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Das Auge (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2017
Heyne Verlag
978-3-641-17654-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Auge - Richard Laymon
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Sie sieht Dinge, die andere nicht sehen … grausame Dinge … Menschen, die sterben … Blut … Sie glaubt an ihre Visionen … Sie glaubt, dass diese Bilder reale Begenbenheiten zeigen...Morde...Vielleicht hat sie recht … vielleicht ist sie einfach nur wahnsinnig …Wer weiß?



Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.

1

Bodie rutschte und zappelte auf dem Stuhl mit der steinharten Rückenlehne herum, um irgendwie eine bequeme Sitzposition zu finden. Es war unmöglich. Das Design dieses Stuhls war zweifellos dem Hirn eines Sadisten entsprungen.

Genau wie die Musik.

Er hätte in diesem Moment im Kino sein können. Oder zu Hause in seinem Apartment, ausgestreckt in seinem gemütlichen Polstersessel, mit einem Buch in der Hand. Stattdessen saß er hier in Wesley Hall auf einem Stuhl, der seinen Hintern und sein Kreuz malträtierte wie eine Knochenmühle, und lauschte einem Streichquartett.

Die Musik plätscherte und trillerte vor sich hin.

Stinklangweilig. Doug Kershaw oder Charlie Daniels, ja, das waren Jungs, die wussten, wie man mit einer Geige umging.

Melanie würde selbstverständlich niemals auf die Idee kommen, rhythmisch mit dem Fuß aufzustampfen und mal so richtig beschwingt einen runterzufiedeln.

Sie saß dort würdevoll wie eine Leichenbestatterin, steif, den Rücken durchgedrückt, und spielte etwas, das klang wie der Soundtrack zu einem Film namens »Vier Waschlappen beim Teetrinken«.

Melanie die Melancholische.

Sie sah aus wie eine mit Selbstentleibung liebäugelnde Lyrikerin. Mager, fast so ausgemergelt wie ein Kadaver. Glattes schwarzes Haar, das bis auf die Schultern herabhing. Große dunkle, traurige Augen in einem Gesicht, das so weiß war, dass man beinahe befürchtete, die Schädelknochen hindurchschimmern zu sehen. Ein außergewöhnlich langer, bleicher, verwundbarer Hals. Und die Kropfkette natürlich – eines dieser samtenen Bänder, die sie immer um die Kehle geschlungen hatte.

Für Bodie waren ihre Kropfbänder etwas sehr Erotisches. Vor allem, wenn das alles war, was sie trug.

»Wenn ich das losbinde«, hatte er mal gefragt, »wird dann dein Kopf runterfallen?«

»Vielleicht.«

Er hatte Melanies Beine gespreizt und hinter ihren Nacken gegriffen, um das eng sitzende Band zu lösen.

»Noch nicht«, hatte sie geflüstert, die Hände um die Ohren geklammert, und dann gesagt: »Jetzt.«

Sensibel, verletzlich und ruhelos, aber nicht ohne Sinn für Humor.

Bodie veränderte seine Sitzposition. Es half ein wenig, die Beine übereinanderzuschlagen. Dieses Mal war er klug genug gewesen, einen Platz in der ersten Reihe zu wählen. Beim letzten Konzert hatte er so beengt und eingequetscht gesessen, dass ihm sogar die kleine Erleichterung, die das Kreuzen der Beine mit sich brachte, verwehrt gewesen war. Er sah auf seine Armbanduhr. Zehn vor neun. Fünfzig Minuten geschafft, siebzig noch in Aussicht. Er fragte sich, ob er es so lange aushalten konnte.

Das soeben vollendete Stück erntete leisen Applaus, und Bodie klatschte lauter als alle anderen.

Sie halten mich bestimmt für einen besonders dankbaren Zuhörer, dachte er. Und sie haben recht. Ich bin dankbar, dass es vorbei ist.

Melanie blickte ihn an. Ihre Miene blieb unverändert. Kühl, ernst und ziemlich hochmütig, wie es sich im Rahmen des Anlasses geziemte. Bodie zwinkerte.

Melanie wandte die Augen rasch ab, errötete jedoch. Die Farbe überflutete den milchigen Ton von Hals und Gesicht. Sie krümmte sich ein wenig, bevor sie den Rücken noch straffer durchdrückte, sich die Violine fest unters Kinn klemmte und steif und reglos wartete, bis die Musik wiederaufgenommen wurde.

Das neue Stück war dem letzten verdächtig ähnlich.

Und weiter geht’s. Immer weiter.

Bodies Blick streifte erneut seine Armbanduhr. Es waren erst zwei Minuten vergangen.

Keine Sorge, sagte er sich. Es wird ein Ende finden. Irgendwann. Und danach: Freiheit. Sich dehnen und strecken. Abschalten. Entspannen. Einen netten langen Spaziergang zu Sparkey’s. Eine Salami-Pizza, einen Riesenkrug Bier. Erleichterung.

Du musst nur noch bis zehn Uhr durchhalten.

Gibt es wirklich Menschen, die solche Musik genießen?, überlegte er. Der Saal war ziemlich voll. Ausgeschlossen, dass es sich bei sämtlichen Anwesenden um Geliebte, Verwandte oder Freunde der Künstler handelte. Nun ja, viele waren Studenten und Dozenten von der Musikabteilung. Sie werden es wahrscheinlich einfach wegschlucken, genauso wie Melanie …

Sie zuckte, als hätte ihr jemand von hinten einen Tritt verpasst, doch in ihrem Rücken war niemand. Sie warf sich die Arme vors Gesicht. Die Geige plumpste ihr in den Schoß. Der Cellist zu ihrer Linken wich der Spitze ihres durch die Luft fliegenden Bogens aus. Sie gab keuchende Würgegeräusche von sich. Die Geige fiel zu Boden, während ein krampfartiges Zittern ihren Körper erschütterte.

Bodie sprang auf und rannte zu ihr hinüber.

Ein Anfall?

Herzinfarkt? Epilepsie?

Stolpernd kam er direkt vor Melanie zum Stehen, achtete darauf, nicht auf die Violine zu treten, und packte ihre Handgelenke. Ihre stockstarren Arme zuckten in seinem Griff, als würden Stromstöße hindurchgejagt.

»Melanie!«

Sie reagierte nicht auf seine Stimme.

Er zwang ihre Arme nach unten und hielt sie gegen die Seiten ihres wild zuckenden Körpers gedrückt. Ihr Gesicht war wenige Zentimeter vor seinem – verzerrt und grau, die Augen so verdreht, dass nur das Weiße darin zu sehen war. Ihre Zunge hing schlaff aus dem Mund. Speichel tropfte ihr Kinn hinab. Ihr pfeifender Atem wehte Bodie heiß ins Gesicht.

Jemand lief in ihn hinein. Er begriff, dass sie von einer Menschentraube umgeben waren. Die Leute murmelten, manche stellten Fragen, andere äußerten lautstark Ratschläge.

»Zurück!«, blaffte er.

Er hatte Angst. Noch nie hatte er solche Angst gehabt. Melanie sah aus, als würde sie umgebracht – von innen in Stücke gerissen oder durch Elektrizität hingerichtet.

»Sanitäter«, sagte eine Stimme hinter ihm. »Ich rufe die Sanitäter.«

»Ja, schnell!«, schrie Bodie.

Melanies Stuhl lehnte sich plötzlich nach hinten, als sie die Füße gegen den Boden stemmte. Bodie zog an ihren Armen. Der Stuhl kippte mit einem dumpfen Poltern um, und sie schlingerte ihm entgegen. Bodie wurde aus dem Gleichgewicht gebracht und taumelte rückwärts. Irgendjemand versuchte ihn aufzufangen, schaffte es jedoch nicht. Er stürzte zu Boden, mit Melanie über sich. Ihre Stirn zertrümmerte sein Nasenbein.

Mit einem Mal hörte das Beben auf, und die Starre wich aus ihren Gliedern. Sie lag reglos da. Bodie schmeckte Blut und spürte, wie es seine Kehle hinabrann und sich über seine Oberlippe und Wangen ergoss. »Bist du in Ordnung?«, fragte er.

Melanie schüttelte den Kopf. »Ich muss nach Hause«, nuschelte sie. Sie sah zu der Menge auf, die sich um sie geschart hatte. »Tut mir leid«, sagte sie und brach in Tränen aus.

Sie versicherte allen, dass sie beide wieder einigermaßen in der Spur waren. Den Sanitätern hatte man vorläufig noch nicht Bescheid gegeben. Bodie schlug ein Angebot, sie zum Krankenhaus zu fahren, aus. Er hielt ein Taschentuch auf die Nase gepresst und erklärte, er würde Melanie selbst zur Kontrolluntersuchung ins Krankenhaus bringen. Sie nickte. Ihre Augen waren stark gerötet, aber sie weinte nicht mehr. »Wir werden schon klarkommen«, sagte sie. »Vielen Dank. Ihnen allen herzlichen Dank für Ihre Anteilnahme.«

Ein Mitglied des Streichquartetts brachte Melanie ihren Instrumentenkoffer. »Ist alles drin«, versicherte ihr das Mädchen. »Deiner Geige geht es bestens.«

Ein paar Leute aus dem Pulk blieben an ihrer Seite, als sie den Zuhörerraum verließen – sie äußerten Mitgefühl oder aufmunternde Worte, stellten Fragen, waren bereit, bei einem Rückfall zu helfen. Professor Trueblood, der Leiter der Musikabteilung, ging ihnen voraus und öffnete die Türen. »Mein Wagen steht direkt da hinten. Ich werde Sie zur Notaufnahme fahren, darauf bestehe ich«, sagte er.

»Wirklich, mir geht es gut«, erklärte Melanie ihm. »Trotzdem besten Dank. Ich bin in Ordnung.«

»Ich kümmere mich um sie«, sagte Bodie durch sein vollgesogenes Taschentuch.

»Sie haben selbst eine gewisse Zuwendung nötig, junger Mann.«

»Ich komme schon klar.«

Professor Trueblood beobachtete vom Eingang zu Wesley Hall aus, wie sie die Betonstufen hinabeilten. Als sie seinem Blickfeld entschwunden waren, gingen sie langsam nebeneinander her.

Schweigend liefen sie durch die warme Nacht. Dann fragte Melanie: »Wie geht’s deiner Nase?«

»Sie wird’s überleben.« Er schniefte. »Ich glaube, das Bluten hat aufgehört.«

»Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe.«

»Es ist nichts.« Er sah sie an. »Magst du mir erzählen, was passiert ist?«

»Oh, Bodie«, flüsterte sie. Sie schlang den Arm um seinen Rücken und ließ ihre kleine warme Hand auf seiner Hüfte ruhen. »Es ist etwas furchtbar...

Erscheint lt. Verlag 11.9.2017
Übersetzer Sven-Eric Wehmeyer
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel Alarms (AT)
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Horror
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Doctor Strange • eBooks • Horror • Stephen King • Thriller • Visionen
ISBN-10 3-641-17654-9 / 3641176549
ISBN-13 978-3-641-17654-9 / 9783641176549
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