und auch nicht darauf bestanden, sich vor dem Eintreffen der Sanitäter anzuziehen. Nach dem Aufwachen konnte sie ihre rechte Körperseite nicht mehr spüren und bewegen; sie war auf einem Auge blind; sie sprach lallend und undeutlich; die nackte Angst war ihr anzumerken.
Als sie ins Onenia County Hospital eingeliefert wurde, hatte sie das Bewusstsein verloren. Die MRT-Bilder zeigten massive Gehirnblutungen. Mit anderen Worten, sie hatte einen Schlaganfall erlitten und lag im Koma. Obwohl mein Vater es nicht direkt aussprechen wollte – »es sieht nicht so gut aus«, war das Äußerste, was er sich abringen konnte –, war nicht damit zu rechnen, dass sie sich wieder erholen würde. Das Krankenhaus hatte versprochen, bei einer Änderung ihres Zustands sofort anzurufen. Am nächsten Morgen wollten wir alle hinfahren, um an ihrem Bett zu wachen.
»Allerdings kriegt sie anscheinend sowieso nichts mit«, hatte mein Vater am Telefon hinzugefügt. »Ich glaube, sie merkt gar nicht, dass wir da sind.«
Mama Laura hatte ein wahres Festmahl gekocht, unter anderem Süßkartoffeln in braunem Zucker und Brathähnchen, aber niemand hatte großen Appetit. Ich am allerwenigsten. So saßen wir da und stocherten auf unseren Tellern herum. Mit zweiundvierzig hatte Mama Laura, die zehn Jahre jünger war als mein Vater, immer noch das schüchterne Benehmen, das sie bei ihrer Heirat mitgebracht hatte: eine instinktive Vorsicht, die an ihrer Körpersprache und ihrem immer leicht abgewandten Gesicht zu erkennen war. Hinter dieser Unterwürfigkeit verbarg sich eine echte Liebe zu der Arbeit, die sie in der Familie verankerte. Wir hätten uns Personal leisten können, doch Mama Laura wollte nichts wissen von einer Hausangestellten oder einer Köchin. Nicht dass sie sich als Dienerin betrachtete. Sie erwartete durchaus Anerkennung für ihre Leistung. Aber für sie stellte diese Leistung zugleich den Beweis dar, dass sie ein Recht hatte, bei uns zu sein. Sie gab uns zu essen und hielt das Haus sauber, und dadurch hatte sie Anspruch auf ein gewisses Minimum an Respekt sowohl für sich als auch für ihren Sohn Geddy. Jetzt starrte sie bedrückt auf die immer noch voll beladenen Servierplatten. Auch sie selbst hatte kaum etwas angerührt.
»Diese ganzen Scherereien im Südchinesischen Meer und im Persischen Golf«, sagte mein Vater jetzt. »Das tut unserem Geschäft nicht gut. Und der Stadt auch nicht.«
Das war seine Vorstellung von einem neutralen Thema. Er richtete die Bemerkung an meinen älteren Bruder. Aaron saß neben mir, die Schultern vorgeschoben, Messer und Gabel über dem Teller – er war der Einzige, dessen Appetit kaum gelitten hatte. Und wie immer wusste er, was von ihm erwartet wurde. »Ja, die Chinesen.« Er nickte. »Und diese verdammten Saudis …«
Die Dynamik war mir so vertraut, dass ich nur mit halbem Ohr hinhören musste, um der Unterhaltung zu folgen. Die Ansichten meines Vaters, verstärkt von meinem Bruder. Nicht etwa, dass Aaron sich verstellt hätte. Er teilte die Auffassung meines Vaters, dass Amerika ein gefallenes Paradies war, vor dessen Toren eine Wildnis aus Armut, Laster und Niedertracht lauerte.
Ausnahmsweise meldete sich Mama Laura zu Wort und fragte, ob ich noch Kartoffelbrei wollte.
Nein danke.
»Wie geht es mit dem Studium?«, fragte sie in einer Gesprächspause.
»Ganz gut.«
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das funktioniert. Ich meine Grafikdesign. Zeichnet man da viele Bilder?«
»Ein bisschen mehr ist es schon.«
»Das denke ich mir.«
Mit ungeduldiger Miene kamen Aaron und mein Vater wieder auf den Nahen Osten und die explodierenden Ölpreise zurück. Ich schaute zu Geddy, der mir gegenübersaß. Er starrte versunken auf seinen Teller und schob die Speisen hin und her, ohne viel davon zu essen. Sein Gesicht wirkte müde und ein wenig schwammig. Er war ein ängstlicher Junge, und seine beste Verteidigungsstrategie war auch jetzt der Rückzug in sich selbst. Grammy Fisk war immer gut zu Geddy gewesen – genau wie zu mir. Was sollte Geddy ohne sie anfangen? Sicher, seine Mutter kümmerte sich um ihn, aber wer würde ihn verstehen?
Nachdem die Wohnzimmeruhr elf geschlagen hatte, gingen wir alle zu Bett. Ich schlief in meinem alten Zimmer und schob das Fenster einen Spalt auf. Der Regen hatte eine Kaltfront nach Onenia County gebracht. Eine frische, feuchte Brise hob den Vorhangsaum. Alle Geräusche waren so vertraut: die im Wind wogende Weide im Vorgarten, das aus den Fallrohren schießende Regenwasser, der Hall von allen Seiten des Zimmers. Nur der Rest des Hauses fühlte sich hohl an, als würde ihm das Herz fehlen.
Am Morgen fuhren wir ins Krankenhaus zu Grammy Fisk.
Wir ließen uns im Wartebereich nieder und verbrachten abwechselnd Zeit mit ihr. Ich war nach meinem Vater und Aaron dran.
Grammy Fisk war nicht ansprechbar, und ein Arzt hatte uns möglichst schonend erklärt, dass kaum noch höhere Gehirnfunktionen vorhanden waren. Dennoch war es denkbar – das wollten wir uns zumindest einreden –, dass sie unsere Anwesenheit registrierte. Sobald ich sie erblickte, bekam ich Zweifel. Grammy Fisk war nicht in diesem Zimmer. Natürlich lag dort ihr Körper auf dem Bett, angeschlossen an Infusionen und Monitore, mit...
| Erscheint lt. Verlag | 13.6.2017 |
|---|---|
| Übersetzer | Friedrich Mader |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Affinities |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | diezukunft.de • eBooks • Robert Charles Wilson • Science-fiction • Social Media • Spin • Thriller |
| ISBN-10 | 3-641-16953-4 / 3641169534 |
| ISBN-13 | 978-3-641-16953-4 / 9783641169534 |
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