Kelley Armstrong wurde in Sudbury, Kanada, geboren. Sie studierte Psychologie an der University of Western Ontario und Informatik am Fanshawe College. Weil sie schon als Kind schreiben wollte, wandte sie sich bereits während ihres Studiums der Schriftstellerei zu. Heute ist Kelley Armstrong eine erfolgreiche Autorin, deren magische Thriller New York Times-Bestseller sind. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Ontario, Kanada.
PROLOG
Eden krabbelte ins Wohnzimmer und schürfte sich die Haut an ihren pummeligen Händen und Knien an dem rauen Teppich auf. Als Stiefel durch den Hausflur schritten, hielt sie die Luft an und rührte sich nicht mehr.
Hatte er sie gehört?
Die Schritte stoppten. Sie beugte sich zurück, um den Türpfosten herum, und lugte den dunklen Korridor hinunter. Keine Spur von ihm zu sehen. Noch nicht. Aber er würde sie holen. Das tat er immer.
Sie krabbelte schnell ein Stück weiter, unterdrückte aber das Verlangen, aufzuspringen und loszurennen. Wenn sie rannte, würde er sie hören.
Kaum war sie an dem großen Sessel vorbei, hielt sie inne und schaute sich um. Der lange Tisch vor dem Sofa hatte ein Schrankfach. Sie öffnete die Tür und zuckte kurz zusammen, als sie das leise Klicken hörte. Das Fach war groß genug, dass sie sich hätte hineinquetschen können, aber es war voller Bücher und Zeitschriften.
Dann sah sie sich zu dem großen Sessel um. Er war zu weit von der Wand entfernt. Wenn sie sich hinter ihm versteckte, würde er sie sehen, sobald er um die Ecke kam. Und das Sofa? Ja! Sie legte sich flach auf den Bauch und kroch rückwärts, bis ihre Beine ganz darunter waren, und …
Ihr Popo traf auf das Gestell des Sofas und hielt sie auf. Sie versuchte es erneut, wand sich wie verrückt, aber sie kam nicht darunter. Vielleicht, wenn sie es mit dem Kopf voran versuchte. Schnell zog sie sich wieder nach vorn, und …
Sie steckte fest. Jetzt zappelte sie mit aller Kraft, und der Teppich schürfte ihr die Knie auf, aber sie konnte nicht entkommen, und sie war sich sicher, dass er jetzt jeden Moment …
Doch dann war sie wieder frei. Eine Sekunde blieb sie an Ort und Stelle, um Atem zu holen, dann machte sie kehrt, um mit dem Kopf voran unter das Sofa zu krabbeln, und …
Ihr Kopf passte auch nicht drunter.
Aber was wäre hinter dem Sofa? Wenn sie es nur ein bisschen in den Raum ziehen könnte, dann würde der Platz reichen, um dahinter zu kriechen. Mit beiden Händen packte sie ein Bein und zog. Es wackelte ein wenig, rührte sich aber nicht von der Stelle.
Jetzt waren die Schritte erneut zu hören, langsam und gleichmäßig. Auf dem Weg zu ihr? Sie schluckte, versuchte zu lauschen, aber ihr Herz pochte so heftig, dass sie kaum etwas hören konnte.
Vorsichtig rutschte sie zwischen Tisch und Sofa hervor und schaute sich zu dem Flur um, der zu den Schlafzimmern führte. Da gab es haufenweise Verstecke. Bessere Verstecke. Wenn sie es schaffte …
»Eden?«
Wieder stürzte sie sich auf das Sofa und stieß es gerade weit genug nach vorne, dass sie sich dahinter quetschen konnte. Sie wollte sich umschauen, um sich zu vergewissern, dass ihre Füße auch versteckt waren, aber sie konnte es nicht erkennen. Sicherheitshalber schlängelte sie sich noch etwas weiter in die Lücke und schlug die Hände vor den Mund. Wenn sie einen Laut von sich gab – irgendeinen Laut –, dann würde er sie finden. Ganz flach lag sie auf dem Teppich und bemühte sich, den Geruch von alter Katzenpisse nicht einzuatmen, während sie sich so klein wie möglich machte.
Schritte donnerten in den Raum. Und verharrten. Als Eden die Augen zukniff, konnte sie seinen leisen Atem hören. Sie stellte sich ihn vor, wie er sich das wirre blonde Haar aus den Augen strich, während er den Raum absuchte.
»Eden?«, rief er.
Seine Stiefel raschelten auf dem Teppich, als er noch ein paar Schritte weiterging. Dann holte er seufzend Luft. »Sie ist weg. Oh mein Gott, Pammie, unser Baby ist weg!«
Eden presste die Faust an den Mund, um das aufbrandende Gelächter zu ersticken. Mommys leises Seufzen wehte von der Küche herbei, als sie Daddy – wieder einmal – ermahnte, in Gegenwart ihrer Tochter seine Zunge im Zaum zu halten.
»Aber sie ist verschwunden!«, erwiderte er. »Ruf die Polizei! Ruf die Feuerwehr! Ruf die Clown-Brigade!«
»Da wir gerade bei Clowns sind …«, stichelte ihre Mutter.
Edens ganzer Körper bebte vor tonlosem Gekicher.
»Unser Baby ist weg! Alles, was noch da ist, ist dieser Schuh!« Er ließ sich neben dem Sofa auf die Knie fallen. »Warte mal, da ist ja ein Fuß drin.«
Eden drehte sich um und zog ihr Bein weg.
»Oh, nein! Jetzt ist sie ganz verschw…«
Eden kam schnell aus ihrem Versteck heraus und warf sich in die Arme ihres Daddys. Der fing sie auf und wirbelte sie herum. Sie schloss die Augen, während Luft an ihr vorbeipeitschte und nach Daddys würzigem Aftershave roch. Viel besser als die Katzenpisse von den früheren Eigentümern, aber solange sie so durch die Luft flog, drehte sich ihr auch von diesem Duft der Magen um. Trotzdem sagte sie ihm nicht, er solle aufhören. Das würde sie nie tun.
Daddy warf sie auf das Sofa. Die leuchtend roten Kissen sprangen in alle Richtungen davon, als sie dort landete. Er nahm eines der Kissen und schob es unter sie. Dann sank er vor ihr auf ein Knie.
»Es tut mir leid, meine Liebste, aber ich muss fort. Ich habe einen großen Tag vor mir, an dem ich einem ganz besonderen Mädchen dabei helfen werde, seinen halben Geburtstag zu feiern.«
»Mir!« Eden hüpfte auf dem Sofa und sang: »Mir! Mir! Mir!«
»Wirklich? Bist du ganz sicher?«
Mehr Gebrüll. Mehr Gehüpfe.
Heute wurde sie nämlich zweieinhalb. Letzte Nacht hatte sie kaum geschlafen, sondern sich nur unter der Decke zusammengerollt und das Deckengemälde angestarrt, das ihre Mommy gemalt hatte, ein Karussell mit Pferden und Schwänen und Löwen. Normalerweise stellte sie sich, wenn sie nicht schlafen konnte, vor, sie säße auf dem schwarzen Pferd mit der weißen Mähne und würde sich immerzu im Kreis drehen, bis sie schließlich doch einschlief. Aber in der letzten Nacht hatte das lange Zeit nicht funktioniert.
Dann, als ihre Mommy gekommen war, um sie zu wecken, hatte Eden vor dem Fenster eine Eule rufen gehört, und ihr Bauch hatte angefangen wehzutun. Eden mochte die Eule nicht – zumindest nicht bei Tag. Sie hörte sich unheimlich an, und Eden bekam Angst, Mommy und Daddy könnten ihren halben Geburtstag vergessen haben. Aber das war dumm. So etwas würden sie nie vergessen.
»Ist es schon Zeit?«, fragte sie immer noch hüpfend. »Ist es Zeit?«
»Ist es. Wir haben eine große Überraschung geplant. Weißt du schon, was?«
»Nein, weiß sie nicht«, sagte Mommy und kam zur Tür herein. »Das ist der Sinn einer Überraschung, Todd.«
Daddy beugte sich zu Edens Ohr herab und flüsterte: »Ponyreiten!«
Eden kreischte vor Freude. Ihre Mutter verdrehte die Augen und tat, als wäre sie verärgert, konnte aber gar nicht aufhören zu grinsen.
»Komm, lass uns dein Haar bürsten«, sagte Mommy, als Eden sich in ihre Arme stürzte. »Wir wollen nämlich ganz viele Fotos machen, wenn du deine große Überraschung bekommst.«
»Ponyreiten!«, warf Daddy ein.
»Ich glaube, wir sollten ihn auf ein Pony setzen«, flüsterte Mommy Eden ins Ohr.
Als Mommy mit dem Bürsten fertig war, schnappte Daddy sich Eden erneut und setzte sie auf seine Schultern. »Ich glaube, ich wäre wirklich ein gutes Pony.«
Er schnaubte und scharrte mit dem Fuß am Boden. Mommy lachte und versetzte ihm einen Klaps auf den Po.
Dann wurde auf einmal die Tür aufgebrochen.
Es ging so schnell, dass niemand sich rührte. Nicht Mommy. Nicht Daddy. Eden hörte das Krachen des berstenden Holzes und sah, wie die Tür aus den Angeln flog, und sie dachte für einen Moment, das liege an einem großen Sturm wie in dem Film mit dem Mädchen und ihrem Hund. Nur war das kein Sturm. Es waren Monster.
Große Monster, ganz in Schwarz mit Helmen auf den Köpfen und Masken vor den Gesichtern. Sie schwärmten durch die zerstörte Tür herein, brüllten und schrien und wedelten mit irgendwelchen schwarzen Dingern herum.
Eden schrie nun, und Daddy wich stolpernd zurück, und Eden rutschte von seinen Schultern. Mommy fing sie auf, ehe sie fallen konnte.
Eines der Monster brüllte etwas, das Eden nicht verstehen konnte. Aber Mommy und Daddy verstanden es. Sie rührten sich auf einmal nicht mehr. Dann wich Daddy zurück, die Arme weit ausgebreitet, und schirmte Mommy und Eden vor ihnen ab, aber zwei Monster packten ihn an den Schultern und warfen ihn zu Boden.
Eden schrie erneut. Schrie, so laut sie nur konnte, den Mund so weit aufgerissen, dass sie die Augen zukneifen musste und nichts mehr sehen konnte. Als Mommy sie mit beiden Armen umfing, konnte sie Mommys Herz klopfen spüren. Sie keuchen hören. Etwas Schlimmes, Saures riechen, das gar nicht nach Mommy roch.
»Schon gut«, flüsterte Mommy. »Schau nicht hin, Baby. Schau einfach nicht hin.«
Dann kreischte plötzlich Mommy, und alles drehte sich. Eden riss die Augen auf. Eines der Monster hatte Mommy. Ein anderes zerrte Eden fort. Mommy griff nach ihr, ihre Fingernägel kratzten über Edens Arm, als sie versuchte, sie zurückzuholen. Eden kämpfte genauso sehr darum, zu ihr zurückzukommen, trat und schrie und kratzte.
Eines der Monster sagte erst die Namen von Mommy und Daddy und dann andere Namen, ganz viele Namen. Da hörte Mommy auf zu kämpfen. Und Daddy, der von den zwei Monstern am Boden festgehalten wurde, auch.
»W-was?«, fragte Mommy, und ihre Stimme klang so piepsig, dass sie Eden in den Ohren wehtat. »Diese armen Paare aus den Zeitungen?« Sie sah sich zu Daddy um. »Was ist hier los?«
»Ich … ich weiß es nicht.« Er schaute Eden an. »Alles in...
| Erscheint lt. Verlag | 13.6.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Cainsville-Serie | Cainsville-Serie |
| Übersetzer | Frauke Meier |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Omens - Cainsville Book 1 |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | eBooks • Fantasy • Horror • kleine Stadt • Mystery • New-York-Times-Bestsellerautorin • Serien • Spannung • Thriller • Übernatürliches |
| ISBN-10 | 3-641-20957-9 / 3641209579 |
| ISBN-13 | 978-3-641-20957-5 / 9783641209575 |
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