Herrin der Dämmerung (eBook)
Blanvalet Taschenbuch Verlag
978-3-641-16648-9 (ISBN)
Die promovierte Historikerin Sherrilyn Kenyon schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr und ist mittlerweile eine der erfolgreichsten Autorinnen weltweit. Unter ihrem Pseudonym Kinley MacGregor veröffentlichte sie höchst erfolgreich Highland-Sagas. Doch vor allem mit ihren Dark-Hunter-Romanen begeistert sie ihre Leser und erobert seit Jahren regelmäßig Spitzenplätze der New-York-Times-Bestsellerliste. Gemeinsam mit ihrem Mann und drei Söhnen lebt Sherrilyn Kenyon in Tennessee.
Prolog
Sie würden ihn holen kommen.
Cratus stand auf dem höchsten Punkt des Olymps und betrachtete einen wunderbaren Sonnenuntergang. Die warmen Farben breiteten sich über den Horizont, während der Himmel allmählich dunkler wurde. Es erinnerte ihn an einen strahlenden Feueropal, der funkelte und blitzte. Nirgendwo war dieses Schauspiel atemberaubender anzusehen als hier oben auf dem Olymp, und er wollte es ein letztes Mal genießen, ehe er sich seiner wohlverdienten Strafe stellte.
Er würde nicht um Schonung bitten, das war unnötig. Er kannte den Zorn des Zeus besser als irgendjemand sonst, denn er war viele Jahrhunderte lang der Hammer des Zeus gewesen und hatte seine Urteile in die Tat umgesetzt.
Nun wäre er derjenige, den das Urteil traf.
»Wenn du fliehst, komme ich mit.«
Er warf einen Blick auf die kleine Gestalt seiner Schwester Nike. Seine Schwingen waren schwarz, ihre hingegen schneeweiß. Ihr dunkles lockiges Haar wurde von einem weißen Band zusammengehalten, das zu ihrem Kleid passte. Nike war die Verkörperung des Sieges und schon sein ganzes Leben lang seine Helferin.
Gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Schwester waren sie die Wächter des Zeus gewesen. Der Vater der Götter hatte seine Beschützer sogar mehr geschätzt als die eigenen Kinder. Bis Cratus eine unverzeihliche Sünde begangen hatte: Er hatte jemanden verschont, den er hätte töten sollen. Es stand ihm nicht zu, die Urteile seines Herrn zu hinterfragen, er musste nur dessen Befehle ausführen. Er begriff selbst immer noch nicht richtig, warum er es eigentlich getan hatte. Die Götter wussten, dass ihm Mitgefühl völlig fremd war.
Doch nun stand er hier, er hatte sich schuldig gemacht …
Es ist Zeit zu sterben.
Cratus seufzte schwer. »Das kann ich nicht von dir verlangen, akribos. Noch stehst du in der Gunst des Zeus, setz das meinetwegen nicht aufs Spiel. Außerdem kann niemand der Gerechtigkeit des Olymps entkommen, das weißt du so gut wie ich. Wo ich mich auch verstecke, sie werden mich überall finden.«
Nike griff nach seiner Hand und drückte sie an die Wange. »Ich weiß, warum du es getan hast, und ich achte dich dafür.«
Doch das änderte nichts an den Tatsachen.
Was geschehen war, war geschehen. Jetzt blieb ihm nichts mehr, außer die Strafe anzunehmen.
Er blicke vom Sonnenuntergang zu seiner Schwester hinüber, die an seiner Seite stand, ihr schönes Gesicht war noch immer in seine starre Handfläche geschmiegt. Seit Beginn der Zeiten war sie die Einzige, der er je wirklich vertraut hatte. Seiner Schwester mit den eindringlich blassblauen Augen. Ihr Mut und ihre Loyalität waren unvergleichlich. Für Nike würde er absolut alles tun.
Aber er mochte sie nicht opfern, nur weil er sich so dumm verhalten hatte.
»Bleib hier oben, wo du sicher bist.«
Sie packte seine Hand noch fester. »Ich möchte lieber bei dir sein, Bruder. Bis zum Ende, so wie immer.«
Er strich ihr zärtlich über die Wange, dann ließ er die Hand sinken und blickte zum Fuß des Berges, wo die Tempel der Götter wie mit Edelsteinen besetzte Eier in Nestern von immergrünem Blattwerk zu liegen schienen. »Bleib hier, Nike … bitte.«
Sie nickte, aber er sah den Widerwillen in ihren Augen. »Nur, weil du es bist.«
Cratus reichte Nike seinen goldenen Helm als Erinnerung an die Schlachten, die sie gemeinsam geschlagen hatten, und küsste sie auf die Stirn. Dann ging er den Berg hinunter auf die Halle der Götter zu. Sein getriebener Schild wog genauso schwer wie sein Gewissen, und er lehnte sich auf seinen mächtigen Speer wie auf einen Wanderstecken.
Nike blieb zurück, wie sie es versprochen hatte, aber er spürte, dass ihr Blick auf ihm ruhte, als er davonging. Ihr Angebot, mit ihm zusammen zu fliehen, ging ihm durch den Kopf. Aber es lag nicht in seiner Natur, vor etwas davonzulaufen. Er war ein Krieger: Kämpfen war alles, was er konnte, und alles, wofür er lebte.
Er würde bis zum bitteren Ende kämpfen.
Mehr noch, er würde seinen Feinden nicht die Befriedigung gönnen, ihn in Ketten vor Zeus zu zerren. Er hatte sein ganzes Leben lang auf eigenen Füßen gestanden, und genau so würde er auch sterben.
Allein und ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne Bettelei und ohne Furcht.
Das war wirklich ein passendes Ende. Er hatte im Namen des Zeus so viele Leben eiskalt beendet – was jetzt kam, wäre seine Buße.
Er blieb vor den Türen stehen, die zur Versammlung der Götter führten. In diesen Raum war er schon hunderttausend Mal getreten.
Heute wäre es das letzte Mal.
Mit hoch erhobenem Kopf stieß er die riesigen goldenen Türen auf, sofort schlug ihm gebannte Stille aus der Halle entgegen, wo alle den Atem anhielten und darauf warteten, wie Zeus ihn bestrafen würde.
Der Göttervater stand ganz still vor seinem Thron und blickte dunkel und bedrohlich. Cratus’ Blick schweifte hinüber zur rechten Seite des Podestes, wo jahrhundertelang sein Platz gewesen war.
Das war er nun nicht mehr.
Er holte tief Luft, um sich Mut zu machen, und ließ noch auf der Türschwelle seinen Schild fallen. Der hohle, metallische Klang hallte laut in der Stille wider. Genauso leer und hohl war es auch in seinem Herzen.
Noch immer regte sich niemand.
Nicht einmal das Gewand einer Göttin raschelte.
Cratus hielt seinen Blick entschlossen auf Zeus gerichtet, hob den Speer über die Schulter und warf ihn mit solcher Kraft, dass er über dem Kopf von Zeus in der Wand stecken blieb – eine letzte Herausforderung, bei der jeder Gott im Saal erschrocken nach Luft schnappte.
Cratus zog sein Schwert, hielt es hoch über den Kopf und warf es Ares vor die Füße. Als Nächstes legte er Köcher und Bogen ab und reichte sie Artemis. Mit jedem Schritt, den er auf Zeus zu tat, zog er einen weiteren Teil seiner Rüstung aus und ließ ihn auf den Marmorboden fallen, wo er laut aufschlug. Zuerst seine Armschienen, dann die Beinschienen, seinen Harnisch und zum Schluss den Waffengurt.
Als er bei Zeus ankam, trug Cratus nur noch seinen braunen Lendenschurz. Er zog seine Schwingen ein und senkte den Kopf als Zeichen der stillen Unterwerfung vor dem König der Götter.
Zeus stieß einen lauten Fluch aus, dann zog er einen Blitz aus seinem leuchtenden Köcher und schleuderte ihn Cratus mitten ins Gesicht.
Auge und Wange explodierten in pochendem Schmerz. Cratus bedeckte das Gesicht mit der Hand und spürte, wie warmes Blut zwischen seinen Fingern aus der Wunde strömte.
»Wie kannst du es wagen herzukommen, nach allem, was du getan hast! Niemand fordert mich so heraus!«
Der nächste Schlag warf Cratus um und ließ ihn über den Boden schlittern. Der kalte Marmor riss ihm die Haut auf und prellte seine Muskeln.
Neben den Füßen von Apollo blieb er liegen. Der schaute voller Verachtung auf ihn hinunter und grinste spöttisch, dann wich er zurück und trat aus der Schusslinie des Zeus.
Cratus wischte sich das Blut von der Wange, das von seinem Gesicht zu Boden tropfte, dann rappelte er sich hoch.
Aber er kam nicht weit.
Zeus stellte ihm den Fuß auf den Rücken und drückte ihn wieder hinunter, sodass er auf dem Bauch lag. »Du hast dich meinem Befehl widersetzt. Du sollst mich um Gnade anbetteln.«
Cratus schüttelte den Kopf. »Ich bettle nicht.«
Zeus drehte ihn mit einem Tritt auf den Rücken und schleuderte einen Blitz durch seine Schulter, der ihn an den Boden nagelte. Cratus spürte den durchdringenden Schmerz bei jedem Herzschlag und schrie laut auf.
»Du frecher Hund. Selbst jetzt wagst du es noch, mich herauszufordern?«
»Ich werde nicht …« Seine Worte gingen in ein Knurren über, als Zeus weitere Blitze auf ihn schleuderte, zuerst in seine Seite und dann in die andere Schulter.
Zeus verzog den Mund und trat zurück. Er ließ seinen gebieterischen Blick über die versammelten Götter gleiten. »Ist einer unter euch, der für diesen aufsässigen Wurm eintreten will?«
Mit dem unverletzten Auge schaute Cratus die Seinen an.
Einer nach dem anderen wandte sich ab: Hera, Aphrodite, Apollo, Athene, Artemis, Ares, Hephaistos, Poseidon, Demeter, Helios, Hermes, Eros, Hypnos … und alle anderen. Aber diejenigen, bei denen es wirklich schmerzte, waren seine Mutter, sein Bruder Zelos und seine Schwester Bia.
Sie traten zurück und schauten weg, Scham lag auf ihren Gesichtern.
So sei es denn.
Im Herzen wusste er, dass Nike für ihn eingetreten wäre. Aber sie hatte getan, worum er sie gebeten hatte, und war der Versammlung ferngeblieben.
Zeus durchbohrte ihn mit einem weiteren Blitz, der wahrscheinlich auch geschmerzt hätte, wenn sein Körper noch in der Lage gewesen wäre, Schmerz zu empfinden. »Es scheint ganz so, als wärst du hier allen egal.«
Na, so eine Überraschung! Cratus lachte und spuckte Blut, als er sich an den Tag erinnerte, an dem er Hephaistos gezwungen hatte, Prometheus als Strafe für alle Ewigkeit an einen Felsen zu schmieden. Der Gott war unwillig gewesen, seine Befehle auszuführen, und hatte Cratus als mitleidslos beschimpft, weil er darauf bestanden hatte, dem herzlosen Gebot des Zeus müsse unbedingt Folge geleistet werden.
Cratus hatte sich damals über das lächerliche Mitgefühl des Hephaistos lustig gemacht. Er hatte dem Gott gesagt, es sei besser, der Strafende zu sein als das Opfer.
Jetzt war er also an der Reihe. Kein Wunder, dass niemand für ihn...
| Erscheint lt. Verlag | 17.7.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Dark Hunter-Serie |
| Übersetzer | Larissa Rabe |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Dream Warrior (Dark Hunter 17) |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | All Age • Dark Hunter • eBooks • Fantasy • Liebe • Romantasy • Romantik • Urban Fantasy |
| ISBN-10 | 3-641-16648-9 / 3641166489 |
| ISBN-13 | 978-3-641-16648-9 / 9783641166489 |
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