Das Arkonadia-Rätsel (eBook)
544 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-96584-2 (ISBN)
Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie »Das Schiff« und »Omni« zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Zuletzt erschien im Piper Verlag der Roman »Infinitia«.
Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie "Das Schiff" und "Omni" zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Der SPIEGEL-Bestseller "Das Erwachen" widmet sich dem Thema Künstliche Intelligenz. Sein aktueller Wissenschaftsthriller "Ewiges Leben" zeigt Chancen und Gefahren der Gentechnik auf.
Kalte Vergangenheit
1
Jasmin (früher: Zinnober)
Oben pfiff der Wind über schroffe Felsen, die braun und schwarz aus dem Eispanzer ragten. Unten, in der Mulde, war es still. Jasmins Hände strichen über kalte Vergangenheit, eine Milliarde Jahre alt.
Sie beobachtete, wie Jasper die Kontrollen seiner Thermojacke betätigte. »Hier ist es so kalt, dass sich nicht einmal ein Wefing wohlfühlen würde«, sagte er und verzog das Gesicht.
Thrako von den Inper, dreizehnte der Superzivilisationen von Omni, war vorausgegangen und stand am Eingang der Höhle, neben dem kleinen Pelzbündel des Mimmit, der ihnen den Weg gezeigt hatte, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Er wartete, während das Geschöpf an seiner Seite aufgeregt hüpfte und zirpte.
Jasmins Hände strichen über die Reste der Mauer, und mit den inneren Augen sah sie … Schatten der Vergangenheit, kälter als das Eis dieser Welt, und weit entfernt, obwohl zum Greifen nah. In den vergangenen drei Jahrzehnten, während der Veränderung ihres Körpers und auch ihres Geistes, war dieses Empfinden immer deutlicher geworden. Manchmal genügte es, Objekte zu berühren, um einen Eindruck von ihrer Vergangenheit zu gewinnen.
»Die Mauern sind leider nicht gut erhalten«, sagte Thrako. Er stand ein Dutzend Meter entfernt, aber Jasmin hörte seine Stimme klar und deutlich. »Es liegt an Eis und Wind. Die Hinterlassenschaften in der Höhle sind in einem wesentlich besseren Zustand.«
Jasmin nahm die Hand von den Mauerresten. Dünnes Eis bedeckte ihre Fingerkuppen.
»Was hast du gesehen?«, fragte Jasper, ihr Vater, der in einem anderen Leben den Namen Forrester getragen hatte. Sorge lag in seinen Worten; er traute ihrer neuen Fähigkeit noch immer nicht ganz.
»Tiefe«, sagte sie. »Eine Tiefe der Zeit.«
»Keine Bilder?«
»Nein.« Jasmin wandte sich von den Resten der Mauer ab und trat über den schmalen Pfad, angetrieben von einer Unruhe, die sie seit einigen Jahren begleitete, seit dem Ende der ersten Phase der Omni-Anpassung, wie Thrako es nannte. Vor dreißig Jahren waren sie und ihr Vater gewöhnliche Menschen gewesen, sie selbst zur Hälfte eine Crohani. Nach den Ereignissen um Aurelius und die Pandora-Maschine hatte Omni, die Gemeinschaft der Superzivilisation im Kern der Milchstraße, sie in ihre Dienste genommen und verändert, nicht nur ihre physische Existenz – sie genossen relative Unsterblichkeit und brauchten keine Nahrung mehr; Kontinua-Energie erhielt sie am Leben –, sondern auch ihre Psyche. Manchmal erstaunte es Jasmin, wie weit die Veränderungen gingen; es kam vor, dass sie das Gefühl hatte, sich selbst fremd geworden zu sein, ein fremder Geist in einem fremden Körper.
Jasmins Unruhe wuchs, als sie sich dem Höhleneingang näherte. Dort stand Thrako, elfenbeinfarben und halb durchsichtig, wie ein humanoides Stück Eis, der Rumpf schmal in der Mitte, mit großen silbernen Augen und einem schmalen Kopf, der eine nach hinten führende bogenförmige Erweiterung aufwies. Er hatte nur leichte Kleidung an, mit vielen Taschen, auf denen unterschiedliche Inper-Embleme glänzten. Ein unsichtbarer Kontinua-Film, den er wie eine zweite Haut trug, schützte ihn vor der Kälte.
»Sie mögen alte Dinge, nicht wahr, Jasmin?«, fragte der Inper.
»Das wissen Sie. In den dreißig Jahren, die wir bei Omni sind, hätte ich mir gern mehr von den Relikten und Hinterlassenschaften alter Zivilisationen angesehen, die Sie hüten. Leider haben Sie mir kaum Gelegenheit dazu gegeben.«
Thrakos Gesicht veränderte sich. Vielleicht lächelte er. »Höre ich da einen Vorwurf?«
Jasmin versuchte, ihre Unruhe unter Kontrolle zu halten. »Was enthält die Höhle? Warum haben Sie uns hierher gebracht?«
»Sie sind hier, weil ich um die Archäologin in Ihnen weiß«, erwiderte der Inper. »Und weil ich/wir eine neue Mission für Sie haben.«
»Hoffentlich eine nicht so langweilige wie die letzten beiden.« Die Worte sprangen aus ihrem Mund. »Zwei in drei Jahrzehnten, Thrako.«
»Sie lernen noch«, sagte der Inper sanft.
Lass es dabei bewenden, dachte Jasmin. Lass dich überraschen, von der Höhle und der neuen Mission. Aber sie sagte: »Wir haben genug gelernt, um in einen richtigen Einsatz geschickt zu werden. Um etwas zu tun. Um zu helfen.«
»Zinnober …«, sagte Jasper mit einem warnenden Unterton. Gelegentlich sprach er sie mit ihrem früheren Namen an, der inzwischen seltsam klang, wie der einer völlig anderen Person.
Der Blick der beiden großen silbernen Inper-Augen fing sie ein und hielt sie fest. »Wir werden sehen«, sagte Thrako langsam.
Der Mimmit zirpte etwas, das Thrako offenbar verstand, denn er vollführte eine zustimmende Geste, woraufhin das kleine Geschöpf davonstob. Sein weißer Pelz ließ es schon nach wenigen Metern mit Schnee und Eis verschmelzen.
Jasmin betrat einen schmalen Tunnel mit Wänden, die Bearbeitungsspuren aufwiesen. Sie hörte, wie Jasper hinter ihr fragte: »Dies ist nicht natürlichen Ursprungs, oder?«
»Nein«, antwortete Thrako. »Diesen Tunnel haben die Vorfahren der Mimmit angelegt, vor vielen Tausend Jahren, damals, vor der Regression, vor der Rückentwicklung, die sie zu den Geschöpfen machte, die sie heute sind.«
»Ursache war die klimatische Veränderung auf dieser Welt, nicht wahr?«, hörte Jasmin ihren Vater fragen. »Vor zwölftausend Jahren unserer alten Zeitrechnung. Die Bibliotheken haben mir davon erzählt.«
Der Teil der Omni-Bibliotheken, zu denen wir Zugang haben, und das ist ein sehr, sehr kleiner Teil, dachte Jasmin, aber diesmal gelang es ihr, die Worte zurückzuhalten.
»Der Hauptgrund war das Ende der tektonischen Aktivität«, erklärte Thrako. »Der Kern dieses Planeten erkaltete und erstarrte. Das Magnetfeld brach zusammen und schützte nicht mehr vor der kosmischen Strahlung. Die lange Eiszeit begann. Eins führte zum anderen. Der Basalt dieser Region stammt von den letzten Vulkanausbrüchen. Er ist eine Milliarde Jahre alt.«
»Genauso alt wie die Mauerreste und das, was Sie uns in der Höhle zeigen wollen«, sagte Jasmin.
»Mauern und Höhle sind etwas älter«, erwiderte Thrako. »Einige Tausend Jahre, glauben wir.«
Jasmin verharrte vor einer in die Tiefe führenden Treppe. Einige Lichter glühten in der Dunkelheit, geschaffen von Kontinua-Energie. Dies war ein geschützter Bereich – Jasmin fühlte die Präsenz von Omni, wie ein vertrautes Kribbeln im Nacken.
»Die Höhle ist älter? Wieso wurden sie und ihr Inhalt nicht durch die vulkanische Aktivität zerstört?«
»Weil die Schöpfer ihr Werk schützten.«
»Vor einer Milliarde Jahren? Ich nehme an, wir sprechen hier nicht von den Mimmit?«
»Nein. Wir sprechen von einem der Völker, die damals verschwanden«, sagte Thrako.
»Sie meinen die Exilanten?« Das weckte Jasmins Interesse.
»So werden sie manchmal genannt, ja.« Der Inper deutete die Treppe hinunter. »Es ist nicht mehr weit. Sind Sie nicht neugierig?«
Jasmin musterte ihn argwöhnisch. »Fürchten Sie weitere Fragen? Ich nehme an, Sie wissen, dass ich über Jahre hinweg versucht habe, mehr über die Exilanten herauszufinden, die damals nicht an der Gründung von Omni teilnahmen.«
Der Inper hob die Schultern. »Es gibt Fragen, und es gibt Antworten. Und es gibt einen geeigneten Zeitpunkt sowohl für das eine wie für das andere. Möchten Sie sehen, was sich in dieser Höhle befindet?«
Er ging an Jasmin vorbei und die Treppe hinunter. Sie sah ihm nach, nachdenklich und verärgert.
»Suchst du Streit mit ihm?«, flüsterte Jasper ihr zu, als er sie erreichte. »Was ist los mit dir?«
Sie schüttelte wortlos den Kopf, von sich selbst verwirrt, und folgte Thrako über die Treppe. Es wurde noch kälter, so kalt, dass die automatische Temperaturregelung ihrer Thermojacke reagierte.
Die Treppe endete an einem Torbogen aus Obsidian, und dahinter lag ein runder Raum, mit einem Durchmesser von etwa zehn Metern. Wände und Decke bestanden aus dunklem Basalt, wie der Rest, doch smaragdgrüne Fliesen bildeten den Boden.
Die Schatten der Vergangenheit verdichteten sich und drängten Jasmin entgegen. Ihr fiel plötzlich das Atmen schwer.
»Was ist?«, fragte ihr Vater. »Was ist?«
»Sie spüren es, nicht wahr?«, fragte Thrako.
Jasmin nickte, ging langsam an der linken Wand entlang, betrachtete die langen, schmalen Nischen und berührte ihre Kanten. »Dies ist … wie die Gruft unter der Bastion des Duka von Javaid«, sagte sie. »Wie die Stadt der Toten, die ich als Kind gesehen habe. Katakomben.« Sie blieb stehen und sah den Inper an. »Diese Nischen … Es sind Gräber, nicht wahr?«
»Ja.«
»Aber sie sind leer.«
»Eine Milliarde Jahre sind wirklich viel Zeit, selbst für uns, selbst für Omni«, sagte Thrako. Er stand im Schein eines Lichts, das etwa einen Meter über ihm schwebte. Der Rest blieb in Schatten gehüllt. »Vielleicht sind die Toten, die hier einst bestattet waren, längst zu Staub zerfallen. Nach so langer Zeit bleiben vielleicht nicht einmal Knochen übrig. Oder die Erbauer kamen nie dazu, die Grabnischen zu benutzen. Der Vulkanausbruch könnte sie daran gehindert haben.«
»Dieser Ort war geschützt«, sagte Jasper. »Die Lava ist um ihn herumgeflossen.« Er blickte nach oben. »Und darüber hinweg.«
»So sieht es aus.«
»Haben Sie nicht mehr herausgefunden?«, fragte Jasmin. Sie legte beide Hände in eine Nische und spürte...
| Erscheint lt. Verlag | 2.5.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Buch • Bücher • Das Schiff • deutsche Science-Fiction • Omni • Science Fiction • Science Fiction Reihe • science fiction serie • SciFi • Scifi Reihe • Scifi Serie • Terry Pratchett |
| ISBN-10 | 3-492-96584-9 / 3492965849 |
| ISBN-13 | 978-3-492-96584-2 / 9783492965842 |
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