Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug zunächst eine bewegte Politiker-Karriere ein. Weltberühmt wurde er als Schriftsteller, 'Kain und Abel' war sein Durchbruch. Mittlerweile zählt Jeffrey Archer zu den erfolgreichsten Autoren Englands. Seine historischen Reihen 'Die Clifton-Saga' und 'Die Warwick-Saga' begeistern eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London, Cambridge und auf Mallorca.
2
Florentynas Taufe blieb allen Anwesenden unvergesslich – außer Florentyna, die die gesamte Zeremonie verschlief. Nach der Taufe in der Holy Name Cathedral in North Wabash begaben sich alle hundert geladenen Gäste ins Stevens Hotel, wo Abel einen Saal gemietet hatte. George Novak, sein bester Freund und ebenfalls Pole, der auf der Überfahrt im Stockbett über ihm geschlafen hatte, war Taufpate und eine von Zaphias Cousinen, Janina, Taufpatin.
Die Gäste vertilgten ein traditionelles polnisches Abendessen mit zehn Gängen, darunter Piroggen und Bigos. Abel saß am Kopfende der Tafel und nahm im Namen seiner Tochter Geschenke entgegen, unter anderem eine silberne Klapper, amerikanische Sparbriefe, eine Ausgabe von Huckleberry Finn und, als schönstes Geschenk, einen antiken Smaragdring von Abels unbekanntem Gönner. Abel hoffte, dass sein Geschenk dem Mann ebenso viel Freude bereitete wie seiner Tochter. Abel schenkte Florentyna zur Feier des Tages einen riesigen Teddybär mit roten Knopfaugen.
»Er sieht aus wie Franklin D. Roosevelt«, meinte George und hielt den Bären hoch. »Das verlangt eine zweite Taufe – F. D. R.«
Abel hob das Glas und prostete dem Bären zu: »Mr. President.« Er behielt den Namen.
Um drei Uhr morgens war das Fest schließlich zu Ende, Zaphia hatte Florentyna da schon längst heimgebracht. Abel musste sich einen Wäschewagen des Hotels ausleihen, um alle Geschenke nach Hause zu transportieren. George winkte ihm nach, als er, den kleinen Wagen vor sich herschiebend, den Lake Shore Drive hinaufwanderte.
Der glückliche Vater pfiff vor sich hin und rief sich jeden Moment dieses wundervollen Abends noch einmal ins Gedächtnis. Erst als Mr. President zum dritten Mal vom Wagen fiel, merkte er, wie schwankend sein Gang war. Er hob den Bären auf und wollte ihn wieder auf den Geschenkhaufen setzen, als eine Hand seine Schulter berührte. Abel drehte sich empört um, bereit, Florentynas erste Besitztümer mit seinem Leben zu verteidigen. Er sah in das Gesicht eines jungen Polizisten.
»Vielleicht können Sie mir erklären, warum Sie um drei Uhr morgens einen Wäschewagen des Stevens Hotels den Lake Shore Drive lang schieben?«
»Allerdings, Herr Inspektor«, erwiderte Abel.
»Beginnen wir mit dem Inhalt der Pakete.«
»Abgesehen von Franklin D. Roosevelt habe ich keinen Schimmer.«
Auf der Stelle wurde Abel wegen Diebstahlverdachts verhaftet.
Während die Empfängerin der Geschenke im Kinderzimmer des Hauses an der Rigg Street friedlich unter ihrer roten Daunendecke schlummerte, verbrachte der Vater im lokalen Gefängnis eine schlaflose Nacht auf einer alten Rosshaarmatratze. Frühmorgens erschien dann George, um Abels Geschichte zu bezeugen.
Immer weniger gern verließ Abel Chicago und seine geliebte Florentyna, aus Angst, ihre ersten Schritte, ihr erstes Wort, ihr erstes Sonstwas zu verpassen. Seit dem Tag ihrer Geburt hatte er ihren Tagesablauf überwacht und verboten, dass im Haus Polnisch gesprochen wurde.
Sie sollte nicht den geringsten polnischen Akzent bekommen, der ihr im Umgang mit Gleichaltrigen vielleicht hinderlich werden könnte.
Ungeduldig wartete Abel auf Florentynas erstes Wort und hoffte, es würde Papa sein, während Zaphia Angst davor hatte, weil sie, wenn sie mit ihrer Tochter allein war, trotz des Verbots Polnisch mit ihr sprach.
»Meine Tochter ist Amerikanerin«, hatte Abel seiner Frau erklärt, »und muss deshalb Englisch sprechen. Viel zu viele Polen unterhalten sich auch weiterhin in ihrer Sprache, mit dem Resultat, dass ihre Kinder den Rest ihres Lebens im Nordwesten von Chicago zubringen, als dumme Polacken bezeichnet und von allen verspottet werden.«
»Aber nicht von ihren Landsleuten, die dem polnischen Reich immer noch eine gewisse Treue halten«, ergriff Zaphia ihre Partei.
»Dem polnischen Reich? In welchem Jahrhundert lebst du eigentlich, Zaphia?«
»Im zwanzigsten«, erwiderte sie mit erhobener Stimme. »Und für jemanden, dessen größter Wunsch es ist, als erster amerikanischer Botschafter nach Warschau geschickt zu werden, hast du eine merkwürdige Einstellung.«
»Ich habe dir gesagt, nie darüber zu reden, Zaphia. Nie.«
Zaphia, deren Englisch hoffnungslos fehlerhaft blieb, antwortete nicht, beklagte sich jedoch später bei ihren Cousinen und sprach, wann immer Abel nicht zu Hause war, weiter Polnisch. Dass der Umsatz von General Motors größer war als das Budget Polens, wie sie so oft von ihm zu hören bekam, beeindruckte sie nicht im Mindesten.
1935 war Abel überzeugt, dass Amerika das Schlimmste hinter sich hatte und die Depression der Vergangenheit angehörte. Er fand es daher an der Zeit, auf dem Grundstück des alten Richmond Continental ein neues Chicago Baron Hotel zu errichten. Er beauftragte einen Architekten und verbrachte jetzt mehr Zeit in der »Windy City«, statt ständig unterwegs zu sein. Das Hotel sollte das schönste im ganzen Mittleren Westen werden.
Im Mai 1936 war das Chicago Baron fertig und wurde von dem demokratischen Bürgermeister Edward J. Kelly eröffnet. Auch beide Senatoren von Illinois zeigten sich, denn Abels aufstrebende Macht war ihnen nicht entgangen und hatte sie tief beeindruckt.
»Sieht nach einer Million gut investierter Dollar aus«, bemerkte Senator J. Hamilton Lewis.
»Ihre Schätzung ist ganz gut«, entgegnete Abel, während der Senator die dicken Teppiche, die hohen Stuckdecken und die in hellen Grüntönen gehaltenen Dekorationen bewunderte. Das i-Tüpfelchen bildete das dunkelgrüne »B« auf allem, von den Handtüchern in den Badezimmern bis hin zur Fahne, die auf dem Dach des zweiundvierzigstöckigen Gebäudes wehte.
»Dieses Hotel trägt bereits den Stempel des Erfolges«, erklärte Hamilton Lewis in seiner Ansprache den zweitausend versammelten Gästen, »denn, meine Freunde, es ist nicht das Gebäude, sondern sein Erbauer, der immer als Chicago-Baron bekannt sein wird«.
Abel strahlte über den aufbrausenden Beifall und musste grinsen. Diesen Satz hatte seine PR-Abteilung dem Redenschreiber des Senators vor einigen Tagen zukommen lassen.
Abel begann, sich wohlzufühlen unter all den bekannten Geschäftsleuten und älteren Politikern. Zaphia hingegen hielt mit dem neuen Lebensstil ihres Mannes nicht Schritt. Sie blieb unsicher im Hintergrund, trank ein wenig zu viel Champagner und schlich sich schließlich noch vor dem Dinner mit der schwachen Ausrede davon, sie wolle nachsehen, ob Florentyna schlafe. In kaum verhohlenem Ärger begleitete Abel seine schweigende Frau zur Drehtür. Zaphia interessierte sich weder für seinen Erfolg noch legte sie Wert darauf.
Sie zog es vor, seine neue Welt zu ignorieren. Obwohl sie wusste, wie sehr Abel ihre Haltung verstimmte, konnte sie sich, als er sie in ein Taxi setzte, nicht verkneifen zu sagen: »Beeil dich nicht, nach Hause zu kommen.«
»Bestimmt nicht«, sagte er und versetzte der Drehtür einen so heftigen Stoß, dass sie sich noch eine Weile weiterdrehte, nachdem er sie verlassen hatte.
Im Hotelfoyer wartete Stadtrat Henry Osborne auf ihn.
»Das muss der Höhepunkt Ihres Lebens sein«, bemerkte er.
»Höhepunkt? Ich bin gerade mal dreißig geworden«, erwiderte Abel.
Ein Blitzlicht flammte auf, als er einen Arm um die Schulter des groß gewachsenen, gut aussehenden Politikers legte. Abel lächelte dem Kameramann zu, genoss es, als bekannte Persönlichkeit behandelt zu werden, und sagte gerade so laut, dass es die Umstehenden hören konnten: »Ich werde Baron-Hotels rund um den Erdball errichten. Ich habe vor, in Amerika das zu werden, was César Ritz für Europa war. Immer wenn ein Amerikaner verreisen muss, soll er ein Baron als sein zweites Zuhause betrachten.«
Der Stadtrat und Abel schlenderten zusammen in den Speisesaal, und als sie außer Hörweite waren, fügte Abel hinzu: »Essen Sie morgen mit mir zu Mittag, Henry. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen.«
»Mit dem größten Vergnügen, Abel. Ein einfacher Stadtrat hat immer Zeit für den Chicago-Baron.«
Beide lachten herzlich, obwohl keiner von ihnen die Bemerkung besonders komisch fand.
Wieder wurde es ein langer Abend für Abel. Als er nach Hause kam, ging er direkt ins Gästezimmer, um Zaphia nicht zu wecken – das behauptete er zumindest am nächsten Morgen.
Als Abel zum Frühstück in die Küche kam, saß Florentyna in ihrem hohen Kinderstuhl und schmierte sich begeistert Haferbrei ums Kinn und biss in alles, was in ihrer Reichweite war. Nachdem er seine Waffeln mit Ahornsirup gegessen hatte, stand er auf und teilte Zaphia mit, dass er mit Henry Osborne zu Mittag essen werde.
»Ich mag diesen Mann nicht«, sagte Zaphia mit Nachdruck.
»Mir ist er auch nicht sonderlich sympathisch«, erwiderte Abel.
»Aber vergiss nicht, er sitzt im Rathaus und kann eine Menge für uns tun.«
»Auch eine Menge Schaden anrichten.«
»Mach dir keine Sorgen. Stadtrat Osborne kannst du mir überlassen.« Abel gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss und wandte sich zum Gehen.
»Päsidunk«, sagte eine Stimme. Die Eltern starrten ihre Tochter an, die auf den Boden zeigte, wo der acht Monate alte Franklin D. Roosevelt auf seinem pelzigen Gesicht lag.
Abel lachte, hob den heißgeliebten Teddybär auf und setzte ihn neben Florentyna auf den Stuhl.
»Prä-si-dent«, sagte Abel ihr langsam und bestimmt vor.
»Päsidunk«, beharrte...
| Erscheint lt. Verlag | 12.3.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Kain-Serie | Kain-Serie |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Prodigal Daughter |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | Clifton-Saga • eBooks • Familiensaga • kleine geschenke für frauen • Roman • Romane • Serien • US-Präsident |
| ISBN-10 | 3-641-20777-0 / 3641207770 |
| ISBN-13 | 978-3-641-20777-9 / 9783641207779 |
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