Kelley Armstrong wurde in Sudbury, Kanada, geboren. Sie studierte Psychologie an der University of Western Ontario und Informatik am Fanshawe College. Weil sie schon als Kind schreiben wollte, wandte sie sich bereits während ihres Studiums der Schriftstellerei zu. Heute ist Kelley Armstrong eine erfolgreiche Autorin, deren magische Thriller New York Times-Bestseller sind. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Ontario, Kanada.
01
Die Mohnblumen waren kein gutes Zeichen. Ein Todesomen. Schlimmer konnte es nicht kommen.
Wir hatten sie nämlich gar nicht gepflanzt. Vor Jahren hatte ein Gärtner tatsächlich einmal vorgeschlagen, Mohnblumen zu pflanzen, aber meine Mutter war natürlich dagegen gewesen. »Aus Mohnblumen macht man Opium«, hatte sie im Flüsterton des Grauens verkündet, als könnten ihre Freundinnen aus der gehobenen Gesellschaft zu dem Schluss kommen, dass wir in unserem Keller eine Opiumhöhle betrieben. Am liebsten hätte ich damals laut gelacht und ihr erklärt, dass man für Drogen eine andere Mohnart benötigt. Aber das hatte ich nicht getan. Mohnblumen in unserem Garten lehnte ich selbst aus tiefstem Herzen ab.
Ein alberner Aberglaube. So schien es jedenfalls. Aber wenn ich Omen und Zeichen sehe, dann haben sie auch etwas zu bedeuten.
Gerade einmal ein paar Wochen waren vergangen, seit ich das Haus meiner Familie verlassen hatte, geflohen war vor dem Medienwirbel, der ausbrach, als bekannt wurde, dass meine echten Eltern berüchtigte Serienmörder waren. Zwar arbeitete ich momentan daran, mir ein neues Leben aufzubauen, doch hatte ich heute beschlossen, einen Abstecher zu dem derzeit verlassenen Haus zu machen und mir ein paar Sachen zu holen. Ich warf meine vollgepackten Koffer in den geborgten Buick und ging hinaus in den Garten, um schnell noch eine Runde zu schwimmen. Später, ich fuhr mir auf dem Rückweg zur Vorderseite des Hauses gerade mit den Fingern durch das nasse Haar, fiel mir ein roter Farbtupfer im Steingarten auf.
Mohnblumen.
Ich bückte mich und rieb an der seidigen roten Blüte. Sie fühlte sich durchaus echt an. Schnell holte ich mein Telefon hervor, schoss ein Foto und kontrollierte das Ergebnis. Jepp, ich sah immer noch Mohnblumen. Was bedeutete, dass sie auch außerhalb meines Kopfes existierten. Immer ein gutes Zeichen.
Abgesehen davon, dass Mohnblumen ein schlechtes Zeichen waren.
Ich schüttelte den Gedanken schnell ab, bog um die Ecke und …
Da saß jemand auf meinem Fahrersitz.
Blitzartig schaute ich mich zu den Mohnblumen um. Ein Mörder, der mir heimlich auflauerte? Vor drei Wochen hätte ich das als lächerlich empfunden. Das war, bevor ich die Wahrheit über meine Vergangenheit herausgefunden hatte.
Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Attentäter so gut sichtbar in meinem Wagen auf mich warten würde. Genauso wenig würde sich jemand auf das Grundstück schleichen, um einen fünfzehn Jahre alten Buick zu klauen, wenn doch in der Garage weiter hinten ein halbes Dutzend antiker Sportwagen stand.
Die derzeit wahrscheinlichste Erklärung? Es war ein Reporter, der sich etwas hatte einfallen lassen.
Ich ging langsam um den Wagen herum. Die Seitenscheibe auf der Fahrerseite hatte ich offen gelassen. Hinter dem Steuer saß eine Frau. Unter dem Wagendach lag ihr Gesicht tief im Schatten, und ich konnte lediglich eine Sonnenbrille und blondes Haar erkennen. Aschblond, wie mein eigenes. Sogar die Frisur sah aus wie meine – eher kurz mit strubbeligen Locken.
»Hey«, sagte ich, als ich näher trat.
Die Frau reagierte nicht. Ich packte den Türgriff, riss die Tür auf und …
Sie fiel heraus. Kippte einfach raus, während ich mit einem Aufschrei zurücksprang und noch im selben Moment dachte, dass ich mich lächerlich machte, dass irgendwo jemand lauerte und ein Foto von dem kindischen Streich schoss …
Sie hatte keine Augen.
Die Frau hing aus dem Wagen heraus. Die Perücke war heruntergefallen, die Sonnenbrille ebenfalls, und darunter waren blutverkrustete Höhlen zum Vorschein gekommen.
Fassungslos taumelte ich rückwärts und schloss krampfhaft die eigenen Augen.
Ich halluzinierte. Das hatte ich schon zweimal erlebt, bei einem toten Mann und dann noch einmal bei einer Frau im Krankenhaus. Beide Male hatte ich weiter nichts gesehen als ein Trugbild, ein Omen, dessen Bedeutung ich nicht begreifen konnte.
Wenn ich wieder hinsähe, würde sie ganz normal aussehen. Ich tat es, und …
Die Augen waren immer noch weg. Ausgestochen. Getrocknetes Blut war über ihre Wange verschmiert.
Ich halluziniere nicht. Dieses Mal halluziniere ich nicht.
Ich bückte mich, um ihren Hals zu berühren. Die Haut war kalt.
Da ist eine tote Frau in meinem Wagen. Eine tote Frau, die so ausstaffiert wurde, dass sie aussieht wie ich.
So schnell wie möglich rannte ich zum Haus, fummelte ungeschickt am Schloss herum. Endlich öffnete sich die Tür. Ich stürzte hinein, gab den Sicherheitscode ein, schlug die Tür zu und schloss ab. Dann reaktivierte ich den Alarm, holte meine Waffe aus der Tasche und griff nach meinem Handy, um eine ganz bestimmte Nummer zu wählen.
Ruhelos ging ich im Korridor auf und ab und wartete auf das Geräusch eines Wagens in der Auffahrt. Als ich am Empfangszimmer vorbeikam, nahm ich trotz der zugezogenen Gardinen eine Bewegung draußen wahr. Ich zog eine Gardine zur Seite, schaute hinaus und sah einen dunklen Schatten im Garten. Ein großer schwarzer Hund – genau der Hund, den ich früh an diesem Morgen fünfzig Meilen entfernt von hier in Cainsville gesehen hatte.
Die Meute wird nach Cainsville kommen, und wenn es so weit ist, dann werden Sie sich wünschen, Sie hätten heute eine andere Entscheidung getroffen.
Das hatte Edgar Chandler gestern zu mir gesagt, ehe die Polizei ihn abgeführt hatte, festgenommen wegen seiner Beteiligung an zwei Morden, die man meinen leiblichen Eltern angehängt hatte. Nur wenige Leute wussten, dass ich eine Wohnung in Cainsville gemietet hatte, und er gehörte nicht dazu. Nachdem die Medien ausgeschwärmt waren, hatte ich in diesem verschlafenen kleinen Nest mitten im Nirgendwo Zuflucht gesucht.
Ein verschlafenes kleines Nest mit Gargoyles, die einfach verschwanden, boshaften Raben und, seit heute Morgen, riesigen schwarzen Hunden.
Ein verschlafenes kleines Nest, in dem niemand es auch nur ansatzweise sonderbar fand, dass ich Omen lesen und Zeichen erkennen konnte.
Ich rieb mir die Arme. Nein, ich wollte keine Verbindung zwischen Chandler und Cainsville erkennen. Schließlich liebte ich meine neue Stadt. Ich liebte die Sicherheit in dem Ort, die Gemeinschaft der Menschen, die Art, wie die Gemeinde mich empfangen und mir das Gefühl gegeben hatte, dass ich dazugehörte.
Erneut schaute ich zum Fenster hinaus. Der Hund war immer noch da, und er entsprach exakt meiner Erinnerung an den Hund an diesem Morgen – ein Riesenvieh, beinahe einen Meter groß, mit zottigem schwarzem Fell.
Der Hund konnte mir unmöglich fünfzig Meilen weit gefolgt sein. Andererseits, wie groß war die Chance, dass ich hier einen anderen vor mir hatte, der genauso aussah wie der in Cainsville?
Ich holte mein Telefon. Als ich das Foto schoss, sah der Hund mich direkt an. Dann galoppierte er über den Rasen und verschwand zwischen den Bäumen.
Ein paar Minuten später hörte ich das Dröhnen eines mir vertrauten Motors, und ich rannte hinaus, als gerade ein schwarzer Jaguar mit kreischenden Reifen zum Stehen kam. Die Tür flog auf, und ein Mann sprang heraus, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, um nicht gegen den Türrahmen zu stoßen.
Gabriel Walsh, etwa um die dreißig – ich habe ihn nie nach seinem Alter gefragt. Locker eins dreiundneunzig groß – gemessen hatte ich ihn auch nie. Ein Körperbau wie ein Footballspieler – genauso riesig, genauso kräftig –, dazu welliges schwarzes Haar, kraftvolle Züge, dunkle Brille und Maßanzug trotz der Tatsache, dass heute Memorial Day war und er daher eigentlich nicht arbeiten musste. Aber das tat er natürlich doch. Gabriel arbeitete immer.
Als ich dem ehemaligen Anwalt meiner Mutter zum ersten Mal begegnet war, hatte ich ihn für einen Berufsschläger gehalten. Einen Verbrecher im feinen Zwirn. Auch heute, ein paar Wochen später, war ich immer noch der Ansicht, dass die Analogie gar nicht so verkehrt war.
Er stand in dem Ruf, er würde Leute auseinandernehmen, normalerweise aber nur im Zeugenstand. Normalerweise.
Gabriel würdigte meinen Wagen – oder die Leiche, die aus der Tür hing – keines Blickes, stattdessen starrte er mich an und presste die Lippen zusammen, als er auf mich zusteuerte. Auf mich zuhumpelte, um genau zu sein. Man hatte ihm gestern ins Bein geschossen. Und, nein, ich war es nicht gewesen, so verlockend der Gedanke bisweilen auch sein mochte.
»Wo ist Ihr Krückstock?«, rief ich.
»Ich habe Ihnen doch gesagt …«
»… dass ich im Haus bleiben soll. Ich bin erst rausgekommen, als ich gesehen habe, dass Sie vorgefahren sind.«
Grunzen. Ein rascher prüfender Blick. Dann: »Geht es Ihnen gut?« Ein gewisser Unwille schlug sich auf seinen Ton nieder, ganz so, als wäre es ihm zutiefst zuwider, diese Frage zu stellen. Ach, Gabriel.
»Ich bin in Ordnung«, sagte ich. »Und, nein, ich habe nicht die Polizei gerufen.«
»Gut.«
Seine Sonnenbrille schwang zu dem Buick herum, und er setzte sich in Bewegung. Wäre ich irgendjemand anders gewesen, hätte er mich jetzt angewiesen, auf jeden Fall wegzubleiben. Nicht, weil er daran interessiert gewesen wäre, seine Klienten nicht aufzuregen – derartigen Erwägungen wurde in Gabriels stets beschäftigtem Hirn nicht viel Platz eingeräumt. Gabriel würde darauf bestehen, weil der Klient ihn anderenfalls behindern oder etwas Dummes tun könnte, beispielsweise Fingerabdrücke hinterlassen. Seit...
| Erscheint lt. Verlag | 11.9.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Cainsville-Serie | Cainsville-Serie |
| Übersetzer | Frauke Meier |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Visions - Cainsville Book 2 |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | eBooks • Fantasy • Horror • kleine Stadt • Mystery • New-York-Times-Bestsellerautorin • Serien • Spannung • Thriller • Übernatürliches |
| ISBN-10 | 3-641-20958-7 / 3641209587 |
| ISBN-13 | 978-3-641-20958-2 / 9783641209582 |
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