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Das Licht der Insel (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2017
397 Seiten
Penguin Verlag
978-3-641-21861-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Licht der Insel - Jean E. Pendziwol
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Eine kraftvolle Familiensaga vor der spektakulären Kulisse des Lake Superior
Elizabeth und ihre Zwillingsschwester Emily wachsen in der rauen Einsamkeit des Lake Superior auf. Ihr Vater ist Leuchtturmwärter auf Porphyry Island, einer kleinen, sturmumtosten Insel. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich, obwohl Emily nicht spricht - doch sie hat ein bemerkenswertes Gespür für Tiere, und sie malt wunderschöne Pflanzenbilder. Ihr Bruder Charles fühlt sich für die Schwestern verantwortlich. Doch dann setzt ein schreckliches Ereignis der Idylle für immer ein Ende ...

Siebzig Jahre hat Elizabeth nicht mit ihrem Bruder gesprochen, als am Ufer des Sees Charles' Boot angespült wird. Von ihm fehlt jede Spur, doch sie weiß, dass es nur einen Ort gibt, zu dem er unterwegs gewesen sein kann. Nur was hat ihn nach all den Jahren dazu gebracht, nach Porphyry zurückzukehren?

Jean Pendziwol, geboren 1965 in Ontario, Kanada, hat bereits acht Kinderbücher veröffentlicht, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie hat drei erwachsene Kinder und lebt noch heute in ihrer Heimatstadt am Ufer des Lake Superior. 'Das Licht der Insel' ist ihr erster Roman.

8

Morgan

Es ist nach Mitternacht. Ich ziehe den Geigenkasten unter meinem Bett hervor. Er sieht aus, als ob er durch die Hölle gegangen ist, und der Griff wird von einem schwarzen Klebeband zusammengehalten. Ich habe ihn seit Monaten nicht mehr geöffnet, aber ich kenne jedes Detail, jede Wölbung des Korpus, die Position jedes Wirbels, die Anzahl der Haare auf dem Bogen.

Ich lege das Instrument neben mich und ziehe die Papiere heraus, die ich vor Jahren gefunden habe, versteckt unter dem Futter des Kastens. Es sind Bleistiftzeichnungen von Vögeln und Insekten, und sie sehen so echt aus, als ob sie von der Seite fliegen könnten. Und doch sind sie zugleich anders als alles, was ich je zuvor gesehen habe. Ich habe sie studiert, sie gezeichnet, von ihnen geträumt und sie wieder gezeichnet, aber ich habe sie niemandem gezeigt. Sie gehören mir. Ich sehe sie gern an, wenn ich einsam bin.

Ich breite sie um mich herum auf dem Bett aus, und die mit dem Raben springt mir ins Auge. Er hockt auf einem verwesenden Tier, einem Reh, vielleicht getötet von einem Rudel Wölfe.

Ich zupfe an den Saiten der Geige und nehme mir vor, Harz auf die trockenen, vergessenen Haare auf dem Bogen aufzutragen. Heute Abend ist anders. Heute Abend ruft mich das Instrument, und ich antworte mit einem Seufzer und klemme es mir unters Kinn, halte es dort, während ich es stimme. Ich hebe den Bogen, und dann lasse ich ihn auf die Saiten sinken. Er beginnt zu tänzeln.

Die Töne kommen zunächst langsam, erinnern sich, doch allmählich bauen sie sich auf, und die Musik kommt eher aus meinem Inneren als aus der Bewegung meiner Finger und des Bogens auf den Saiten. Für dieses Stück benötige ich keine Noten. Es ist eines, das ich auswendig gelernt habe und das wir oft zusammen gespielt haben: Ich stand mit meiner kleinen Geige neben seinem Sessel im Wohnzimmer und betrachtete mit weit aufgerissenen Augen die Art, wie er seinen Bogen hielt, die Art, wie er sich zu dem Rhythmus wiegte. Er spielte das wunderschöne Instrument, das jetzt meine Musik trägt.

»Du hast Talent, Morgan«, sagte er lächelnd zu mir, sichtlich erfreut. »Die Musik hat dich erwählt.«

Gott, ich vermisse ihn! Es ist sechs Jahre her. Fühlt sich länger an.

Ich wechsele zu einem Reel über. Das ist fröhlicher. Er hat mich Bach und Mozart lernen lassen, aber er mochte Folkmelodien am liebsten, und ich auch. Sobald ich mit meinen Tonleitern fertig war und Fingersätze und Dynamik geübt hatte, fiedelten wir. Sein Fuß klopfte auf den Boden, und das Tempo nahm immer mehr zu, bis ich schließlich aufhören musste und ihm nur noch beim Spielen zusehen konnte. Ich kann seine Augen sehen, von Lachfältchen umrahmt, wenn ich versuchte, ihn nachzuahmen.

Er war genug. Wir beide brauchten niemanden sonst. Wir aßen Kartoffeln und Dosensuppe und Fische, die er im Nipigon River selbst fing. An dunklen Winterabenden saßen wir nah beim Feuer, und er erzählte mir Geschichten von Schiffbrüchen auf dem Lake Superior und von den Jahren, die er damit zubrachte, mit seinem Kumpel Jim in der Black Bay zu fischen. Und manchmal, wenn der Wind durch die Ritzen in den Wänden kroch und eisigen Schnee gegen die Fenster trieb, trank er Whiskey aus einem alten, verbeulten Becher und redete von meiner Mutter. »Sie hat dich geliebt, Morgan«, sagte er zu mir, sein Akzent schwerer, je mehr er trank. »In gewisser Weise hat sie mich an deine Großmutter erinnert. Sie war wie der Wind. Unberechenbar. Frei. Wusste nie, was ich von ihr erwarten sollte. Den Wind kann man nicht festbinden, Morgan. Er tanzt, wo es ihm gefällt.« Und dann nahm er einen großen Schluck und erzählte mir, dass meine Mutter gekämpft hatte. Sie hatte so hart gekämpft, aber sie war nicht stark genug gewesen, und der Wind hatte sie fortgetragen. Ich war noch ein Baby, als sie starb.

Ich erinnere mich nicht an sie, und ich habe sie nicht vermisst. Nicht damals. Er war genug.

Bis zu dem Tag, an dem ich von der Schule nach Hause kam und ihn in seinem Sessel sitzend fand. Er saß einfach nur da und starrte mit offenen Augen auf Jeopardy! im Fernsehen, während der Teekessel auf dem Herd trocken kochte, sodass das ganze Haus nach heißem Metall roch und ein beißender Dunst in der Luft lag.

Anfangs tat ich nichts, außer Geige zu spielen. Redete nicht. Aß nicht.

Die Kinder in dem ersten Haus, in dem ich lebte, machten sich über mich lustig, rissen mir meinen Bogen weg, tanzten herum und riefen im Sprechgesang: »Morgan kann nicht reden! Morgan kann nicht reden!«, bis meine Pflegemom dafür sorgte, dass sie aufhörten. Sollen sie doch sagen, was zum Teufel sie wollen, dachte ich. Ich hörte ihn durch die Musik zu mir sprechen. Das war alles, was mir etwas bedeutete.

Ich war drei Jahre dort. Meine Sozialarbeiterin fand eine Möglichkeit für mich, Musikstunden zu nehmen, und jede Woche ging ich zur Musikschule, um bei einer dicken Nonne zu lernen, die immer dasselbe schweißbefleckte schwarze Kleid trug und nach Lakritze roch. Sie ließ mich Mozart spielen, während ich immer nur seine Songs spielen wollte. »Du hast Talent«, sagte sie, und die Schweißflecken wurden größer und dunkler, je frustrierter sie von mir wurde. »Du hast die Verantwortung, zu lernen! Du musst üben und dich konzentrieren!«

Aber die Geige scheint seine Lieder am liebsten zu mögen. Sie leben in dem Holz und in den Hohlräumen und hallen in meinem Herzen wider. Als das Erinnern allzu schmerzlich wurde, hörte ich einfach auf zu spielen. Irgendwann fand ich meine eigene Stimme wieder. Offenbar hat sie mir im Allgemeinen Ärger eingebracht. Sobald ich auf die Highschool kam, wurde ich in ein anderes Haus verlegt, zu Eltern, die ältere Kinder aufnahmen. Nur vorübergehend, sagten sie, bis sie eine Familie für mich finden könnten. Ich wusste es besser. Ich wusste, wie das System funktionierte. Dort draußen war keine Familie für mich. Ein paar Jahre später landete ich hier, bei Laurie und Bill. Nur vorübergehend. Ich verstehe schon.

Ich denke an die alte Frau im Altersheim Boreal. Die Art, wie sie in diesem Rollstuhl saß. Ihr weißes Haar und ihre wettergegerbte Haut. Und diese Augen. Diese Augen, die nicht sehen können und mir doch irgendwie das Gefühl gaben, als würde sie genau durch mich hindurchsehen. Irgendetwas in diesen Augen sorgt dafür, dass ich mich erinnern will.

Die Tür schwingt auf, und das Licht geht an.

»Was zum Teufel tust du hier eigentlich, Arschgesicht? Ein paar von uns müssen in ein paar Stunden aufstehen. Das klingt ja, als ob du hier drinnen Katzen umbringst! Herrgott noch mal, GIB VERDAMMT NOCH MAL RUHE, sonst zerbreche ich das Scheißteil!«

Das ist Caleb. Er würde gute Musik nicht einmal erkennen, wenn sie ihn ins Gesicht schlägt.

»Verpiss dich!« Ich schnappe mir meine Haarbürste und schleudere sie nach ihm, verfehle ihn und stoße stattdessen die Lampe auf meiner Kommode um. Er zeigt mir den Mittelfinger, bevor er die Tür zuknallt.

»Arschloch.«

Der Bann ist gebrochen. Ich lege die Geige zurück in ihren Kasten und lasse die Schnallen des Deckels zuschnappen. Meine Augen brennen.

Die Tür geht wieder auf, und ich bin im Begriff, Caleb richtig anzuschnauzen, als ich sehe, dass es Laurie ist. Sie steht einfach nur da, im Türrahmen, in ihren blauen Hausmantel gewickelt, und zieht den Gürtel zu, fummelt an ihm herum, als würde er sie irgendwie zusammenhalten.

»Sie haben mir gesagt, dass du spielen kannst«, sagt sie.

Ich sehe auf den ramponierten Geigenkasten, bevor ich ihn unter das Bett schiebe. Er ist meine Vergangenheit, aber er ist nicht meine Gegenwart. Und ich sehe keinen Platz dafür in meiner Zukunft. Ich gebe ihr keine Antwort. Ich sage gar nichts.

»Sie ist wunderschön«, sagt sie. »Die Musik … sie ist wirklich wunderschön.«

Die Stille zwischen uns dehnt sich aus, aber ich kann den Song noch immer hören, der im Zimmer nachhallt. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bevor sie schließlich Gute Nacht sagt, das Licht ausschaltet und die Tür leise hinter sich schließt.

Ich habe vergessen, die Bilder wegzuräumen. Ich steige vorsichtig ins Bett, damit ich sie nicht durcheinanderbringe, und lege mich darunter. Sie hüllen mich ein wie eine Quiltdecke.

Marty sieht mich an. Wasser tropft an mir hinunter und sammelt sich um Calebs Arbeitsstiefel in Pfützen auf dem Fliesenboden. »Zu nass heute zum Streichen.«

Was du nicht sagst.

Ich habe meine Geige mitgenommen. Ich nehme sie jetzt überallhin mit; ich traue diesem kleinen Stück Scheiße Caleb nicht, dass er die Finger davon lässt. Marty zeigt auf das Regal und sagt mir, dass ich mein Zeug dorthin legen soll, und dann reicht er mir einen Mopp, einen dieser großen, die man zum Staubwischen der Böden verwendet. »Fahr damit die Flure auf und ab. Sobald wir gefegt haben, wischen wir sie feucht.«

In den paar Tagen, die ich beim Altersheim Boreal war, habe ich noch nicht viel Zeit drinnen verbracht. Es ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, nicht wie ein Krankenhaus oder eine Einrichtung. Ich schätze, so wie hier ist es nur für alte Leute, die Geld für das Beste von allem haben. Es ist y-förmig angelegt, mit dem Haupteingang und einem Sitzbereich am unteren Ende. Auf einer Seite sind Büros, darunter das von Anne Campbell, examinierte Krankenschwester, Geschäftsführerin. Auf der anderen Seite ist ein Essbereich, und ich kann die Geräusche einer Küche hören. Martys Büro befindet sich in einem kleinen Flur nicht weit von der Küche, nah bei den ganzen mechanischen Anlagen wie dem Boiler und der Klimaanlage. Ich war im linken Arm des Y, als ich vor ein paar...

Erscheint lt. Verlag 16.10.2017
Übersetzer Veronika Dünninger
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel The Lightkeeper's Daughters
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte eBooks • Familiensaga • Generationenroman • Kanada • Lake Superior • Lucinda Riley • See • Tagebücher • zwei Zeitebenen
ISBN-10 3-641-21861-6 / 3641218616
ISBN-13 978-3-641-21861-4 / 9783641218614
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