Licia Troisi, 1980 in Rom/Ostia geboren, ist eine der bekanntesten Fantasyautorinnen weltweit. Ihr Zyklus um die DRACHENKÄMPFERIN wurde ein internationaler Bestseller. Seitdem kann die Autorin mit dem Schreiben nicht mehr aufhören. Ihrer ersten großen Saga folgten DIE SCHATTENKÄMPFERIN und DIE FEUERKÄMPFERIN sowie DRACHENSCHWESTER und NASHIRA. Licia Troisi ist verheiratet und hat eine Tochter.
Prolog
Zehn Jahre zuvor
Myra stürzt zu Boden und schürft sich die Hände auf. Die Versuchung, einfach liegen zu bleiben, ist groß, aber sie darf ihr nicht nachgeben. Eine unbekannte Kraft befiehlt ihr aufzustehen und weiterzufliehen. Sie muss, sie muss überleben.
So rappelt sie sich hoch und rennt wieder los. Eine Schulter schmerzt höllisch, ihr Blick verschleiert sich, aber sie läuft weiter. Doch sie will sich nicht nur in Sicherheit bringen. Wenn sie nur schnell genug läuft, kann sie vielleicht alles, was passiert ist, hinter sich lassen und ungeschehen machen: Tallia, reglos in der großen Blutlache am Boden, den Mann mit dem Dolch in der Brust, den erloschenen Blick ihres Vaters.
Vor allem den Blick ihres Vaters.
Wieder stolpert sie und stürzt, ihr Atem rast. Sie ist am Ende ihrer Kräfte, sie kann nicht mehr. Noch einmal rafft sie sich auf, schleppt sich voran, kommt aber nur ein paar Ellen weit. Dann bleibt sie liegen. Und die raue Wirklichkeit packt sie mit aller Macht wie ein wütender, alles zerstörender Sturm.
Warum ist das passiert? Warum ausgerechnet ihr? Fadi und sie haben doch niemandem etwas getan, und dieses Stück Land mit seinen Feldern gehört ihnen. Man hat es ihnen überlassen, und vor Ajel, dem Gott der Biaswader, und den Menschen hat man es bezeugt. Aber vielleicht ist das die einzig mögliche Erklärung: Alles war zu gut. Sie hatte alles, was man sich nur wünschen kann, aber es sollte nicht sein. Sie wird bestraft, weil sie die Liebe ihres Vaters und die Sicherheit eines Zuhauses hatte. Sie hat gesündigt, indem sie glücklich war, und Glück kann gefährlich sein, weil es Neid erweckt. War nicht das der Grund, weshalb die Ersten aus ihrer Welt hinweggefegt worden waren?
Der Tag ist wunderschön, vollkommen. Sie wacht auf, als ihr der Duft von Melhaks und Kossuths, ihren Lieblingsspeisen mit viel Honig und getrockneten Früchten, in die Nase zieht und Vater mit dem Tablett in das Zimmer tritt.
»Herzlichen Glückwunsch, meine Süße«, sagt er.
Sie reckt sich hoch und umarmt ihn so stürmisch, dass er fast das Gleichgewicht verliert.
Es ist ihr Geburtstag, sie wird heute acht, und alles ist in herrlichster Ordnung. Sie lebt mit ihrem Vater Fadi in Biaswad, einem Land im Süden des Dominiums, genauer bei der Stadt Antraph, inmitten der Ebene der Fülle. Dies ist die Kornkammer des Kontinents, die einzige Gegend in dieser vereisten Welt, wo der Sommer lang und mild genug für den Ackerbau ist. Ihnen gehört ein kleines Stück Land. Der frühere Grundherr von Vater hat es ihnen geschenkt, und dort bauen sie an, was sie zum Leben brauchen. Sie sind keine Großgrundbesitzer, und Fadi lässt sich bei der Feldarbeit nur von wenigen Thyrren-Sklaven helfen. Allerdings bezahlt er sie, denn Sklaven wollte er nie halten. Ihr Leben ist einfach, aber Myra liebt es. Sie mag die Feldarbeit, liebt es, wie auf wunderbare Weise aus Samen Leben entsteht und heranwächst. Sie arbeitet gern hart. So will sie später, wenn sie groß ist, auch leben, etwas anderes kann sie sich nicht vorstellen.
Einst war Vater ein Rewadir, einer jener biaswadischen Krieger, die die Waluds führen, jene besondere Waffe mit den zwei gekrümmten Klingen, die sich zu einer zweispitzigen Lanze zusammenfügen lassen. Er spricht nicht viel über diese Zeit, nur manchmal, wenn sie zusammen trainieren.
»Heute lassen wir das Üben aber ausfallen«, sagt Myra ernst. Sie liegt noch im Bett und isst ihre Süßigkeiten.
»Myra …«, erwidert Vater.
»Bitte, heute ist doch mein Geburtstag!«
Myra hat nie verstanden, wieso es Vater so wichtig ist, dass sie den Umgang mit Waffen erlernt. Kein anderes Mädchen weit und breit tut das. Alle beschäftigen sich mit viel hübscheren Dingen, lernen nähen, singen, tanzen und anderes. Sie ist die Einzige, die jeden Nachmittag diese langweiligen Übungen absolvieren muss.
»Das tut dir gut: Es macht dich nicht nur stark, sondern auch schön«, sagt Vater immer, aber sie glaubt das nicht so recht. Die Töchter der Munaks, ihre Nachbarn und Großgrundbesitzer, denen einmal ihre Felder gehörten, üben nie mit dem Schwert und sind doch wunderschön, mit Haut wie Ebenholz und schlanken, zierlichen Körpern. Dabei stellt sie sich mit den Waffen eigentlich recht geschickt an. Sie ist flink und gelenkig und lernt auch die schwierigsten Bewegungen mit natürlicher Leichtigkeit. Es ist nur so, dass es sie einfach nicht interessiert.
Fadi stöhnt. »Gut, einverstanden.«
Myra jubelt.
»Da wäre noch diese andere Sache …«, murmelt sie.
Fadis Miene wird ernst. »Nein«, sagt er.
Myra drängelt nicht weiter. Sie schmollt nur, in der leisen Hoffnung, dass es doch etwas nützt.
Aber Vater stellt die Reste ihres Frühstücks auf das Tablett und geht einfach hinaus. So schleppt sich Myra in den Nebenraum, wo Fadi schon wartet. In der Hand hält er ein langes, sehr scharfes Messer, vor ihm steht ein Stuhl. Myra setzt sich, und er beginnt.
Es ist wie ein Ritual, das sie jeden Morgen über sich ergehen lassen muss. Fadi rasiert ihr den Schädel. Dies ist eines der Geheimnisse ihres Lebens: Obwohl sie eine Thyrren ist, wachsen ihr Haare. Alle anderen Bewohner der Insel Thyrra sind kahl. Aber auf ihrem Kopf bildet sich nachts ein Flaum, schneeweiß, wie bei den Menschen aus dem Land Albon.
Schon häufiger hat Myra versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie hat Fadi gefragt, ob ihr Erzeuger vielleicht ein Blutmagier gewesen sei. Fadi hat zwar Nein gesagt, aber nicht sehr überzeugend, wie sie fand.
»Warum muss denn mein Kopf überhaupt rasiert werden?«, fragt sie wieder, so als hätte sie das nicht schon unzählige Male getan.
»Weil die Leute dumm sind und andere ablehnen, die nicht so sind wie sie oder wie sie es gerne hätten. Du bist bereits eine Thyrren, aber keine Sklavin, stell dir nur mal vor, sie würden auch noch deine Haare sehen.« Auch diese Antwort ist immer gleich und hat sie nie zufriedengestellt.
Dennoch wehrt sich Myra nicht gegen das Rasieren. Nicht zuletzt, weil sie die Tätowierungen mag, mit denen Tallia dann ihre Kopfhaut verschönern kann: Über den Ohren hat sie ihr je einen Drachen tätowiert und in der Mitte des Kopfes ein Blumengeflecht. Natürlich würde sie sich die Haare gern einmal wachsen lassen. Der Kontrast der weißen Haare zu ihren großen blutroten Augen sähe sicher toll aus. Zumindest würde sie sich dann aus der Schar der anderen Kinder in ihrer Gegend herausheben. Es wäre schön, etwas Besonderes zu sein.
Aber so wichtig ist das auch nicht. Sie hat heute Geburtstag, und den will sie sich nicht verderben.
Der Tag verläuft in den gewohnten Bahnen, und Myra freut sich. Anstatt zu üben, lässt sie zusammen mit ihrem Vater das Wasser aus einem Reisfeld ablaufen. Das hat sie schon immer geliebt. Sie patscht mit den Füßen durch das Feld, spürt, wie das fließende Wasser ihre Knöchel umspült. Es ist Hochsommer in Biaswad, und warm streichelt die Sonne ihre Haut. In keiner anderen Gegend des Dominiums ist diese Jahreszeit so angenehm.
Am Nachmittag trifft Tallia ein.
»Komm her, meine Kleine, lass dich drücken«, sagt sie zum Geburtstagskind.
Tallia ist eine recht beleibte Thyrren, die als Sklavin im Haushalt der Nachbarn arbeitet. Myra kam sie immer schon alt vor. Vor allem aber war sie immer schon wie eine Mutter für sie. Sie hat Vater geholfen, sie aufzuziehen, war bei allen wichtigen Ereignissen dabei und darf auch heute nicht fehlen.
»Acht Jahre schon, meine Kleine! Wie schnell du groß wirst«, sagt sie gerührt.
»Ja, Tante, aber fang bitte nicht an zu weinen. Es gibt doch Wichtigeres.« Myra streckt die Hände aus. »Zum Beispiel mein Geburtstagsgeschenk.«
Tallia ziert sich, lässt sich bitten und holt schließlich hinter dem Rücken etwas hervor, ein ledernes Etui, das Myra sehr gut kennt.
»Eine neue Tätowierung!«, jubelt sie.
Tallia lächelt. »Genau auf dem Scheitel, habe ich mir gedacht, wie bei einer richtigen jungen Dame.«
»Verstehe ich das richtig?«, fragt Fadi schmunzelnd. »Du willst an deinem Geburtstag leiden?«
»Ach du, sei bloß ruhig! Du hast mir noch gar nichts geschenkt.«
»Später, später«, sagt Fadi geheimnisvoll.
Tätowiert zu werden ist tatsächlich ein wenig schmerzhaft, aber Myra hat sich daran gewöhnt. Sie war zwei, als Tallia ihr zum ersten Mal etwas eingestochen hat. Und diese neue Tätowierung macht Myra dann, als Tallia endlich fertig ist, sprachlos. Eine sich öffnende Rosenknospe, die Farben und Schatten der Blütenblätter so perfekt, dass sie verblüffend echt wirkt.
»Oh, Tante, die ist wunderbar!«, sagt Myra mit glänzenden Augen und umarmt sie stürmisch.
»Du bist wunderbar«, murmelt Tallia, wieder gerührt und stolz.
Am Abend gibt es ein festliches Essen. Tallia hat für zehn gekocht, und die Gewürze verbreiten einen berauschenden Duft. Die drei essen, bis sie fast platzen: Myra, Vater und diese Frau, die ihr so viel bedeutet, wie es nur eine Mutter...
| Erscheint lt. Verlag | 13.11.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Dominium-Reihe | Die Dominium-Reihe |
| Übersetzer | Bruno Genzler |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Le Lame die Myra - La Saga del Dominio |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | Bestsellerautorin • Drachen • Drachenkämpferin • eBooks • epische Schlachten • Fantasy • Fantasy-Epos • Feuerklingen • High Fantasy • Licia Troisi • Magie • magische Reiche • Serien |
| ISBN-10 | 3-641-21618-4 / 3641216184 |
| ISBN-13 | 978-3-641-21618-4 / 9783641216184 |
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