Ein Weihnachtslicht über Sylt (eBook)
160 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-1421-8 (ISBN)
Weihnachten auf der Insel.
Ben und Mina haben keine Mutter mehr. Mit Malte, ihrem Vater, leben sie auf Sylt. Obgleich sie sich nach einer Mutter sehnen, haben sie doch Angst davor, dass ausgerechnet die unfreundliche Nachbarin Cornelia bei ihnen einziehen könnte. Als die Kinder beobachten, wie Cornelia ihren Vater küsst, wird die Angst übermächtig. Jetzt kann nur noch einer helfen: der Weihnachtsmann. Sie schreiben einen Brief, in dem sie sich eine neue Mama wünschen oder wenigstens einen Hund. Auf der Post gerät der Brief in die Hände von Ole - der Postbote glaubt zu wissen, wer die Kinder retten kann ...
Eine wunderschöne Liebesgeschichte - nicht nur für Sylt-Liebhaber.
Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.
Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane 'Die Walfängerin', 'Die Strandräuberin', 'Ein Stern über Sylt', 'Ein Weihnachtslicht über Sylt' und 'Der Horizont der Freiheit' lieferbar. Bei Rütten & Loening ist zudem 'Die Bilder unseres Lebens' erschienen.
Mehr zur Autorin unter www.inesthorn.de.
1. Kapitel
Es schneit, es schneit!«, rief Mina fröhlich. Sie drehte sich im Kreis und streckte die Zunge heraus, um eine Schneeflocke zu fangen und in ihrem Mund schmelzen zu lassen. Jana und Lydia, ihre beiden Freundinnen, taten es ihr nach. Die drei Mädchen tanzten vor der Buchhandlung in der Friedrichstraße, so dass ein junges Paar ihnen lachend ausweichen musste. Gerade noch hatten sie die Kinderbücher im Schaufenster bestaunt, und Mina hatte sich auf der Stelle in ein Märchenbuch mit rotem Einband verliebt. Sie mochte Märchen, auch wenn Jana und Lydia das ein bisschen kindisch fanden und lieber Gregs Tagebücher oder Harry Potter lasen. Aber gab es denn etwas Schöneres als Märchen, die man im Winter vor dem Kamin lesen konnte, dabei eine Tasse heiße Schokolade in Reichweite?
Am Morgen war die kleine Stadt in der Mitte von Sylt noch von Nebelschleiern, die vom Meer kamen, eingehüllt gewesen, und dicke graue Wolken hatten wie schwere Federbetten am Himmel gehangen, doch Mina hatte gehört, dass die Lehrerin Frau Heimlein zum Hausmeister der Schule gesagt hatte, es rieche nach Schnee. Mina hatte keine Ahnung, wie Schnee roch, aber sie liebte es, die Flocken fallen zu sehen. Sie war nach der Schule mit ihren Freundinnen Jana und Lydia durch die große Einkaufsstraße Westerlands gelaufen, und sie hatten sich dabei gegenseitig erzählt, was sie sich zu Weihnachten wünschten. Jana hatte von einem roten Pullover mit silbernen Sternen geschwärmt, Lydia wünschte sich eine Blockflöte.
Sie waren an der Buchhandlung stehengeblieben, und Mina hatte das Märchenbuch entdeckt. Und dann hatte es plötzlich angefangen zu schneien. Dicke Flocken waren vom Himmel geschwebt und hatten sich auf die Mützen der Mädchen gelegt. Es hatte gar nicht lange gedauert, da bedeckte eine dünne weiße Schicht die Straße, lag auf Autodächern und setzte den wenigen Bäumen und Büschen weiße Hauben auf.
Die ersten Schneeflocken waren für Mina in jedem Jahr etwas ganz Besonderes. Sie zeigten an, dass Weihnachten vor der Tür stand und dass es Zeit war, den Wunschzettel zu schreiben.
Mina verabschiedete sich von ihren Freundinnen und rannte nach Hause. Die Hausaufgaben erledigte sie im Eiltempo, und dann saß sie an ihrem Schreibtisch und dachte über ihre Weihnachtswünsche nach.
Sie drückte den Buntstift fest auf das Papier und versuchte sich genau an das Cover des wunderbaren Märchenbuchs zu erinnern. Rot war der Einband gewesen. Roter Samt. Die Buchstaben auf dem Einband waren aus Gold gewesen und hatten im Licht der Schaufensterlampen gefunkelt. Genau wie die Flocken, die durch das Licht, das von ihrer Schreibtischlampe nach draußen fiel, golden leuchteten. Es hatte seit heute Nachmittag ununterbrochen weitergeschneit, und der Schnee hatte den Garten und die Straße verzaubert. Wie im Märchenland, dachte Mina, und dann nahm sie den roten Buntstift aus dem Mund und versuchte weiter, das Märchenbuch auf ihren Weihnachtswunschzettel zu malen. Sie wünschte sich das Märchenbuch wirklich sehr; es war der zweitwichtigste Wunsch auf ihrer Liste, und sie sah sich schon die ganzen Weihnachtsferien über lesen.
Doch damit es dazu kommen konnte, musste der Weihnachtsmann genauestens instruiert werden. Und bisher hatte sie sich auch noch nie beklagen können. Der Weihnachtsmann hatte sie und ihren Bruder immer sehr großzügig mit Geschenken bedacht, etliche Wünsche erfüllt und meist auch noch ein Geschenk mitgebracht, das sie sich zwar gar nicht gewünscht hatten, das ihnen aber große Freude bereitet hatte. Letztes Jahr zum Beispiel hatten sie und ihr fünf Jahre alter Bruder Ben ein Spiel bekommen, das sie seitdem oft mit ihrem Papa Malte an den Wochenenden gespielt hatten.
Das allein ist doch auch schon ein Beweis dafür, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt, überlegte Mina. Sie dachte wieder an den vergangenen Schultag. Sie hatten im Unterricht über Weihnachten gesprochen. Es ging darum, dass Weihnachten das Fest der Liebe und der Familie war. Mina war bei diesen Worten ganz warm ums Herz geworden. Sie freute sich auf Weihnachten, auf die gemeinsame Zeit mit ihrem Bruder Ben und ihrem Vater Malte. Sie freute sich auf den Besuch bei Oma Erna und Opa Walther, den Schmorbraten, den Oma Erna immer machte, die Weihnachtslieder, die aus dem Radio klangen, die vielen Lichter in der kleinen Wohnung ihrer Großeltern und den Duft nach Orangen, Äpfeln und Zimt.
Während Mina in der Pause noch ganz ihren Gedanken nachgehangen hatte, war Jasper auf sie zugekommen.
»Ich backe am Wochenende mit meiner Mama Plätzchen«, hatte er verkündet.
»Wir machen das auch«, hatte Mina nur geantwortet, in der Hoffnung, ihn damit abwimmeln zu können.
Doch Jasper ließ nicht locker. »Du hast aber gar keine Mama!«
Jeder wusste natürlich über Minas besondere Familiensituation Bescheid. Sie lebte mit ihrem Papa Malte und ihrem Bruder Ben alleine in einem schönen, großen Friesenhaus am Rande von Westerland. Eine Mama für sie und Ben und eine Frau für Papa Malte gab es nicht. Ihre Mama war gestorben, als Mina gerade fünf und ihr Bruder zwei Jahr alt gewesen waren. Sie war eines Morgens zum Einkaufen gegangen und einfach nicht wiedergekommen. Ein LKW mit überhöhter Geschwindigkeit, hatten die Erwachsenen gesagt. Mina konnte sich kaum noch an ihre Mama erinnern. Ein Foto im silbernen Rahmen, das auf dem Schreibtisch stand, zeigte sie auf dem Arm ihrer Mutter. Wenn sie es genau betrachtete, konnte sie sehen, dass sie große Ähnlichkeiten mit der Frau auf dem Foto hatte: dasselbe dunkelblonde Haar, dieselbe blaugraue Augenfarbe, dieselben geschwungenen Lippen. Nur die Grübchen auf der Wange und die Nase mit den Sommersprossen, die hatte Mina von ihrem Papa.
»Zu einer richtigen Familie gehören nämlich Mama und Papa«, redete Jasper weiter.
»Ich habe auch eine Mama. Die wohnt eben nur nicht bei uns, sondern im Himmel. Aber vielleicht bringt mir ja der Weihnachtsmann eine neue Mama«, entgegnete Mina.
Da hatte Jasper die Augen und den Mund weit aufgerissen und ganz verblüfft geguckt, so dass Mina zunächst glaubte, er bekäme keine Luft mehr. Und dann hatte er angefangen zu lachen. Aus seinem Mund kamen glucksende Geräusche, die sich steigerten und an ein wieherndes Pferd erinnerten. Mina blickte sich nach Frau Heimlein um, ihrer Lehrerin, die an diesem Tag Pausenaufsicht hatte. Doch Frau Heimlein sprach gerade mit einem Jungen aus der Parallelklasse. Dafür kam nun noch Henning dazu, Jaspers Freund und Sitznachbar. Verwundert starrte er Jasper an. »Warum lachst du denn so?«, wollte er wissen. »Habe ich etwas verpasst?«
»Mi… Mina … Mina glaubt … Sie glaubt noch an … den Weihnachtsmann«, prustete Jasper und tat so, als müsste er sich vor Lachen den Bauch halten.
Mina blickte verlegen zu Boden und wünschte sich, ein Loch möge sich auftun, damit sie darin verschwinden könne.
Da fing auch Henning an zu spotten. »Jeder weiß doch, dass die Eltern die Geschenke kaufen und unter den Weihnachtsbaum legen und der Weihnachtsmann nur eine Erfindung für Babys ist.« Spöttisch blickte er Mina an.
Mina schämte sich, aber eigentlich wusste sie gar nicht so recht, warum. Hatten Jasper und Henning wirklich recht? War der Weihnachtsmann tatsächlich nur eine Erfindung der Erwachsenen? Kaufte in Wahrheit ihr Papa die Geschenke und legte sie unter den Baum? Hilfesuchend blickte sich Mina nach ihren Freundinnen um. »Stimmt das?«, fragte sie die beiden Mädchen. »Glaubt ihr auch, dass die Eltern die Geschenke kaufen und unter den Baum legen?«
Während Jana tat, als hätte sie nichts gehört, druckste Lydia herum. »Ich … ich weiß nicht genau. Mir ist es egal, wer die Geschenke bringt. Hauptsache ist doch, dass wir etwas bekommen«, sagte sie leise, so dass ihre Worte beinahe in dem Geläut der Pausenglocke untergingen.
Frau Heimlein stand an der Schultür und winkte den letzten, die langsam herbeigeschlendert kamen. Jana und Lydia rannten zu ihr, aber Mina ließ sich Zeit. Sie ahnte, dass Jasper und Henning den anderen Kindern bereits von ihrem Gespräch auf dem Pausenhof erzählt hatten. Als Mina nach allen anderen in die Klasse schlüpfte, stellte sich ihr auch Franziska direkt in den Weg. »Sag mal, Mina, glaubst du dann auch noch an den Klapperstorch?«
»Ja, meinst du, der hat dir deinen Bruder gebracht, weil du doch keine Mama hast«, stimmte auch Marina mit ein.
Mina spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Ihr wurde auf einmal ganz warm, und sie hatte das Gefühl, nur schlecht Luft zu kriegen.
»Ich … ich …«, stotterte sie, nach einer Erklärung suchend. Zum Glück betrat Frau Heimlein den Klassenraum, alle Kinder huschten auf ihre Plätze, und der Unterricht begann.
Nach der Schule hatte Mina so lange getrödelt, bis Henning und Jasper gegangen waren. Erst dann hatte sie Jana und Lydia überredet, den etwas längeren Heimweg über die Friedrichstraße zu nehmen. Es konnte schließlich sein, dass Jasper und Henning irgendwo auf sie warteten, um sie noch mehr zu verspotten.
Und dann hatte es geschneit, und Mina hatte allen Kummer vergessen. Doch als sie zu Hause angekommen war, fielen ihr Hennings und Jaspers Gelächter wieder ein, so dass sie kaum das Mittagessen herunterbekam, das Malte für sie gekocht hatte.
»Ist irgendetwas?«, hatte der Vater gefragt und sie besorgt angesehen. »Hattest du Ärger?«
Mina hatte mit dem Kopf...
| Erscheint lt. Verlag | 15.9.2017 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Biike-Brennen • Gisa Pauly • Heiligabend • Keitum • Nordsee • Nordseeinsel • Nordseeküste • Sylt • Sylt Roman • Weihnachten • Weihnachten am Meer • Weihnachten auf Sylt • Weihnachtsroman • Westerland |
| ISBN-10 | 3-8412-1421-5 / 3841214215 |
| ISBN-13 | 978-3-8412-1421-8 / 9783841214218 |
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