Der Bergdoktor 1866 (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-4589-6 (ISBN)
Eigentlich ist Eva Buchbinder eine junge Frau mit Prinzipien. Doch bei Simon Kirchleitner, einem charmanten Urlauber aus Wien, ist sie schwach geworden. Ein Jahr ist es jetzt her, seit sie sich heimlich mit ihm getroffen hat. Nur zu bereitwillig hat sie ihm damals geglaubt, dass seine Ehe längst gescheitert sei und die Scheidung eine reine Formsache.
Gehört hat sie nach seiner Abreise nie wieder etwas von ihm - geblieben ist ihr ein kleiner Bub, der inzwischen drei Monate alt ist. Tobias ist ihr Sonnenschein, ihre Kraftquelle. Ihm darf nichts zustoßen! Doch trotz aller Vorsicht übersieht Eva, dass die Haut ihres Babys gefährlich blau ist ...
»Du, Eva, die Köhlers aus Stuttgart sind ganz begeistert von deinen Buchteln mit Vanillesoße. Sie schwärmen in den höchsten Tönen. Und Frau Köhler lässt nun fragen, ob du ihr vielleicht das Rezept geben könntest.« Marlis lächelte ihrer Schwägerin vielsagend zu. »Scheint so, als hättest da zwei weitere Mitglieder für deinen Fanclub gewonnen.«
Eva Buchbinder lachte, während sie beherzt in einem Topf rührte.
»Ich red später mit ihr. Jetzt hab ich wirklich keine Zeit, bei den vielen Bestellungen, die du mir reingibst.«
»Die Leut’ bringen halt einen gesunden Appetit von ihren Bergwanderungen mit. Bei dem herrlichen Wetter …«
»Erzähl mir mal, wie es draußen ausschaut. Vor lauter Arbeit komm ich in der Saison ja net vor die Tür«, seufzte die junge Köchin in komischer Verzweiflung.
In diesem Moment erschien Evas Bruder Florian. Er bedachte seine junge Frau Marlis mit einem strengen Blick.
»Du mutest dir schon wieder zu viel zu«, hielt er ihr vor. »Mach mal eine Pause und leg die Beine hoch. Du weißt, was der Bergdoktor gesagt hat. In deinem Zustand …«
»Ja, ja, schon gut!«
Die dunkelhaarige Marlis mit den nussbraunen Augen war sehr temperamentvoll. Florian nannte sie liebevoll »mein kleiner Feuerkopf«. Er wusste mit ihrem manchmal aufbrausenden Wesen umzugehen, denn er war ein ruhiger und besonnener Charakter. Seit sie aber in der Hoffnung stand, achtete er darauf, dass ihre Unvernunft nicht die Oberhand gewann. Dr. Burger hatte nämlich festgestellt, dass Marlis zur Fehlgeburt neigte und sich deshalb schonen musste. Und das schmeckte der fleißigen jungen Frau so ganz und gar nicht.
»Der Speisesaal ist voller Gäste, und ich bin gar net müd’«, hielt sie ihrer besseren Hälfte entgegen. Sie wollte sich an Florian vorbeidrängen, als sie ein leichter Schwindel erfasste und taumeln ließ.
Sofort war der junge Mann bei ihr, legte fürsorglich einen Arm um ihre Schultern und bestimmte: »Du ruhst dich jetzt aus. Wozu haben wir denn die Saisonkräfte eingestellt?« Ohne auf den weiteren Protest seiner Frau zu achten, bugsierte Florian sie aus der Küche.
Eva schaute den beiden lächelnd nach, dann widmete sie sich wieder ihren Töpfen und Pfannen.
Sie dachte an die Zeit, als sie selbst in der Hoffnung gestanden und sich auch nicht immer ganz fit gefühlt hatte. Das war noch gar nicht lange her, denn ihr kleiner Sohn Tobias war eben erst ein Vierteljahr alt. In dieser für sie recht schwierigen Zeit hatte ihr keiner so liebevoll zur Seite gestanden, wie Florian das jetzt bei Marlis tat. Freilich, ihre Familie war da gewesen, die Eltern vor allem, aber das war nicht dasselbe. Denn der Kindsvater war nicht bei ihr gewesen, er wusste noch nicht einmal etwas von seinem Glück …
Gut eine Stunde später war das Mittagessen im Berghof serviert, und Eva konnte eine Pause einlegen. Sie verließ die Küche. Bevor sie jedoch die privaten Räume betrat, die der Familie Buchbinder vorbehalten waren, ließ sie ihren Blick schweifen.
Hinter dem Haus gab es eine Aussichtsterrasse, von der aus man die ganze Umgebung überschauen konnte. Der Berghof befand sich auf halber Höhe des Hexensteins und war bis vor zwanzig Jahren noch landwirtschaftlich genutzt worden.
Anita und Franz Buchbinder, Evas Eltern, hatten damals vor einer schwierigen Entscheidung gestanden: Den Hof, der unrentabel geworden war, verkaufen und im Tal von St. Christoph etwas Neues mit mehr Land erwerben oder das Anwesen, das seit Generationen im Familienbesitz war, einem neuen Zweck zuführen?
Die Buchbinders hatten sich für Letzteres entschieden. Freilich war dies ein großes Wagnis gewesen, das die gesamte Existenz betroffen hatte. Mit zwei kleinen Kindern und einer Handvoll Helfern hatten sie losgelegt, waren sozusagen ins kalte Wasser gesprungen. Die herrliche Umgebung des Zillertals und die Tatsache, dass es in St. Christoph außer dem Gasthof »Zum Ochsen« nur noch einen Konkurrenten, nämlich das Berghotel, gab, waren ihnen zugutegekommen.
Fleißig und geschickt wie die Buchbinders waren, hatten sie in den letzten beiden Jahrzehnten einen soliden Betrieb mit vielen Stammgästen aufgebaut. Aber auch das Tagesgeschäft mit Wanderern und Bergsteigern war in den Sommermonaten nicht zu verachten. In der kalten Jahreszeit kamen dann die Wintersportfreunde, um den Betrieb rund ums Jahr rentabel zu halten.
Eva blickte hinüber zum Feldkopf, dem höchsten Berg hier in der Gegend. Eine Kabinenbahn führte zu seiner Spitze. Unterhalb des Hexensteins erstreckte sich der Krähenwald. Dann folgten Frauenhorn, Achenkegel, Rautenstein und Beerenhalde. Sechs Gipfel umstanden St. Christoph im Tal nämlich wie steinerne Wächter. Jetzt, Anfang Mai, grünte und blühte es überall.
Der Himmel war tiefblau, die Sonne schien warm auf Evas Haut. Hier heroben wehte stets ein leichtes Lüftchen, das sehr frisch, würzig und angenehm war. Die Häuser von St. Christoph wirkten klein wie Spielzeuge. Inmitten des Dorfes erhob sich die weiße Kirche mit dem Zwiebelturm. Der goldene Wetterhahn drehte sich träge im Wind, die Sonne schickte immer wieder blitzende Reflexe auf das Metall.
Eine einzige Serpentinenstraße führte ins Dorf, das sehr abgeschieden und idyllisch lag. Folgte man ihr, erreichte man kleinere Weiler wie Hochbrunn oder Bergfelden. Es war eine Gegend, in der die Uhren tatsächlich noch anders gingen. Hektik und Stress schienen hier Fremdwörter zu sein. Die Menschen lebten in und mit der Natur und waren sehr heimatverbunden.
Auch Eva konnte sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Sie erinnerte sich gern an ihre Kindheit zurück. Obwohl die Eltern immer sehr viel zu tun gehabt hatten, waren sie für ihre Kinder da gewesen. Das Familienleben im Hause Buchbinder war stets harmonisch, Anita und Franz verständnisvoll und geduldig. Eva und Florian hatten sich wohl und geborgen gefühlt und es war für sie selbstverständlich gewesen, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, als sie alt genug gewesen waren.
Nun leitete Eva als gelernte Köchin Küche und Service, ihr Bruder war zusammen mit seiner Frau Marlis für die Gästezimmer, Reservierungen und alles, was damit zusammenhing, zuständig. Das hieß aber nicht, dass die beiden nicht auch mal bedienten, wenn viel los war. Der Berghof war eben ein Familienbetrieb.
Anita und Franz Buchbinder konnten etwas kürzertreten, was sie zu schätzen wussten. Anita kümmerte sich gern um den kleinen Tobias. Ihr Mann litt bereits seit einer Weile unter Herzrhythmusstörungen und musste sich deshalb schonen.
Dr. Burger, der Landarzt von St. Christoph, den alle nur »Bergdoktor« nannten, sprach von einem Herzschrittmacher, aber noch konnte der Berghofwirt sich nicht so recht mit dieser Vorstellung anfreunden. Der stets aktive Bergsteiger hatte wohl das Gefühl, zum alten Eisen zu gehören, wenn sein Herz »Hilfe beim Schlagen« brauchte, wie er das ausdrückte.
Anita unterstützte allerdings Dr. Burger, denn sie war immer auf der Seite der Vernunft. Und es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Evas Vater sich in das Unabänderliche fügte.
Ein durchdringendes Babyschreien riss die junge Frau aus ihren Gedanken. Ihr hübsches Gesicht mit den tiefblauen Augen nahm einen weichen Ausdruck an. Tobias, ihr kleiner Schatz! Er war das Kind ihrer großen Liebe, für sie das Schönste auf der Welt.
Rasch verließ sie die Aussichtsterrasse und betrat das Haus.
Anita trug den kleinen Buben auf dem Arm, als ihre Tochter erschien. Die Berghofwirtin war eine schlanke Blondine, die wie Evas ältere Schwester wirkte.
»Ich wollte ihm eben sein Flascherl geben«, erklärte sie. »Bist schon dazu gekommen, was zu essen?«
»Leider nein«, seufzte Eva und drückte dem Baby ein Busserl aufs weiche Haar. »Du weißt doch, wie das ist, Mama. Die Köchin isst immer zuletzt, Hauptsache, die Gäste sind zufrieden.«
Anita lachte und setzte sich in der Küche auf die Eckbank, um Tobias zu füttern. Eva nahm sich ihr Mittagessen aus dem Ofen, wo die Mutter es stets für sie warmstellte, wenn besonders viel zu tun war, wie an diesem sonnigen Frühlingstag.
Während die junge Köchin es sich schmecken ließ, schaute sie zu, wie ihre Mutter den kleinen Tobias fütterte. Dabei kehrten ihre Gedanken unwillkürlich zu Tobias’ Vater zurück.
Simon Kirchleitner war Architekt aus Wien und hatte im letzten Jahr seinen Urlaub in St. Christoph verbracht. Es hatte gleich geknistert zwischen dem feschen jungen Mann und Eva. Sonst war es nicht ihre Art, sich auf einen Flirt mit einem Gast einzulassen. Eva hatte feste Prinzipien und war selbstbewusst. Was sie nicht wollte, kam nicht infrage.
Doch mit Simon war eben alles anders gewesen. Sie hatte sich Hals über Kopf verliebt, und bald hatten sie von einer gemeinsamen Zukunft gesprochen. Simon lebte in Scheidung, die Trennung von seiner Frau war längst vollzogen, wie er ihr erzählt hatte, das Scheidungsurteil nur eine Formsache. Doch natürlich gab es noch vieles für ihn zu regeln, bevor sie beide ein gemeinsames Leben beginnen konnten.
Er hatte ihr versprochen, binnen Jahresfrist nach St. Christoph zurückzukehren.
»Sobald die Bäume Blüten tragen, bin ich wieder bei dir.« So hatte er es ausgedrückt.
Dieser Satz hatte sich in Evas Gedächtnis eingebrannt. Und nun wartete sie auf seine Rückkehr und den Beginn ihres gemeinsamen Lebens.
»Der Lukas war eben hier und hat nach dir gefragt«, sagte Anita in die Gedanken ihrer...
| Erscheint lt. Verlag | 2.5.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Der Bergdoktor |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Alpen • Arzt • Arztroman • Arztserie • Berg • Berge • Dirndl • Doktor • Dr. • feel good • feelgood • Frauenroman • Gefahr • Gefühle • Glück • Happy End • Herzschmerz • Hilfe • Hoffnung • Hollywood • Klinik • Leidenschaft • Liebe • Liebesgeschichte • Liebesroman • Liebesromane • Nicholas Sparks • PS ich liebe dich • Rettung • Romance • romantisch • Romantische Komödie • Schön • tatsächlich liebe • wohlfühlen |
| ISBN-10 | 3-7325-4589-X / 373254589X |
| ISBN-13 | 978-3-7325-4589-6 / 9783732545896 |
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