Jessica Schulte am Hülse beschreibt in sieben Erzählungen das große und das kleine Drama der Liebe. Gemein ist den Erzählungen ein Verrat, der die Liebe zwischen zwei Menschen oder das Verhältnis zwischen zwei Menschen beschädigt, belastet, zerstört. Am Ende jeder Geschichte stehen die Menschen traumatisiert oder auch befreit vor den Scherben dessen, was einmal Vertrauen, Geborgenheit, Freude und tiefe Liebe war. Mal kommt die Unwahrheit auf leisen Sohlen, mal brutal und unfair mit großen Schritten, mal finden die Verratenen einen Weg aus dem Drama, mal zerbrechen sie an der Heftigkeit des Erlebens und können sich nur durch radikale Schnitte aus dem Tumult und der Verstrickung befreien.
Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe - das sind sieben Geschichten, die uns teilhaben lassen an den Verletzungen, die sich Menschen willentlich oder unwillentlich antun im Namen der Liebe. Packend, traurig, bestürzend und von großer psychologischer Intensität.
Jessica Schulte am Hülse, geboren 1972, Studium der Psychologie an der Freien Universität Berlin. Sie ist Managing Editor der internationalen Bild- und Nachrichtenagentur World Entertainment News Network und freie Journalistin. Jessica Schulte am Hülse lebt mit ihrer Familie in Berlin. Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe ist ihr erstes Buch.
Vom Büro bis zum OP-Saal waren es genau fünfzig Schritte. Gleich große, bedächtige Schritte den langen Flur entlang, durch die automatische Schwingtür, dann links Richtung Intensivstation. Umziehen, mit immer den genau gleichen Handgriffen. Hände und Arme sterilisieren. Operationskittel, Handschuhe, OP-Haube, Mundschutz mithilfe des Assistenzarztes anziehen. Von dem sterilen Umkleideraum bis an den OP-Tisch noch mal fünfzehn Schritte. Das Besteck lag schon da, exakt so sortiert, wie Markus es sich wünschte. Die Anästhesistin zählte mit dem Beginn der Narkose rückwärts. Die meisten Patienten kamen maximal bis zehn, dann setzten Schlaf und Vergessen ein. Sobald das Beatmungsgerät lief, kam der schönste Teil: der erste Schnitt in den lebenden Menschen, um den Tod aus ihm herauszuschneiden. Markus’ Selbstbewusstsein funkte jetzt auf höchster Frequenz. Im Universitätsklinikum in Frankfurt zitterten alle vor seiner Hybris. Markus richtete seinen Verstand auf die zu erfüllende Aufgabe, alles andere konnte er ausblenden. Seine Nerven versagten nicht, er schwitzte nur selten, bisher war ihm noch nie ein Fehler unterlaufen. Er war vierzig.
Der erste Fehler passierte genau einen Tag bevor Markus zum Überraschungsbesuch zu seiner Frau Steffi nach Südafrika aufbrechen wollte. Der Flug von Frankfurt über Johannesburg nach Kapstadt war gebucht, ebenso wie die Suite für ihren dritten Hochzeitstag. Tochter Sophie würde die Tage bei seiner Schwiegermutter verbringen. Während eines Eingriffs verrutschte Markus ein Schnitt. Eine kleine Ungenauigkeit. Auf der Haut seiner Patientin würde eine asymmetrische Narbe zurückbleiben. Erstaunte Blicke im OP-Saal. Schweiß tropfte von Markus’ Stirn und musste abgetupft werden. Den Tumor an sich entfernt er trotz des Missgeschicks mit absoluter Präzision. Auf dem Weg zurück in sein Büro verzählt sich Markus. Erschöpft lässt er sich in seinen Sessel fallen. Irgendetwas stimmt nicht mehr in seinem Leben.
Steffi war sechsundzwanzig als sie Markus vier Jahre zuvor kennenlernte. In einem Flugzeug. Steffi war Stewardess, und er durchlitt sein letztes Jahr der Ausbildung zum Facharzt der Chirurgie am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. Daneben hatte Markus eigentlich kein Leben. Nur die Arbeit im Krankenhaus und die Sehnsucht nach mehr. Viel mehr.
Die Maschine von Frankfurt nach Madrid war brechend voll. Markus wollte über das Osterwochenende einen alten Schulfreund in der spanischen Hauptstadt besuchen: drei Tage Sightseeing, Tapas, Bars und Kunst in den Museen Prado und Thyssen-Bornemisza. In den letzten Monaten übernahm Markus jede Sonderschicht freiwillig. Jeden Notfall. Er verließ das Krankenhaus fast nicht mehr. Sein Chef, Professor Doktor Schubert, befahl ihm quasi wegzufahren – eine Auszeit zu nehmen. Wörtlich sagte er: »Sie sind fanatisch.« Im Einstiegsgedrängel zwischen Handgepäck, Jacken und aufgeregten Kindern leitete Steffi die Passagiere sicher zu ihren Plätzen. Für Markus’ kleinen Koffer gab es keinen Platz mehr in der Ablage. Steffi sah seine Hilflosigkeit und nahm ihm zuvorkommend sein Gepäck ab. »Sie bekommen ihn vorne beim Aussteigen wieder. Brauchen Sie noch irgendetwas aus dem Koffer für den Flug?« Sie sah ihn mit direktem Blick an, Markus erwiderte ihn. Ein Treffen mit der blonden Stewardess in Madrid wäre genau das bisschen Mehr, das ihm gerade gefallen würde. Sie müsse in Uniform erscheinen, dachte er und setzte sich an seinen Fensterplatz in Reihe zwölf. Markus liebte Berufe, die schon an der Kleidung zu erkennen waren. Kaum war der Flieger über den Wolken und die Anschnallzeichen erloschen, schlief er ein. Flugzeuge waren für ihn schon immer die besten Schlaftabletten. So nahm er die vielen fremden Menschen, deren Gerüche, Gespräche und Geräusche nicht wahr.
Beim Verlassen der Maschine wartete Steffi mit seinem Koffer vorn am Ausgang. Markus ließ sich Zeit, um als einer der Letzten an ihr vorbeigehen zu können. Sie drückte ihm sein Gepäck in die rechte Hand und er ihr einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die linke. Sie lächelte. Ein leichtes Kribbeln stieg in Markus auf. Er war schon sechsunddreißig, und es wurde Zeit, sich eine Frau zuzulegen. Beschwingt fuhr er mit dem Taxi in die spanische Hauptstadt, durch das offene Fenster ließ er die sanfte Aprilsonne ins Innere des muffigen, alten Mercedes. Der Fahrer schloss grummelnd das Fenster und drehte demonstrativ die Klimaanlage und die Lautstärke des Radios hoch. Jetzt saßen sie in einem fahrenden Kühlschrank mit spanischer Folkloremusik.
Markus’ Freund Manolo wohnte direkt am Botanischen Garten in einer Dreier-WG und hatte den Schlüssel in einem kleinen Café im selben Haus hinterlassen. Manolo besaß einen kleinen Tapas-Laden in Huertas. Markus sollte ihn später dort besuchen, um gemeinsam etwas zu essen und um die Häuser zu ziehen. Die WG war chaotisch. Hier wohnten drei Spanier, die in Sachen Haushaltsführung weder Erfahrung noch Interesse besaßen. Die Wohnung war völlig verdreckt, Staubmäuse hingen in den Zimmerecken, überall standen volle Aschenbecher, und in der Küche stapelte sich das ungewaschene Geschirr. Markus schloss die Augen, als er sie wieder öffnete, war es nicht besser: Hier waren Millionen von Bakterien. Durch die schmutzigen Fenster fiel fahles Licht auf die verwohnten Möbel. Für ein paar Tage musste er das aushalten. Bei ihm zu Hause war es extrem sauber, fast steril. Sauberkeit bedeutete für Markus, Kontrolle über das Leben zu haben. Die Beschaffenheit der Welt ohne akribische Ordnung war schmerzhaft für ihn und kaum zu ertragen. »Mach dir dein Bett auf dem Sofa im Wohnzimmer«, hatte Manolo gesagt. Auf der zerschlissenen Couch lagen Bücher, Klamotten, Krümel, alte Zeitungen, und sie war gleichmäßig mit einer weißgrauen Ascheschicht und Fettflecken überzogen. Da er erst spät in der Nacht zurückkommen würde, beschloss Markus, sich erst mal um die Reinigung seines Schlaflagers zu kümmern. Von Dreck fühlte er sich bedroht wie seine Patienten von den Krankenhauskeimen. Markus’ Leben bestand aus Disziplin und Ordnung. Jede Abweichung machte ihn aggressiv. Hier in Madrid ertrug er es gerade so, doch mit einem ständigen Gefühl von Ekel. Eine Stunde kümmerte er sich um die Säuberung seines Nachtlagers, dann lief er schon etwas beruhigter durch den Botanischen Garten zu Manolos Tapas-Bar. Dort aßen sie von kleinen braunen Tellern Albóndigas, Patatas allioli und Pimientos de Padrón, tranken Rotwein aus einfachen Karaffen und lachten über die alten Zeiten auf dem Gymnasium in Frankfurt. Markus befand sich ausnahmsweise in einem lockeren, unbeschwerten Zustand.
»Und, wie viele Schritte sind es von meiner Haustür bis hierher?«, wollte Manolo wissen.
»Da ich den Weg nicht oft gehen werde, habe ich nicht gezählt.«
Manolo lachte. »Was machen die Frauen?«
»Nichts Besonderes zurzeit.«
»Deutsche Ärzte sind gut zu vermitteln in Spanien, wir werden dir heute Abend eine schicke Madrilenin finden.«
Manolo schenkte großzügig Wein nach und bestellte Cortado. Die Sonne ging unter, und in den Straßen verstärkte sich das quirlige Treiben der Touristen und Studenten. Irgendwo spielte ein Gitarrist Flamenco. Manolo begann über Freundschaften zu sinnieren, sprach über Menschen, die immer nur an der Oberfläche herumkratzten und empathielos seien. Markus kam es nicht in den Sinn, es könnte dabei um ihn gehen. Denn dass die Menschen, die er als Freunde bezeichnete, ihn eher als einen Bekannten sahen, wusste er nicht.
Plötzlich klingelte Markus’ Telefon. Steffi. Markus lief die Straße auf und ab, während er mit ihr sprach. Eine Stunde später saß sie mit am Tisch in der Casa Los Rotos. Manolo beobachtete die beiden amüsiert und bemühte sich, ihre Gläser nie leer werden zu lassen. Mit einer Frau hatte er Markus nie zuvor gesehen. In der Schule hielten alle Markus für einen hochintelligenten Freak. Ein naturwissenschaftliches Genie, das in Sachen Sozialkompetenz eine absolute Niete schien. Die Mädchen interessierten sich nur für ihn, um bei ihm abzuschreiben.
Die ersten Berührungen zwischen Markus und Steffi waren so vorsichtig, als fürchteten sie, sie würden sich sonst in Luft auflösen. Ihre sexuelle Unerfahrenheit schwebte zwischen ihren Körpern wie eine unsichtbare Grenze. Für Außenstehende sahen ihre linkischen Umarmungen geradezu beklommen aus. Steffi trank schnell viel Wein und ertrug, dass Markus’ Lippen ihre zaghaft berührten. Es kam einer stillen Vereinbarung gleich, es auszuhalten; genießen konnten sie es beide nicht. Im Verlauf dieses ersten Abends stellte sich jedoch eine seltsame Vertrautheit zwischen Markus und Steffi ein, gerade weil sie physisch recht wenig miteinander anfangen konnten und wollten. Wortlos erkannten sie das Begrenztsein des jeweils anderen. Steffi mochte Markus’ gutes, gepflegtes Aussehen und seine präzise Wortwahl. Ja, Markus hatte Charisma. Das war ihr schon im Flugzeug aufgefallen. Markus wiederum zogen Steffis offene Art und ihre ruhige Geradlinigkeit an. Zudem war sie attraktiv: schlank, sportlich, etwas burschikos. Ihre kurzen Haare ließen ihren langen, eleganten Hals zur Geltung kommen. Sie ist die Richtige, entschied er schon nach wenigen Stunden. In seinem Kopf hatte Markus eine Art Checkliste, die er abhakte, wie andere die Lebensmittel auf ihrem Einkaufszettel. Hinter »Frau« befand sich jetzt ein imaginäres Häkchen.
In Frankfurt sehen sich Steffi und Markus zwei Wochen später wieder. Von nun an gehen sie gemeinsam ins Kino, ins Theater und zu Ausstellungseröffnungen. Markus erzählte von seinen Operationen und Aufstiegsmöglichkeiten in der Klinik, Steffi von Städten und...
| Erscheint lt. Verlag | 18.9.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | eBooks • Erzählungen • Ferdinand von Schirach • Frauen • Liebesbeziehungen • Liebesdrama • Paarbeziehungen • Psychologie • Wahre Geschichten |
| ISBN-10 | 3-641-21066-6 / 3641210666 |
| ISBN-13 | 978-3-641-21066-3 / 9783641210663 |
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